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Sein Blues von der letzten Gelegenheit

(08.06.1947 - 05.01.2010)
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Goldene Brücken - Coverrückseite
"Goldene Brücken" - (Coverrückseite)

In meiner Plattensammlung liegt so eine kleine und unscheinbare Single aus dem Jahre 1977. Darauf eines der schönsten Pop-Lieder, das je in deutscher Sprache gesungen wurde, das "Zweigroschenlied". Geschrieben von Franz Bartzsch gemeinsam mit Hansi Biebl für ihre neue Band 4PS.
Diese vier Minuten Musik mit den Worten von Kurt Demmler sind ein musikalischer Schatz, eine Perle von wirklich seltener und schlichter Schönheit.
4PS - Zweigroschenlied Da trafen sich zwei eher stille Zeitgenossen, zwei, die sich eigentlich nicht als Sänger sahen oder fühlten und dennoch in ihrem Gesang einmalig waren, denen der Sinn nur nach guter Musik stand und die dies bis zu diesem Zeitpunkt auch sehr eindrucksvoll bewiesen hatten. Zwei musikalische Genies, die die Kunst des Einfachen meisterlich in Noten und Töne fassen konnten. Eine Langspielplatte ist leider nie produziert worden und die DDR-Oberen hatten damit eine der größten Chancen, zeitlos schöne und nachhaltige Songs ins Vinyl zu pressen, auf schäbige Weise vertan. Wie so oft vorher, wie noch so oft danach. Franz Bartzsch hatte die Nase schon vorher von künstlerischer Bevormundung und kultureller Krümelkackerei voll und war im Westen geblieben.

Franz wurde als Sachse geboren. Das "z" in seinem Namen weist darauf hin und vielleicht ist dieses Sächsische ja auch einer der Gründe dafür, dass seine Musik stets eine gewisse innere Gelassenheit und Ruhe ausstrahlt, sächsisch schön gewissermaßen.
Spätestens als die Dresdner Gruppe LIFT mit "Wind trägt alle Worte fort" in den damaligen Wertungssendungen wie ein Urknall einschlug, war aus dem Komponisten und Keyboarder, der beim Dresden-Sextett auch schon mal mit Gerhard Zachar den Bass getauscht hatte, auch ein Sänger, oder besser ein Interpret seiner eigenen Lieder geworden. Ich hätte mir auch kaum einen anderen vorstellen können, der diese Melodien hätte singen können, obgleich "Skandal" eben auch nur Christiane Ufholz singen sollte und sonst niemand. Der Mann konnte Lieder auf den Leib schneidern, das war schon sehr besonders und kein geringerer als Reinhard Lakomy hat dies einmal auf seine ureigene Art formuliert.

Dresden Septett
Dresden-Septett, Ende 1971

In anderen Musikwelten jenseits der eingegrenzten DDR war es durchaus üblich, dass exzellente Bandmusiker ab und an mit Solo-Werken glänzten. Abseits vom Bandzwang und ohne kommerziellen Druck sind auf diese Weise musikalische Kleinode entstanden, deren Wert man nicht an Chartnotierungen und Verkaufszahlen zu messen hat. Diese Chance, sich auf einem solchen Solo-Pfad zu verwirklichen, hat Franz Bartzsch - wie fast alle anderen Musiker hierzulande auch - nie gehabt. Das tut selbst im Rückblick noch weh.
Wenn ich mir aber eine der erschienen Platten aussuchen dürfte, dann wäre Vronis "Goldene Brücken" meine Bartzsch-Solo-Scheibe. Alle Kompositionen stammen aus seiner Feder, und der Eindruck, dass hier auch sehr persönliches verarbeitet wurde, ist geradezu übermächtig. Vor allem die Hommage "Nie mehr" an Gerhard Zachar und Henry Pacholski ist eines seiner absoluten Meisterwerke. Darin zitiert er auch Bruchstücke von "Vo Thi Lin", jenem Instrumentalstück aus Zeiten mit dem DRESDEN-SEXTETT, das damals in Anlehnung an Repent Walpurgis von PROCOL HARUM und nach einem Thema von Robert Schumann aus dem "Album für die Jugend" entstand. Die "Goldenen Brücken" von Veronika Fischer & Band offenbaren im Nachhinein die Meisterschaft des Komponisten und die des begnadeten Arrangeurs.

Veronika Fischer Band
Veronika Fischer Band

Der Mann mit der Nickelbrille auf der Nase war sicher nie das, was man einen Rocker nennen würde. Posen oder Bühnenmätzchen waren ihm fremd, der Scheinwerferkegel eher akzeptiert. Seine Welt waren die Tasten, die Noten und die Klänge, die man damit zaubern konnte. Oftmals gaben seine Lieder dem Interpreten erst einen Teil seines Bühnenwesens, wenn dieser auf der Bühne stand und die Lieder von Franz zu den seinen machte, sie erklingen und leben ließ. Dann konnte man der Lütten [Angelika Mann; Red.] auch abnehmen, wenn sie sang "Versuch' es doch mal mit Champagner" und der Vroni den "Blues von der letzten Gelegenheit", oder wenn sie ein wenig spitzbübisch sang "Auf der Wiese haben wir gelegen und wir haben Gras gekaut".
Wie viele andere meiner Generation erlebte Franz Bartzsch die "Wilden 60er" im Osten, wo sie nicht weniger wild waren. Er ließ sich von den BEATLES und den ROLLING STONES anstecken und empfand später die opulenten Arrangements von BLOOD, SWEAT & TEARS mit den Bläsersätzen als eine großartige Synthese von Rock, Blues und Jazz. Mit seinem Freund und Musikerkollegen Gerhard Zachar versuchte er seine Ideen davon umzusetzen und in unterschiedlichen Bandbesetzungen zu realisieren, als Musiker und als Komponist. Später als Bandleader von Veronika Fischer ist er diesen Weg weiter gegangen und hat für sie zeitlos schöne Pop-Songs geschrieben und Maßstäbe gesetzt. Mit dem Projekt 4PS und den Kollegen Hansi Biebl, Frank Hille und Michael Kaszubowski hätte er diesen Weg erfolgreich weiter beschreiten und Erfolge feiern können.

4PS

Im Westen konnte der Mann mit seinem Gespür für gute Musik seine Kreativität weiter entfalten. Davon profitierten in den Folgejahren unter anderem auch Udo Jürgens, Milva und Roland Kaiser, den er auch als Bandleader auf Tour durch die DDR begleitete. Auch dazu gäbe es amüsante Geschichten zu berichten.
Und dann wären ja noch die 20 Nachwendejahre, die Zeit also, die ihn wieder dorthin zurück führte, wo ihm eine treue Fanschar auch wieder live erleben konnte und wo er das Umfeld von Kollegen und Freunden vorfand, mit dem er sich verbunden fühlte und mit denen er gemeinsam Ideen verwirklichen konnte.
Man müsste sicher ausführlich seine kompositorischen Arbeiten für das Fernsehen würdigen und viel über die Arbeit im Studio gemeinsam mit Bodo Kommnick sagen.

Wie schon viel zu oft in den vergangenen Jahren passiert es einfach so, erwischt es uns, egal ob Winter oder Sommer, eiskalt. Für meine Begriffe gab es viel zu zeitig schon viel zu viele Gedenk- und Tribut-Konzerte, die sich keiner gewünscht hat. Viel zu viele Namen müssten jetzt genannt werden und gar zu viele Erinnerungen würden wie Kurzfilme vor unseren Augen ablaufen.
Und doch: Franz Bartzsch ist einer jener Generation, die man in Konzertsälen noch nach Tausenden zählen kann und die mit Musik auch eine besondere Lebenseinstellung verbinden, eine Generation, zu der auch ich gehöre. Mit all jenen möchte ich mich gern noch einmal treffen, um gemeinsam Liedern zu lauschen, die Teil dieses Lebens waren, sind und bleiben werden, die Songs und Erfolge von Franz Bartzsch mit den Stimmen von Vroni, der Lütten, von Christiane Ufholz und wer weiß, vielleicht auch mit Hansi Biebl und einigen anderen männlichen Mitstreitern aus älteren Tagen. Wenn "Schubi", den ich als Manager von PANKOW kennen lernen durfte, das hinbekommen würde, wäre ich dabei, um dem "Blues von der letzten Gelegenheit" zu lauschen und ihn mit auf meinen weiteren Weg zu nehmen.

PS: Im Angedenken an Franz Bartzsch hat Angelika Mann das Lied "Wind trägt alle Worte fort" aus einem Konzert von 2004 hier bei YouTube veröffentlicht.

Hartmut Helms, (Artikelliste), 07.01.2010

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