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Teil 1: Die Anfänge

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Discografie (Originalalben und ausgewählte Compilations):
Thin Lizzy
"Thin Lizzy", April 1971
Shades Of A Blue Orphanage
"Shades Of A Blue Orphanage", März 1972
Vagabonds Of The Western World
"Vagabonds Of The Western World", September 1973
Night Life
"Night Life", Oktober 1974
Fighting
"Fighting", August 1975
Jailbreak
"Jailbreak", März 1976
Remembering Part 1
"Remembering Part 1", August 1976 (Compilation)
Johnny The Fox
"Johnny The Fox", Oktober 1976
Bad Reputation
"Bad Reputation", September 1977
Live And Dangerous
"Live And Dangerous", Juni 1978
Black Rose
"Black Rose", April 1979
The Continuing Saga Of The Ageing Orphans
"The Continuing Saga Of The Ageing Orphans", September 1979 (Compilation)
Chinatown
"Chinatown", September 1980
The Adventures Of Thin Lizzy
"The Adventures Of Thin Lizzy", März 1981 (Compilation)
Renegade
"Renegade", November 1981
Thunder And Lightning
"Thunder And Lightning", März 1983
Life Live
"Life Live", November 1983
Dedication
"Dedication - The Very Best Of", März 1991 (Compilation)
BBC Radio One Live In Concert
"BBC Radio One Live In Concert", November 1992
One Night Only
"One Night Only", Juli 2000

Der Mann der THIN LIZZY war.
Ist es wirklich schon zwanzig Jahre her seit Phil Lynott tot ist? Es ist ... und an manchen Tagen habe ich das Gefühl, als sei er erst gestern gestorben. Höre ich einen Song seiner ehemaligen Band, beschleicht mich oft ein Empfinden der Betroffenheit wie ich es kaum auszudrücken vermag. Traurigkeit macht sich breit ... und gleichzeitig die Faszination über eine Musik wie sie mit ihm fortgegangen zu sein scheint.
Brian Jones, Jim Morrison, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Keith Moon, John Bonham, Bon Scott, Steve Clark ... und eben auch Phil Lynott, die Liste der Musiker/innen welche am übermäßigen Gebrauch diverser Drogen zugrunde gegangen sind ist lang. Helden, Idole oder ähnliches? Eher nicht. Warnende prominente Beispiele? Vielleicht...
Beklemmend wirkt u.a. bis heute die Erzählung des ehemaligen Managers der Band, Chris O'Donnell. Während einer Fahrt mit der Londoner U-Bahn am Tag nach Lynotts Tod liest er eine Zeitung, als ihm gegenüber ein weinendes Mädchen mit einem Thin Lizzy-Shirt und Lizzy-Badges auf ihrer Lederjacke auffällt. Einen Tag zuvor war etwas geschehen, weswegen bis in die heutigen Zeiten Menschen in Momente der Niedergeschlagenheit verfallen. Dieser besagte Tag war der 4. Januar 1986!
Die folgende Story ist eine Mischung aus Fakten und persönlichen Eindrücken und erhebt keinen Anspruch auf Vollkommenheit. Sie ist nur ein kleiner Mosaikstein in den unzähligen Berichten und Erzählungen über eine irische Band, die bis heute Freunde auf der ganzen Welt hat.

VORWORT

THIN LIZZY waren/sind wie Magie. Ist man erst einmal von ihrem Sound gefangen, so vermag man sich diesem kaum noch zu entziehen. Eine Welt für sich. Widersprüchlich und voller Nuancen. Faszinierend für Insider und wiederum für Außenstehende unerklärlich, wieso andere Zeitgenossen gerade dieser Musik solch einen hohen Stellenwert einräumen. Genial für den einen, während es den nächsten schon wieder kalt und unberührt lässt.
Die Band um Phil Lynott (Bass, Vocals) und seinen langjährigen Weggefährten Brian Downey (Drums) gehörte nie zu den absoluten Super-Acts wie LED ZEPPELIN oder DEEP PURPLE. Nüchtern betrachtet kam man niemals über das gehobene Mittelmaß hinaus, auch wenn es kurzfristig besonders in Großbritannien größere kommerzielle Erfolge zu verzeichnen gab.
THIN LIZZY besaßen während ihrer gesamten Karriere kein stabiles Line-Up, was sicherlich auch mit dazu beitrug, dass ihnen ein dauerhaftes Verweilen in der Top-Liga des Rock verwehrt blieb. Die Gitarristen kamen und gingen, selbst Lynotts Freund Brian Downey hatte einige Phasen der Abwesenheit.

THIN LIZZY waren mehr als "nur" eine Hard Rock-Band. Ihr Schaffen wurde durch verschiedene Einflüsse wie Irish Folk, Rock, Blues, Hard'n'Heavy-Elemente oder gar Jazz geprägt. Die ganze Bandbreite ihrer Songs tut sich dem Hörer erst beim Abspielen von Alben wie "Jailbreak" (1976) oder "Black Rose" (1979) auf. Ihre Musik schien wie das Springen zwischen extremen kompositorischen Varianten. Das verspielt relaxte Dancing In The Moonlight (1977) mit seinem Saxophon-Solo oder das eher schwermetallische Cold Sweat (1983) - beide Tracks stammten von ein und derselben Band. Der Klassiker "Live And Dangerous" (1978) zeigte die Band überwiegend von ihrer heftigeren Seite und sollte sich im Nachhinein als Belastung für spätere Veröffentlichungen erweisen. Experimente und stillere Songs erzielten längst nicht die Erfolge welche sie vielleicht verdient gehabt hätten. Ob dieses "Scheitern" auch mit ein Grund für Lynotts zunehmende Drogensucht war, lässt sich nur vermuten.

Ein Vorwurf, den THIN LIZZY zur Mitte der siebziger Jahre oft hörten, war jener, dass ihre Studio-Alben niemals den tosenden Stil ihrer Konzerte erreichten. Sogar als sie 1976 mit der LP "Jailbreak" ihren bis dato größten Erfolg erzielen konnten, klafften bei einem Klassiker wie Emerald zwischen der Studioversion und der Live-Performance Welten. Die Twin-Guitar-Schlachten der damaligen Gitarristen Scott Gorham und Brian Robertson auf der Bühne und Phil Lynotts Allianz mit den Fans im Saal verursachten wahre Beben, während die Albumversionen ihrer Tracks vergleichsweise handzahm blieben.
Einer der vielleicht prägendsten Band des härteren Rock sollte trotz vieler Bemühungen nicht der Durchbruch in den USA gelingen. THIN LIZZYs Studio-Alben waren stets Gegenstand sowohl wohlwollender als auch harscher Kritiken. Trotzdem sind sie bis in die heutigen Tage von vielen alten und neuen Fans immer wieder gefragt. Eine Band voller Gegensätze, die über einen Zeitraum von rund dreizehn Jahren voller Aufs & Abs ein wichtiges Kapitel Rock-Geschichte schrieb...

(Sämtliche nachfolgend genannten Chart-Notierungen beziehen sich, sofern nicht anders erwähnt, auf Platzierungen in Großbritannien)

DIE STORY

Philomena Lynott, Phils Mutter, wurde am 30. Oktober 1930 in Dublin geboren. Die damalige Beleuchtung bestand noch aus Gaslicht, und das Leben auf der irischen Insel war durch häufige Armut geprägt. Als eines von neun Kindern einer katholischen Familie wuchs Philomena in einem Dubliner Vorort auf. Der Nachwuchs der sozial schwachen Schichten ging in jenen Zeiten bereits mit dreizehn Jahren wieder von der Schule ab, um sich einen Job zu suchen. Die freie Republik Irland verhielt sich zwar während des zweiten Weltkriegs neutral, die Folgen wie mangelnde Ernährung blieben jedoch auch dort nicht verborgen. Philomena hatte Glück und fand in einem Land, das stets von hoher Arbeitslosigkeit gebeutelt wurde, eine Stelle in einem Altenheim.
Nach der Beendigung des Kriegs musste das Kernland des United Kingdom, England, wieder aufgebaut werden, und es wurden dringend viele Arbeitskräfte gesucht. Auf der irischen Insel wurden Anzeigen geschaltet, die mit Arbeitsplätzen in Städten wie London, Birmingham oder Manchester warben. Wie viele ihrer jungen Landsleute, fühlte auch Philomena sich von den Verlockungen des vermeintlich greifbaren sozialen Aufstiegs angezogen und schloss sich dem Exodus über die irische See an.
Die siebzehnjährige Philomena, auch Phyllis genannt, begann kurz darauf eine Ausbildung zur Krankenschwester in Manchester. In der folgenden Zeit verliebte sie sich in einen Brasilianer afrikanischer Herkunft. Die Reaktionen einiger ihrer Freundinnen fielen alles andere als positiv aus - die ersten von vielen Begegnungen in ihrem Leben mit rassistischen Vorurteilen.
Als Phyllis feststellte, dass sie schwanger war, befand sich Phils Vater, Cecil Parris, längst schon wieder in London, um bei den Services der Army seinen Dienst zu leisten. Als dieser von der Schwangerschaft erfuhr, machte er Philomena einen Heiratsantrag, welchen diese jedoch ablehnte.
Leichter wurde ihre Situation dadurch keinesfalls. Blickt man auf die Moralvorstellungen jener Jahre zurück, durfte Phyllis Lage durchaus als traumatisch bezeichnet werden. Eine unverheiratete Mutter war für die katholische Gemeinde schon schlimm genug; ein Mischlingskind im Großbritannien und Irland der vierziger Jahre allerdings zog vielerorts die Verachtung durch die Mitmenschen auf sich.

Philomenas Sohn wurde am 20. August 1949 im Halham Hospital in West Bromwich, einem Stadtteil von Birmingham, geboren und erhielt den Namen Philip Parris Lynott. Trotz ständiger Beschäftigungsverhältnisse, inklusive eines zeitweiligen Arbeitsplatzes in einem Zentrum für ledige Mütter, wobei sie erneut Ziel rassistischer Angriffe wurde, reichte Phyllis Einkommen nicht zur Deckung der Lebenshaltungskosten. Im Alter von knapp drei Jahren schickte sie den kleinen Phil deshalb zu ihren Eltern zurück nach Irland, wo er von nun an aufwuchs.
Viele seiner Kindheitserlebnisse bildeten den späteren Hintergrund für etliche Songs Lynotts. Das Fehlen einer richtigen Autoritätsperson bedeutete, dass er schon früh in Dingen Erfahrungen sammelte, die Gleichaltrigen durch die Verbote der Eltern verwehrt blieben.
Phils Großvater starb bereits 1964. Damit verlor der junge Lynott die einzige männliche autoritäre Bezugsperson. Schon früh ziemlich auf sich allein gestellt, konnte das einerseits eine Möglichkeit bedeuten, sehr früh seine eigenen Geschicke in gezielte Bahnen zu steuern, während andererseits die permanente Unstetigkeit in seinem späteren Handeln auch darin seine Ursache haben konnte.
Von gelegentlichen Besuchen bei seiner Mutter in England abgesehen, wuchs Lynott in einer behutsamen Umgebung im irischen Dublin auf, wo ihn seine Mutter mehrfach im Jahr aufsuchte. Hänseleien wegen seiner Hautfarbe und Sprüchen wie "Du hast keinen Vater" versuchte er durch das Flüchten in Traumwelten wie Cowboyfilme oder Rock'n'Roll-Musik zu entkommen.
Als Phil ins Teenageralter kam, entfachte einer seiner Onkel das Interesse bei ihm, nicht einfach nur Schallplatten zu hören, sondern selbst zu musizieren und Lieder zu komponieren. Hilfreich war ihm dabei seine umfangreiche Plattensammlung, die zu einem Großteil aus amerikanischer Musik bestand, welche er sich von Seeleuten hatte mitbringen lassen oder per Luftpost erhielt. Hatte er bis dato, wie viele seiner Altersgenossen, in seiner Freizeit viel Fußball gespielt, so hing er nun verstärkt in Plattengeschäften herum, um neue und für sein Verständnis außergewöhnliche Tonträger aufzufinden. Wegen seines exotischen Aussehens und dem Singen von Songs, die anscheinend kein anderer kannte, erwarb er sich auf den Schulhöfen und Straßen Dublins relativ schnell eine gewisse Popularität.
Gegen Mitte der sechziger Jahre ging Phils Mutter eine neue Beziehung ein und übernahm gemeinsam mit ihrem neuen Lebensgefährten die Leitung eines Hotels im englischen Manchester. Die beiden hatten zwar keine Erfahrung, waren sich jedoch über die zukünftige Ausrichtung, was die Gäste betraf, schnell einig. Man wollte eine Klientel ansprechen, die "berühmte" und weniger "bekannte" Leute aus dem Show- und Sportbusiness betraf. Die Idee fand Anklang, und aus einem Gästehaus, das ursprünglich "Clifton Grange" hieß, wurde im Volksmund schnell "The Showbiz".
Der Teenager Phil Lynott kam zwei- bis dreimal jährlich auf Besuch bei seiner Mutter vorbei und lernte schon früh neben Fußballern oder Snooker-Spielern auch diverse mehr oder weniger angesagte Bands kennen.

Daheim in Dublin kam er über einen seiner Onkels, der in einer lokalen Band Gitarre spielte und dazu sang, in Kontakt zu einem Nachbarn namens Jos Smith, welcher eine Band namens BLACK EAGLES managte. Ursprünglich wollte dieser Phils Oheim in die Band lotsen, der zwei seiner Söhne angehörten. Besagter Onkel erlag den Verlockungen - in einer halbwegs angesagten Band vor oft mehreren hundert Zuschauern spielen zu können - jedoch nicht, und so stieg Phil schließlich für ihn bei den BLACK EAGLES als Sänger ein.
Das Repertoire der Band bestand zwar "nur" aus Cover-Songs aus den aktuellen Charts, doch Phil sollte dort bald auf einen langjährigen Weggefährten und Freund treffen: Brian Downey.
Downey , geboren am 27. Januar 1951 in Dublin und somit noch etwas jünger als Lynott, stieg bei den BLACK EAGLES ein, als die Position des Drummers neu zu besetzen war.
In dieser Zeit lernte Phil bei einem seiner Besuche in Manchester einen kanadischen Musiker namens Percy Gibbons kennen. Dieser nahm den jungen Iren unter seine Fittiche und erzählte ihm, wie er als Mitglied der Band THE OTHER BROTHERS seinen Weg in der Musik-Szene gemacht hatte. Lynott schien sichtlich fasziniert und versuchte sich begeistert als Song-Texter. Erste musikalische Ideen entstanden in jenen Tagen im "Clifton Grange" unter dem Einfuß Gibbons' und fanden sich Jahre später auf den ersten beiden Alben THIN LIZZYs ("Thin Lizzy", 1971 & "Shades Of A Blue Orphanage", 1972) wieder.

Die BLACK EAGLES lösten sich schon kurz nach Downeys Einstieg wieder auf, nachdem sich Joe Smiths Söhne aus der Gruppe verabschiedet hatten und dieser daraufhin das Interesse am Management verlor.
Phils Fähigkeiten als Songschreiber entwickelten sich währenddessen in einem rasanten Tempo, doch noch hatte das Live-Repertoire u.a. aus Cover-Versionen von Tracks der YARDBIRDS oder den SMALL FACES bestanden.
Zu dieser Zeit lernte Phil den späteren LIZZY-Manager Ted Carroll kennen. Er schrieb sich gemeinsam mit Downey am technischen College in Dublin ein, schmiss die Schule bald wieder und fing eine Ausbildung zum Schlosser an. Nebenbei spielte Lynott gemeinsam mit Downey in einer Band namens KAMA SUTRA.
Das tägliche Leben als Handwerker gefiel dem aufstrebenden späteren Rock-Star überhaupt nicht und er beschloss statt dessen, sich lieber ganz der Musik zu widmen. Philomena sagte ihrem Sohn weiterhin Unterstützung zu, und so zog dieser bei seinen Großeltern aus, ließ sich eine Afro-Frisur wachsen und ward fortan in Hippie-Klamotten gesehen.
Als Schwarzer gehörte Lynott in Irland zu einer absoluten Minderheit, aber genau dieser Umstand sollte sich bei seinen Bandaktivitäten als ein wahrer Vorteil herausstellen. Als Frontmann einer Band musste er sich vom Rest der Gruppe abheben, und so lernte Phil auch allmählich, das Publikum unter seine Kontrolle zu bekommen. Allerdings sollte es noch Jahre dauern, bis er seine Schüchternheit diesbezüglich vollständig überwunden zu haben schien.

KAMA SUTRA sollte nur eine weitere kurze Episode in Lynotts Leben werden, denn als der Bassist Brush Shiels, ein Veteran der irischen Musikszene, eine neue Band (SKID ROW) ins Leben rief, fiel bei der Suche nach dem zukünftigen Sänger die Wahl auf den späteren LIZZY-Mastermind. Ursprünglich sollte auch Brian Downey als Drummer einsteigen. Phil hatte für sein Einsteigen die Beteiligung seines Freundes zur Bedingung gemacht, doch dieser schloss sich lieber der Band SUGAR SHACK an, da deren Repertoire - Blues britischer Prägung - ihm mehr zusagte als der ursprünglich angepeilte Kurs (amerikanische West Coast Musik) von Lynotts neuer Gruppe.
Letztendlich spielten SKID ROW erst einmal, wie zuvor alle anderen Bands denen er angehörte, Cover-Versionen diverser angesagter Acts. Teile des Programms bestanden aus Songs der YARDBIRDS, den DOORS, Jimi Hendrix oder den BEATLES, aber auch eher psychedelisch angehauchtes Material (Eight Miles High, THE BYRDS) tauchte in ihren Setlisten auf.
Der Band-Leader SKID ROWs, Bassist Bruce Shiels, hatte für Phil aufgrund dessen exotischen Aussehens angedacht, dass dieser seine Konzentration neben dem Gesang besonders auf die weiblichen Konzertbesucher legen sollte. Lynotts erste zaghafte Versuche, eigene Songs für die Gruppe zu komponieren, standen dagegen weit im Hintergrund der Band-Interessen. Dafür traf er hier erneut auf Ted Carroll, welcher die aufstrebenden Neulinge managte. Carroll gelang es schnell, eine Reihe von Gigs im Großraum Dublin an Land zu ziehen, und Anfang 1968 galten SKID ROW als eine der Top-Gruppen Irlands.
Inzwischen hatte sich Lynott mit seinem Wunsch nach einigen selbstgeschriebenen Tracks durchsetzen können und man bekam die Möglichkeit zu Plattenaufnahmen, doch eine aus diesen Sessions resultierende Single erhielt nur wenig positives Feedback.
Mittlerweile war mit dem am 4. April 1952 in Belfast (Nordirland) geborenen Gary Moore ein neuer Gitarrist zur Band gestoßen, welcher Phil im Laufe seiner Karriere immer wieder über den Weg laufen sollte.
Manager Carroll versuchte in der Zwischenzeit, SKID ROW auf dem wesentlich größeren englischen Musikmarkt unterzubringen. Die Versuche, in London bei einer der dort ansässigen Plattenfirmen einen Vertrag zu ergattern, scheiterten allesamt. Nach einigen Monaten gab er schließlich seinen Job als Band-Manager auf und verlagerte den beruflichen Schwerpunkt auf sein bisheriges zweites Standbein, das eines Konzertveranstalters.
Das Ende in der Band sollte für Phil kurz darauf eingeläutet werden. Stimmliche Probleme aufgrund einer Mandelentzündung, aber auch Shiels generell zunehmende Unzufriedenheit mit ihm als Frontmann, führten zu Lynotts baldigem Ausscheiden. Die neue musikalische Ausrichtung der Gruppe sollte ein Power-Trio im Stil von CREAM sein. Shiels ließ Phil jedoch nicht hängen und brachte ihm an vier bis fünf Tagen der Woche über einen Zeitraum von einem halben Jahr das Bassspielen bei.

Kaum bei SKID ROW draußen, intensivierte Lynott wieder den Kontakt zu seinem alten Kumpel Brian Downey, der inzwischen bei einer Country & Western-Kapelle trommelte, nachdem er zuvor noch eine Zeit lang bei SUGAR SHACK weitergemacht hatte (die hatten es mit der Single Morning Dew bis zur Position 16 der irischen Charts geschafft und spielten bis zu ihrer kurz darauf folgenden Auflösung hauptsächlich in den Clubs um Dublin). Gemeinsam gründeten sie die Band ORPHANAGE, für die Phil ein besonderes Konzept entwickelte. In ihrem Kern bestand die Band neben Lynott und Downey aus dem Gitarristen Joe Staunton und dem Bassisten Pat Quigley. Je nach Bedarf kamen weitere Musiker hinzu. Nach einiger Zeit war Quigley seinen Job wieder los, da Lynott sich für den besseren Mann am Bass hielt. Tatsächlich hatte Phil erstaunliche Fortschritte gemacht und war ab jetzt neben dem Gesang auch für die tiefen Töne verantwortlich.
Der Name "Orphanage", zu deutsch "Waisenhaus", fiel ihm bei der Bandgründung spontan ein. Lynott dachte an seine Wurzeln. Für eine Frau im Irland der Fünfziger mit einem farbigen Kind aus einer unehelichen Beziehung konnte das Leben sehr hart werden, und hätte der kleine Phil seinerzeit nicht Großeltern gehabt, die ihn wie einen Sohn aufnahmen und zu erziehen versuchten, seine Kindheit hätte möglicherweise auch in einem Waisenhaus verlaufen können.
ORPHANAGE entpuppten sich schnell als kurzlebiges Projekt. Aufnahmen aus jenen Tagen existieren so gut wie gar nicht, jedoch komponierte Lynott während dieser Zeit einige Songs, die im weiteren Verlauf seiner Karriere noch ans Tageslicht kommen sollten. So wurde beispielsweise THIN LIZZYs Debut 1971 teilweise vom Songmaterial ORPHANAGEs beeinflusst.

Während sich ORPHANAGE die Hacken abliefen, um durch Gigs in ganz Irland ein paar Pfund in die chronisch leere Bandkasse zu bekommen, spielte der am 3. September 1947 in Belfast geborene Gitarrist Eric Bell in einer Gruppe, die wie so viele andere ebenfalls Cover-Versionen aus den UK Top 40 spielte. Besonders glücklich war er mit der Musik allerdings nicht. Die irische Gruppe THE DREAMS ging als regelrechte Show-Band durch und klang vergleichsweise harmlos zu dem, was Bell unter "richtiger" Rockmusik verstand. Nach einem kurzen Intermezzo mit Van Morrisons Gruppe THEM (Gloria) zu Anfang der Sechziger durchlief er relativ erfolglos diverse weitere Acts (SHADES OF BLUE, THE BLUE BEATS). Im Herbst 1969 hatte seine Unzufriedenheit ihren Höhepunkt erreicht. Bell überließ THE DREAMS ihren Träumen, quittierte den Dienst und trieb sich in der Dubliner Szene herum. Allein im Freistaat Irland und ohne irgendwo Fuß fassen zu können, traf er im Dezember auf einen weiteren Belfaster namens Eric Wrixen. Dieser, ein Keyboarder (u.a. ebenfalls ex- THEM) und Showband-Profi, begleitete Bell eines Abends in einen Club in welchem ORPHANAGE spielten.
Bell mochte die Band sofort, insbesondere den Sänger Phil Lynott und dessen Kumpel Brian Downey am Schlagzeug. ORPHANAGE waren bei seinem Eintreffen bereits mitten in ihrem Set. Bell schien von Downeys Spiel regelrecht magnetisiert, während Lynott bei den von ihm erlebten Tracks keine einzige Minute Bass spielte. Nach dem Gig wollte er unbedingt besonders Downey für eine neue Band abwerben. Bell kam mit ihm und Lynott ins Gespräch und fragte die beiden, ob sie nicht einen Bassisten kennen würden, welcher Interesse hätte. Phil und Brian schienen anfänglich nicht sonderlich begeistert, aber man tauschte trotzdem die Telefonnummern aus. Eric stand bereits am Ausgang, als er noch einmal zurückgerufen wurde.
Lynott erklärte sich zur Gründung einer neuen Band unter zwei Bedingungen einverstanden: Erstens wolle er einige seiner Kompositionen im zukünftigen Repertoire unterbringen und zweitens würde er neben dem Gesang auch die Rolle des Bassisten beanspruchen! Bell erklärte sich einverstanden, ORPHANAGE waren Geschichte (Man trennte sich keineswegs im Streit. Selbst Jahre später kam es immer noch zu Treffen Lynotts mit dem Gitarristen Joe Staunton), und zu den ersten Proben brachte Bell einen zweiten Nordiren mit: Eric Wrixen.

Anfang 1970 begann die neugegründete Band mit den ersten Rehearsals. Da man noch keinen Namen ausgesucht hatte, sprach die lokale Presse von der "Bell/Lynott Supergroup". Die Proben verliefen anfangs wenig verheißungsvoll, man musste sich schlichtweg erst einmal aufeinander einstellen. Der Einzige mit Durchblick schien Drummer Brian Downey zu sein, welcher die zukünftige musikalische Richtung durch sein Spiel vorgab.
Nach irgendeiner Probe beschloss man schließlich, dem Kind einen Namen zu geben und suchte nach etwas Passendem. Die vier aufstrebenden Musiker gingen eine ganze Reihe von Songs, Albumtitel und Bücher durch. Nichts schien zu passen, und beinahe hätte man sich aus lauter Verzweiflung schon GULLIVER'S genannt. Bell schlug schließlich den Namen einer Comic-Figur aus den fünfziger Jahren vor: TIN LIZZY (Blech-Lizzy), einem weiblichen Roboter. Die Reaktionen seiner Kollegen waren deutlich ablehnend, doch so recht ließ sich einfach kein ansprechender Name ausmachen. Also schlug Bell noch einmal die Comic-Figur mit einer kleinen Veränderung vor. Aus Belfast stammend, stellte er fest, dass die Leute in Dublin "t'in" statt "thin" und "t'ick" statt "thick" sagten. Würde man die Band also THIN LIZZY nennen, käme es immer wieder zu Namensspielereien. Die anderen Drei hielten das für eine großartige Idee, und somit hatte die Gruppe "ihren" endgültigen Namen.
Der Künstler Jim Fitzpatrick, der später einige ihrer Alben-Cover zeichnete, erzählte in einem späteren Interview noch eine weitere Version. Eine blonde Dublinerin namens Liz Igoe hätte mit ihrem Namen Patin gestanden, wobei Lynott aufgrund der besseren Einprägung noch ein "tin" hinzugefügt hätte. Eine dritte Geschichte über die Entstehung des Bandnamen ist jene um das berühmte Automobil "Tin Lizzy", welches Lynott in diesem Zusammenhang einst erwähnt haben soll.
Was immer auch die richtige Quelle sein mag, am 18. Februar 1970 gab es schließlich eine Pressemitteilung: Die "Bell/Lynott Supergroup" hieß fortan THIN LIZZY!

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Jürgen Ruland, (Artikelliste), 01.09.2006

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