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Teil 5: Im Zenit

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Discografie (Originalalben und ausgewählte Compilations):
Thin Lizzy
"Thin Lizzy", April 1971
New Day
"New Day", August 1971 (EP)
Shades Of A Blue Orphanage
"Shades Of A Blue Orphanage", März 1972
A Tribute To Deep Purple
FUNKY JUNCTION, "A Tribute To Deep Purple", Januar 1973
Vagabonds Of The Western World
"Vagabonds Of The Western World", September 1973
Night Life
"Night Life", Oktober 1974
Fighting
"Fighting", August 1975
Jailbreak
"Jailbreak", März 1976
Remembering Part 1
"Remembering Part 1", August 1976 (Compilation)
Johnny The Fox
"Johnny The Fox", Oktober 1976
Bad Reputation
"Bad Reputation", September 1977
Live And Dangerous
"Live And Dangerous", Juni 1978
Live And Dangerous Video
"Live And Dangerous", 1978 (Video)
Black Rose
"Black Rose", April 1979
The Boys Are Back In Town Video
"The Boys Are Back In Town", 1979 (Video)
The Continuing Saga Of The Ageing Orphans
"The Continuing Saga Of The Ageing Orphans", September 1979 (Compilation)
Chinatown
Philip Lynott, "Solo In Soho", April 1980
Chinatown
"Chinatown", September 1980
The Adventures Of Thin Lizzy
"The Adventures Of Thin Lizzy", März 1981 (Compilation)
Killers Live
"Killers Live", Mai 1981 (EP)
Renegade
"Renegade", November 1981
Rockers
"Rockers", Dezember 1981 (Compilation)
Chinatown
Philip Lynott, "The Philip Lynott Album", Oktober 1982
Thunder And Lightning
"Thunder And Lightning", März 1983
Life Live
"Life Live", November 1983
Whisky In The Jar EP
"Whisky In The Jar / The Rocker / Sarah / Black Boys On The Corner [Ltd. Edition 12"]", August 1986 (EP)
Dedication
"Dedication - The Very Best Of", März 1991 (Compilation)
BBC Radio One Live In Concert
"BBC Radio One Live In Concert", November 1992
The Peel Sessions
"The Peel Sessions", Oktober 1994 (Compilation)
One Night Only
"One Night Only", Juli 2000
Vagabonds Kings Warriors Angels
"Vagabonds Kings Warriors Angels", Januar 2002 (Compilation, 4-CD Box)
Rock Masters
"Rock Masters", 2004 (DVD)
Thin Lizzy At Rockpalast
"Thin Lizzy At Rockpalast", April 2004 (DVD)
Thunder And Lightning Tour
"Thunder And Lightning Tour", 2005 (DVD)
Greatest Hits
"Greatest Hits", August 2005 (DVD)

Bereits während der späten Aufnahmephase von "Bad Reputation" kehrte Brian Robertson ins Lager THIN LIZZYs zurück, wenn auch vorerst sehr distanziert. Die meiste Zeit verbrachte er im Zimmer seines Hotels im kanadischen Toronto. Robbo nahm an einigen Sessions teil und steuerte lediglich bei den Tracks Opium Trail, Killer Without A Cause und That Woman's Gonna Break Your Heart geringe Beiträge auf der Leadgitarre, Voice Box und Keyboards zu. Allesamt Songs, welche nicht zu den Höhepunkten der Platte zählten. Gemeinsame Gestaltung der spärlichen Freizeit mit dem Rest der Band beim Zischen der allabendlichen Biere gab es nicht. Scott Gorham wollte seinen kongenialen Partner zurück in die Gruppe haben, Drummer Brian Downey ebenso, doch Phil Lynott blieb reserviert. Allerdings verdrängte dessen Begeisterung über die Zusammenarbeit mit Producer Tony Visconti und das überzeugende Endergebnis in Form von "Bad Reputation" seine Skepsis, was zur Rückkehr von Robertson ins Line-Up für die nächsten Live-Auftritte führen sollte. Bei den darauffolgenden Touren durch Europa und Amerika war Brian wieder dabei.
Typisch zuvor übrigens der Einstand des hitzköpfigen Schotten bei seinem Aufnahmeleiter. Dieser, nichtsahnend von der Person seines Zimmernachbarn in Toronto, beschwerte sich bei der Hotelrezeption über ruhestörenden Lärm enormen Ausmaßes. Robbo hatte auf seiner neuen "Boombox" geübt und wollte anscheinend die übrigen Mitbewohner der noblen Unterkunft an seinem Spiel teilhaben lassen...

Ende September 1977 standen THIN LIZZY für eine weitere US-Tour in den Startlöchern. Mit einem starken Album im Rücken und Robbos Rückkehr ins "Classic Line-Up" schienen die Voraussetzungen bestens. Bereits einige Wochen zuvor, im August '77, hatte man einen Auftritt als Headliner beim prestigeträchtigen Reading Festival in England absolviert, bei dem im Vorprogramm AEROSMITH, ULTRAVOX und die LITTLE RIVER BAND auftraten. Weitere Festival-Auftritte in Europa vergrößerten dort den Ruf der Gruppe noch um einiges. Obwohl LIZZY sich teilweise musikalisch auf neue Ebenen begeben hatte, stellte die Band den absoluten Publikumsliebling. Einen Beweis dafür sollte neben Reading auch das ausverkaufte Konzert im Dalymount Park (Dublin) bilden. Zeitgleich erschien zudem Lynotts zweites schriftstellerisches Werk, schlicht und einfach "Philip" betitelt.
Philip Nach einer Woche Rehearsals startete eine weitere Nordamerikareise mit wiederum Graham Parker im Vorprogramm. Typisch für die Band, dass es sofort wieder einen Tiefschlag zu verzeichnen gab. Frank Murray, langjähriger Mitarbeiter in der LIZZY-Organisation seit frühen gemeinsamen Dubliner Tagen, verkündete seinen Abschied. Der immer exzessivere Lebensstil der Gruppe gab letztlich den Ausschlag für ihn. Im Spätherbst '77 genossen THIN LIZZY die Ausschweifungen, welche der Ruhm mit sich gebracht hatte. Deren Auswirkungen sollten allerdings mehr und mehr das Schicksal der Band beeinflussen.
Mittlerweile besaßen LIZZY in ganz Europa eine enorme Popularität, während der amerikanische Markt für sie nicht zu knacken war. Schlechtes Marketing, in der Qualität schwankende Alben, Fehler im Management, schwache Promotion, geplatzte Tourneen - es konnte eine Millionen Gründe für die Gleichgültigkeit der US-Rockfans gegenüber der Gruppe geben. Ein Beispiel war die sicherlich unglückliche Wahl von GRAHAM PARKER AND THE RUMOUR als Vorband. Nicht unbedingt als stilistisch passendste Begleiter geeignet, verließen beim New Yorker Konzert die Hälfte der dort anwesenden Leute den Saal, als THIN LIZZY mit den ersten Takten begannen.
(Ähnlich erging es den Vertigo-Kollegen von STATUS QUO - in den USA bei Capitol Records, einer Tochter der guten alten EMI, gelandet - denen es ebenfalls trotz mehrerer Tourneen durch das Riesenland nie gelingen sollte, auch nur annähernd an die europäischen Erfolge anzuknüpfen. Als weiteres Beispiel für nordamerikanische Ignoranz gelten SLADE, die während ihrer Glanzzeit mit ihrem stampfenden Glam-Hard-Rock jenseits des Atlantiks nur wenig bewegen konnten.)
Die Monate November und Dezember 1977 sahen THIN LIZZY erneut auf einer äußerst erfolgreichen Tournee durch Großbritannien. Mittlerweile hatte die Explosion des Punks stattgefunden und mit den RADIATORS FROM SPACE eine Formation dieses Genre den Platz als Special Guest eingenommen. Die sogenannte "Bad Reputation"-Tour gestaltete sich für LIZZY als ein wiederholter Triumphzug durch heimatliche Gefilde und diente als weitere Grundlage für das im nächsten Jahr veröffentlichte Live-Album.

Die Aufnahmen zu "Bad Reputation", nachfolgende ausgedehnte Konzertreisen und die nicht minder anstrengenden Ereignisse drum herum hatten besonders bei Scott Gorham Spuren hinterlassen. Spürbar ausgebrannt und monatelang von der Familie getrennt, reichte der Kalifornier den dringend benötigten Urlaub ein. Sein Kollege Phil Lynott machte sich während dessen an die ersten Aufnahmen für ein geplantes Soloalbum heran. Auch Scott Gorham spielte nach seiner Ruhephase mit dem Gedanken von Aufnahmen als Solist und begrub diese kurz darauf wieder, als er fürchtete, seine Mitgliedschaft in der Gruppe zu gefährden. Brian Downey verbrachte die Freizeit mit Frau und Sohnemann, während Brian Robertson sich mit Kumpel Jimmy Bain einige Kneipen von innen betrachtete.
Phonogram gönnten THIN LIZZY kaum eine Verschnaufpause und standen bereits mit den Wünschen für ein weiteres Studio-Album auf der Matte. Lynott und seine Kollegen besaßen zu diesem Zeitpunkt kaum ausreichend taugliches Songmaterial. Allerdings überzeugten sie Tony Visconti davon, die nächste LP aufgrund der erfolgreichen Zusammenarbeit erneut zu produzieren. Für die Zwischenzeit dachte man an die Veröffentlichung eines Live-Album.
Visconti war eigentlich mit weiteren Projekten (David Bowie, STEVE GIBBONS BAND, RADIATORS FROM SPACE, Rick Wakeman) voll ausgebucht, doch er opferte mehrere Wochen seiner knapp bemessenen Zeit, um sich gemeinsam mit der Band durch die vorhandenen Live-Bänder mit Aufnahmen aus Toronto, Philadelphia oder London zu hören. Im Bewusstsein, etwas Großartiges in den Händen zu halten, begab man sich darauf hin an die Auswahl der gelungensten Aufnahmen aus über dreißig Stunden Live-Material.
Wie so oft in der Historie LIZZYs, so gibt es auch über die Entstehung des ersten Live-Album kontroverse Aussagen. Laut Tony Visconti war nicht nur die Wahl der "richtigen" Mitschnitte ein mühseliges Unterfangen. Hatte man einen passenden Track gewählt, fragte beispielsweise Phil, ob er nicht noch ein paar Vocals zur Verbesserung der Aufnahme einsingen könne. Irgendwann fiel Visconti zudem auf, dass Gorham und Robertson die Backing-Vocals während der Hälfte der Songs verpassten, weil sie sich viel zu weit entfernt von ihren Mikrophonen befanden. Wer nach seiner Aussage genau hinhört, könne entdecken, dass Lynott Harmonies singt, während er parallel dazu an den Lead-Vocals zu hören ist. Dann folgte die Ausbesserung der Bass-Linien. Lynott hatte Passagen gar nicht gespielt, da er zu sehr in seinem Gesang vertieft war. Klar, die Leadgitarren, sprich deren vermasselte Momente, sollten ausgemerzt werden. Der Produzent kam allen Verbesserungswünschen nach und befand anschließend, dass es sich nun wohl doch nicht mehr um ein reines Live-Werk handelte. Wie gut, dass Brian Downeys Drums und die Reaktionen des Publikums zufriedenstellend ausfielen.
Konträr dazu die Meinung Brian Robertsons. Dass es sich bei "Live And Dangerous" zu 70 bis 80 Prozent um Overdubs handelt, verweist er als Fabel ins Märchenland. Die Aufnahmen entstammten einem Zeitraum von mehr als einem Jahr und seien weltweit, wahrscheinlich aus steuerlichen Gründen, entstanden. Es gab ein paar Korrekturen bei den Backing-Vocals und wenige Overdubs betreffend dem Spiel Gorhams. Er selber hätte gegenüber Phil Lynott die nachträgliche Überarbeitung eines seiner Soli abgelehnt, was natürlich wie gewohnt mit einer heftigen Diskussion verbunden gewesen sei. Viscontis Äußerungen führt Robbo auf eine Flasche Brandy zurück, welche er in dessen Kontrollraum bemerkt zu haben glaubte.
[Wir empfehlen zu diesem Thema auch den Artikel über das Album "Live And Dangerous" im Home of Rock; Red.]
Live And Dangerous Video Während in den Anfängen des Jahres 1978 am Mix von "Live And Dangerous" gefeilt wurde, kam es parallel zu Vorbereitungen von Filmaufnahmen eines Auftritts der Band. Am 29. März wurde der Gig im Londoner Rainbow gefilmt, um zum Zeitpunkt der LP-Veröffentlichung im englischen Fernsehen ausgestrahlt zu werden. Später erschienen die Aufnahmen als 60-minütiges "Live And Dangerous" Tour-Video. Von der Ausführung und Songauswahl, die man wie immer und überall nie allen recht machen konnte, war und ist dieses Video allerdings uneingeschränkt empfehlenswert, auch wenn es einige Kritiker gibt, die Disharmonien rein persönlicher Art zwischen Gorham und einem angeblich lustlosen Robertson zu beobachten glaubten. Irgendwo sollten auch noch eine ganze Reihe weiterer Filmaufnahmen schlummern. Laut Brian Robertson wurde sowohl das komplette Konzert als auch die Rehearsals am Tag zuvor gefilmt. Über den Verbleib der Originalbänder herrscht Rätselraten. Möglicherweise liegen sie bei einem ihrer damaligen Manager, Chris Morrison oder Chris O'Donnell, in irgendeiner Kellerecke.
Als Vorgeschmack erschien im April '78 eine überarbeitete Live-Version von Rosalie, jenem Bob Seger-Track, den man bereits drei Jahre zuvor ohne Erfolg als Single herausgebracht hatte. Rosalie enthielt nun zusätzlich einige Passagen von Cowboy Song und bildete den perfekten Anheizer für das folgende Doppel-Live-Album.
Während es im UK einen respektablen Platz 20 erreichen konnte, reichte es in Irland sogar bis zur Position 13. Allerdings verweilte Rosalie in Großbritannien für satte 13 Wochen in den Charts, während es sich auf der grünen Insel bereits nach 3 Wochen wieder verabschiedete.
Der Mai sah die Gruppe auf einer weiteren Exkursion durch Europa. Nachdem Lynott & Co. diverse Auftritte in Deutschland und Frankreich hinter sich gebracht hatten und wieder in Britannien gelandet waren, erschien am 2. Juni 1978 eines der wohl populärsten Live-Alben aller Zeiten.
Live And Dangerous "Live And Dangerous" schoss sofort in der Album-Hitparade hoch bis auf den zweiten Platz. Selbst begeisternde Kritiken konnten nicht dafür sorgen, dass es im UK zur Nummer eins gereichte. Einzig und allein der Soundtrack zum Film "Grease" mit John Travolta und Olivia Newton-John war daran schuld, dass die Platte nie auf den ersten Platz der britischen Charts gelangte. Als Entschädigung sollte "Live And Dangerous" jedoch sagenhafte 62 Wochen in den Verkaufslisten notiert bleiben. Die Verkaufszahlen der Scheibe wurden in Schritten zu Hunderttausend gemessen und ließen die finanziell problematischen Zeiten noch zu "Fighting" (1975) endgültig passé werden.
Bereits optisch bildete das aufwendig gestaltete Album ein absolutes Schmankerl. Viele farbige Photographien im Innenteil des Klappcovers und auf den Innenhüllen der beiden Platten ließen den Betrachter regelrecht ins Geschehen on stage eintauchen. Soundmäßig schien dieses räudige und trotz aller Gerüchte ehrlich wirkende Album die Atmosphäre eines THIN LIZZY-Auftritts perfekt eingefangen zu haben. Gab es zuvor stets Mäkelein, die Studio-Alben hätten einzelne Durchhänger gehabt, so stellte die hier vertretene Set-List quasi eine vollständige Best-of-Sammlung ihrer bisherigen Karriere dar. Nörgler bemängelten zwar das Fehlen von Bad Reputation oder noch viel schlimmer Whiskey In The Jar (... was dem Image der Band einfach nicht mehr entsprach...), doch dafür fehlte beispielsweise ein Still In Love With You ebenso wenig wie der Hit Don't Believe A Word und die damals bereits Klassiker-Status innehabenden Emerald und Cowboy Song oder das unverzichtbare The Boys Are Back In Town.
Die Aufnahmen stammten laut Info der Plattenfirma von der "Johnny The Fox"-Tour, aufgenommen vom 14. bis 16. November 1976 im Londoner Hammersmith, und einem Konzert im kanadischen Toronto (Seneca College Fieldhouse) am 28. Oktober 1977 während der "Bad Reputation"-Tour. Lediglich der sehr amerikanisch relaxt klingende Rocker Southbound wurde während eines Soundcheck in Philadelphias Tower Theatre im Jahre 1977 aufgenommen.
Taucht die Frage nach dem besten Live-Album aller Zeiten auf, wird es wohl stets Fragezeichen in den Augen der Befragten geben. "Live And Dangerous" gilt heute als Meilenstein zumindest der Siebziger. Auf einer Stufe stehend mit Klassikern wie DEEP PURPLEs "Made In Japan" (1972), Peter Framptons "Comes Alive" (1976), STATUS QUOs "Live" (1977) oder UFOs "Strangers In The Night" (1979) [nicht zu vergessen "Live Bullet" von Bob Seger aus dem Jahr '76; Red.], gibt es nicht wenige, welche den ersten Live-Mitschnitt von THIN LIZZY als ihre persönliche Nummer eins betrachten. Nicht ganz zu Unrecht, erreicht die Scheibe doch in wirklich jedem Kriterium die absolute Höchstnote. Sei es nun das Cover, die Gestaltung der Innenhüllen, die Spieldauer, die Songauswahl zum Zeitpunkt des Erscheinens, der Sound, die Ansagen ans Publikum und dessen frenetische Reaktionen - in jedem Punkt setzt "Live And Dangerous" bis zum heutigen Tag Maßstäbe.
Ein exorbitanter Pluspunkt dieses Werks ist die Vielfalt seiner Songs. Zwar hört man in jedem einzelnen Moment THIN LIZZY heraus, doch die jeweiligen Tracks besitzen allesamt Eigenständigkeit. Das Tempo wird geschickt variiert, doch der Spannungsbogen bewegt sich stets auf einem gleich hohen Level. Die atmosphärische Dichte dieser Platte(n) zieht jeden Hörer sofort in einen unentrinnbaren Bann. Bei aller Schönheit der Vinylausgabe empfiehlt sich hier die CD-Version, denn das Umdrehen einer Langspielplatte reißt einen zuweilen doch aus der Faszination, in welche einen dieses Monumentalwerk unweigerlich zieht.
In der klassischen Besetzung Lynott/Downey/Gorham/Robertson aufgenommen, zeichnete "Live And Dangerous" neben dem einzigartigen LIZZY-Sound und bandtypischen Stil die Bandbreite der dargebotenen Songs aus. Das begann mit für die Gruppe typischen Tracks wie Jailbreak oder The Boys Are Back In Town über ins Boogie-Lager driftende Rocker á la Don't Believe A Word und Suicide oder im Vergleich zu den Studio-Alben recht heavy dargebotenen Versionen von Rosalie bzw. Cowboy Song bis hin zu Balladen wie Still In Love With You oder gar dem anspruchsvoll-poppigen Dancing In The Moonlight. Nicht zu vergessen die episch angelegten Emerald, Massacre und Warrior, welche durchaus als Trilogie betrachtet werden konnten.
"Live And Dangerous" kann getrost als "das" LIZZY-Album bezeichnet werden. Druckvolle Gitarren mit der Schärfe von Rasierklingen und ein Phil Lynott in einer glänzenden Form ließen alle bis dato erschienenen Werke der Gruppe verblassen. Sämtliche Stilrichtungen fanden sich auf dieser Platte wieder. Dazu in einer Qualität dargeboten, welche man lange suchen musste, sofern es sie jemals gegeben hatte. Die Band klang, als würde sie vor Spielfreude regelrecht platzen und wirkte hervorragend aufeinander eingespielt. Die Magie jener Live-Aufnahmen sollte unerreicht bleiben.
Besagtes Meisterwerk galt fortan als die Meßlatte für alle zukünftigen Veröffentlichungen THIN LIZZYs. Die sich überschlagenden Ereignisse (vier Alben der Band, zwei Soloalben Lynotts, Projekte, personelle Wechsel, Drogenprobleme, Tour-Desaster, eine überzogene Erwartungshaltung) im Anschluss an "Live And Dangerous" sollten besonders bei Phil Lynott schon bald fatale Folgen nach sich ziehen.

Obwohl extremes Verhalten nicht unbedingt ein Fremdwort im LIZZY-Camp war, hatte Brian Robertson die Grenzen des Erträglichen allmählich doch zu oft überschritten. Wie Drummer Brian Downey lakonisch erwähnte, wusste man nie so recht, ob man den Kollegen am nächsten Tag noch an einem Stück wiedertreffen würde. Knochenbrüche, Schnittwunden, Quetschungen - Robertson schien sich ständig in einer Art Kriegszustand zu befinden.
Für den Juli 1978 stand nur wenig auf der Tagesordnung an, u.a. ein einzelnes Konzert auf der spanischen Insel Ibiza in der örtlichen Stierkampfarena. Der dortige Auftritt am sechsten Juli bildete den Schwanengesang von Brian Robertson. Zum Schlussakkord wurde ein erneuter Streit mit Phil Lynott, womit dessen Geduld endgültig am Ende angelangt war. Das Kapitel Robbo hatte sich erledigt und THIN LIZZY waren wieder ein Trio auf der Suche nach Verstärkung.
Mit einer weiteren Amerika-Tour in Sichtweite ging die unendliche Geschichte in Sachen neuer Gitarrist weiter. Der Neue sollte sich als alter Bekannter herausstellen. Gary Moore stieg zum dritten Mal in die Band ein. Ausschlaggebend für Lynott waren die positiven Erfahrungen mit Moore während der US-Tour im Vorjahr.

The Greedies - London, Camden, The Electric Ballroom Um seinem alten Kumpel Frankie Murray einen Gefallen zu erweisen, erklärte sich Phil bereit, zur Eröffnung eines neuen Londoner Veranstaltungsortes, dem Electric Ballroom, mit einigen Bekannten dort aufzutreten. Das Ensemble nannte sich GREEDY BASTARDS und beinhaltete Mitglieder von THIN LIZZY, den SEX PISTOLS und einigen anderen, wie z.B. Jimmy Bain [die Band ist natürlich nicht identisch mit der gleichnamigen deutschen METALLICA-Coverband; Red.].
The Greedies - A Merry Jingle Das Repertoire umfasste neben mehreren unvermeidlichen LIZZY-Tracks ein paar Songs der SEX PISTOLS und der aufstrebenden BOOMTOWN RATS plus einigen Rock'n'Roll-Standards. Für Lynott bedeutete das Projekt eine willkommene Abwechslung zur Tretmühle Album-Tour-Album-Tour und einen weiteren Versuch, sich mit allen Musikrichtungen auseinander zu setzen. Durch die GREEDY BASTARDS sah Phil sich nun in der Lage, seinen Stil mit Punk- und New Wave-Einflüssen zu mischen, was im Falle THIN LIZZY die meisten Fans als Affront gewertet hätten.
[Von diesem Auftritt existiert ein Bootleg und unter dem verkürzten Namen THE GREEDIES wurde auch eine Single veröffentlicht, siehe Abbildungen in diesem Absatz; Red.]

Die Monate August und September sollten THIN LIZZY als Support Act für KANSAS in den Vereinigten Staaten verbringen. Bevor die Reise über den großen Teich losging sollte sich herausstellen, dass die Auswahl eines neuen Gitarristen nicht das einzige Problem für die Band darstellen sollte. Nun war es nämlich Drummer Brian Downey, der für Schwierigkeiten sorgte. Er schien wenig über das Projekt GREEDY BASTARDS begeistert. Unglücklich über die gruppeninterne Situation und körperlich durch den Stress der vergangenen Jahre erschöpft, teilte Brian den langjährigen Kollegen seinen temporären Ausstieg mit. Die Begründung, er wolle vorläufig keine Bühnen mehr sehen, brachte Lynott auf die Palme. Glücklicherweise gab es kurz vorm Start der US-Tour noch ein paar freie Tage in Los Angeles, wo LIZZY bei kurzfristig einberufenen Auditions Mark Nauseef (ex-IAN GILLAN BAND) rekrutierten, der anfangs aufgrund der drängenden Termine sogar noch das Schlagzeug seines Vorgängers benutzen musste.
Während sich die "Live And Dangerous"-Tour in den USA in vollem Schwung befand, tat sich in den dortigen Album-Charts im Gegensatz zu Europa und dort besonders Großbritannien erschreckend wenig. Ob es ein Fehler war, nicht als Headliner zu touren oder schlichtweg mangelndes Interesse der US-Amerikaner, das Live-Album kratzte nur an den Top 100 und verbuchte als höchste Notierung die Nummer 84. Phonograms Schwesterfirma in den Vereinigten Staaten, Mercury, hatten primär mit Soul Acts zu tun. Mercurys Firmenleitung hatte kaum eine Ahnung davon, wie man eine Rock-Band promotete. Die Frage, warum LIZZY den Erfolg von The Boys Are Back In Town (1976) auf dem amerikanischen Markt nicht mit weiteren Hits ausbauen konnten, blieb unbeantwortet. Die aus "Johnny The Fox" (1976) und "Bad Reputation" (1977) ausgekoppelten Singles schafften es nicht mal bis in die Billboard Charts, während die Alben nur mysteriös kurzfristige Aufenthalte in den Top 50 erreichten. Das US-Label versagte beim Buchen geeigneter Tourneen ebenso wie bei der Distribution von LIZZY-Tonträgern. Häufig kamen ihre Platten nicht oder viel zu spät in die Regale der Läden.
Ähnliche Schreckensmeldungen gab es auch von GRAHAM PARKER AND THE RUMOUR und den BOOMTOWN RATS zu vermelden. Nach einer Krisensitzung verließen alle drei Acts innerhalb eines Tages ihr US-Label.
Gegen Ende der Tournee mit KANSAS nahmen die Exzesse im Hause THIN LIZZY wieder zu. Schlägereien in Bars wurden begleitet von einem beängstigend gefährlichen Verhalten ihres Leaders Phil Lynott. Ein Zwischenfall hätte dessen Leben bereits 1978 im Memphis enden lassen können. Nachdem Phil gehört hatte, der Rock'n'Roller Jerry Lee Lewis würde keine Schwarzen mögen, beschloss er spontan, den Alt-Rocker in mehreren lokalen Clubs zu suchen. Irgendwann in dieser Nacht gab es an einer Tankstelle Streitigkeiten mit einem riesigen Farbigen, welche in einer gefährlichen Autoverfolgungsjagd endeten. Dass der schwarze Mann ein Gewehr zu besitzen schien, beschleunigte die Fahrt des LIZZY-Automobils zusätzlich und es entstand ein filmreifes Szenario, bis man den Verfolger nach einer Irrsinnsfahrt schließlich abschütteln konnte.
Anfang Oktober '78 kehrte man noch einmal in die Staaten zurück, um mit STYX eine weitere Tournee zu bestreiten. Im Anschluss daran gab es einen Abstecher nach Australien. "Down Under" bestritten THIN LIZZY vier Konzerte als Headliner. Den Höhepunkt bildete der Auftritt am 29. Oktober auf den Treppen des berühmten Opernhauses von Sydney vor 26.000 Fans.

Bei den beginnenden Vorbereitungen für das kommende Studio-Album "Black Rose" saß Brian Downey wieder hinter den Drums. Im Dezember 1978 fanden die ersten Arbeiten in London und Paris statt. Wie schon bei "Bad Reputation" und "Live And Dangerous" sollte es eine Co-Produktion mit Tony Visconti werden. Im gleichen Monat erschien zudem mit "Back On The Streets" das erste Solo-Album Gary Moores und es gab außerdem ein paar englische "Christmas"-Shows für die treuen Fans auf der Insel.
In der französischen Hauptstadt kam Lynott erstmals mit Heroin in Kontakt. Hatte er vorher heftig dem Alkohol zugesprochen und sich ans Schnupfen von Kokain gewöhnt, so nahmen seine Drogeneskapaden nun immer bedrohlichere Ausmaße an. Auch Scott Gorham wurde mehr und mehr zu einem regelmäßigen und exzessiven Drogenkonsumenten, während im Gegensatz dazu Gary Moore sich von den harten Drogen fernhielt.
Im neuen Jahr wurden die Aufnahmen fortgesetzt. Aus steuerlichen Gründen wurde sowohl weiterhin in England (Good Earth Studio, London) und Frankreich (Pathe Marconi EMI Studios, Paris) gearbeitet. Die durch den Drogenmissbrauch schleifende Arbeitsmoral seiner Kollegen stieß dem Perfektionisten Gary Moore sauer auf. Die äußerlich wieder komplette Band stellte sich Insidern als ein instabiles Gebilde dar, welches zunehmend vom Niedergang bedroht schien.
Auf Lynotts Kreativität schien der zunehmende Alkohol- und Drogenkonsum zunächst noch keine negativen Auswirkungen zu haben. Seinerzeit schrieb er einige seiner wohl besten Songs. Das vierteilige, epische Roisin Dubh (Black Rose) - A Rock Legend, das Elemente aus irischen und amerikanischen Traditionals enthielt, wie auch die späteren Single-Hits Waiting For An Alibi (veröffentlicht im März '79, # 9 in Großbritannien) und Do Anything You Want To (Juni 1979, # 14 im UK) bildeten teils unerwartetes, jedoch überragendes neues Songmaterial. Eine dritte ausgekoppelte Single, Sarah, war bereits der zweite Song LIZZYs mit diesem Titel [und wurde mit verschiedenen Coverbildern ausgeliefert; Red.]. Dieses Mal jedoch wurde es nicht der Großmutter, sondern Phils jüngst geborener Tochter gewidmet. Sarah wurde auf der britischen Insel zu einem kleineren Hit und schaffte es im September '79 bis zur Position 24.
Gary Moore - Parisienne Walkways Während der Aufnahmen von "Black Rose" verkaufte sich Gary Moores LP "Back On The Streets" beachtlich und die daraus ausgekoppelte Single Parisienne Walkways entwickelte sich zu einem UK-Top-10-Hit. Die Lead-Vocals darauf wurden von Lynott gesungen, und da Brian Downey verantwortlich für die Drums zeichnete, ließ sich de facto von einem THIN LIZZY-Song sprechen.

"Black Rose" wurde zu einem sehr guten Album, das auch aufgrund seiner unterschiedlichen Songs bei den Fans der Gruppe hervorragend ankam. Die neue Vielseitigkeit lag sicherlich ebenfalls in der Person Gary Moores begründet, selbst wenn dieser nicht allzu viele Credits bekam. Jenes Problem beklagte ja bereits sein Vorgänger Brian Robertson.
Waiting For An Alibi Vorab wurde die Single Waiting For An Alibi am 3. März 1979 ausgekoppelt und entwickelte sich im UK zu einem Hit, während man zeitgleich erneut für einige Gigs in die USA reiste. Dort durften Phil und seine Kollegen bei den Jungs von NAZARETH die zweite Geige spielen.
Für das neue Album nahmen LIZZY wieder die Dienste von Jim Fitzpatrick in Anspruch, der dieses Mal sowohl Vorder- als auch Rückseite der Plattenhülle gestaltete.
Die vergleichsweise lange Pause im Studio hatte auf das Songmaterial der Band die Wirkung einer Frischzellenkur. Gab es bis dato stets unbestrittene Füller, so klang das neue Album wie aus einem Guss und unglaublich homogen. Soundmäßig wirkte "Black Rose" im Vergleich zu den bisherigen Releases wie von einer Staubschicht befreit. Dabei war Tony Visconti häufig nicht mal anwesend, da er als angesagter Produzent eine ganze Reihe anderer Künstler zeitgleich betreute. Kit Woolven absolvierte damals unter den wachsamen Augen und Ohren Viscontis eine Art Ausbildung und zeichnete sich ebenso wie der renommierte Lehrer als Verantwortlicher für die exzellente Qualität der Aufnahmen aus.

Black Rose Der Monat April des Jahres 1979 sah die Veröffentlichung von "Black Rose". Das Album wurde eine Nummer zwei in Großbritannien und damit zum höchstnotierten Studiowerk der Gruppe. Auffallend war der zunehmende allgemeine Härtegrad der Songs, auch wenn eine eher poppige Ballade wie Sarah zum Bestandteil des Album gehörte. Fast die Hälfte der Songs hatte es schon zu Zeiten von "Live And Dangerous" gegeben, doch erst die gründliche Nachbereitung hatte sie zu dem nun vorliegendem exzellenten Material reifen lassen. Dass die Scheibe schlüssig und zusammenhängend klang, musste aufgrund der verschiedenen Aufnahmeorte als Überraschung gelten. Zudem stellte sich heraus, dass durchaus nicht alle Songs gemeinsam als Band aufgenommen wurden. Sarah beispielsweise sah Mark Nauseef am Schlagzeug, Huey Lewis an der Mundharmonika und Gary Moore alleinverantwortlich für die Gitarren.
Sarah - Phil Lynott Das melancholische With Love, für welches Lynott verantwortlich zeichnete, existierte bereits seit geraumer Zeit. Entstanden bei Aufnahme-Sessions zu Gary Moores ersten Album, war es später geplant für eine LP der WILD HORSES (Band von Brian Robertson und Jimmy Bain). Der Track sollte sich im Nachhinein als einer der stärksten Songs auf "Black Rose" darstellen. Textlich spielte Lynott wieder mit der Person des Romeo und einer verlorenen Liebe, währenddessen Jimmy Bain den Bass bediente.
Sarah - Scott Gorham In Got To Give It Up bekannte sich Phil zu seinem Drogenkonsum. Der mittelschnelle, sich steigernde Rocker gehörte fortan zum Repertoire vieler Konzerte, ohne dass sein Urheber (gemeinsam mit Scott Gorham) Konsequenzen daraus ziehen sollte.
Das unterbewertete Do Anything You Want To eröffnete die LP extrem drumlastig und wurde von dem noch heftigeren Toughest Street In Town gefolgt. Die überraschend heftig startende Scheibe besaß in dem leicht experimentellen S & M eine funkige Spielerei mit Klassegesang Lynotts, ohne jedoch härtemäßig nachzulassen.
Sarah - Brian Downey Während Waiting For An Alibi eine melodische Glanzleistung darstellte, ohne aber auch hier die gehörige Portion Härte vermissen zu lassen, sorgte beim fünften Track mit Sarah erstmals ein Song für ruhigere Momente.
Get Out Of Here entstand als Zusammenarbeit zwischen Lynott und dem vielseitigen Midge Ure, der einige Monate später für eine kurze Zeitperiode bei LIZZY einsteigen sollte. Die Upbeat-Nummer bildete vielleicht den nichtssagendsten Track der Scheibe, wenngleich sie vielen älteren Songs der Gruppe haushoch überlegen war.
Roisin Dubh (Black Rose) A Rock Legend bildete den Höhepunkt. Aus vier verschiedenen Teilen zusammengesetzt, präsentierte man hier einen absoluten Klassiker. Die unterschiedlichen Passagen - (1) Shenandoah, (2) Will You Go Lassy Go, (3) Danny Boy und (4) The Mason's Apron - zeigten THIN LIZZY auf einer musikalischen Entdeckungsreise in die Vergangenheit Irlands und der Vereinigten Staaten. Für Anhänger des bandtypischen Gitarrenspiels und -sounds dürfte dieser Songs bis heute als unschlagbar gelten.

Wieder einmal sollte sich die Geschichte wiederholen. Genau so wie es zuvor Reibereien zwischen Brian Robertson und Phil Lynott gab, wiederholte sich das Ganze jetzt mit Gary Moore. Beide waren starke Persönlichkeiten und Moores Erfolgshunger ließ ihn letztlich wieder aus der Band aussteigen. Vorerst begann allerdings das Leben auf ausgedehnten Konzertreisen.
Do Anything You Want To Bereits im Mai 1979 begab sich die Formation auf Europa-Tournee mit Stationen in Schweden, Deutschland, Holland, Frankreich, der Schweiz und Belgien. Bis in den Juni erstreckte sich eine Tour, deren letzte drei Konzerte aufgrund einer schweren Lebensmittelvergiftung Phils abgesagt werden mussten. Diese kurierte der LIZZY-Chef im vertrauten London aus und konnte von dort den Erfolg der gerade veröffentlichten Single Do Anything You Want To beobachten. Am 2. Juli '79 begaben sich THIN LIZZY wieder in die USA, um dort mit Bands wie AEROSMITH, JOURNEY, UFO oder der J. GEILS BAND zu touren.
Am 28. Juli trat man in Cleveland im Vorprogramm von AEROSMITH und Ted Nugent auf. Joe Perry, Leadgitarrist der Bostoner Luftschmiede, sollte die Gruppe nach deren Auftritt für mehrere Jahre verlassen. Jahrelange Streitigkeiten hatten zu seinem Ausstieg geführt. Im gleichen Monat verließ auch Gary Moore seine Band. Die restlichen Mitglieder von THIN LIZZY hatten bei ihm durch ihre für ihn mangelnde Disziplin solch eine Wut entfacht, dass er kurzerhand einfach nicht mehr zu einem Auftritt in Reno (Nevada) erschien. Gary hatte von Phils Verhalten genug und war zudem enttäuscht, da seiner Meinung nach die Gruppe weit unter ihren Möglichkeiten blieb. Wie immer in der Bandhistorie, gab es hierzu eine völlig konträre Aussage. Laut Brian Downey hatte Gary Moore schon zu Beginn seines dritten (!) Einstiegs keineswegs vor, ewig lange in der Gruppe zu verweilen. Das erstklassige "Black Rose"-Album schürte diese falschen Illusionen zudem. Des weiteren vertrat der Drummer die Ansicht, dass Moore vollkommen überzogene Vorstellungen von der zu erreichenden Qualität THIN LIZZYs hegte. Wie Downey weiterhin erzählte, befand sich die Band in einer guten Verfassung, während Moore immer frustrierter zu werden schien, da er sich in einer Gemeinschaft halt nicht so wie als Solist entfalten konnte.
Was damals als eine weitere Episode abgetan wurde, sollte letztlich zum Beginn des langsamen Abstiegs der Band werden.
Der Gig in Reno musste abgesagt werden. LIZZY waren wieder zu einem Fragment geworden und brauchten dringend Verstärkung zur Fortsetzung der restlichen Konzerte. Die folgenden Auftritte bestritt man als Trio, doch um den bandtypischen Twin-Guitar-Sound auch live zu reproduzieren bedurfte es schließlich noch eines zusätzlichen Gitarristen. Phil Lynott schlug James "Midge" Ure vor, einen Bekannten aus alten Zeiten im schottischen Glasgow.
(Ure hatte zuvor u.a. bei der Gruppe SLIK gespielt, die als anspruchsvollere Variante der BAY CITY ROLLERS Mitte der Siebziger mit kleineren Hits wie "Forever And Ever" oder "Requiem" auf der britischen Insel punkten konnte. Bis Mitte der Achtziger sollte er als Frontmann der Wave-Punk-Popper ULTAVOX einige Hits landen.)
Nach einer kurzen Einarbeitung und dem Abstimmen mit Scott Gorham, wer bei welchem Song die Leads oder Harmonies spielen sollte, bestritt Ure als Ersatz für Gary Moore sein erstes Konzert für THIN LIZZY in New Orleans. Wie Gorham später bemerkte, vergaß sein neuer Kollege nicht eine einzige Note. Von Juli '79 bis in die frühen Monate des Folgejahres blieb Midge Ure ein reguläres Bandmitglied, wenn auch nach Abschluss der unterm Strich enttäuschenden US-Tour nur noch als Keyboarder. Lynott dachte seit einiger Zeit daran, einen Keyboarder einzustellen, da sich die stilistische Bandbreite der Band ändern sprich vielfältiger werden sollte. Vielen Hardcore-Fans standen bei diesem Gedanken die Haare zu Berge.
The Continuing Saga Of The Ageing Orphans In der Zwischenzeit gedachte auch das Decca-Label noch ein paar Taler zu verdienen und veröffentlichte im Sog der Mega-Seller "Live And Dangerous" und "Black Rose" die Compilation "The Continuing Saga Of The Ageing Orphans". Dabei kam es zu Neubearbeitungen der alten Bänder, jedoch nicht mit dem seinerzeitigen Gitarristen Eric Bell. Midge Ure spielte die Overdubs für den Sampler ein.

Ende August gab es einen weiteren Rückschlag zu vermelden. Der geplante Auftritt als Headliner beim prestigeträchtigen Reading Festival war unmöglich als der geforderte zweistündige Gig realisierbar. Besaßen die Auftritte in den USA eine Länge von rund fünfzig Minuten, konnte Ure in der Kürze der verbliebenen Zeit einfach nicht für ein solches umfangreiches Konzert eingearbeitet werde.
Die bisher zumeist wohlgesonnene Musikpresse glaubte eine zunehmende Veränderung in der Persönlichkeit LIZZYs, insbesondere bei Phil Lynott, festzustellen und berichtete über Risse im Bandgefüge. Die Flugbahn der Band bewegte sich verstärkt in Richtung Niedergang, wie die Kritiken es auszudrücken pflegten.
Als nächstes stand eine Tournee durch Japan an. Der dortige Markt versprach weitere Absatzmöglichkeiten, nachdem es in den Vereinigten Staaten definitiv nicht zu klappen schien. Für die auszufüllende Rolle des Headliners benötigte man einen zweiten festen Gitarristen, da Ure zeitweilig schon bei ULTRAVOX eingeplant war und auf der Japan-Tour deswegen nur die Keyboards bedienen konnte. David Flett wurde erst einmal für diese Reise angeheuert. Der Gitarrist hatte als seinerzeitiges Mitglied von MANFRED MANN'S EARTH BAND die LIZZYs während eines gemeinsamen Auftritts bei Top Of The Pops kennen gelernt.
Die Japanreise dauerte nur knapp zwei Wochen und umfasste neben einer handvoll Shows relativ viel Promotionarbeit. U.a. versuchte der Yamaha-Konzern durchzusetzen, dass Scott Gorham und David Flett nur auf Gitarren aus ihrer Fabrikation spielten. Die Sache hatte sich erledigt, als im Verlauf des ersten Auftritts Scotts Gitarre während Jailbreak ihren Geist aufgab.

Nach der Rückkehr aus Asien ging Phil Lynott direkt wieder an die Arbeit. In den Londoner Good Earth Studios beendete er die Aufnahmen zu seinem ersten Solo-Album, mit dem er in den zurückliegenden achtzehn Monaten immer wieder beschäftigt war. David Flett schien sich sicher, den Posten an der zweiten Gitarre als permanentes Bandmitglied zu erhalten. Die LIZZY-Musiker allerdings befanden sich im November 1979 längst wieder auf der Suche nach einem neuen Gitarristen, da sie Fletts Einflüsse als zu gering und sie nicht weiterbringend erachteten.

Live And Dangerous "Live And Dangerous", Juni 1978, Vertigo Records:
1. Jailbreak
2. Emerald
3. Southbound
4. Rosalie/Cowgirl's Song
5. Dancing In The Moonlight
6. Massacre
7. Still In Love With You
8. Johnny The Fox Meets Jimmy The Weed
9. Cowboy Song
10. The Boys Are Back In Town
11. Don't Believe A Word
12. Warrior
13. Are You Ready
14. Suicide
15. Sha-La-La
16. Baby Drives Me Crazy
17. The Rocker

Phil Lynott: Vocals, Bass
Brian Downey: Drums
Brian Robertson: Guitar
Scott Gorham: Guitar
Gäste:
Huey Lewis: Harmonica
John Earle: Saxophon
Produziert von: Thin Lizzy & Tony Visconti

Black Rose "Black Rose", April 1979, Vertigo Records:
1. Do Anything You Want To
2. Toughest Street In Town
3. S & M
4. Waiting For An Alibi
5. Sarah 6. Got To Give It Up
7. Get Out Of Here
8. With Love
9. Roisin Dubh (Black Rose) A Rock Legend



Phil Lynott: Vocals, Bass & 12-String Guitar
Brian Downey: Drums & Percussion
Scott Gorham: Guitar & Backing Vocals
Gary Moore: Guitar & Backing Vocals
Gäste:
Jimmy Bain: Bass
Mark Nauseef: Drums
Produziert von: Thin Lizzy & Tony Visconti

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Jürgen Ruland, (Artikelliste), 12.11.2006

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