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Teil 2: Die Decca-Jahre

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Discografie (Originalalben und ausgewählte Compilations):
Thin Lizzy
"Thin Lizzy", April 1971
New Day
"New Day", August 1971 (EP)
Shades Of A Blue Orphanage
"Shades Of A Blue Orphanage", März 1972
A Tribute To Deep Purple
FUNKY JUNCTION, "A Tribute To Deep Purple", Januar 1973
Vagabonds Of The Western World
"Vagabonds Of The Western World", September 1973
Night Life
"Night Life", Oktober 1974
Fighting
"Fighting", August 1975
Jailbreak
"Jailbreak", März 1976
Remembering Part 1
"Remembering Part 1", August 1976 (Compilation)
Johnny The Fox
"Johnny The Fox", Oktober 1976
Bad Reputation
"Bad Reputation", September 1977
Live And Dangerous
"Live And Dangerous", Juni 1978
Live And Dangerous Video
"Live And Dangerous", 1978 (Video)
Black Rose
"Black Rose", April 1979
The Boys Are Back In Town Video
"The Boys Are Back In Town", 1979 (Video)
The Continuing Saga Of The Ageing Orphans
"The Continuing Saga Of The Ageing Orphans", September 1979 (Compilation)
Chinatown
Philip Lynott, "Solo In Soho", April 1980
Chinatown
"Chinatown", September 1980
The Adventures Of Thin Lizzy
"The Adventures Of Thin Lizzy", März 1981 (Compilation)
Killers Live
"Killers Live", Mai 1981 (EP)
Renegade
"Renegade", November 1981
Rockers
"Rockers", Dezember 1981 (Compilation)
Chinatown
Philip Lynott, "The Philip Lynott Album", Oktober 1982
Thunder And Lightning
"Thunder And Lightning", März 1983
Life Live
"Life Live", November 1983
Whisky In The Jar EP
"Whisky In The Jar / The Rocker / Sarah / Black Boys On The Corner [Ltd. Edition 12"]", August 1986 (EP)
Dedication
"Dedication - The Very Best Of", März 1991 (Compilation)
BBC Radio One Live In Concert
"BBC Radio One Live In Concert", November 1992
The Peel Sessions
"The Peel Sessions", Oktober 1994 (Compilation)
One Night Only
"One Night Only", Juli 2000
Vagabonds Kings Warriors Angels
"Vagabonds Kings Warriors Angels", Januar 2002 (Compilation, 4-CD Box)
Rock Masters
"Rock Masters", 2004 (DVD)
Thin Lizzy At Rockpalast
"Thin Lizzy At Rockpalast", April 2004 (DVD)
Thunder And Lightning Tour
"Thunder And Lightning Tour", 2005 (DVD)
Greatest Hits
"Greatest Hits", August 2005 (DVD)

Der Bandname (THIN LIZZY) ward gefunden, die dazugehörige Pressemitteilung veröffentlicht, und man hatte ein erstes Ziel erreicht: Es wurde über einen geredet und berichtet. Man brachte die Leute aus Dublin aus der Fassung, welche die Gruppe immer nur "T'in Lizzy" nennen würden. Diese "Beleidigung" für ihren heimischen Dialekt brachte der Band so manchen Bericht in den lokalen Zeitungen ein. Der Name THIN LIZZY wurde geboren, um für immer falsch ausgesprochen und betont zu werden.
Zwar hatte man in etwa zeitgleich einen Manager (Terry O'Neill) gefunden, der zuvor als Drummer in einer der vielen lokalen Bands gespielt hatte, doch war mangelndes Geld wie auch schon zuvor bei ORPHANAGE ein Problem. Lynott und Bell traten daher zeitweise als Duo in Folk Clubs auf, um die maroden Finanzen ein wenig zu sanieren. Zwecks Einspielen der Bandmitglieder untereinander gab man hier und da einige inoffizielle Konzerte, bevor THIN LIZZY am 5. März 1970 ihr Live-Debut im Dubliner "Countdown Club" feiern konnten.
Die Kritiken fielen wohlwollend aus, und das Quartett wurde im Musikteil der Presse zu einem heißen Thema. Die Plattenindustrie ließ schnell Interesse erkennen, und infolge dessen spielte man am 4. Juli 1970 in der irischen Hauptstadt einen sogenannten "Showcase Gig" in der St. Aidans Hall. Vorab kursierten Gerüchte, dass der damalige Produzent PINK FLOYDs, Norman Smith, speziell für diesen Gig nach Dublin fliegen würde, um sich die "performance" THIN LIZZYs höchstpersönlich anzusehen. Als Resultat dessen bot das Label EMI Irland der Band einen Vertrag über eine Single an. Schon kurz darauf fanden die Aufnahmesessions im Dubliner "Trend Studio" statt. Merkwürdigerweise hatte man auch noch den ehemaligen SKID ROW-Gitarristen Gary Moore mit dabei (Lynott wusste bereits vor der Gründung LIZZYs von Bells Ruf als ausgezeichneten Gitarristen. Moore schätzte diesen sehr, und Lynott legte auf sein Urteil stets großen Wert). Für die damalige Zeit eher unüblich, nahm man ausnahmslos Demos mit Eigenkompositionen auf.
Als A-Seite der Single wählte man schließlich den von Lynott geschriebenen rockigen Folksong The Farmer (Gitarre: Eric Bell) aus. Mit der B-Seite gab es allerdings Probleme, denn keiner der vorher aufgenommenen Songs besaß mehr als die Qualität eines rohen Demos. Die Zeit drängte, und so entschied man sich für einen Song (I Need You) aus der Feder des Studio-Besitzers, John D'Ardis. Der Track wurde ursprünglich nur eingespielt, um ein Demo mit Kompositionen von D'Ardis zu erstellen, damit er LIZZY im Gegenzug dafür eine kostenlose Studionutzung gewährleistete.
The Farmer Am 31. Juli 1970 erschien die erste Single von THIN LIZZY. Von den 500 gepressten Singles wurden offiziell 283 Stück verkauft. Die Restauflage wurde wieder eingeschmolzen und recycelt. Heutzutage erreichen Exemplare dieser Platte Liebhaberpreise von bis zu 800 britischen Pfund. In den damaligen Tagen allerdings verursachte der Misserfolg von The Farmer innerhalb des Bandlagers eine enorme Enttäuschung.
Bereits vor Erscheinen des Single-Debuts hatten Lynott, Downey und Bell beschlossen, dass ein Keyboarder nicht so recht in ihre Zukunftspläne passen wollte. Zudem gestaltete sich die finanzielle Situation nach wie vor als äußerst prekär, und als Konsequenz dessen trennten sich fortan die Wege Wrixons von denen der verbliebenen Drei.

Doch damit waren der Änderungen noch nicht genug. Der Herbst 1971 brachte weitere Wechsel im Hintergrund des Bandgefüges mit sich. Terry O'Neill hatte seine Interessen an THIN LIZZY für 500 Pfund an Brian Tuite und Peter Bardon verkauft. Die beiden waren innerhalb der Szene keine unbeschriebenen Blätter, hatten sie doch vorab SKID ROW gemanagt, deren Interessen fortan von FLEETWOOD MACs Manager Clifford Davis vertreten wurden.
Um diese Zeit herum zogen LIZZY auch zunehmend Interessenten aus dem Ausland, insbesondere natürlich Großbritannien, an. Wie so oft, spielte der Faktor "Zufall" auch hier eine große Rolle. Frank Rodgers, ein A&R-Mitarbeiter der Plattenfirma "Decca", war ursprünglich aufgrund eines Anrufs von Brian Tuite gegen Jahresende 1970 in Irlands Hauptstadt angereist, um einen gewissen Ditch Cassidy (seinerzeit als irische Antwort auf Joe Cocker gepriesen) und seine Begleitband zu begutachten. Cassidy bekam Ärger mit seinen Musikern, diese weigerten sich mit ihm aufzutreten, und plötzlich fanden sich Lynott & Co. in der Rolle einer hastig angeheuerten Backing-Band wieder. Letztlich handelte es sich um einen weiteren "Showcase Gig" von einer knappen halben Stunde vor nur wenigen Zuschauern, was bei Auftritten solcher Art bis heute keine Seltenheit ist.
Nachdem Cassidy seine Vorstellung hinter sich gebracht hatte, fragte Rodgers, ob die Lizzies nicht auch noch allein ein paar Songs spielen könnten. Lynott, Bell & Downey gaben einige Originale und wahrscheinlich irgendeinen Jimi Hendrix-Track (... so genau konnte sich der Decca-Gesandte später nicht mehr daran erinnern. Möglicherweise gab es neben einem Freiflug in die irische Metropole auch noch diverse Gläser Guinness für lau...) zum Besten. Rodgers gefiel das Dargebotene großartig. Ob Songs, das Auftreten der Musiker oder insbesondere Phils äußere Erscheinung mit seiner Afro-Frisur und seiner großen schlanken Figur - der eigentlich für Ditch Cassidy aus England angereiste Manager war sich mit THIN LIZZY schnell einig! (In einem späteren Interview erzählte Rodgers, dass er Decca kurz anrief, man dort seinen Worten vertraute und der Deal mit LIZZY innerhalb kürzester Zeit abgewickelt wurde. Anfang der siebziger Jahre genossen sogenannte A&R-Mitarbeiter bei der Suche und späteren Vertragsabschlüssen mit hoffnungsvollen Newcomern und vielversprechenden Talenten weitaus größere Freiheiten als in den heutigen Zeiten alles beherrschender Multimedia-Konzerne)
Rodgers legte eventuelle Pläne bezüglich des "irischen Joe Cocker" schnell zu den Akten und beschloss, den Fokus seiner zukünftigen Aktionen auf Phil, Eric und Brian zu legen. Ihm gelang es, den Produzenten Scott English davon zu überzeugen, sich auf die grüne Insel zu begeben, damit dieser sich selbst einen persönlichen Eindruck verschaffen könne. Nur wenige Wochen später lieferten THIN LIZZY ein elektrisierendes zweites "Vorspielen" im Dubliner Peacock Theater ab. Von nun an sollte ihr Schicksal eine erfolgversprechende Richtung einschlagen.

Der Vertrag mit Decca wurde schnellstmöglich von Rodgers unter Dach & Fach gebracht. Zudem stellte er sicher, dass die Aufnahmen zu LIZZYs erster Langspielplatte unter der Leitung von English verlaufen würden.
Ohne viel Zeit zu verschwenden, begannen THIN LIZZY bereits kurz darauf in den Londoner Decca Studios im Stadtteil West Hampstead mit den Aufnahmen zu ihrem Debut-Album. Trotz großer Vorschußlorbeeren gewährte ihr Label ihnen nur einen Zeitraum von einer Woche, in der sie inklusive noch anstehender Arrangements von einigen ihrer Songs die Scheibe einzuspielen hätten. Scott English, ein bärtiger Amerikaner von körperlich beeindruckenden Ausmaßen, war in der damaligen Szene beileibe kein Unbekannter. Neben seinem Job als Produzent hatte er bereits auch als Songwriter Erfolge wie Jeff Becks Hi-Ho Silver Lining auf seiner Habenseite verbuchen können. Gerüchten zufolge übernahm English auch die Rolle des Mixers.
Innerhalb von zwei Tagen waren die Aufnahmen fertig abgemischt. Die Plattenfirma war allerdings mit den vorliegenden Ergebnissen nicht ganz einverstanden. Musikalisch bot das Album eine Art Gemischtwarenladen: Rockige Songs, aber auch akustische Balladen oder gar psychedelisch anmutende Tracks entstanden in einer Atmosphäre, in welcher die drei Iren und der eine Amerikaner als gemeinsamen Nenner das Rauchen von Pot entdeckten. Für Decca hatten die Aufnahmen nichts mit dem zu tun, weswegen man THIN LIZZY unter Vertrag genommen hatte. Ohne viel Palaver brachten die Label-Verantwortlichen den Produzenten Nick Tauber ins Spiel, damit dieser LIZZYs Erstling ein weiteres mal abmischte. In der "remixten" Version erschien "Thin Lizzy" dann auch im April '71, unter der Angabe von Scott English als "offiziellen" Produzenten.
Thin Lizzy Die Kritiken fielen gemischt aus, doch das sollte die erfolgshungrige Band nicht abschrecken. Als herausragend wurde häufig der Track Look What The Wind Just Blew In betrachtet, der als Vorreiter vieler späterer Lynott-Kompositionen gilt. Die Lyrics seiner Songs auf dem ersten Alben gelten oft als naiv, und Titel wie The Friendly Ranger At Clontarf Castle oder Remembering werden so manches mal als nicht vollendet, sondern höchstens als Song-Fragmente angesehen.
Clifton Grange Hotel gilt als Reminiszenz an das Hotel von Phils Mutter Philomena. Nachdem dieser dort häufig seine Ferien verbracht hatte, füllte sich der lyrische Fundus Lynotts mit verschiedenen Charakteren, welche er in den Texten seiner Songs unterzubringen versuchte. Herauszufinden, wo die Ursprünge von Saga Of The Ageing Orphan lagen, durfte Kennern von Lynotts bisherigen Bandstationen wenig schwer fallen. Eire steht als Salut an die irische Heimat. Es ist eine Anerkennung der Inspirationen Irlands auf THIN LIZZY als Musiker und insbesondere Phils als hauptsächlichen Songschreiber.
Das Songmaterial trug bereits deutlich die Handschrift Lynotts und offenbarte seine irischen Wurzeln, von einem Charterfolg (UK-Erstauflage der LP: 2.000 Exemplare) blieb die Scheibe allerdings weit entfernt. Immerhin hatten THIN LIZZY das Glück, dass ihr Debut einigen einflussreichen Leuten gefiel. Beim DJ David "Kid" Jensen von Radio Luxemburg stieß man auf großes Wohlwollen und dieser begann, das Album in seinen Sendungen zu promoten. Des weiteren fand auch der landesweit bekannte BBC-Moderator John Peel Gefallen an dem irischen Trio und unterstützte LIZZY fortan kräftig.
Im weiteren Verlauf des Jahres 1971 wurde "Thin Lizzy" auch in den USA veröffentlicht. Allerdings erfolgte vorab eine Änderung bei der Gestaltung des Covers. Die cartoonähnliche Miniatur eines "Ford T"-Modells (einem "Tin Lizzy") fuhr hier über irgendwelche nackte weibliche Hüften. Die Rückseite stellte einen Blick auf die Band in ihrer Heimatstadt im Herbst des vorherigen Jahres dar, aufgenommen aus der sogenannten "Fischaugen"-Perspektive.

Da mit den Verkäufen des Albums wenig Geld zu machen war, mussten weiterhin Live-Auftritte zum Unterhalt des täglichen Lebens herhalten. Ted Carroll, der bis dato als Manager SKID ROWs fungiert hatte, trat zu diesem Zeitpunkt nach einem Abendessen mit LIZZYs Managern Brian Tuite und Peter Bardon in die Dienste der Gruppe. Zunächst angestellt als Tourmanager während einer recht ertragreichen und gut besuchten irischen Konzertreise, betreute er im Anschluss daran die später nach England umgezogene Band quasi als "Mädchen für alles".
Eine Tour durch ihre neue Wahlheimat wurde gebucht, doch die erste Konzertreise durch England verlief wie so viele spätere Tourneen nicht ohne Probleme. Ihr erster Auftritt brachte ihnen eine Gage von gerade einmal 10 englischen Pfund Sterling ein, während der zweite Gig immerhin das Doppelte in die Bandkasse einspielte. Leider riss Phil kurz vor Ende der Show eine Saite, und da er keinen zweiten Bass als Ersatz dabei hatte, durfte sich Ted Carroll am folgenden Morgen in London auf die Suche nach einem Instrumentenladen begeben. Bei dem betreffenden Tag handelte es sich um Karfreitag, die Läden hatten geschlossen, und als nächster Gig stand ein Auftritt im Vorprogramm von STATUS QUO im Londoner Marquee Club an. Letztlich borgte QUOs Bassist Alan Lancaster Lynott eines seiner Instrumente und Brian Downey benutzte Teile vom Drum Kit STATUS QUOs zwecks Verkürzung der Umbaupause. Der Rest von LIZZYs Equipment blieb in ihrem Lieferwagen, welcher in einer kleinen Straße hinter dem Marquee abgestellt wurde. Als die Band sich nach ihrem Auftritt zurück zum Fahrzeug begab, stellte sie fest, dass dieses in der Zwischenzeit aufgebrochen wurde. Viele Teile ihrer Ausrüstung waren gestohlen worden, u.a. Teile von Brians Schlagzeug, Phils beschädigter, aber hochgeschätzter Fender Jazz Bass und diverse Mikrophone.
Im Laufe dieser Tour wuchs die Band mit ihren Roadies zu einer Art "Gang" zusammen. Man trank zusammen, gab sich bewusstseinserweiternden Substanzen hin, man prügelte sich durchs harte Tourleben und 48 Stunden ohne Schlaf waren nicht selten. Schaffte man das alles ohne qualitative Beeinträchtigung der Konzerte, waren die ersten Voraussetzungen für ein Leben innerhalb des Bandlagers geschafft. Jahre später wurde dieses bestens in dem Song The Boys Are Back In Town reflektiert, welcher viele Aspekte der Beziehungen im LIZZY-Camp hervorhob.

Nach Beendigung der Tour und dem Verschwinden aus den Berichten der Musikpresse schlich sich eine leichte Ernüchterung ein. Etwas frustriert musste man feststellen, dass Decca noch keine Bereitschaft zur Veröffentlichung eines zweiten Longplayers zeigte, obwohl die Band genügend Songmaterial am Start hatte.
New Day Musiker und Label einigten sich jedoch schnell auf einen Kompromiss. Eine 4-Song-EP mit den Tracks Dublin, Things Ain't Working Out Down At The Farm, Remembering und Old Moon Madness wurde bereits Mitte Juni 1971 innerhalb von nur drei Tagen am gleichen Aufnahmeort (Decca Studios, West Hampstead, London) wie die vorherige LP eingespielt und rund zwei Monate später unter dem Titel "New Day" veröffentlicht. Bedanken konnten sich Phil & Co. bei der Werbeabteilung von Decca, die mit nur einer LP pro Jahr befürchtete, nicht genug am Profil einer Band feilen zu können, welche pressemäßig einen gewissen Hype erleben durfte.
Vorab gab es einigen Ärger wegen des Cover. Während das Label aufgrund der niedrigeren Kosten eine wenig aufwendige Plattenhülle favorisierte, stellte LIZZY sich eine eher bildhafte Verpackung vor, welche sie letztlich auf eigene Kosten herstellen ließ. Die rund 2.000 gedruckten Cover erreichten Decca zu spät, so dass die ersten 500 Exemplare der "New Day"-EP in dem ursprünglich von der Plattenfirma vorgesehenem Cover ausgeliefert wurden. Weder die Plattenfirma noch das Publikum waren von den Aufnahmen sonderlich beeindruckt, und somit ward auch dieser Veröffentlichung kein Erfolg in den Charts beschieden. Heute zahlt man auf Börsen zwischen 100 (für die "Decca-Variante") und 200 englische Pfund (für die "Band-Kreation") für eine Platte, die einst wie Blei in den Regalen liegen blieb.

Kurz nach Beendigung der Aufnahmen zu "New Day" kehrten THIN LIZZY nach Irland zurück, wo sie einige gut besuchte Konzerte gaben. Zwar hatten sie plattenmäßig den englischen Markt zu knacken versucht, ihre loyale Fanbasis befand sich allerdings in ihrer Heimat auf der grünen Insel. LIZZYs Live-Auftritte wurden dort regelrecht abgefeiert und erhielten glänzende Kritiken.
An diesem Karrierepunkt versuchte die Gruppe sich für die Aufnahmen zum nächsten Album die Dienste des Produzenten Martin Birch (seinerzeit DEEP PURPLE und FLEETWOOD MAC, später RAINBOW, WHITESNAKE und IRON MAIDEN) zu sichern. Die Recordings sollten in den neuen Londoner De Lane Lea Studios im Stadteil Wembley stattfinden. Frank Rodgers, ihr ursprünglicher Kontaktmann bei Decca, sollte die Plattenbosse von der richtigen Wahl des Produzenten und Studios überzeugen.
Die Sache endete in einem Desaster. Birch hatte keine freien Zeiträume und besonders der Drum-Sound im gerade erst fertiggestellten Studio entpuppte sich als schrecklich (Brian Downey sieht sich bis heute in seiner Meinung durch den für ihn gleichfalls schlechten Drum-Sound des QUEEN-Debuts bestätigt, welches ebenfalls dort aufgenommen wurde). Zudem hatten LIZZY, bedingt durch ihre Konzertreisen im Winter '71, wenig Zeit zum Schreiben neuer Songs gehabt, und bereits für das Frühjahr 1972 war man für eine zweimonatige College-Tour gebucht. Die Zeit drängte plötzlich, bis dahin ein neues Album am Start zu haben. Die bis dato stärksten Tracks für "Thin Lizzy" ausgesucht, weiteres vermeintlich hoffnungsvolles Material in "New Day" investiert, verblieb der Band ein kaum ausreichender Song-Fundus an Blues, härterer Folkmusik und sanfteren Balladen für die gegen Jahresende '71 beginnenden Aufnahmesessions.

Die Recordings verliefen aufgrund der Zeitknappheit relativ stressig. Der Album-Titel "Shades Of A Blue Orphanage" wurde als Anspielung auf die Pre-Lizzy-Bands SHADES OF BLUE (Eric Bell) und ORPHANAGE (Phil Lynott, Brian Downey) ausgewählt. Die Credits fürs Songwriting gingen in acht von neun Fällen an Lynott.
Shades Of A Blue Orphanage Die Ballade Sarah (Version I, einen zweiten gleichnamigen Song auf dem Album "Black Rose" widmete er 1979 seiner Tochter), eine Hommage an Phils Großmutter, und das vergleichsweise flotte Buffalo Gal zählen zu den wenigen "Rettern" eines Werkes, das nach Meinung so mancher Kritiker eine eigene Identität vermissen ließ und kaum zählbare Höhepunkte aufwies.
The Rise And Dear Demise Of Funky Nomadic Tribes war kaum mehr als ein Indikativ für die herrschende Mode, Songs mit möglichst langen Titeln auszustatten. Lynotts erstes Tribute an Elvis Presley, I Don't Want To Forget How To Jive, gilt nicht gerade als Meisterwerk unter seinen Lyrics. Der letzte Album-Track und gleichzeitige Titelsong, Shades Of A Blue Orphanage, stellte einen Versuch dar, Lynotts Kindheit und seine Empfindungen als Jugendlicher textlich unterzubringen.
Baby Face, ein eher geradeaus gespielter Rocker, mochte manch einen an einen gewissen Ritchie Blackmore erinnern. Merkwürdigerweise hatte sich dieser Anfang des Jahres '72 um die Dienste Lynotts zwecks Gründung einer "Supergroup" bemüht, die als weitere Musiker Paul Rodgers (FREE) und Ian Paice (DEEP PURPLE) beinhalten sollte. Für diese Truppe war der Name BABY FACE angedacht. Nach einigen Überlegungen entschied sich Phil, es weiterhin mit eigenem Material unter dem LIZZY-Banner zu versuchen, statt auf Blackmores Zug zu springen. Eine weise Entscheidung, denn außer einigen Jams in den De Lane Lea Studios bewegte sich bei den BABY FACEs nichts.
Das Cover sollte an Phils Kindheit erinnern. Daraufhin startete Decca eine Suche in diversen Photoarchiven, um etwas Passendes zu finden. Heraus kam dabei ein Foto von drei Straßenbengeln, aufgenommen kurz nach dem zweiten Weltkrieg.
Im März 1972 kam "Shades..." in die Regale der Plattenläden, und dort drohte es auch größtenteils zu verstauben. Die Band selber war schon nicht allzu begeistert von der Songqualität, was sollten da erst die Käufer sagen? Im allgemeinen "Nein", und so rauschte auch das zweite Album weit an den erträumten hohen Chartpositionen vorbei. Eigentlich erstaunlich, denn die Kritiker urteilten durchweg generös. Auch in Studentenkreisen hatte man einige Freunde, die aber allem Anschein nach ihre Kohle eher in Konzerte als ins Vinyl THIN LIZZYs investierten.
Eine Single-Auskopplung zwecks besserer Promotion von "Shades..." erfolgte nicht. Nach der Albumveröffentlichung tourte man monatelang mit bis zu drei weiteren Bands durch England, alle Teilnehmer in einem (!) Bus untergebracht. Zwar gewann die Öffentlichkeit so allmählich ein gewisses Bild von dem irischen Trio, zum finanziellen Überleben reichten die schlecht bezahlten Gigs allerdings kaum. Kurze Touren durch Irland, wo die Band inzwischen einen Kultstatus genoss, dienten zum Ausgleich des gemachten Minus bei den England-Tourneen.
A Tribute To Deep Purple Des weiteren gab es ein wenig Kohle für ein obskures "Tribute To Deep Purple"-Album, welches von Lynott, Bell und Downey unter dem Pseudonym FUNKY JUNCTION eingespielt wurde und im Januar 1973 auf einem kleinen amerikanischen Label erschien. "Funky Junction Play A Tribute To Deep Purple", so der Albumtitel, enthielt als "Füller" noch einige schnell geschriebene Tracks aus dem Hause Lynott & Co. sowie Eric Bells Interpretation von Jimi Hendrix' Danny Boy. Phils Sorgen, er könne doch gar nicht wie Ian Gillan singen, wurden durch die Hinzunahme von zwei weiteren Musikern zur Seite geschoben. Man nahm die Verbindungen nach Irland in Anspruch und Sänger sowie Keyboarder der Dubliner Band ELMER FUDD wirkten für sechzig Pfund Sterling plus Spesen pro Nase bei den Aufnahmen mit. Das Album ist heutzutage ein gesuchtes Sammlerstück und wechselt zuweilen für exorbitante Beträge den Besitzer.

Im Juli '72 gab Manager Brian Tuite seinen Job wegen Perspektivlosigkeit auf und verkaufte seine Beteiligung an THIN LIZZY an Ted Carroll. Der dachte erst daran, STATUS QUOs Manager Colin Johnson mit ins Boot zu holen. Letztlich fand er in dem Booking-Agent Chris Morrison einen neuen Partner.
Kurz darauf mussten mit Deccas Frank Rodgers ernsthafte Gespräche geführt werden, denn die Plattenfirma schien offensichtlich aufgrund der schwachen Verkäufe immer weniger an LIZZY interessiert. An ein drittes Album war zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken und um ein Überleben der Band zu sichern, einigte man sich auf zwei Punkte. THIN LIZZY sollten möglichst im Vorprogramm eines Major-Acts auf Tour geschickt werden und eine Hitsingle musste her. Für Bell bedeutete letzteres ein Umfunktionieren in eine Pop-Band, wogegen er sich weigerte. Zu jener Zeit waren Hardrock-Bands wie beispielsweise LED ZEPPELIN gegen Singles, und obwohl LIZZY im Prinzip auch danach handelten, wollte Lynott diese Tradition jetzt außer acht lassen. Er setzte seine Meinung durch und bei Bell entstand der Eindruck, man hätte sich an das Establishment verkauft. Dieser Kompromiss führte zu einer großen Verbitterung Bells und ersten Rissen im Bandgefüge.
Für die A-Seite der geplanten Single hatte man den Titel Black Boys On The Corner auserkoren, die B-Seite sollte aufgrund Lynotts Vorschlag ein irisches Traditional namens Whiskey In The Jar enthalten. Grund waren die positiven Live-Resonanzen auf Whiskey... und die Tatsache, dass man sich mit der Verwendung eines Coversongs eine Eigenkomposition fürs kommende Album aufbewahren konnte.
Circa eine Woche vor dem Studiotermin begannen die Rehearsals und Manager Ted Carroll wurde beim Hören von Eric Bells großartigen Gitarrenparts in Whiskey... schnell klar, dass ganz offensichtlich Black Boys... auf die zweite Seite gehörte.
Whiskey In The Jar und Black Boys On The Corner wurden im Oktober '72 innerhalb eines Tages aufgenommen. Die Credits für das Arrangement des Traditionals gingen an alle drei Bandmitglieder. Die ursprüngliche Version von Whiskey... fiel für die Radiostationen zu lang aus. In der gekürzten Fassung fehlt einiges der hervorragenden Gitarrenarbeit Bells und die verwegene Mystik sowie der lyrische und abenteuerliche Höhepunkt dieser alten irischen Ballade gehen ein wenig verloren. Der Song blieb in seiner vollen Länge absolut vorzuziehen, was jeder Kenner der originalen Version gewiss bestätigen wird.

Der Herbst des Jahres 1972 sollte dem LIZZY-Camp positive Neuigkeiten bescheren, als es dem zweiten Manager der Band, Chris Morrison, gelang, den prestigeträchtigen Platz im Vorprogramm eines der angesagten Glamrock-Acts zu sichern - SLADE! Mit Volldampf startete das Managerteam Carroll/Morrison eine nationale Promotionkampagne. Die Tour sollte aus drei Bands bestehen: THIN LIZZY in der Gestalt des Openers, Suzi Quatro als nächste Künstlerin und SLADE in der Rolle des Headliners. LIZZY wurde nur ein knapper, 45 Minuten währender Gig pro Show zugestanden, doch sollte sich diese Tour als Wendepunkt sowohl für Band als Management erweisen.
Mit einer ganzen Reihe von Hitsingles und -alben im Rücken hatten SLADE bereits einen Status erreicht, den Lynott, Bell und Downey nur herbeisehnen konnten. Zwar hielt sich besonders Phil Lynott mittlerweile zum kommenden Superstar bestimmt, und zwar so schnell als möglich, jedoch sollte sich bereits kurz nach Beginn der Tournee zeigen, dass sein (Wunsch-)Denken und Realität zwei Paar Schuhe waren. Nach einem LIZZY-Auftritt stürmte SLADEs Manager Chas Chandler in den Umkleideraum und beschwerte sich lautstark über das irische Trio. Sollten die Auftritte der Drei weiter so verlaufen, würde er für deren Rausschmiss sorgen. Ab diesem Zeitpunkt nahm der Bewegungsradius der LIZZY-Musiker rapide zu und Lynott, der auf die Kritik Chandlers anfänglich zutiefst betroffen reagierte, bezog das Publikum durch gesteigerte Kommunikation vermehrt in die Auftritte seiner Band mit ein. Phil begann über die Dinge zu reden, welche er zuvor wohl in seinem tiefsten Inneren verborgen hielt, doch die Konzertbesucher dankten ihm seine Aufrichtigkeit durch Applaus und steigende Popularität.
Auf dieser Tour lernte Lynott auch die Bedeutung eines Images für die Band kennen. Laut Chandler bedurfte es neben passenden Songs und Stage-Acting auch der richtigen Kleidung, damit die Gruppe ein gutes Gesamtbild abgab. Besonders Eric Bell und Brian Downey mussten etwas ändern, weil ihr Sinn für Kleidung zu jenem Zeitpunkt in den Augen Phils geradezu unmöglich war.
SLADE brachten den aufstrebenden LIZZYs bei, dass man zu einer Vorband und zu anderen Musikern überhaupt ein gutes Verhältnis pflegen sollte. Noddy Holder und seinen Mannen spielten in dieser Phase eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Fortentwicklung der Gruppe und besonders der von Phil Lynott. Bei späteren Touren THIN LIZZYs als Hauptgruppe sollten Acts im Vorprogramm auftauchen, welche Lynott menschlich und als Musiker schätzte, während das Publikum dieses jedoch nicht immer nachvollziehen konnte.
Im Verlauf der Tournee begaben sich LIZZY zwecks einiger Sessions Mitte November '72 in die BBC Studios, um zur Promotion ihrer zur Veröffentlichung anstehenden Single Whiskey In The Jar mitreißende Versionen derselben und des Songs Gonna Creep Up On You einzuspielen.
Die Konzertreise im Schlepptau eines damaligen Mega-Acts wie SLADE sollte auch die Geschäftstüchtigkeit des LIZZY-Management beweisen. Kurz vor Tourbeginn erfuhr man, dass Suzi Quatros Plattenfirma RAK Records beabsichtigte, diese über THIN LIZZYs PA-System spielen zu lassen. Als Bezahlung wurden RAK 300 englische Pfund pro Woche in Rechnung gestellt. Bis dato spielten die Iren über ein 400-Watt-System mit 4x100-Watt-Säulen, als man von einem neuen 1.200-Watt-System erfuhr, das zuvor nur ein Mal bei einer UK-Tour der EVERLY BROTHERS zum Einsatz gekommen war. LIZZY kauften das neue Equipment für 1.400 Pfund und dazu ein noch fehlendes Mischpult. Nachdem Suzi und ihre Begleiter die Tour mit der Ausstattung Lynotts & Co. bestritten hatten, war die neue Anlage bereits bezahlt.

Whiskey In The Jar Decca veröffentlichte Whiskey In The Jar, während die SLADE-Tour bereits seit einer Woche durch die großen britischen Metropolen wie Newcastle, Manchester (dort sollten Phil und die restliche Band wie auf vielen weiteren Touren durch das UK im Promi-Hotel seiner Mutter Station machen) oder Glasgow lief.
Die Single, das Klagelied eines Outlaws, der von seiner großen Liebe verraten wird, stieß im Lager der LIZZYs auf immer mehr Widerwillen. Es hatte in ihren Augen lange gedauert, sich in der Öffentlichkeit eine gewisse eigene Identität aufzubauen. Nun befürchtete man, die verrockte Version einer alten irischen Ballade würde genau dieses wieder zerstören.
Nach ihrer Veröffentlichung kletterte die 45er langsam die Charts hinauf. So langsam, dass es in der Tat bis Anfang 1973 dauerte, um die Top 40 in Großbritannien zu erreichen. Es sollte LIZZYs erster Eintritt in die Charts überhaupt werden, der wiederum von dem DJ Kid Jensen (Radio Luxemburg) stark unterstützt wurde. In ihrer Heimat Irland standen THIN LIZZY bereits Weihnachen '72 auf dem ersten Platz der Hitparade (insgesamt 17 Wochen auf der dortigen Pole-Position), während es in England mühselig zu Beginn des folgenden Jahres über Platz 23 schließlich bis zur Nummer 6 reichte. Kleine Geschenke in Form von Miniatur-Whiskeyflaschen an einflussreiche Radiomoderatoren sollten gewiss nicht ohne Einfluss bleiben. Whiskey... wurde in ganz Europa zu einem Hit. In Deutschland langte es bis zur Position 7 und einer Gesamtnotierung von 24 Wochen.
[Interessant ist, dass die Schreibweise des Songs zwanglos von "Whiskey" zu "Whisky" und wieder zurück wechselte, ein Unikum, das sich bis heute durch sämtliche Compilations der Band zieht; Red.]

LIZZYs erstes Konzert im neuen Jahr fand bereits am 10. Januar im Dubliner National Stadium statt, perfekt getimt, um ihren erreichten Chartstatus auszubauen. Ihr Management beabsichtigte weitere Feinschliffe des Bandprofils und heuerte mit dem Londoner Agenten für Öffentlichkeitsarbeit, Tony Brainsby, einen Profi an, der etablierte Acts wie PAUL McCARTNEY & WINGS oder MOTT THE HOOPLE, einst die SMALL FACES und nun die ebenfalls aufstrebenden QUEEN zu seiner Kundschaft zählen durfte.
Ansonsten blieben Gigs aufgrund zahlreicher Promotion-Termine im ersten Halbjahr '73 eher Mangelware. Whiskey... zog eine ganze Reihe von Playback-Auftritten in diversen Fernsehsendungen wie "Top Of The Pops" (wo Lynott mit einem ziemlich arroganten Gesichtsausdruck aufgrund kreischender Teenies glänzte) oder der Kinder-TV-Show "Crackerjack" (deren Präsentator Jahre später sein Schwiegervater wurde).
Obwohl THIN LIZZY durch ihren Singlehit in neue höhere Dimensionen aufstiegen, hatte der Erfolg auf Eric Bell eher ungünstige Auswirkungen. Der Gitarrist, schon seit jeher voller Zweifel an der internen Politik der Plattenfirmen und am ganzen Musikbusiness, hatte bereits mit dem Projekt FUNKY JUNCTION einen Tiefschlag zu verdauen. Das angebliche Live-Foto einer nicht existenten Band auf dem Front-Cover plus enthusiastische Texte fernab jeglicher Realität auf der Rückseite der Plattenhülle erschienen ihm bereits als ein Witz. Nun war er plötzlich ein Popstar. Oder ein Folkmusiker, denn LIZZY spielten auf einmal vor Anhängern irischer Volksmusik und traten derweil in England, Schottland und Irland im Rahmen von Folk-Festivals auf, bei denen viele Zuschauer oft flüchteten, nachdem sie feststellten, dass sie es im Fall von THIN LIZZY mit einer Rockband zu tun bekamen. Anstatt ein drittes Album mit einer Tour zu promoten, fand sich das irische Trio beim Mimen zu Playback-Aufzeichnungen in etlichen europäischen Fernsehstudios wieder, um anschließend immer wiederkehrende Fragen zu beantworten.
Die Stimmung innerhalb der Band begann auf den Tiefpunkt zu sinken. Lynott und Bell hatten zunehmend Dispute über die weitere Zukunft. Darunter begann wiederum die musikalische Qualität zu leiden und die Gefahr, als Eintagsfliege zu enden, nahm zu.
Randolph's Tango Tatsächlich floppte die nächste Single Randolph's Tango auf dem angepeilten englischen Markt, obwohl die Lynott-Kompostion mit ihrem wunderbaren spanischen Feeling der ideale Nachfolger für Whiskey... zu sein schien. Anfang Mai 1973 veröffentlicht, konnte auch die eher bluesige B-Seite Broken Dreams, ebenfalls eine Eigenkomposition, als reizvoller Kontrast zu Randolph's Tango nichts mehr retten. In den USA ohne jegliche Promotion seitens der Plattenfirma herausgebracht, ließ sich dort ebenfalls kein Blumentopf gewinnen. Lediglich in der treuen irischen Heimat reichte es noch zu einem Rang 14, was die Enttäuschung allerdings lediglich ein wenig milderte. Das Versagen Randolph's..., zumindest die britischen Top 40 zu erreichen, war später wahrscheinlich ausschlaggebend für die Nicht-Berücksichtigung des Songs fürs folgende Album.

Nach einer kurzen Deutschland-Tour begannen THIN LIZZY im Juli '73 in den Decca Studios in Tollington Park (London) mit den Aufnahmen zum dritten Longplayer. Wie schon beim Vorgänger "Shades Of A Blue Orphanage" führte wieder Nick Tauber Regie. Die Band ging nach einigen Querelen wieder enthusiastischer zur Sache und legte eine offensichtliche Spielfreude bei den Recordings der neuen von Phil Lynott geschriebenen Tracks an den Tag.
Die Sessions für das Album "Vagabonds Of The Western World" brachten zwar eine ganze Reihe neuer Songs ans Tageslicht, jedoch schafften es davon gerade einmal acht Tracks in die endgültige ursprüngliche Auflage der Platte. Den intensiven Druck seitens Decca, Whiskey In The Jar als vorangegangenen Top-10-Hit mit aufs Album zu nehmen, schoben die LIZZYs beiseite. Sie beabsichtigten einen vollkommenen Bruch mit ihrem bisherigen Image. Herauskommen sollte dabei ein exzellentes Werk, welches häufig als eines ihrer besten Alben bezeichnet wird. In einer wunderschönen Ausgeglichenheit wechselten sich erfinderische Hardrock-Rhythmen mit der softeren Seite der Iren ab.
Neben dem Produzenten Nick Tauber werkelten nicht weniger als vier verschiedene Toningenieure (Alan Leaming, Pete Sweetenham, Alan Harris, Dave Baker) und Phil Lynott als Co-Produzent an der Scheibe. Während des Mixing fand die Band zudem noch Zeit für eine weitere Session bei der BBC. Am 31. Juli '73 wurden dort Aufzeichnungen von Gonna Creep Up On You, Little Girl In Bloom und dem Titelsong der kommenden LP, Vagabonds Of The Western World, gemacht.
Aufgrund der enttäuschenden bisherigen Albenverkäufe legte man jetzt auch mehr Wert auf die Gestaltung des Cover. Der irische Künstler Jim Fitzpatrick wurde mit der graphischen Ausführung beauftragt. Es sollte eine Reihe von weiteren Arbeiten für die Band folgen. Fitzpatrick wurde ein regelrechter Teil der LIZZY-Familie und sollte neben Alben- und Singlehüllen auch Logos, T-Shirts und Tourjacken entwerfen.

Vagabonds Of The Western World Vagabonds Of The Western World, Gonna Creep Up On You, Mama Nature Said und besonders The Rocker mit einem fulminanten Gitarrensolo von Eric Bell wiesen in eine deutlich härtere Richtung. Der Einstieg ins Album mit Mama Nature Said ist eine Reminiszenz an Rory Gallagher. Obwohl etwas von dessen rauen Charme vermissen lassend, begann die Band hier damit, ihrem Sound einen Touch von traditionellem Heavy Rock beizufügen. Das folgende The Hero And The Madman beinhaltete auch einen Dank an ihren Förderer Kid Jensen, der eine Passage während des Songs sprechen durfte. Die Lynott/Downey-Komposition Slow Blues war wieder mehr im bisherigen Stil gehalten und bildete eine kurze Rückkehr in die bis dato gewohnten feinsinnigeren Territorien. The Rocker, erzählend von Lynotts Abenteuern mit diversen Ladies, sollte zu einer eingängigen Biker-Hymne werden.
Vagabonds Of The Western World wirkte zur damaligen Zeit relativ ambitioniert und unterstrich den Aufbruch LIZZYs zu neuen musikalischen Ufern. Lynott, dessen Stimme eigentlich im Bariton angesiedelt war, besaß durchaus die Fähigkeit zum Erreichen höherer Töne. Der Titelsong des Album gehört sicherlich zu seinen gesanglichen Höhepunkten. Neben den Lead-Vocals übernahm er nicht nur hier auch die Gesangsharmonien. Little Girl In Bloom, das von einer unerwarteten Schwangerschaft handelt (wahrscheinliche Anspielung auf die Situation der eigenen Mutter), und A Song For While I'm Away (einmal mehr wurde Irland als Hintergrund zu persönlichen Themen verwendet), einem eher altmodischen Liebeslied, sorgten für die besinnlicheren Momente auf der Platte.
(In der Biographie "THIN LIZZY" von Alan Byrne, erschienen 2004, ist von acht Songs die Rede. Eine Diskographie im Metal Hammer Nr. 2/1994 gibt "Whiskey In The Jar" als zusätzlichen Song an. Bei einer im September 2006 durchgeführte Recherche fanden sich mittlerweile zwölf Tracks auf dem Album. "Whiskey In The Jar" - full length version, "Black Boys On The Corner", "Randolph's Tango", "Broken Dreams" als zusätzliche Songs. Diese Bonus-Auflage ist - sofern überhaupt erhältlich, nicht alle Versandhäuser bieten die Scheibe an - jedem Interessierten wärmstens zu empfehlen, auch wenn der später typische Twin-Guitar-Sound allerhöchstens ansatzweise erkennbar ist)
"Vagabonds Of The Western World" erschien am 21. September 1973 und erntete bemerkenswerte Kritiken. Wieder einmal jedoch hinterließ ein LIZZY-Album keinen Eindruck in den britischen Charts. Lynott, Bell und Downey hatten zwar ihr bisher stärkstes Werk abgeliefert und begaben sich auf eine sechswöchige Tour durch England, zu einem Charteinstieg bei den meistverkauften Alben sollten ihre Bemühungen trotzdem nicht reichen. Eine Verkaufszahl von rund 25.000 Exemplaren war zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.
The Rocker Im späteren Verlauf des Jahres 1973 hing ein Agent namens Chris O'Donnell immer öfter in den Büros THIN LIZZYs herum. Zwar sollte es noch ein knappes halbes Jahr dauern, bis er hauptberuflich ins Lager der Band wechselte, doch bei der Auswahl zur neuen Single war er für die Entscheidung mitverantwortlich. Der Vertrag mit Decca lief aus und es fehlte an Argumenten zur Verlängerung. Ein Hit sollte das Ruder noch einmal herumreißen und das mehr oder weniger gefloppte Album doch noch in die angepeilten Regionen der Charts pushen. Ein verkürzte Version von The Rocker wurde im November '73 veröffentlicht. Während es auf dem verschwindend kleinen irischen Plattenmarkt zu einem respektablen elften Platz reichte, gab es für THIN LIZZY mit dem späteren Konzert-Favoriten auf dem erheblich lukrativeren englischen Markt erneut nichts zu holen.

Im Zeitraum November/Dezember '73 unternahm die Band ihre jährliche Christmas-Tour durch Irland. Den Höhepunkt sollte ein Auftritt in der Queen's Hall in Eric Bells Heimatstadt Belfast (Nordirland) am Jahresende darstellen. Der Gitarrist befand sich allerdings bereits auf dem Scheideweg, enttäuscht vom Verlauf der Karriere und zunehmend gesundheitlich angeschlagen durch LIZZYs nicht gerade gesunde Lebensweise. Bereits zu Konzertbeginn stark angetrunken, warf er mitten im Gig seine Gitarre in die Luft und ließ sie anschließend auf den Bühnenboden knallen, trat seine Verstärker um und verließ wortlos den Ort des Geschehens. Die überraschten Lynott und Downey improvisierten erst einmal als Duo weiter, bis man den völlig betrunkenen Bell noch für ein paar Momente auf die Bühne bugsieren konnte. Am nächsten Tag erklärte dieser seinen Ausstieg.
Um die noch ausstehenden Konzerttermine zu retten, rief Manager Chris Morrison Lynotts alten Freund Gary Moore an. Dieser hatte inzwischen eine eigene Band, nachdem er zuvor mit SKID ROW ebenfalls in London gelandet war. Man hatte sich in den Jahren zuvor öfter die Bühne geteilt und der Kontakt war nie abgebrochen. Um die restlichen Termine zu retten, flog Gary sofort nach Dublin. Moore stellte allerdings klar, dass es sich nur um einen temporären Job für ihn handeln würde.
Bells Ausstieg sollte nicht der einzige Zwischenfall während dieser ereignisreichen Tour bleiben. Zwar vertrat Moore seinen ausgeschiedenen Vorgänger nach nur sechs Stunden Rehearsals ausgezeichnet, doch jetzt zwang eine Handverletzung auch noch Drummer Brian Downey zur Pause. Der Schlagzeuger Pierce Kelly aus Garys neuer Band übernahm für kurze Zeit die Rolle Downeys.
Eine neue England-Tour stand bereits an. Um sich noch besser aufeinander einzuspielen, gaben THIN LIZZY am 12. Januar 1974 (Ulster Hall) und vier Tage darauf im Dubliner National Stadium zwei weitere irische Gigs. Es sollten teils chaotische Erfahrungen werden, doch die Band präsentierte sich zunehmend besser vorbereitet für die englischen Shows im Februar. Mit Gary Moore kam neues Material in die Gruppe; Songs wie Crawling oder I Love Everything About You, bei denen der Gitarrist auch die Lead-Vocals übernahm. Diese wurden dem neuen Programm ebenso hinzugefügt wie die Tracks Suicide und Little Darlin' als Vorgeschmack aufs nächste Album.
Die Tour wurde abwechselnd als Headliner oder Special Guest bestritten. Viele weitere Songs entstanden während dieser Zeit auf der Straße. Neue Lieder wie It's Only Money, Showdown und Still In Love With You erschienen auf den Setlisten. Nach Beendigung der Konzertaktivitäten hielt die Band den perfekten Zeitpunkt für neue Studioaufnahmen für gekommen. Man hatte noch eine Single an Decca abzuliefern, bevor neue Vertragsgespräche geführt konnten.
Little Darlin' Innerhalb von zwei Tagen wurde die Single Little Darlin' (B-Seite Buffalo Gal, statt des ursprünglich geplanten Sitamoia) eingehämmert. Zwar wurde eine kleine Marketingkampagne gestartet, doch die 45er konnte sich in Britanniens Charts nicht platzieren. THIN LIZZY bekamen zunehmend Schwierigkeiten mit ihrem Vertrag, was sich auch auf die Performances von Lynott und Downey auszuwirken begann. Gary Moores Entscheidung, im April 1974 wieder auszusteigen, wurde durch die seiner Meinung nach schlechten Rahmenbedingungen erleichtert. Sein Drang nach Perfektionismus ließ ihn sich wieder auf die eigene Karriere konzentrieren.
Für eine Deutschland-Tour heuerte man die Gitarristen Andy Gee und John Cann (ex-ATOMIC ROOSTER) an. Für Chris O'Donnell, der ab jetzt zum Management-Team gehörte, brachen stressige Zeiten an. Zwar hatten THIN LIZZY jetzt zwei Gitarristen zur besseren livehaftigen Umsetzung ihres Materials, doch stellte sich schnell heraus, dass Cann nicht in die Band passte. Seine Koffer selber zu tragen fiel dem ans Leben eines Rockstars gewöhnten John nicht leicht. Ein Leben auf der deutschen Autobahn war nichts für einen gut bezahlten Session-Musiker, der zudem seine Freundin schmerzlich vermisste. Zwar versuchten alle Beteiligten, die Umstände einer harten Tour im Alkohol zu ertränken, doch Brian Downey hatte inzwischen dermaßen die Nase voll, dass er während der laufenden Tour nach England zurückkehrte, um sich dort bei anderen Bands zu bewerben. Die restlichen Dates wurden mit Ach und Krach bewältigt. Zurück auf der Insel, sollte sich das Line-Up der Gruppe entscheidend verändern.

Thin Lizzy "Thin Lizzy", September 1971, Decca Records:
1. The Friendly Ranger At Clontarf Castle
2. Honesty Is No Excuse
3. Diddy Levine
4. Ray-Gun
5. Look What The Wind Blew In
6. Eire
7. Return Of The Farmers Son
8. Clifton Grange Hotel
9. Saga Of The Ageing Orphan
10. Remembering

Phil Lynott: Vocals, Bass
Brian Downey: Drums
Eric Bell: Guitar
Produziert von: Scott English

Shades Of A Blue Orphanage "Shades Of A Blue Orphanage", März 1972, Decca Records:
1. The Rise And Demise Of Funky Nomadic Tribes
2. Buffalo Gal
3. I Don't Want To Forget How To Jive
4. Sarah
5. Brought Down
6. Baby Face
7. Chatting Today
8. Call The Police
9. Shades Of A Blue Orphanage

Phil Lynott: Vocals, Bass
Brian Downey: Drums
Eric Bell: Guitar
Gast:
Clodagh Simmons: Keyboards
Produziert von: Nick Tauber

Vagabonds Of The Western World "Vagabonds Of The Western World", September 1973, Decca Records:
1. Mama Nature Said
2. Hero And The Madman
3. Slow Blues
4. The Rocker
5. Vagabonds Of The Western World
6. Little Girl In Bloom
7. Gonna Creep Up On You
8. A Song For While I'm Away


Extra Tracks:
9. Whiskey In The Jar (full length version)
10. Black Boys On The Corner
11. Randolph's Tango
12. Broken Dreams

Phil Lynott: Vocals, Bass
Brian Downey: Drums
Eric Bell: Guitar
Produziert von: Nick Tauber & Phil Lynott

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Jürgen Ruland, (Artikelliste), 15.09.2006

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