Discografie (Originalalben und ausgewählte Compilations):
"Thin Lizzy", April 1971
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"New Day", August 1971 (EP)
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"Shades Of A Blue Orphanage", März 1972
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FUNKY JUNCTION, "A Tribute To Deep Purple", Januar 1973
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"Vagabonds Of The Western World", September 1973
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"Night Life", Oktober 1974
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"Fighting", August 1975
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"Jailbreak", März 1976
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"Remembering Part 1", August 1976 (Compilation)
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"Johnny The Fox", Oktober 1976
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"Bad Reputation", September 1977
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"Live And Dangerous", Juni 1978
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"Live And Dangerous", 1978 (Video)
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"Black Rose", April 1979
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"The Boys Are Back In Town", 1979 (Video)
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"The Continuing Saga Of The Ageing Orphans", September 1979 (Compilation)
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Philip Lynott, "Solo In Soho", April 1980
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"Chinatown", September 1980
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"The Adventures Of Thin Lizzy", März 1981 (Compilation)
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"Killers Live", Mai 1981 (EP)
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"Renegade", November 1981
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"Rockers", Dezember 1981 (Compilation)
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Philip Lynott, "The Philip Lynott Album", Oktober 1982
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"Thunder And Lightning", März 1983
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"Life Live", November 1983
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"Whisky In The Jar / The Rocker / Sarah / Black Boys On The Corner [Ltd. Edition 12"]", August 1986 (EP)
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"Dedication - The Very Best Of", März 1991 (Compilation)
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"BBC Radio One Live In Concert", November 1992
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"The Peel Sessions", Oktober 1994 (Compilation)
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"One Night Only", Juli 2000
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"Vagabonds Kings Warriors Angels", Januar 2002 (Compilation, 4-CD Box)
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"Rock Masters", 2004 (DVD)
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"Thin Lizzy At Rockpalast", April 2004 (DVD)
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"Thunder And Lightning Tour", 2005 (DVD)
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"Greatest Hits", August 2005 (DVD)
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Zur Jahreswende 1975/76 galten THIN LIZZY in Insiderkreisen als das nächste "große Ding". In für sie typischer Manier wurde der Auftritt beim drei Tage währenden "Great British Music Festival" (u.a. mit Steve Marriott; ex-SMALL FACES, ex-HUMBLE PIE, gemeinsam mit Peter Frampton) am Jahresende 1975 im Londoner Olympia bestritten. Einer ihrer größten Konkurrenten im Hardrock-Sektor, die seinerzeit höchst populären STATUS QUO, fungierten in der Rolle des Headliners und unterschätzten die Band um Phil Lynott ganz gewaltig. LIZZY fegten QUO regelrecht von der Bühne und steigerten so die Erwartungen fürs kommende Album ins nahezu Maßlose.
Obwohl nun eigentlich alle Zeichen hin zum Positiven deuteten, schlichen sich wie so oft in der Bandgeschichte zumindest für Außenstehende völlige Ungereimtheiten und sinnlose Aktionen ein.
In vielen Fällen begründeten sich diese Vorfälle in den Personen Phil Lynotts und Brian Robertsons. Die beiden standen sich zumeist in einer Art Hassliebe gegenüber. Einerseits bewunderte der LIZZY-Boß die rebellische Veranlagung seines Leadgitarristen, andererseits hasste er es regelrecht, dass Robertson diese nicht unter Kontrolle halten konnte. Im Gegensatz zu Scott Gorham mit seiner coolen Ausstrahlung und disziplinierten Arbeitsweise waren häufige Streitigkeiten zwischen den zwei charismatischen Musikern vorprogrammiert. Ein Beispiel für sinnlose Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe war der Fall, als Brian mit einem mehrere Tage alten Bart zu einer Photosession erschien. Seiner Meinung nach ließ dieser ihn älter und reifer aussehen, während Phil ein bestimmtes Bild davon vorschwebte, wie das Image von THIN LIZZY auszusehen hätte - eben ohne Bart! Was in der Praxis bedeutete: Entweder Robertson ohne Bart oder keinen Robertson auf den Bildern!
Mit Brian Downey gab es ebenfalls Mode-technische Reibereien. Lynott und Gorham mussten den Drummer mit einiger Mühe davon überzeugen, dass man ein gutes Outfit benötigte und auf den Pressebildern nicht "irgendwie" aussehen konnte. Es musste alles zur Musik und zum Image der Band passen.
Wie wichtig eine passende "optische Verpackung" war, bewies das Cover von "Fighting". Um sich nicht ein weiteres mal zu blamieren, sollte Jim Fitzpatrick wieder die künstlerische Gestaltung des nächsten Album übernehmen.
Nach den unerfreulichen Erfahrungen mit Ron Nevison während der Recordings zu "Nightlife" und den enttäuschenden Verkäufen des selbstproduzierten Nachfolgers "Fighting" wurde beschlossen, einen sowohl die Band beruhigenden als auch gleichzeitig fördernden und zu Höchstleistungen treibenden Produzenten zu verpflichten. John Alcock, der u.a. zuvor mit John Entwistle, dem Bassisten von THE WHO, auf dessen Soloalben zusammen gearbeitet hatte, fiel in die nähere Auswahl. Den Managern Chris O'Donnell und Chris Morrison kam die Aufgabe zu, Alcock nach dem Interesse an einer Zusammenarbeit mit THIN LIZZY zu befragen. Nachdem er diese während einer College-Tour im Januar '76 in irgendeinem Winkel der britischen Insel gesehen hatte, willigte Alcock ein.
Das mittlerweile zwei Jahre alte Line-Up Lynott/Downey/Robertson/Gorham lebte inzwischen mit der großen Gefahr, die Unterstützung ihrer Plattenfirma Phonogram zu verlieren. Der Druck, mit neuem Songmaterial aufwarten zu müssen, nahm permanent zu und erhöhte die Spannungen innerhalb der Gruppe. Unter der Führung O'Donnells und Morrisons waren sämtliche finanzielle Ressourcen aufgebraucht und der Druck, eine Hit-Single bzw. ein höhere Verkäufe erzielendes Album zu produzieren, gestaltete sich schier unerträglich.
Bereits nach kurzer Zusammenarbeit wurde Alcock klar, dass sich unter der Oberfläche ein Vulkan zusammenbraute. Die ersten Rehearsals verliefen schlecht und es gab lange Diskussionen darüber, wie beispielsweise die Gitarren gestimmt werden sollten.
Die Aufnahmen sollten in den Ramport Studios (Battersea, London), welche gerade von den WHO fertig gestellt wurden, statt finden. Zuvor hatten THIN LIZZY drei Wochen auf einer Farm im englischen Niemandsland zugebracht, um erste Demos fertig zu stellen. Man war sich dessen bewusst, dass es sich um die dritte und eventuell letzte Chance handelte. Am Ende waren fünfzehn Songs geschrieben, von denen keiner der vier Musiker so recht zu wissen schien, welche davon gestrichen werden sollten, um die notwendigen zehn Tracks fürs Album herauszufinden. Bei einem der Songs auf der Streichliste handelte es sich um The Boys Are Back In Town. Manager Chris O'Donnell nahm sich die Liste vor, hörte das Songmaterial durch und erwähnte, dass er The Boys... mochte. Daraufhin wurde der Song mit der Aussage, wenn wenigstens einer das Lied hörenswert fand es wohl doch etwas tauge, wieder zu den zur Aufnahme vorgesehenen Tracks genommen.
Zudem gab es weiterhin Probleme mit Robertson, der sich einfach nicht richtig einfügen konnte. Nach der Trennung von einer Freundin musste man ihn gar für ein paar Tage heim zu seinen Eltern nach Schottland schicken, damit er sich dort wieder ein wenig erholen konnte. Aktionen wie diese trugen nicht gerade zum Abbau der bandinternen Spannungen bei.
John Alcock sollte sich als die richtige Wahl erweisen. Er bewies ein goldenes Händchen im Umgang mit den teilweise schwierigen Musikern. Robertson konnte an manchen Tagen brillant und an anderen lustlos und wütend über alles und jeden sein. Alcock verstand es, die genialen Momente zu erwischen. Downey bildete den ruhenden Pol im Vergleich zum hartnäckigen und verbissenen Lynott, während der technisch versierte Gorham seine Parts diszipliniert im Vergleich zum äußerst emotionalen Robertson aufnahm. LIZZYs Gitarren-Duelle und Harmonien, Phils Art zu singen und seine einzigartigen Lyrics sowie Brians Power an den Drums bildeten für Alcock die Stärken der Band.
Trotz heftiger Trinkgelage machte die Gruppe stetige Fortschritte, denn ihr Produzent bewies ein großes Geschick darin herauszufinden, wie man das Beste aus den Musikern herausholen konnte. Es entstand ein Sound, der heavier und dichter als alles war, was LIZZY bis dato abgeliefert hatten. Lynott hatte ebenfalls dazugelernt und zeigte ein geübtes Ohr für Melodien und Stimmungen. Die Overdubs der Gitarren mussten permanent wiederholt werden, sobald auch nur die geringsten Diskrepanzen hörbar wurden.
Nach rund fünf Wochen Aufnahmen, mit zwischen fünfzehn und achtzehn Stunden dauernden Sessions, ging man an den Mix des "Jailbreak" betitelten Album. Wieder setzten Diskussionen um die Wahl der richtigen Single ein. The Boys Are Back In Town wurde auserkoren und mit einiger Skepsis begleitet, da keineswegs absehbar war, wie die Reaktion der "alten Tante BBC" auf die Texte des Songs ausfallen würde.
Nachdem die Arbeiten zu "Jailbreak" Ende Februar 1976 beendet waren, begab sich die Band wieder sofort "on the road" und spielte sogenannte "warm-up gigs" zur Vorbereitung ihrer nächsten Amerika-Tour. Mit einem neuen, noch nicht erhältlichen Album im Gepäck, spielten THIN LIZZY kreuz und quer durch England, mit GRAHAM PARKER AND THE RUMOUR als Support-Act. Die Reaktionen auf das neue Material fielen gut aus. Zu diesem Zeitpunkt stand die Wahl der nächsten Single immer noch nicht fest und es gab Ideen, einen mehr oder weniger bekannten Song zu covern, um die Chance zu einem Hit und besserer Promotion der anstehenden Langspielplatte zu vergrößern.
"Jailbreak" sollte ein großartiges Album werden. Fans der Band kannten binnen Kürze die Zeilen von vielen Nummern in- und auswendig. Mit Songs wie Warriors, Cowboy Song oder Jailbreak bedienten LIZZY viele Hardrock-Fans mit den gewünschten Klischees, und mit dem ebenfalls heftigen, von der ganzen Band geschriebenen Emerald wurde die Blut getränkte Geschichte Irlands wiederholt eindrucksvoll verarbeitet. Lynott & Co. hatten sich auf dieser LP selbst übertroffen. Das Konzept mit dem Vagabund, der seine Freiheit in einer harten Welt zu erhalten versucht, sich mit seinen Kumpanen in nächtelange Ausschweifungen begibt und nie seinen Sinn für Romantik verliert, war so trefflich aufgemacht, dass sich größere Teile der britischen Jugend damit zu identifizieren begannen. THIN LIZZY hatten, nachdem man auf "Fighting" schon nahe dran gewesen war, endlich zu ihrem charakteristischen Sound gefunden und brachten es jetzt nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern auch in den USA, Europa und Japan zu beachtlichen Erfolgen, die sie weltweit zu einem Begriff im Bereich der Rockmusik werden ließen. Phil Lynott begann einen teilweise legendären Ruf zu genießen. Dass er mit steigender Erfolgskurve auch zunehmend private und später ebenfalls berufliche Probleme bekam, sollte eine Ironie des Schicksals darstellen und schien Mitte 1976 keineswegs absehbar.
Mit "Jailbreak" schafften es THIN LIZZY, sich vollständig in der Musikszene zu etablieren. Bedingt durch einen weitreichenden musikalischen Grad an Weiterentwicklung und der notwendigen Portion Glück, zum richtigen Zeitpunkt am rechten Ort zu sein. Es schien alles darauf hinzudeuten, dass die Gruppe nach jahrelanger Durststrecke und vielen Entbehrungen eine weitreichende Karriere vor sich hatte.
Das Album begann mit dem krachenden Titelsong Jailbreak. Das zuweilen unschuldige Image der Vergangenheit war endgültig passé, allein schon die Texte zeigten die Band jetzt häufig von einer aggressiveren Seite. In punkto Virtuosität hatte man ebenfalls mindestens einen Gang zugelegt. Die Einwirkung amerikanischer Einflüsse auf Lynotts Songwriting nahm zu und wurde immer offensichtlicher. Das leicht freakig wirkende Angel From The Coast beinhaltete ebenfalls die neuen lizzyschen Trademarks, doch die Kollaboration zwischen Lynott und Robertson ging letztlich ein wenig unter. Dabei zeigte es die Band in einer lebhaft überzeugenden Form.
Beim Thema Running Back gab es erneut Diskrepanzen zwischen den beiden Streithähnen. Laut dem schottischen Gitarristen war der Lynott-Track in seiner Ur-Version ein überzeugender Blues, auf dessen Demoversion Robertson Piano und Bottleneck-Gitarre spielte. Lynott und Produzent John Alcock änderten jedoch aufgrund Drucks der Plattenfirma das komplette Arrangement und eine poppige Fassung, die ursprünglich als Single vorgesehen war, landete letztlich gegen Brians Willen auf dem Longplayer. Natürlich spielte er diese Version nicht mit ein und die Band verpflichtete statt dessen einen Keyboarder namens Timmy Hinkley, den sie auch noch teuer bezahlen musste.
Lynotts Romeo And The Lonely Girl beinhaltete das häufig von ihm behandelte "Romeo"-Thema und stellte im Prinzip nichts anderes als einen Lückenfüller der Marke THIN LIZZY-"light" dar. Wohl auch ein Grund dafür, warum es "Jailbreak" nie ganz zum Status eines Album-Klassikers brachte.
In Kooperation mit dem zweiten Gitarristen Scott Gorham schrieb Phil Lynott das donnernde Warriors, das ein fulminantes Solo enthielt und nicht umsonst als einer von vielen Tracks "Jailbreak"s fortan zum Live-Repertoire der Gruppe zählte. Es folgte daraufhin eine Rock'n'Roll-Attacke in Form von The Boys Are Back In Town. Für LIZZY sollte es von nun an eine Hymne wie Light My Fire (THE DOORS) oder Bohemian Rhapsody (QUEEN) werden. Einfach ein Klassiker im wahrsten Sinne des Wortes und nahezu unbegreiflich, dass es beinahe nicht einmal auf die LP gekommen wäre.
Fight Or Fall wurde häufig als pures Wiederkäuen von Half Caste, der B-Seite von Rosalie (Single aus 1975), bezeichnet. Unspektakulär und im Grunde ein reiner Lückenfüller.
Die Credits für Cowboy Song gingen gemeinsam an Lynott und Brian Downey. Der rockige Track besaß eigentlich das Zeug zu einem weiteren unsterblichen Song, wurde jedoch seinerzeit ein wenig unterschätzt. Phil Lynott beim Singen von Geschichten aus der Prärie zeigte überdeutlich den nordamerikanischen Einfluss. Möglicherweise hätte man besser Cowboy Song statt später Jailbreak als zweite Single ausgekoppelt, eventuell wäre dann für LIZZY in den LP-Charts noch mehr drin gewesen.
Das abschließende Emerald, eine gemeinschaftliche Komposition aller vier Bandmitglieder, bildete eine Rückkehr nach Irland. Textlich von Kampf und Ehre handelnd, setzten die punktgenau eingespielten Gitarren Robertsons und Gorhams dem Song die Krone auf. Der episch angelegte Track bildete laut Robertson nicht die einzige Gemeinschaftsarbeit, da eigentlich jeder zu fast jedem Song etwas beisteuerte. Wachsende Ego-Probleme diesbezüglich bargen genügend Konfliktstoff für die Zukunft, was der breiten Öffentlichkeit natürlich nicht bekannt war.
Mit der noch in der Luft hängenden Entscheidung über die erste Singleauskopplung flogen THIN LIZZY in die Vereinigten Staaten. Angepeilt hatte man eine rund sechswöchige Tournee im Vorprogramm diverser Stadion-Rocker wie AEROSMITH, ZZ TOP, REO SPEEDWAGON, RUSH oder STYX. LIZZYs amerikanische Plattenfirma, Mercury Redcords, setzte großes Vertrauen in das neue Album. Dort hielt man den Zeitpunkt zum endgültigen Durchbruch für die Band gekommen und versprach sich für alle Beteiligten einen hohen finanziellen Gewinn. Durch die Stadion-Tour sollten möglichst viele potentielle Käufer angesprochen werden.
(Im Frühjahr 1976 waren beispielsweise AEROSMITH, die mit ihrer damals aktuellen LP "Rocks" enorme Verkaufszahlen erreichten, eine der erfolgreichsten Bands des riesigen Landes. LED ZEPPELIN standen kurz vor einem Kollaps, die STONES hatten nach dem Fortgang Mick Taylors einen kreativen Durchhänger und John Lennon schien in Rente gegangen zu sein. Neue Gruppen wie BOSTON übernahmen das Album-orientierte FM-Radio mit Hits wie "More Than A Feeling", und "Free Bird" von LYNYRD SKYNYRD, oder "Dream On" - AEROSMITH - wurden zu Hymnen des nordamerikanischen Radios. Zwei Schwestern aus dem Bundesstaat Washington formten HEART und rockten die Häuser. Peter Frampton stellte mit seinem Live-Album neue Verkaufsrekorde auf und KISS galten als heißeste neue Band Amerikas.
1976 präsentierte sich als das bisher erfolgreichste Jahr für die boomende Plattenindustrie der siebziger Jahre. Es wurden dermaßen viele Alben verkauft, dass eine neue Auszeichnung kreiert wurde. Statt wie bisher Gold und Silber gab es ab jetzt auch Platin-Auszeichnungen für eine Million und mehr verkaufte Alben.)
Aus den ursprünglich geplanten sechs Wochen auf Tournee im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wurden mit einer Unterbrechung schließlich drei Monate. Die amerikanische Plattenfirma wählte The Boys Are Back In Town als Single aus und landete prompt einen Volltreffer. Das kluge Handeln Mercurys zahlte sich mit einem zwölften Platz in den Billboard Charts aus. LIZZYa Hit wurde im Radio rauf und runter gespielt. Bedingt durch das viele Airplay kletterte auch die LP immer weiter in den Album-Charts nach oben und erreichte schließlich für viele unerwartet die Position achtzehn, was im Nachhinein die höchste jemals von LIZZY erreichte Platzierung in den US-Album-Charts bleiben sollte.
Obwohl die Band während der zurückliegenden sechs Jahre ununterbrochen durch das United Kingdom getourt war, führte erst der Erfolg in Scott Gorhams Heimatland zur internationalen Anerkennung der Gruppe. Während der Zeit in den USA verzehnfachte sich der Marktwert THIN LIZZYs. Kostete eine Verpflichtung der Band zuvor vergleichsweise armselige 500 englische Pfund pro Gig, so mussten die Veranstalter nun 5.000 Pfund Sterling auf den Tisch des Hauses legen.
Die US-amerikanischen Dates wurden zur Lernphase. Man konnte sich Eindrücke über die teilweise raffinierten Machenschaften und Strukturen der großen Acts verschaffen. Die mittlerweile durch unzählige Live-Auftritte geübten LIZZY-Musiker hatten zuweilen mit Ärgernissen und dem Neid vermeintlich größerer Künstler zu kämpfen. So flogen beispielsweise REO SPEEDWAGON aus der gemeinsamen Tour mit RUSH und STYX. Jeden Abend vor 20.000 bis 30.000 Zuschauern auftretend, besaßen REOs Auftritte eine derartig miserable Qualität, dass die Herren Lee, Lifeson & Peart sichtlich genervt waren. Letztlich landeten Lizzy auf dem begehrten Platz vor den kanadischen Prog-Rockern.
Die US-Tour dauerte über den ganzen Mai des Jahres '76, mit Konzerten in Metropolen wie Detroit, Chicago und Cleveland. Im Anschluss daran folgte eine Konzertreise durch die Heimat mit enorm starken Gigs, in deren Vorprogramm GRAHAM PARKER AND THE RUMOUR spielten. Zwar lagen zwischen den beiden Gruppen musikalische Welten, doch bereits hier zeigte sich Lynotts ausgeprägter Wille zu Experimenten, die ihm nicht nur Freunde einbringen sollten. Zu jenem Zeitpunkt allerdings kletterten Lynott, Downey, Gorham und Robertson die Stufen auf der Erfolgsleiter empor. Hatte man zuvor meist in Clubs wie dem Londoner Marquee vor fünf- bis sechshundert Besuchern gespielt, so folgte jetzt ein Wechsel in größere Hallen mit drei- oder viertausend Plätzen wie dem Hammersmith Odeon, jenem legendären Ort in der britischen Hauptstadt und Schauplatz von unzähligen Konzerten vieler namhafter Bands. Eine Art von LIZZY-Mania begann sich übers ganze Land zu verbreiten.
Nach dem Erfolg von The Boys Are Back In Town in den Staaten, entschied sich Phonogram, den Song auch in heimischen Gefilden als Single herauszubringen, wo er ebenfalls wie der Blitz einschlug und THIN LIZZY den zweiten Top-10-Hit in Großbritannien bescherte. Veröffentlicht Ende Mai '76, kletterte die Single bis auf die Position acht. Für ein Promotion-Video wurde die damals beachtliche Summe von 2.500 Pfund Sterling investiert. Mit The Boys... konnte das Gerede vom Ein-Hit-Wunder (1973 mit Whiskey In The Jar) endgültig zu den Akten gelegt werden. Die Leser und Journalisten des renommierten New Musical Express sollten den Song später in Großbritannien zur Single des Jahres wählen. Letztlich dürfte der folgende Erfolg von "Jailbreak" besagtem Hit zu verdanken sein.
Im Anschluss an die UK-Tournee ging es erneut über den großen Teich zum zweiten Teil der Amerika-Tour. Diese Mal mit Alice Cooper und später mit RAINBOW auftreten sollend, spürten die LIZZY-Musiker schnell, dass sie mit Single, Album und den zurückliegenden Auftritten einen guten Eindruck hinterlassen hatten.
Nachdem man die Dates als Anheizer für den amerikanischen Schock-Rocker hinter sich gebracht hatte, standen für den weiteren Verlauf Shows im Vorprogramm von Ritchie Blackmores RAINBOW an. In der Nacht vor dem geplanten ersten Auftritt in Columbus (Ohio) erkrankte Phil Lynott. Er hatte sich mit Hepatitis infiziert und die geplanten Auftritte mussten abgesagt werden. Anschließend lag Lynott mehrere Wochen im Krankenhaus.
Für THIN LIZZY sollte sich die gecancelte Tour als regelrechter Schlag in die Magengrube erweisen. Die Band war laut Brian Robertson in einer Top-Verfassung und heiß darauf, den amerikanischen Markt endgültig zu knacken. Zudem freute sich Phils schottischer Gitarrero immens auf eine gemeinsame Tour mit Jimmy Bain, einem guten Kumpel und damaligen Bassisten von Blackmores personell sich häufig veränderndem Begleitensemble. Es war naheliegend, dass Lynotts plötzliche schwere Erkrankung in unmittelbarem Zusammenhang mit seiner zunehmend ungesunden und immer exzessiveren Lebensweise stand. Ritchie Blackmore, der mit RAINBOW just zu dieser Zeit das Jahrhundert-Album "Rising" promoten wollte und LIZZY mit ihrem Chartbreaker "Jailbreak" - das Package besaß die allerbesten Voraussetzungen für eine phänomenale Tournee. Der als äußerst exzentrisch geltende ehemalige DEEP PURPLE-Mitstreiter schäumte vor Wut und ließ anschließend durch einen seiner Mitarbeiter verkünden, kein Mitglied des LIZZY-Camps, weder Musiker noch Roadies oder Manager, brauche sich auf einem seiner folgenden Gigs blicken zu lassen. Die weiteren Folgen dieses Tiefschlags für THIN LIZZY sollten sich allerdings erst im Laufe der Zeit herauskristallisieren.
Zurück in England, verbrachte Lynott drei Wochen der Erholung im Hotel seiner Mutter in Manchester. Philomena erkannte sofort den schlechten Gesundheitszustand ihres Sohnes, bemängelte dessen schlechte Zähne und seinen ausgeflippten Lebensstil. Phil machte sich später darüber lustig und bemerkte philosophisch, er wäre halt ein "Grenzfall".
Das Album "Jailbreak" hatte es bis auf den zehnten Platz der LP-Hitparade im heimischen United Kingdom gebracht. Damit hatten Lizzy den Sprung in die erste Liga geschafft. Die Erfolge sowohl in der Heimat als auch im Ausland schienen der Gruppe weiteren Antrieb zu verleihen und brachten einige Vergünstigungen wie bessere Hotels und vor allem höhere Gagen mit sich. Entgegen dem Rat seiner Ärzte trat Lynott mit seinen Kollegen bereits Mitte Juli '76 zum Dank an die treuen englischen Fans für ein einzelnes Konzert im rappelvollen Londoner Hammersmith auf, um sich anschließend wieder unter die weitere Obhut der Mediziner zu begeben.
Vertigo wussten aus den plötzlich guten Vorraussetzung nicht so recht Kapital zu schlagen und begingen einen von in Zukunft häufigen kapitalen Fehlern bei der Wahl und Vermarktung einer Single THIN LIZZYs. Statt beispielsweise ein Romeo And The Lonely Girl auszukoppeln, um der Welt zu demonstrieren, dass sich hinter der Gruppe weitaus vielseitigere Musiker als augenscheinlich harte, wenn auch auf ihre Art geniale Rocker verbargen, veröffentlichte die Plattenfirma mit Jailbreak zwar einen Knaller der Live-Auftritte LIZZYs, jedoch als Single völlig ungeeigneten Track. Der Song blieb Ende Juli auf der Position 31 hängen, selbst mit der vermeintlichen Unterstützung eines Auftritts bei der landesweit angesagten TV-Sendung "Top of the Pops". Der dortige Auftritt geriet ins Lächerliche, Robertson und Gorham drohten aus choreographischen Gründen jeden Moment von der Studio-Bühne zu fallen.
Phonogram, sprich Vertigo, hatten Geld gerochen. Die Kuh musste solange gemolken werden, wie sie ausreichend Milch, sprich Kohle, zu geben versprach. Wer sich Jahre später die Mühe machte und die Geschichte der Plattenfirma betrachtete, konnte gleiches im Falle STATUS QUOs beobachten, den Label- und Genrekollegen THIN LIZZYs (beinharten Fans der britischen Boogie-Rock-Institution dreht sich bis heute aufgrund des frappierenden Unterschied zwischen "Blue For You" - 1976 - und "Rockin' All Over The World" - 1977 - der Magen um). Ganz so etabliert wie die Herren Rossi, Parfitt, Lancaster und Coghlan waren Lynott und seine Kollegen allerdings noch nicht, und so hatte man seitens der Verantwortlichen Phonograms ein leichteres Spiel.
Ein weiteres Album musste her. Egal, ob der Frontmann LIZZYs sich noch nicht vollständig erholt hatte. Egal, ob eigentlich noch gar nicht genügend und vor allem überzeugendes Songmaterial zur Verfügung stand.
Die Mitte des August 1976 sah THIN LIZZY bereits wieder im Studio. In den eher verrufenen bzw. seinerzeit veralteten Musicland Studios in München schien sich ein Desaster anzubahnen. Aus steuerlichen Gründen hatte man auf Manager-Ebene die bayerische Hauptstadt zum Aufnahmeort gewählt. Unter der erneuten Regie John Alcocks begann man mit Aufnahmen, über deren endgültige Ausrichtung völlige Unklarheit herrschte. Während Lynott eine Abweichung vom vergleichsweisen "Heavy-Rock" der letzten LP vorschwebte, stand der Rest der Band nach wie vor unter dem Eindruck von "Jailbreak". Zudem hasste der Ton-Ingenieur Will Reid-Dick (später u.a. SAXON) die Örtlichkeiten.
Die ersten Sessions litten unter technischen Widrigkeiten, Alcock monierte den Zustand der Monitore und des Mischpults. Nach zwei Wochen wurden die Aufnahmen abgebrochen und man kehrte zur vertrauten und komfortableren Umgebung der Ramport Studios und später auch Olympia Studios zurück. Weitere Probleme entstanden, als feststand, dass die Münchener Aufnahmen in London aufgrund technischer Mängel nicht reproduzierbar waren.
Zudem gab es weiterhin Unstimmigkeiten zwischen Lynott, dem Kontroll-Freak, und Robertson, der sich zwar zuweilen selber im Wege zu stehen schien, allerdings musikalisch völlig andere und die Band eventuell weiter nach vorne bringende Ideen hegte. Eine war die Wahl des Produzenten. Robertson bevorzugte Tony Visconti (u.a. wenige Jahre später verantwortlich für den KISS-Megaseller "Dynasty") aufgrund seiner Fähigkeiten als Musiker. Seiner Meinung nach vernachlässigte Alcock besonders die härtere Note von THIN LIZZY. Trotz aller Streitigkeiten beinhaltete das nächste Album, "Johnny The Fox" betitelt, einiges vom bisher aufreizendsten Material der Gruppe, u.a. den späteren Hit Don't Believe A Word.
Die Entstehung des Songs war schon irgendwie typisch für die Ungereimtheiten im Lager LIZZYs. Die Credits für diesen Band-Klassiker weisen Phil Lynott als alleinigen Komponisten aus, während Brian Robertson das später ganz anders darstellte. Während der Aufnahmen zu "Johnny The Fox" traf Lynott eines Morgens mit einigen Songs ein, darunter Don't Believe A Word. Wie sich sein Gitarrist später erinnerte, hatte der Track seinerzeit nicht einmal seinen späteren endgültigen Titel. Bei der ursprünglichen Version handelte es sich um einen langsamen und wenig beeindruckenden 12-Bar-Blues. Robertson tat sein Missfallen kund, woraufhin sein Chef das Weite suchte und tagelang unauffindbar blieb. Dachte der Rest der Band am Anfang noch, Lynott würde sich mit der Tochter ihres damaligen Vermieters einen vergnüglichen Tag machen oder in der nächsten Kneipe sitzen, so mussten die verbliebenen Drei später feststellen, dass dem keineswegs so war. Ihr Sänger/Bassist schien von der Erdoberfläche verschwunden. Um nicht völlig frustriert im Studio betätigungslos herumzusitzen und Lynotts späteren Beschwerden über ihr vermeintliches Nichtstun zu entgehen, begannen Robertson und Downey an den Fragmenten von Don't... zu arbeiten. Der Drummer versuchte, den Song in einem ¾-Shuffle-Rhythmus auf THIN LIZZY-Style zu trimmen, während Brian das später auch verwendete Riff entwickelte. Als man Lynott das neue Arrangement bei seinem Auftauchen aus der Versenkung vorspielte, mochte er die neue Version sofort. Was nicht unbedingt bedeutete, dass er sie auch aufnehmen würde. Es kostete Downey und Robertson noch weitere zwei Stunden überzeugendsten Argumentierens, ehe ihr Sänger/Bassist sich dazu aufraffen konnte. Selbstverständlich mit ihm als alleinigen Komponisten und Texter.
Über den Ursprung des Albumtitel gab es einige Spekulationen. Vermutlich basieren Figur und Charakter der Person Johnny the Fox auf Phil Lynott selber, während die rivalisierende Figur des Jimmy the Weed einen realen Hintergrund hat [Lynott nicht? Red.]. Jimmy stellte wahrscheinlich einen versteckten Hinweis auf Jimmy the Weazel dar, den man mit einer berüchtigten Straßenbande aus Manchester in Verbindung brachte.
Im Opener Johnny schien sich Lynott selber zu sehen. Bedingt durch konstantes Touren war man permanent unterwegs und fühlte sich zuweilen wie auf der Flucht. Es fiel zunehmend schwerer, Phil als Privatmensch von den Figuren und Charakteren in seinen Songs zu unterscheiden. Er begann sich mehr und mehr in der Figur eines kämpferischen Desperado zu sehen, der schreibend in den nächsten Tag geht. Musikalisch fiel Johnny, mit den typischen Lizzy-Trademarks versehen, zwar rockig, aber auch erstaunlich langweilig aus.
Dagegen besaß das folgende Rocky ein anderes Kaliber. Lynott/Gorham/Downey fungierten als gemeinsame Autoren und hatten ein mittelschnelles mächtiges Stück geschaffen, das unverdientermaßen nie die Popularität des Songmaterials der ersten Live-LP erreichen sollte. Textlich basierte es auf der wilden Persönlichkeit Brian Robertsons.
Borderline fiel für Hardrocker enttäuschend aus. Recht belanglos dahinplätschernd, hatte man eigentlich von Brian Robertson als Co-Autor mehr erwarten dürfen. Zeitweilig aufgrund seines kommerziellen Touches zur Auskopplung als Single erwogen, bezogen sich die Lyrics auf eine unglückliche Liebschaft des Gitarristen. Der folgende Klassiker Don't Believe A Word hingegen besaß alles, wonach die Anhänger der "harten" LIZZY dürsteten. Der populäre Song glänzte durch heftige gitarristische Breitseiten, treibende Drums und einer unschlagbaren Melodie.
Einen weiteren Bezug auf Irland nahm Fool's Gold, das zwar nicht unbedingt schlecht, allerdings auch nicht gerade überragend ausfiel. THIN LIZZY verwendeten auffallend viel Material als Füller einer zu früh aufgenommenen LP. Der Härtegrad wurde auch hier erheblich heruntergeschraubt.
Der Kontrast konnte mit Johnny The Fox Meets Jimmy The Weed qualitativ nicht krasser ausfallen. Der schleppende Rhythmus und viele technische Spielereien aller Beteiligten ließen den Song verdientermaßen zu einem DER Songs LIZZYs werden.
Zu einer weiteren Kooperation der Herren Lynott, Gorham und Downey, wie zuvor bereits Rocky und Johnny The Fox..., sollte es beim mächtigen Massacre kommen. In kürzester Zeit im Studio geschrieben, bastelte Lynott hier erneut ein lyrisches Glanzstück aus den Vorstellungen seiner Phantasie zusammen.
Sweet Marie spaltete wie so oft das Lager der LIZZY-Sympathisanten. Für die einen verträumt, für die anderen schlicht langweilig zum Einschlafen. Von einer mittlerweile im allgemeinen Ansehen zur Hardrock-Band ausgewachsenen Formation wurde heftigeres Futter erwartet, was das abschließende Boogie Woogie Dance auch präsentieren sollte. Merkwürdigerweise schrieben einige Kritiker diesen besser zum Image passenden Song als Füllmaterial ab. Wie zuvor und auch in der weiteren Zukunft, THIN LIZZY sorgten für erhebliche Kontroversen.
Rund ein halbes Jahr nach "Jailbreak" sorgte die Veröffentlichung von "Johnny The Fox", auf dem als Gastmusiker Phil Collins (Sänger/Drummer von GENESIS) am Schlagzeug mitgewirkt hatte, vielerorts für Enttäuschung. Wohl auch um das angepeilte Weihnachtsgeschäft noch mitnehmen zu können, erschien das Album bereits im Oktober 1976 und schaffte es im UK bis auf den elften Rang. Trotz aller Kritik festigte die LP LIZZYs Ruf aufgrund von klasse Songs wie Don't Believe A Word, Massacre und Johnny The Fox Meets Jimmy The Weed. Viele Ideen hatte Lynott schon während der Phase seiner Krankheit entwickelt, doch die Band schien nicht genügend vorbereitet gewesen zu sein. Das Mastermind von THIN LIZZY drohte die Kontrolle über die Gruppe zu verlieren, die ständigen Reibereien mit Brian Robertson hinterließen deutliche Spuren. Besonders bei Phil Lynott schien sich mehr und mehr der Eindruck zu verstärken, dass im Verhalten Brians keinerlei Besserung abzusehen war und er sich maßlos überschätzte. Ob drogenbedingt oder nicht, Robbos Ego präsentierte sich seinem Bandleader gegenüber auf eine derartige Übergröße angewachsen, dass dieser feststellen musste, dass sein junger Kollege Brian sich von niemanden mehr etwas sagen ließ.
Trotz zunehmender interner Spannungen und der berechtigten Kritiken an "Johnny The Fox" unterstrich das Album noch den Erfolg, welchen sowohl die Band als auch das Management im Jahre 1976 verzeichnen konnten.
Bevor man während der Monate Oktober und November '76 auf die eminent wichtige Großbritannien-Tour ging, gaben THIN LIZZY vorab Konzerte in Deutschland, Holland und Schweden. Dort verschaffte sich die Gruppe das nötige soundtechnische Grundgerüst zur Präsentation von insbesondere den neuen Songs des "Johnny The Fox"-Albums.
Die englischen Gigs wurden von Adrian Hopkins promotet, den man kurz zuvor als Organisator für LIZZYs Tourkalender verpflichtet hatte. Den gegenwärtigen Konzerten wurde eine große Bedeutung beigemessen, galt es doch im Prinzip zwei Alben ("Jailbreak" & "Johnny...") aus dem bis dato erfolgreichsten Jahr der Band zu promoten. Den Platz als Support-Act nahmen CLOVER ein, eine amerikanische Band mit einem gewissen Huey Lewis als Sänger. (Mit dem 1983 veröffentlichten Longplayer "Sports" sollte ihm unter dem Namen HUEY LEWIS AND THE NEWS ein absoluter Megaseller gelingen. Songs wie "The Heart Of Rock & Roll", "Heart And Soul", "If This Is It" oder "Walking On A Thin Line" gehören bis in die heutigen Tage zum Rückgrat des Mainstream-Radios.)
Die Konzerte des britischen Tour-Ablegers wurden für ein eventuelles Live-Album aufgenommen. In späteren Interviews erwähnte Hopkins, THIN LIZZY hätten sich zu jener Zeit wohl auf dem Höhepunkt ihrer Kreativität befunden, was sich insbesondere in unschlagbaren Konzerten niederschlug.
Im Anschluss an die enorm erfolgreichen Shows in ihrer Heimat waren Auftritte in den Vereinigten Staaten geplant. Unter dem Motto "Christmas Tour" sollten LIZZY, erneut mit Graham Parker im Vorprogramm, durch die USA touren. Management und Plattenfirma waren davon überzeugt, dass der überzeugende und gute Verkäufe erzielende Ausflug im Frühjahr des Jahres ausbaufähig schien. Die Gruppe sollte nun auf ihren endgültigen Durchbruch hinarbeiten. Dazu sollte es allerdings nicht kommen.
Die ersten Dates in New York, Pittsburgh, Detroit, Cleveland und Chicago mussten abgesagt werden. Was war geschehen? Am Abend vor der Abreise geriet Brian Robertson beim Besuch eines Londoner Clubs in eine Schlägerei. Nach eigener Aussage wollte er dort das Gesicht seines befreundeten Musiker-Kollegen Frankie Miller vor einer abgebrochenen Flasche schützen, die ihm eine schwere Handverletzung zufügte. Schließlich wurde absehbar, dass die Wunde längst nicht so schnell heilen würde wie angenommen. Ein Ersatzmann konnte in der Kürze nicht aufgetrieben, geschweige denn eingearbeitet werden. In Folge dessen musste die komplette US-Tour abgesagt werden.
Ein weiteres Mal wurde die Band bezüglich ihrer nordamerikanischen Konzertreisen vom Pech verfolgt. Der Plan zur Eroberung des riesigen US-Plattenmarktes landete in der Schublade. Zwar kehrten THIN LIZZY in den Folgejahren noch mehrere Male in die USA zurück, doch auf eine solche Erfolgswelle wie im Frühjahr '76 sollten sie nie wieder aufspringen können.
Um das Desaster zu vervollständigen, tauchte auch noch die Meldung von der amerikanischen Nachfolge-Single zum erfolgreichen The Boys Are Back In Town auf. Cowboy Song hampelte gerade einmal bis zur Position 77 hoch.
Don't Believe A Word wurde am 15. Januar 1977 in Großbritannien als Single veröffentlicht und sollte ein immens positives Jahr für die Band im United Kingdon einläuten. Sowohl in England (# 12) als auch in Irland (# 2) gab es mit Don't... einen weiteren Top-20-Hit zu verzeichnen. Die Plattenfirma investierte immerhin 4.000 Pfund für die Produktion eines "In-Concert"-Clips. Die Aufnahmen stammten aus dem Londoner Hammersmith Odeon, aufgenommen beim dortigen Konzert im November des Vorjahres.
Im selben Monat waren Phil Lynott und Scott Gorham auch bei der Präsentation von QUEENs "A Day At The Races" zugegen. Bereits damals gab es kurze Gespräche über eine eventuelle gemeinsame Tour. Plötzlich lag das Thema erneut auf dem Tisch. QUEEN standen vor dem Abflug zu einer großen Tournee durch die USA. Chris Morrison und Chris O'Donnell schafften es tatsächlich, LIZZY fürs Vorprogramm zu buchen. Üblicherweise bezahlten Vorgruppen dafür. In diesem Fall erließen QUEEN ihren Landsleuten die Kosten und zeigten sich schlichtweg angetan, eine solch phänomenale Band als Special Guest zu haben.
Da Brian Robertson nach wie vor nicht einsatzfähig war, ließ Lynott die alten Verbindungen zu Gary Moore wieder aufleben und schaffte es, diesen als Gitarrist neben Scott Gorham für die Amerika-Dates zu verpflichten. Nach nur zwei Tagen der Vorbereitung flog man in die Vereinigten Staaten, um an einer Mega-Produktion teilzunehmen. QUEEN lieferten ein riesiges Hardrock-Spektakel ab, in dessen Vorprogramm THIN LIZZY versuchen durften, einen möglichst großen Eindruck zu hinterlassen. Traditionell hatten und haben es viele Vorbands in den USA sehr schwer und LIZZY bildeten da keine Ausnahme. Konnte man zum Beispiel im Mittelwesten der Staaten viel reißen, so gab es in anderen Teilen des Landes für die enthusiastisch spielenden Musiker um Phil Lynott nur wenig zu holen.
Obwohl sich die Zusammenarbeit zwischen Moore und Gorham überraschend positiv gestaltete, kehrte Gary im Anschluß an die Tournee zur Jazzrock-Band COLOSSEUM zurück.
In der Zwischenzeit war Brian Robertsons Handverletzung wieder verheilt und er komponierte gemeinsam mit dem RAINBOW-Bassisten Jimmy Bain Songs für ein geplantes Projekt namens WILD HORSES. Einer dieser Tracks, Girls, landete Jahre später in veränderter Form auf Phil Lynotts ersten Soloalbum ("Solo In Soho", 1980).
Nach einer Erholungsphase von den Strapazen der QUEEN-Tour sollte es nach Toronto (Kanada) ins dortige Sounds Interchange Studio gehen. Dort plante man unter der Leitung von Tony Visconti ein neues Album einzuspielen. Phil Lynott zeigte sich sehr bedacht darauf, nicht mehr mit Robertson in einer Band spielen zu müssen. Ironischerweise hatte gerade dieser Visconti bereits als Produzenten statt John Alcock bei den Arbeiten zu "Johnny The Fox" in Erwägung gezogen. Visconti, der zuvor u.a. mit David Bowie und Marc Bolan gearbeitet hatte, war selber Musiker und schaffte es, aus den trinkfreudigen LIZZY-Jungs ein Optimum herauszuholen. Lynott schien besonders vom reineren Sound der neuen Aufnahmen begeistert.
Als Titel fürs kommende Album stand "Bad Reputation" in Planung, was eine Anspielung auf den teilweise schlechten Ruf der Gruppe wegen ihrer berüchtigten Ausschweifungen darstellte. Die Platte entstand über weite Strecken in Trio-Besetzung. Scott Gorham übernahm fast alle Gitarrenparts und spielte nach anfänglichen Zweifeln besser als je zuvor. Lynott hatte ihm gesagt, dass er mittlerweile soweit als Musiker gereift sei, dass er vollstes Vertrauen in sein Können hätte. Tatsächlich entstanden überragende Songs mit ausgezeichneten Arrangements, an denen sicherlich auch Visconti einen nicht unerheblichen Anteil hatte.
Das musikalische Spektrum der Band präsentierte sich als äußerst vielfältig und ging weit über das übliche Hardrock-Klischee hinaus. Eine Sternstunde bildete sicherlich der tanzbare Popsong Dancing In The Moonlight, welcher es im August 1977 bis auf einen beachtlichen vierzehnten Platz der englischen Single-Charts brachte und in Irland gar eine Nummer vier erzielte. In beiden Ländern wurde der Track über zwei Monate in den Hitlisten notiert. Der Song stellte eine Widmung Phils an seinen Landsmann Van Morrison dar und enthielt ein Saxophon-Solo von John Helliwell, einem Mitglied von SUPERTRAMP, bei denen sich Scott Gorham Jahre zuvor erfolglos beworben hatte.
That Woman's Gonna Break Your Heart hatte man als Nachfolge-Single auserkoren. Sogar ein Video war schon abgedreht, doch im Gegensatz zu jenem von Dancing... kam es in diesem Fall nie zu einer Ausstrahlung.
Lynott romantisierte in seinen Texten einmal mehr einsame Personen wie den Killer Without A Cause oder Soldier Of Fortune. Musikalisch bildete Soldier... eher gepflegtes Mittelmaß und als Opener des Album eine kleine Enttäuschung, wie zuvor Johnny beim vorherigen Longplayer. Killer... hingegen, ein unterschätzter schleichender Hardrocker und das heftige Bad Reputation (B-Seite von Dancing In The Moonlight) boten für die Hardrock-Fraktion erstklassiges Kraftfutter.
Das melancholische Southbound bildete ein weiteres Highlight der LP und landete nicht ohne Grund auf dem Live-Album des Folgejahres. LIZZY at their best.
Leider gab es auch wieder Füller wie die unspektakulären Opium Trail und Downtown Sundown. Opium Trail schaffte es gerade noch, den Hörer durch seine rockigen Elemente zu fesseln, während Downtown Sundown das Zeug dazu besaß, einen ins Reich der Träume zu befördern.
Das spirituelle Dear Lord kam sicherlich unerwartet und zeigte die Band von einer unüblichen, jedoch äußerst überzeugenden Seite. Viscontis Frau Mary sang hier die Backing-Vocals, was Mr. Phil "Rock and Roll" Lynott so dermaßen beeindruckte, dass er es kaum glauben konnte, dass eine Frau mit einer "engelsgleichen Stimme" (O-Ton Tony Visconti) auf einem seiner Alben mitwirkte.
Entgegen der Erwartungen fiel "Bad Reputation" streckenweise recht melodisch aus. Erschienen im September '77, bescherte das Album THIN LIZZY die bisher höchste Platzierung in den britischen LP-Charts. Platz vier und gute Kritiken ehrten eine Scheibe, auf welcher insbesondere Scott Gorham sein Meisterstück abgeliefert hatte. Sogar auf dem Cover der Platte stand er im Mittelpunkt. Erstmals seit "Fighting" hatte man auf die Dienste Jim Fitzpatricks verzichtet und verwendete statt dessen eine schwarz-weiß Abbildung der Gruppe in Trio-Besetzung.

"Jailbreak", März 1976, Vertigo Records:
1. Jailbreak
2. Angel From The Coast
3. Running Back
4. Romeo And The Lonely Girl
5. Warriors
6. The Boys Are Back In Town
7. Fight Or Fall
8. Cowboy Song
9. Emerald
Phil Lynott: Vocals, Bass
Brian Downey: Drums
Brian Robertson: Guitar
Scott Gorham: Guitar
Produziert von: John Alcock
"Johnny The Fox", Oktober 1976, Vertigo Records:
1. Johnny
2. Rocky
3. Borderline
4. Don't Believe A Word
5. Fool's Gold
6. Johnny The Fox Meets Jimmy The Weed
7. Old Flame
8. Massacre
9. Sweet Marie
10. Boogie Woogie Dance
Phil Lynott: Vocals, Bass
Brian Downey: Drums
Brian Robertson: Guitar
Scott Gorham: Guitar
Gäste:
Kim Beacon: Backing Vocals
Phil Collins: Drums
Produziert von: John Alcock
"Bad Reputation", September 1977, Vertigo Records:
1. Soldier Of Fortune
2. Bad Reputation
3. Opium Trail
4. Southbound
5. Dancing In The Moonlight
6. Killer Without A Cause
7. Downtown Sundown
8. That Woman's Gonna Break Your Heart
9. Dear Lord
Phil Lynott: Vocals, Bass
Brian Downey: Drums
Scott Gorham: Guitar
Brian Robertson: Guitar
Gäste:
Mary Hopkin-Visconti: Backing Vocals (Dear Lord)
John Helliwell: Saxophon, Klarinette
Produziert von: Tony Visconti & Thin Lizzy
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