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Alcohol

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Alcohol
Alcohol, Sweden Rock Records, 2007
Mika Järvinen Vocals, Guitar
Maikki Liuski Vocals
Mikko Määttä Bass
Matti Salovaara Guitar
Hannes Pirilä Drums
Juha Kuoppala Keyboards
Gäste:
Olli Tikka Vocals, Harmonica
Lauri Koski & J. Hassinen Backing Vocals (Alcohol)
Mike Lynch & Kal Kaercher Spoken Word (Old Hairy Dogs Almost Dead)
Produziert von: Splendid Laine, Roope Kasvi & Five Fifteen Länge: 44 Min 19 Sek Medium: CD
1. Alcohol (Intro)8. Dollhouse
2. Till The Next Time To Say Goodbye9. I Went To See The Nightmare
3. Two Partners In Crime10. Mrs Death Pays A Visit At On The Rocks
4. Fill Your Head With Rock11. Northern Boy Blues
5. Delirium12. Old Hairy Dogs Almost Dead
6. Alcohol13. Alcohol (Coda)
7. Gypsy (Of A Strange And Distant Time)

Über die Jahre ist Mika Järvinen mit seinen FIVE FIFTEEN zu einer richtigen Institution geworden, jedenfalls zuhause in Finnland und - bei uns im Home of Rock. Warum es noch immer nicht zu mehr reicht, wer weiß das schon. Vielleicht war es die eine und andere falsche Entscheidung bei der Wahl der diversen Plattenfirmen, vielleicht liegt es am mangelnden Ehrgeiz des leicht versponnen wirkenden Barfuss-Frontmannes mit den beneidenswerten Blondlocken, vielleicht ist die Welt einfach nicht in der Lage, die Crazy World des Mika Järvinen (übrigens der Name seiner Zweitband) zu erfassen. Dabei rocken FIVE FIFTEEN überhaupt nicht verkopft oder plemplem, im Gegenteil, nach wie vor geht es wunderbar nach vorne, nur eben nicht im abgeschmackten "wir erfinden gerade etwas ganz was neues" Angeberstil, sondern in der Jahrzehnte übergreifenden "wir haben verstanden und machen einfach schöne Musik daraus" Respekthaltung echter Künstler, die ganz genau wissen, dass Rock & Roll sich nicht mehr neu erfinden wird, dafür die wichtigste Errungenschaft der Menschheit seit der Jeans ist.
Schlau ist der Mika auch. Aber nicht schlau genug, denn an dieser Stelle wird kein Wort über seinen "Promotiongag" verloren werden, auf den Trick werden noch genug arme Schreiberlinge hereinfallen und wahlweise ihr Unverständnis oder ihre Abscheu bekunden. Ihr wisst nicht um was es geht? Nun ja, die neue CD der Band heißt "Alcohol", und jeder weiß, dass der ein ganz böses Gesicht haben kann. Kippis! *

"Alcohol" erscheint etwas komplexer, dichter als die letzten Veröffentlichungen, okay, kein Wunder, der Titel zieht sich konzeptionell durch die gesamte Scheibe und das ist der erste Matchball für das Album. Wer hat zuletzt ein "Konzeptalbum" ohne Gehirnverschwurbelungen, also als echte Rock- und nicht Prog-Oberlehrer-Band zustande gebracht? Genau, HOUSE OF NOT aus Kanada, mit der noch nicht vollendeten Trilogie "The Walkabout". Davor waren es QUEENSRYCHE, und dann sind wir bereits tief in den Siebzigern, als drei der besten und wichtigsten Bands aller Zeiten noch jung und kreativ waren. THE KINKS, THE WHO und PINK FLOYD. Man kann es drehen und wenden wie man will, exakt an diese Heroen schließt Järvinen einmal mehr an, und er transponiert ohne plumpe Anbiederung eine herrliche Zeit ins langsam zu Ende gehende erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Tolle Leistung.

Wir kennen Mikas Verhältnis zum Alkohol nicht, allzu groß kann der Dämon nicht sein, denn kein Mensch schreibt so wunderbare Melodien im Koma. Egal ob rockig und mit pumpender Orgel wie im Opener Till The Next Time To Say Goodbye oder in der auf die irgendwo schon so ähnlich gehörte Textzeile "Lazy Sunday morning, lazy afternoon" aufbauenden Halbballade Two Partners In Crime. Hier hat die 1999 aus- und jetzt wieder eingestiegene Sängerin Maikki Liuski ihren ersten großen Auftritt.
Fill Your Head With Rock ist eine Anweisung, der die Band in Delirium nachkommt. Ohne Zweifel DIE Granate von FIVE FIFTEEN, wenn überhaupt vergleichbar, dann mit den Meisterwerken von THIN LIZZY. Mehr Druck geht im klassischen Hardrock kaum und Järvinen gibt ein Gitarrensolo für die Ewigkeit von sich. Der per sanften Tod gleitende Übergang in den traumschönen Titelsong rührt beinahe zu Tränen und zeigt die große Musikalität der gesamten Band. Außerdem ist Alcohol natürlich eine Verbeugung vor PINK FLOYD.
Gleich noch eine Verbeugung ist die Fassung des MOODY BLUES Hits Gypsy (Of A Strange And Distant Time). Man fragt sich unwillkürlich, wie ein Song von 1969 plötzlich so lebendig und frisch klingen kann. Die Antwort: Lasst Könner ran, dann tanzen auch die letzten Mumien im Dollhouse. Welches übrigens der Psychedelic-Track des Albums ist. Oder der LED ZEPPELIN-Track? Aktuell dürfte es keine Band geben, die so spielerisch leicht die Einflüsse der Vergangenheit in absolut zeitgemäße eigene Form bringt.
Hardrock (Mrs. Death Pays A Visit At On The Rocks) und "Blah blah blah to you and me." (Northern Boy Blues) führen schließlich zum abschließenden Old Hairy Dogs Almost Dead. Das ist natürlich pures Understatement, Järvinen könnte jeden Langhaar-Beau-Contest gewinnen. Old Hairy Dogs. ist kein besonders fröhlich stimmender Abschied, dafür einer mit magischer Stimmung. "Just a crazy sound from your broken mind."

Wenn man sich als Musikbeschreiber endlich von Attributen wie "beste Platte der Band (des Jahres/whatever)" gelöst hat und Musik so sieht wie sie gedacht ist, nämlich als Entertainment, wird man feststellen, dass FIVE FIFTEEN mit "Alcohol" eine CD gelungen ist, die vor Jahrzehnten epochal gewesen wäre und heute dem alten Gaul Rockmusik seinen Lebenszweck zurückgibt. Perfekt.

* Kippis - finnisch für Prost

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 30.01.2008

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