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Krautrock? zuerst eine kleine historische Exkursion. Ein seltsames Wort. Ein lächerliches Wort. Ein schon fast magisches Wort. Der Ursprung liegt etwas im Unklaren. Man glaubt heute, dass Kult-DJ John Peel den Begriff geprägt hatte, als er zum ersten Mal AMON DÜÜL auflegte. Auf deren erstem Album von 1969, Psychedelic Underground, findet man nämlich ein Stück namens Mama Düül und ihre Sauerkrautband spielt auf. Da ja das Sauerkraut international immer schon und immer noch als nicht allzu positives Synonym für Deutsche steht - Britische Soldaten nannten ihre deutschen Gegner im 2.Weltkrieg schlicht und einfach Krauts - bekamen die ersten Gehversuche deutscher Rockmusik Ende der 60er/Anfang der 70er schnell die abfällig gemeinte Bezeichnung "Kraut-Rock" verpasst.
Zeitsprung: Der englische Psychedelic-Musiker Julian Cope, erklärter Krautrock-Fan, widmete dem Thema 1996 ein ganzes Buch (Krautrock-Sampler) und brachte so das Thema international erstmals wieder aufs Tapet. Steigende Nachfragen aus deutschen Landen, sowie vor allem nun auch aus den USA und Japan ließen allerorts die Wiederveröffentlichungen blühen und sogar eigene Wiederveröffentlichungs-Label für diese Musik erst entstehen (Garden Of Delights, Longhair Records z.B.). Heutzutage kann man den einst von den Musikern so vielgehassten Begriff nun absolut als Markenzeichen ansehen. In Mailorderlisten, in den Katalogen der Hersteller, in Zeitungsartikeln überall in der Musik-Welt wird der Begriff nun benutzt. Gibts 'nen größeren Triumph als das Schimpfwort zum Markenzeichen zu drehen ?
Im Zuge dieses neuen Krautrock-Booms entdeckten nun auch einige Major-Labels ihre Bestände in dem Bereich und begannen die alten Scheiben wieder neu aufzulegen. Ohr, Pilz und Brain waren damals drei führende Krautrock-Labels und um letztere geht es hier diesmal. Universal, die Mutterfirma bei der das Label Brain heutzutage beheimatet ist, bringt nach und nach allerlei Perlen dieser Musik wieder neu heraus. Alle werden im Digipak mit informativem Booklet und soundtechnisch klanglich verbessert erscheinen.
Eine Eigenart des Krautrocks war dabei immer, dass unter der Bezeichnung einfach alles was damals an nicht-kommerzieller deutscher Musik erschien, so benannt wurde. Und darum fand und findet man von Elektronik, Hardrock, Blues-Rock, Progressive-Rock, Symphonic-Rock, Psychedelic-Rock, Folk-Rock bis hin zu schrägen und schrägsten Experimenten alles unter dem Begriff Krautrock. Das macht es für den Neueinsteiger nicht einfach, das macht es aber auch hochinteressant.
10 Alben beinhaltet dieser Veröffentlichungs-Schub der Universal und allesamt eher aus der obskureren Ecke. CLUSTER zum Beispiel, hier gleich mit zwei neuen alten Scheiben vertreten. Bis 1971 spielten sie noch zu dritt (mit Conrad Schnitzler) unter dem Namen KLUSTER, um dann nach dessen Ausstieg den Namen mit einem C am Anfang weiterzuführen. Musikalisch änderte sich aber erstmal nicht so viel. Auf "Cluster II" von 1972 findet man immer noch ausufernde, strukturlose elektronische Klanglandschaften vor. Weit entfernt von jedem gewollten Schönklang wabern und oszillieren die elektronischen Geräusche umher, schwellen an und ab und erinnern manchmal eher an Fabrikklänge denn an Musik im eigentlichen Sinne. Nichtsdestotrotz ist das hier sehr gut und für heutige Ohren ungewohnter denn je. Große Empfehlung für Menschen mit Hang zum Klangabenteuer. Auf dem zwei Jahre später erschienenen "Zuckerzeit" sah es dann schon etwas anders aus. Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius formten nun wesentlich kürzere und vor allem songähnliche Stücke, die mir persönlich nicht so gut gefallen wie die vorangegangenen Klangmonumente, die aber große Elektronik-Kunst im Kleinen darstellen.
Personell verwandt, ebenso avantgardistisch, aber längst nicht so sperrig, dafür dem gewählten Namen gemäß, waren HARMONIA. Moebius, Roedelius und der ehemalige KRAFTWERK und NEU! Musiker Michael Rother bildeten dieses Trio, deren zwei Alben nun ebenfallswiederveröffentlicht wurden. Auf dem 1974er Debutalbum "Musik von Harmonia" findet man schlichte, leicht schräge, elektronisch geprägte Klangminiaturen, meist mit einem simplen und effektvollen Rhythmus unterlegt. Schönstes Stück (und das im wirklichen Sinne) ist Sehr kosmisch, das im Titel auch noch ironisch die Nebenerscheinung der Kosmischen Musik, wie man sie ebenfalls im Krautrock findet, karikiert. Beim zweiten und eigentlich letzten Album "Harmonia De Luxe" (1975) des CLUSTER-Nebenprojekts wird es dann noch etwas eingängiger. Hier sticht eigentlich nur noch das etwas punkige Monza sperriger heraus. Ansonsten gibt es hier skurrile kleine Elektronik-Stücke, sowie bereits Michael Rothers melodischen Gitarrenstil, für den er später dann ab seinem ersten Soloalbum "Flammende Herzen" bekannt wurde. Empfehlung für die leichtgewichtig-neugierigen Hörer. Feine Platte. Ganz aktuell ist ein Live-Dokument von 1974, Harmonia Live 1974, erstmals erschienen.
Berühmt und berüchtigt wurde die Truppe FAUST. So schwergewichtig ihr Name, so schwerverdaulich ihre Musik. "So Far", das zweite Album (1972) der anarchischen Truppe wurde wiederveröffentlicht. Fast konventionell beginnen sie noch mit It?s a rainy day, sunshine girl, erinnern dabei etwas an VELVET UNDERGROUND, doch bald kommt wieder die radikal kompromisslose experimentelle Seite, wofür sie bekannt wurden, zum Vorschein. So manches davon würde heute wohl unter Industrial laufen, jedoch 'nen Zacken gewollt dilettantischer ist das hier. Hat mal 'nen Schuß Jazz dazu und ist alles in allem nur dem sehr abenteuerlustigen Hörer zu empfehlen.
Schräg, aber lustiger, geht es dann beim Herrn EROC zu. Er war der Drummer der Krautrock-Legende GROBSCHNITT und er ist heute einer der Meister in Sachen Remastering in Deutschland. Zwischen 1975 und 1982 fielen während seiner GROBSCHNITT-Zeit vier Soloalben und ein Riesenhit ab. Diesen Hit Wolkenreise dürften die meisten kennen, selbst wenn sie noch nie etwas bewusst von EROC vernommen haben. Ein locker flockig, leicht treibendes Stück, getragen von Akustikgitarre und Akkordeon, hängt sich im Ohr fest und will nie wieder raus. Zu finden auf seinem Album "Eroc 3" und dazu allerlei Kuriositäten. Muß man selber gelesen haben, wie EROC im Booklet die Enstehungsgeschichte zur Single Wolkenreise und dem Album hier erläutert. Geplant war keines und darum ist das auch ein Sammelsurium an GROBSCHNITT Raritäten, Liveversionen und ein paar halbfertigen Stücken von ihm selber. Dazu noch sechs Bonus Remix-Versionen des Riesenhits. Von 1979. Drei Jahre später erschien dann mit "Eroc 4" das letzte der Solowerke und das Akkordeon ließ ihn nicht mehr los. Schon auf dem Cover ist es zu finden und so zieht es sich auch durch die überwiegend leichten, schwebenden Stücke des Albums. Erst die zehn später entstandenen Bonustücke, geben dem Album dann noch den Touch Skurrilität für die Joachim Ehrig alias EROC für immer seinen Platz in der deutschen Rockgeschichte beansprucht.
Die Bonner Formation ELECTRIC SANDWICH ist mit ihrem einzigen selbstbetitelten Album vertreten. 1972 erschienen, gibt es hier leicht angepsychten Hardrock mit etwas Saxophon-Einlagen. Sehr schön im 8 Minuten Eröffnungsstück China zu hören, wenig aufregend dann übers ganze Album. Ordentliche Scheibe, aber kein Muss.
Aus Mannheim kamen KIN PING MEH. Auf dem gleichnamigen Debut von 1971 gibt es Rock mit progressivem Anklang und psychedelischen Einsprengseln. Außerdem ist hier mit dem knapp 10-minütigen Fairy Tales nicht nur ihr bestes Stück, sondern eines der besten Krautrock-Stücke überhaupt vertreten. Zu locker unterschwellig treibend-groovender Percussion gibt?s satt Hammondorgel und einen Hardrock mit Ohrwurm-Refrain zu hören. Muß man mal gehört haben, ich liebte es schon vor vielen Jahren vom ersten Hördurchgang an .
Und das beste natürlich zum Schluß. Zwei Freiburger Brüder bescherten 1974 ein kleines psychedelisches Kraut-Meisterstück. YATHA SIDRA hieß ihre Eintagsfliegen-Band und "A Meditation Mass" ihre einzige Hinterlassenschaft. Eine leicht psychedelische Atmosphäre, bedingt vor allem durch den hypnotischen Bass und die verspielten, fast immer präsenten Flötenlinien, tragen dich weg, werden im zweiten und dritten Teil dieser musikalischen Messe durch geschmackvolle Jazzrock-Einwürfe ergänzt und sind vielleicht am ehesten, wenn überhaupt, mit den ganz frühen POPOL VUH Alben zu vergleichen. Ein sanftes Psych-Schmankerl. Dicke Empfehlung.
Weitere Neuveröffentlichungen des legendären Brain Labels sind schon in den Startlöchern, man darf sich freuen.
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