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Wenn einer eine Reise tut...

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Hinweis: Alle CDs sind über die angegebenen Quellen bzw. über die Homepages der Künstler zu beziehen.

Unser Disclaimer

Endlich Urlaub. Lange hatte ich für meinen Nordamerikatrip gespart. In aller Frühe startet mein Flieger Richtung Minneapolis, der ersten Reisestation. New York wär mir lieber. Aber mit dieser Route habe ich glatt 300 Euro Flugpreis gespart.
Nach 9-stündigem Flug checke ich im Palooka-Inn in Minneapolis ein. Gini, die nette Dame vom Empfang, gibt mir eine paar musikalische Insidertipps von Minneapolis mit auf die abendliche Stadterkundung.

Johnny Clueless

Nach einer Weight Watchers-inkompatiblen Stärkung bei Burger-Mecki geht es auch schon ins Admiral Crown, einer urigen Musikkneipe mit selbstgebrautem Gerstensaft im Angebot. Auf dem Programm steht heute eine Band namens JOHNNY CLUELESS.
Als die vier (drei Jungs, ein Mädel) die Bühne entern, kommt Stimmung in die ca. 100 m2 grosse Kneipe mit dem Kiefer-Interieur. Ist vielleicht eine Ikea-Filiale in der Nähe? Für JOHNNY CLUELESS ist es ein Heimspiel. Auf jedem Tisch liegt neben der Getränkekarte die Setlist des Abends. Morgen spielt die Dolly Parton Tribute Band. Da hab ich ja Glück gehabt, dass mir die Silikon-Country Dröhnung erspart bleibt.
Die Band startet mit Pretty Little Tragedy voll durch. Wow, was für ein Rock-Schmankerl dröhnt da durch das Kiefergebälk. Das Bier schmeckt gleich noch mal so gut. Eine tolle Nummer, irgendwo zwischen ROCKPILE und TRACKER. Abgelöst wird die Köstlichkeit durch das sehr radiotaugliche What's My Disease. Für Edwin McCain-Fans ein wahrer Leckerbissen.
Das nachfolgende Tornados And Hurricanes könnte dagegen glatt von einem neuen George deVore-Album klingen, zumal Sänger Steven Brown über eine ähnliche Stimme verfügt.

Jenseits des grossen Teiches ist die Kapelle unverständlicherweise völlig unbekannt. Naja, es reicht den Europäern wahrscheinlich, wenn U2 und die STONES einmal im Jahr vorbeischauen. Nach deren Eintrittspreisen sind die Leute eh pleite und es reicht nur noch für die Party-CD-Oldiebox von Aldi.

Johnny Clueless - Kissed In Kansas Johnny Clueless - Too Late, Too Loud Johnny Clueless - Secrets Of The Universe
Johnny Clueless - What's Your Flavour?

JOHNNY CLUELESS spielen noch weitere 25 Songs an diesem Abend. Dabei zahlreiche gediegener Rocker wie Everything , The Crawl und Coming Down. Zweimal Gitarre, einmal Bass und Schlagzeug reichen vollkommen, um die Zuhörer auf ihre Seite zu bringen.
Um Mitternacht ist Schluß und ich düse zurück ins Motel.

Johnny Clueless

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Nach einem ausgiebigen American Breakfast heisst meine nächste Reisestation Athens Georgia. Als ich den Zug besteige, muss ich unwillkürlich an Gene Wilder und seinen Film "Transamerica Express" denken. Es scheint das gleiche Modell zu sein und ich kann beim besten Willen kein Ende der Wagons erkennen.
Husch husch in der Eisenbahn, komm ich Stunden später im schwülwarmen Athens an.
Bevor ich mich mit der Taxe zum Hotel chauffieren lasse, bummele ich noch etwas in der kleinen Ladenzeile am Bahnhof. Mitten zwischen Donut-Heaven und dem Fruit-Paradise entdecke ich einen kleinen Plattenladen, nicht größer als ein durchschnittliches Wohnzimmer.
Kaum stehe in der Tür, werde ich auch schon vom Inhaber Ben Fowler persönlich mit Handschlag und einem herzlichen HideHo begrüßt. Mit seinem freundlichen Südstaatenslang verwickelt mich der Gute sofort in ein musikalisches Gespräch. Den Plattenladen hat er vor über 25 Jahren eröffnet. Damals noch zusammen mit seinem Bruder Rick. Doch der macht seit vielen Jahren nur noch Musik und ist eine richtige Größe in dieser Region.

Rick Fowler

Rick Fowler And Friends - Welcome Companions Stolz holt er seine aktuelle CD "Rick Fowler And Friends - Welcome Companions" aus dem Regal. Ganz aufgeregt klingt seine brummige Stimme, als er vom Titeltrack, dem Destiny Blues, schwärmt.
Über die hauseigenen Klipsch-Boxen klingt der Song wirklich toll. Eine knackige Southernrock-Nummer mit ROLLING STONES-Flair. Sofort bin ich von feinsten Gitarrenriffs umgeben.
Erstaunt erblicke ich auf dem Cover neben Rick so bekannte Musiker wie Randall Bramblett, Bill Mallonee von den VIGILANTES OF LOVE und Davis Causey von SEA LEVEL und STILLWATER.
Auch andere Tracks, wie die Americana-Perlen Can't Say No und House Of Pain, können gefallen. Aber richtig Spass macht es, wenn die Band wie auf Dr. Jack, Paralyzed, Make Me Feel At Home und Black Snake Moan richtig schön losrockt.
Der Erlös aus dem Verkauf geht an die Tourette-Syndrom Stiftung. Also nehme ich gleich zwei CDs davon mit.

Knapp zwei Stunden bleibe ich in dem beschaulichen Laden, um ihn dann mit einer Handvoll gekaufter CDs zu verlassen. Den Rest des Tages verbringe ich mit Sightsseeing in Athens. Diverse Museen und Kneipen stehen auf meinem Veranstaltungskalender.

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Am nächsten Tag wartet mein Flieger Richtung Vancouver. Dort möchte ich einen alten Schulkumpel besuchen, der im deutschen Konsulat arbeitet. Doch leider macht mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung und wir müssen wegen Starkregen und Sturm in Washington D.C. zwischenlanden. So richtig weiss am Flughafen keiner wann es weitergehen soll.
Also mache ich es mir fürs erste auf einer der sterilen Wartebänke in der Halle halbwegs gemütlich. Plötzlich höre ich aus der Ferne einen geilen Rocksong. In meinem kleinen Reiseradio suche ich den Sender - vergeblich.
In der Ferne glaube ich eine Menschenmenge zu erkennen. Neugierig gehe ich in die Richtung und erblicke staunend eine Handvoll Rockbands in der Gepäckabfertigung. Auch sie sind Opfer der Wetterkapriolen und warten schon seit Stunden auf ihre Anschlussflüge. Und da nichts schlimmer ist als Langeweile, funktionieren sie die Gepäckhalle kurzerhand zum Konzertsaal um.
Auf den Instrumentenkoffern stehen so 'berühmte' Bandnamen wie Billy Coulter, ROAD TRIP, SNAKEBITE und ROBBY ARMSTRONG BAND. Doch was da in meine vom Überdruck noch angeschlagenen Ohren dringt, kann sich wirklich hören lassen.

Billy Coulter

Billy Coulter Augenblicklich spielt Billy Coulter mit seinen drei Jungs. Zumindest steht auf der Gitarre ganz groß B.C. Bei dem Rhythmus fangen die guten alten Samsonite-Koffer mächtig an zu wackeln.
Billy Coulter - Billy Coulter Eine tolle Nummer jagt die nächste. Ob In Your Dreams, South Of Serenity, Disconnected, Bad Day To Run Into You, Aurora oder Striking A Pose.
Jeder Songs hat Ohrwurmqualität und ist schnörkellos arrangiert. Eine Band, die man sich unbedingt merken sollte.


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Road Trip

Danach geht es gleich ohne Umbaupause weiter mit ROAD TRIP. Neben den Ohren gibt es hier auch den Verwöhnfaktor für die Augen. Sängerin Amy Johnson singt so wie sie aussieht. Sehr gut.
Anders als bei der Billy Coulter Band sind deutliche Blues-, Psychedellic- und Modern Rock-Einflüsse hörbar. Doch das verpackt die Band so gekonnt in ihre Arrangements, dass alles locker und geradeaus aus den Lautsprechern knallt. Bei Unglued kann Amy ihre Stimme gleich imponierend in Szene setzen, während die Gitarristen ihre Pleks zum Glühen bringen.
Und das setzt sich auf solch strammen Songs wie Hello From The Outside, Bite Down The Weather, Turn You Back, Dear oder Genesis 6 fort. Eine wahrhaft abwechslungsreiche Mucke schallt durch den halligen Raum.
Einer der Höhepunkte ist Blind, mit seinem markanten Blues- und Southern-Groove irgendwo zwischen BIG MAMA E & THE COOL und Janis Joplin.

Road Trip - Chameleon Gumbo Road Trip - Live At The Route Road Trip - Cowboys & Maniacs
Road Trip - Please Disturb Road Trip - Murry Tracks

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Snakebite

Nach einem kurzen Stromausfall legen sich SNAKEBITE mächtig ins Zeug, um die Leute bei Laune zu halten.
Snakebite - You'll Never Play Here Again SNAKEBITE, das ist Southern Rock pur. Fast schon authentischer als ihre wahrscheinlich grossen Vorbilder LYNYRD SKYNYRD und MOLLY HATCHET.
Die Mucke macht Spaß. Gitarren satt und ein guter Sänger sind halt die halbe Miete. Songs wie White Man's Blues, Last Of Rock'n Roll Cowboys und Steady Roller rocken runter wie Öl. Da regen sich sogar bei mir alten Tanzmuffel die müden Knochen. Hardcore Southern Rock Fans werden bei diesen Nummern sicherlich glänzende Augen bekommen. Diese Schlange hat Biss, in jeder Beziehung.

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Robby Armstrong Band - Surfside Nach diesen drei überzeugenden Vorstellungen dürfte es Robby Armstrong wahrlich nicht leicht haben. Aber denkste. Gleich die ersten Takte machen mir Freude. Das ist allerbester Heartland Rock der Marke John Cafferty und Co. Nur klingen die Drums um Klassen besser. Na ja, die berüchtigten 80er Jahre mit ihren Lenor-Drums sind ja auch vorbei.
Sister Soul und Get Me Some sind die Perlen im Programm von Robby. Pfiffige Gitarrenläufe vereinen sich mit Robbys starken Vocals. Sein Southern-Bluesrocker Ride My Train überzeugt später mit packender Slide-Performance.
Die Band scheint selbst in den USA kaum jemand zu kennen. Weder das anwesende Bodenpersonal noch die bunt gemischten Passagiere konnten mit dem Namen etwas anfangen. Unverständlich, aber Musik-Realität.

Robby Armstrong im Home of Rock

Mitten in der Zugabe wird mein Flug aufgerufen. Schade, aber irgendwann will ich ja in Vancouver ankommen. Das ungemütlich stürmische Wetter hat sich verzogen und der Flieger hebt ab. Die relativ alte Boing 707 ist nur halb gefüllt. Aber diese paar Leute machen mehr Lärm als ein überfüllter Jumbo-Jet.

The Nadas

Wie konnte ich auch ahnen, dass THE NADAS auf Tour waren. Ihr nächster Auftritt ist in Vancouver.
Ein sympathischer Mix aus Musikern, Roadies und Tontechnikern. Ich komme auch schnell mit Mike Butterworth und Justin Klien ins Gespräch. Mike erzählt grinsend, dass ihre Band vor Jahren vom Playboy zur besten College Band des Jahres gekürt wurde. Titten und Musik, das scheint zu passen.
Bassist Jon Locker holt seinen Panasonic Radiorekorder aus dem Gepäck und schiebt einen NADAS Sampler in den Schacht. Bisher hatte ich von der Band noch nie etwas gehört. Listen Through The Static, der erste Song auf dem Sampler, haut mich fast aus dem Flugzeugsitz. Ein elegant rockiger Harmonizer mit wunderbarer Melodie. Sogar die Stewardessen bekommen sofort leuchtende Augen.
Auch andere Songs, wie The Worst Place I've Been, Celebrate, Cry, Beautiful Girl, Clear, Ghost oder New Start, überzeugen mit ihren gekonnten Harmonien. Eine solide Mischung aus PAPERBOYS und HONEYBROWN. Das gefällt nicht nur Hugh Hefner, sondern auch mir.

The Nadas - Start The Nadas - En Vivo! The Nadas - Show To Go
The Nadas - Transceiver The Nadas - Listen Through The Static The Nadas - Coming Home

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In Vancouver klart der Himmel auf. Ich verabschiede ich mich von den NADAS und nehme mein Taxi zum Konsulat. Weit soll ich allerdings nicht kommen. Auf dem Marktplatz sehe ich eine Band spielen. Ich verlasse das Taxi und höre ich etwas Grossartiges - doch das ist eine andere Geschichte...
Fortsetzung folgt!

Joachim Domrath, (Impressum, Artikelliste), 01.09.2006

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