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Wer ist denn Jackie Lynton? Werden sich sicher viele fragen (außer denen, die bereits Genya Ravan kannten. Kleiner Scherz am Rande).
Mir ist Jackie Lynton erstmals aufgefallen in der Grabbelkiste eines Münchner Plattenladens. 1980 müsste es gewesen sein. Die hatten eine LP namens No Axe To Grind von einem gewissen J.L. für fünfneunundneunzig (oder so).
Völlig idiotisches Cover mit einem Kerl mit Akustikgitarre und Elvis-Nieten-Shirt vorne. Aber es war ein Sticker drauf: "Including Members Of Status Quo & ex-Manfred Mann's Earth Band".
Da ich damals (und bis heute) Quo- und Earth Band-Fan bin, grade meinen Lohn bekommen hatte und somit prassen konnte...bumms, 6 Mark für die Platte ausgegeben.
Die Geschichte von Jackie Lynton begann aber viel früher.
Irgendwann am Ende der 50er-Jahre nämlich. Jack Lynton nahm seine erste Single auf. Elvis war wohl sein Vorbild. Für Decca und Piccadilly gab es einen ganzen Haufen weiterer Singles. Nachzuhören ist das auf der CD All Of Me. Aber, ganz ehrlich, wer braucht's? Außer absolute 60ies-Fans. An mir geht diese Musik weitgehend vorbei. Interessant ist allemal die Stimme.
Der britische Blues-Boom hat in den späten 60er-Jahren faszinierende Bands hervorgebracht. Wenn man alle Combos, die auf 'Kommando' von Leuten wie Alexis Korner oder John Mayall hin entstanden sind, zusammenzählt und deren Ableger addiert, dann hat man vermutlich den ultimativen Ausblick auf die Brit-Rock-Szene. Das ist nicht zu verwechseln mit Brit-Pop. Die machen nämlich Bands wie die Kinks nach. Und zwar schlecht.
Eine der britischen Blues Bands war Savoy Brown. Ein junger, wirklich feiner Gitarrist, Kim Simmonds, macht heftige (aber nicht von wichtigeren Musikern unbeeinflusste) Blues Rock-Sounds. Alles gut und recht. Simmonds entpuppt sich als Leader. Wechselt recht häufig Mitspieler, Sound und Sänger. Unter anderem entstand bei Savoy Brown auch der Nukleus von Foghat. Aber wem erzähl' ich das...
1972 trennte sich der Sänger Dave Walker von Savoy Brown (oder umgekehrt, who knows?).
Der Blues-Boom war eh vorbei. Andere Bands kamen groß raus. John Mayall war nach Amerika ausgewandert. Fleetwood Mac auch. Peter Green schon abgetaucht. Und überhaupt, die Amis waren plötzlich in der Übermacht. Lauter, härter und mit der Power der Companies im Rücken.
In GB waren auch andere Bands da. Deep Purple auf der einen Seite. Sowieso unschlagbar mit ihrem Hard Rock. Und dann die Glam Bands. T Rex, Slade, Nazareth. Kein Platz mehr für die alten Blueser. Außer Gallagher. Und natürlich die Spinner von Pink Floyd.
Simmonds machte unverdrossen weiter und engagierte einen gewissen Jackie Lynton als neuen Sänger. 1972.
In der, für Savoy Brown, üblichen Art entstand in kurzer Zeit ein neues Album. Jack The Toad.
Interessanterweise überlässt Simmonds direkt den Opener der Platte, Coming Down Your Way dem neuen Sänger (auch von Lynton verfasst). Ein phantastischer Bluesrocker mit Slidegitarre und fettem Groove.
Simmonds beweisst leider bereits beim nächsten Stück Ride On Babe seine eigenen, höchst unterdurchschnittlichen Sangeskünste. Der Rest der Platte ist eher unspäktakulär.
Auf dieser Platte haben Leute wie Paul Raymond und Andy Pyle mitgewirkt. Lynton singt sich bei einigen Stücken schier die Seele aus dem Leib. Die Platte war aber für Decca kein Erfolg (trotz dem wunderschönen Western-Faltcover). Klar, 1973 gab´s andere Chartbreaker.
Fazit: Lynton raus.
Dafür hat er auf der Heads Hands & Feet-Scheibe Old Soldiers Never Die ein Lied eingesungen.
Simmonds probierte es knapp ein Jahr später in ganz anderer Formation wieder. Mit Stan Webb und Miller Anderson auf der Platte Boogie Brothers. Wunderschöne Scheibe auch.
Mein Protagonist Jackie Lynton hat nach seinem Karriereende bei Savoy Brown auch eine Platte aufgenommen. 1974. The Jackie Lynton Album. Ich kenne diese Platte nicht. Kennt sie irgendjemand? Bitte melden! (Anmerkung im Juni 2001: Inzwischen habe ich diese Platte. Rock & Roll wie man es erwartet. Tolle Band mit u.a. Paul Raymond, Rob Young, Keith Purnell und Jeff Rich. Dank an Tilo! Mehr darüber am Ende dieses Artikels)
Und dann war Funkstille. Wieder ein Sänger verschwunden im Orkus? Von wegen. Jackie startet eine ganz andere Karriere. Schauspieler, Kommödiant (und zwar in der Tradition von Monty Pyton und nicht Olli Dietrich), Kindergeschichtenerzähler, Dichter, Lebenskünstler. Und das alles bis heute.
Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen. Lynton sang einige Nummern für Ennio Morricone's Spaghetti-Western-Soundtracks Ende der 60er-Jahre.
Und immer dran an den Rock'n'Rollern.
Jeder kennt die legendäre Status Quo Live. Oder? "Is there anybody out there, who wants to rock?. Is there anybody out there, who wants to roll?.And...Is there anybody out there, who wants to boogie?.Tonight.Live.From the Apollo.Glasgow.We have the number one Rock & Roll Band in the land..Will you welcome.the magnificant.Status Quooooooo".
Eine der besten Ansagen einer der besten Bands ever. Und zwar von Jackie Lynton.
Randbemerkung.
Jackie macht ja selber Rock'n'Roll. Mit seiner Happy Days Band zum Beispiel. Till We're Blue In The Face wird am 18.11.78 im Londoner Lion's Club aufgenommen. Und er rockt und rollt das sich alle Balken biegen. Blöde Zeit allerdings. Er hat keine Sicherheitsnadeln im Gesicht. Und er singt den Boogie und Blues. Scheiss auf die Punks (und nebenbei sehr überzeugend auf die Queen) und das macht er auch mit dem gnadenlosen Boogie Punk No. deutlich. Völlig reaktionäre Musik natürlich für 1978. No future...No Company.
Dabei hat er eine feine Band zusammen. Kirk Riddle, Graham Cooper, Alan Watkins, Greg Squeak. Alle bekannt aus diversen Rock & Roll- und sonstigen britischen Pub-Bands.
Er hat auch einen Beitrag mit seiner H.D.-Band auf dem legendären Sampler A Week At The Bridge E16. You Don't Have To Pay ist ein gnadenloser Shuffle. Und er zeigt die geniale Stimmung in diesem Club. Mann, da hätte ich Geld bezahlt um dabei zu sein...
Lynton hat einen Namen in GB. Aber keine Verkaufszahlen. Aber wenn man irrsinnig blödsinnige Gedichte an die BBC verkaufen kann, dann braucht man keine goldenen Schallplatten.
Und da sind wir bei meiner ersten Lynton-Platte.
Jackie hat einen grossen Bekanntenkreis. Und die ruft er (auf dem Cover imaginär dargestellt) an. Und alle kommen und machen mit ihm die Platte No Axe To Grind. Rick Parfitt, Colin Pattenden, Chris Slade, Clem Clemson, Jeff Rich und die ganze andere Briten-Boogie-Maffia. Und es kommt ein allerfeinstes Rock Album dabei raus. Ganz typische, direkt-in-die-Fresse-Boogies, purer Nonsens und Lieder, deren Wirkung sich mir (Boogietrottel) erst nach 20 Jahren erschliesst. Nur leider, es ist 1979. Und da kräht kein Kommerz-Hahn nach solcher Musik.
Aber schon ein Jahr danach kommt die nächste Live-Platte raus (jetzt als CD wiederveröffentlicht unter dem Titel A Bit Near The Mark). Sogar als Doppel-LP, mit einem super Cover. Wieder im "Goldenen Löwen" zu London aufgenommen. Gleiches Muster. Boogie, Blues und Rock & Roll. Gemischt mit kleinen Geschichten. Wenn Lynton erzählt, bleibt kein (Briten-)Auge trocken. Für den Ungeübten etwas schwer zu verstehen, aber immer ein Genuss für den Blödsinnfan mit Affinität zum britischen Humor. Und absolut ohne Overdubs aufgenommen.
Lynton spielt mit seiner Band in wechselnder Besetzung in allen einschlägigen Clubs und verbreitet Frohsinn.
1981 steigt der Drummer John Coghlan bei Status Quo aus. Und versucht mit seiner eigenen Band, John Coghlan's Diesel, ein Bein auf die Erde zu kriegen. Hat natürlich nicht geklappt. Wer will schon den Drummer einer Prolo-Band sehen. Aber immerhin hat er es versucht. Und zwar mit Lynton als Sänger. Ich weiss, es gibt Material von dieser Band. Sammler dieser Welt, meldet Euch!
1982 dann der Höhepunkt. Mit seiner Band tritt Lynton beim Reading Festival auf. Vor x-zehntausenden Fans von (damaligen) Heavy Bands wie Twisted Sister, Budgie, Spider, Stampede und Michael Schenker reisst Lynton einen Boogie-Set runter. Und das Banger-Volk tobt. Auf der Doppel-LP ist der Boogie Slow Rider und der legendäre Hedgehog Song vertreten. Diese Nonsensnummer war auch in den GB-Charts. Bei uns in D-Land war zur gleichen Zeit "...die Wanne voll"...
1983 entstand noch eine weitere Studioplatte. White Line war ein Totalflop (kommerziell gesehen, musikalisch rockt es wie gewohnt).
Anschliessend war Schluss mit Lustig. Genau wie in Kohl-Country starben auch in GB die Clubs. New Wave, Video und ein paar Metal Bands übernahmen die Führung. Und Jackie Lynton verschwand von der Bildfläche. Als eifriger Bahnhofskiosk-Zeitungsleser habe ich seinen Namen immer mal wieder in britischen Musikgazetten gelesen. "Live at the Anchor", "Live in Manchester", "Live im Scharfen Eck zu Feldmoching". Aber es gab keine Platten mehr. Keine Publicity ausserhalb von England.
Genau wie für mich waren für Lynton die 80er ein musikalisches Desaster. Aber er ist ja nur Nebenerwerbsrocker. Seine Arbeit als Comedian, Dichter und Schauspieler bringt die Kohle.
Erst Mitte der 90er gibt es so was wie die Wiedergeburt des Rhythm & Blues. David Reese, ein weiterer englischer Spinner, gründet ein eigenes Label. A New Day Records. Reese hatte mal mit Bloodwyn Pig gespielt. Und auch mit vielen anderen. Hat Filme gemacht, war selber Schauspieler. Und er ist ein Freund von Lynton.
Irgendwie nötigt er ihn, wieder richtig Musik zu machen.
Ergebnis: Jackie ruft am Mittwoch 10 Leute an. 5 davon haben am Samstag Zeit und er spielt mit ihnen im Bleak House (so ähnlich könnte das wirklich abgelaufen sein). Mitte August 1996. Das Ergebnis ist eine Rhythm & Blues-Tour de Force über 2 Stunden bzw. 2 CD´s. Es rockt, rollt, groovt, bluest, blödelt, klingt southern, zitiert, kopiert, macht einfach Spass. Keine Band, die Opern macht, sondern eine pure Pub-Band. Da sollten sich manche Major-Acts mal ein Beispiel nehmen. Nachzuhören auf der Doppel-CD Alive - At The Bleak House.
Reese schiebt einen Sampler, Quick As A Roof, nach. Sampler, weil darauf Nummern aus den 70ern, den 80ies und zwei, drei neue Songs vertreten sind. Macht aber nichts, weil sich die Musik eh nicht verändert hat. Lynton 1997 klingt wie Lynton 1978. Und seine Kurzgeschichten sind nach wie vor für Mitteleuropäer reichlich schwer zu verstehen. 75 Minuten purer Rock'n'Roll-Spass. Wer sich die Pferderennen-Reportage The Ghost Of Old G mal in voller Länge antut, weiss was ich meine.
Und dann kommt 1998 ein neues Studio-Album. Jackie Lynton's Pin Board-Wizards. Einzelheiten zu dieser Platte kann man im Crosscheck lesen. Tut dies! Ansonsten in Kurz: Die Platte rockt! Jackie röhrt. Die Band knackt. Der alte Mann schafft es wieder, ein knappes Dutzend Stars (und offenbar Fans seiner Stimme) ins Studio zu bringen. Ian Anderson, Rick Parfitt und und und.
Gebt dem Mann was er verdient: Respekt. Und dann macht er vielleicht im Jahr 2006 wieder eine Platte.
Dies war eine Geschichte über Rhythm & Blues, Boogie, Fun, fette Bands, Rock & Roll, verpasste Chancen. Und einen meiner Lieblingssänger....
Nachtrag im Juni 2001:
Seit kurzer Zeit ist Jackie's Homepage online (Link nebenstehend). Alle Platten (außer No Axe To Grind) sind jetzt auf CD erhältlich. Außerdem ist dort eine gute Biographie zu lesen. Und jetzt der Hammer: Nicht erst im Jahr 2006 gibt es eine neue CD, bereits jetzt ist sie erhältlich! Hier der Text zu dieser Doppel-CD: This has got to be Lynton at his best. The first CD is packed with his own songs as only Jack can write. A powerful mixture of blues/rock.
The second CD is very X rated, compiled from his career as a funny man. This is an orgy of funny stories and monologues including the legendary Hedgehog Song! Not for the weak hearted.
Review dieser CD erfolgt demnächst im Home of Rock.
Fred Schmidtlein (Impressum, Artikelliste), März 2001
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