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Terrapin Station, Shakedown Street & Go To Heaven

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Terrapin Station
Shakedown Street
Go To Heaven
Terrapin Station, Shakedown Street & Go To Heaven, Rhino Records, 2006 (1977, 1978 & 1980)
Jerry Garcia Guitars, Vocals
Bob Weir Guitars, Vocals
Phil Lesh Bass, Vocals
Keith Godchaux Keyboards, Vocals ("Terrapin Station" & "Shakedown Street")
Donna Godchaux Vocals ("Terrapin Station" & "Shakedown Street")
Bill Kreuzman Drums, Percussion
Mickey Hart Drums, Percussions
Brent Mydland Keyboards, Vocals ("Go To Heaven")
Gäste:
Paul Buckmaster Orchestral Arrangement ("Terrapin Station")
The Martyn Ford Orchestra (conducted by Marty Ford) Orchestra ("Terrapin Station")
The English Choral (conducted by Robert Howes) Choir ("Terrapin Station")
Tom Scott Lyricon & Saxophones (Estimated Prophet - "Terrapin Station")
Jordan Amarantha Percussion ("Shakedown Street")
Steve Schuster Horn (From The Heart Of Me - "Shakedown Street")
Matthew Kelly Harp ("Shakedown Street")
Lowell George Lead Vocals (Good Lovin' Outtake - "Shakedown Street")
Hamza El Din Oud, Tar, Hand Clapping & Vocals (Ollin Arageed - "Shakedown Street")
The Nubian Youth Choir Hand Clapping, Tar & Vocals (Ollin Arageed - "Shakedown Street")
"Terrapin Station": 
1. Estimated Prophet- At A Siding
2. Dancin' In The Streets- Terrapin Flyer
3. Passenger- Refrain
4. Samson & DelilahBonus Tracks:
5. Sunrise7. Peggy-O (Instrumental Studio Outtake)
6. Terrapin Station Part I8. The Ascent (Instrumental Studio Outtake)
- Lady With A Fan9. Catfish John (Studio Outtake)
- Terrapin Station10. Equinox (Studio Outtake)
- Terrapin11. Fire On The Mountain (Studio Outtake)
- Terrapin Transit12. Dancin' In The Streets (Live)
Produziert von: Keith Olsen Länge: 75 Min 16 Sek Medium: CD
"Shakedown Street": 
1. Good Lovin'9. All New Minglewood Blues
2. France10. If I Had The World To Give
3. Shakedown StreetBonus Tracks:
4. Serengetti11. Good Lovin' (Studio Outtake)
5. Fire On The Mountain12. Ollin Arageed (Live)
6. I Need A Miracle13. Fire On The Mountain (Live)
7. From The Heart Of Me14. Stagger Lee (Live)
8. Stagger Lee15. All New Minglewood Blues (Live)
Produziert von: Lowell George Länge: 75 Min 51 Sek Medium: CD
"Go To Heaven": 
1. Alabama Getaway9. Don't Ease Me In
2. Far From MeBonus Tracks:
3. Althea10. Peggy-O (Studio Outtake)
4. Feel Like A Stranger11. What'll You Raise (Studio Outtake)
5. Lost Sailor12. Jack-A-Roe (Studio Outtake)
6. Saint Of Circumstance13. Althea (Live)
7. Antwerp's Placebo (The Plumber)14. Lost Sailor (Live)
8. Easy To Love You15. Saint Of Circumstance (Live)
Produziert von: Gary Lyons Länge: 75 Min 07 Sek Medium: CD

Falls noch jemand alte Ausgaben des Musik Express vom Sommer 1977 im Keller hat, kann er ja mal nach der Kritik zur LP "Terrapin Station" von GRATEFUL DEAD suchen. Die DEAD passten ins Zeitbild wie Angie zum Bikerfest. Während sich die Punks in Absonderlichkeiten übertrafen, gingen Garcia & Co. den Weg des Feindes, begaben sich in die Fänge eines Majorlabels und holten sich noch dazu den Hit-Produzenten Keith Olsen, der "Terrapin Station" sozusagen zwischen FLEETWOOD MAC und FOREIGNER zu einem Kassenschlager machen sollte. Dazu noch ein Cover von Dancin' In The Streets und die Panik unter den Deadheads war perfekt.
Lieber Leser, es ist beileibe nicht so, dass der Schreiber nicht wüsste, dass sich auch die allermeisten Punks liebend gern an die böse Industrie verkauften. 1977 war aber ob all der Aufbruchsstimmung nicht die Zeit der kritischen Reflektion. Sicherheitsnadeln in der Backe und primitives Rock'n'Roll-Gegröle waren angesagt, Hippies waren out, der Verfasser mit seinem Hang zum Boogie saß zwischen allen Stühlen und hatte kaum Freunde in der Schulklasse.
Wenn man Platten bespricht, beschäftigt man sich in der Regel nicht nur mit der Musik, sondern auch ausgiebig mit dem dazugehörigen Umfeld. Bei der Recherche zu dieser Staffel von G.D.-Wiederveröffentlichungen stieß ich auf einen Satz, den Jerry Garcia angeblich über die teils heftigen Reaktionen auf "Terrapin Station" und besonders Dancin' In The Streets sagte: "Fuck 'em, if they can't take a joke". Hört man öfter, erst vor in paar Tagen entdeckte ich ihn auf einer sehr witzigen CD eines gewissen Jeff Walker (CARCASS). Ob aber Garcia angesichts der desperaten Lage seiner Band wirklich zu Scherzen aufgelegt war? Olsen, Arista, Dancin'..., irgendwie schien schon einiges auf Verzweiflung im Camp der Band hinzuweisen.

Die LP verkaufte sich gut, Olsens Alleingänge im Studio waren ihm folgerichtig schnell verziehen (er löschte tatsächlich teilweise Instrumente und baute ein Orchester, Chöre und Bläser ein - vor allem Mickey Hart war anfänglich völlig angefressen), knapp dreißig Jahre später reiht sich "Terrapin Station" klaglos in die lange Reihe guter DEAD-Releases ein. Wie bei allen bisherigen Wiederveröffentlichungen liegt das nicht zuletzt am wundervollen HDCD-Sound und den Bonus Tracks. Zum Beispiel erlebt man hier eine funky Liveviertelstunde von Dancin'..., die das vergleichsweise hölzerne Studioergebnis (das ich dennoch immer mochte) um Längen übertrifft. Donna Godchaux hatte vor allem im Studio nun wirklich nicht den Hauch einer Chance gegen eine Soullady wie Martha Reeves, die mit ihren VANDELLAS die Nummer 1964 zu einem Hit gemacht hatte. Andererseits verlieh Donna den späteren Band-Klassikern Passenger und Samson & Delilah einen für ihre limitierte Stimme ganz ungewohnten Schwung. Ob sie zur Belohnung das unsägliche Sunrise auf das Album packen durfte?
Die A-Seite der LP hatte also nur einen Hänger, der Rest war guter DEAD-Stoff. Dann kam aber die zweite Seite und die musste bei mir über all die Jahre gegen Unverständnis und Ratlosigkeit ankämpfen. Ein aufgeblasener Moloch in sieben Teilen namens Terrapin Station Part I. Wieder einmal ein Text von Robert Hunter, dazu die Umsetzung Garcias musikalischer Ideen und viel zu viel Platz auf dem kostbaren Vinyl dafür. Keith Godchaux gab den Keith Emerson für Arme, Garcia übertraf das noch mit einem Gitarren-Synthesizer, grässliches Geigengeschwurbel mitsamt Flöten, seltsame Wendungen ohne Sinn und Zweck - der junge Hörer war völlig überfordert. Das war damals. Heute ist anders und Terrapin Station Part I ist ein staunenswertes Großwerk.
Die Bonus Tracks sind Outtakes (außer s.o.) bzw. Instrumentals, das hier gelungene Fire On The Mountain kam ein Jahr später in der Reggae-Fassung auf "Shakedown Street", alle auf normalen Alben nicht erhältlich. Im Fall von Leshs Equinox berechtigt, Peggy-O oder Catfish John sind allerdings echte Kleinode.

Ende 1978 gab es dann wegen "Shakedown Street" richtig Haue für GRATEFUL DEAD (und keinen Umsatz für meinen Plattenhändler, ich fand die Scheibe einfach nur grässlich). Dabei war doch Lowell George von LITTLE FEAT mit Getöse als Produzent angekündigt worden und Good Lovin' eine sensationelle Nummer zum Einstieg. Aber vieles vom Rest war, und ist bis heute, einfach nur Crap. Bis auf den Titelsong. Shakedown Street ist ganz große Klasse/Comedy und regt in Verbindung mit den wie immer vorzüglichen Liner Notes zu extremen Lachanfällen an. GRATEFUL DEAD haben zu "Saturday Night Fever" getanzt! Göttlich.
Rückblickend betrachtet ist man schon überrascht, wie nah selbst solche Typen am Zeitgeschehen waren und sich davon auch noch beeinflussen ließen, schließlich dachte man immer, diese Band bewegte sich ausschließlich in einer psychedelischen Klang- und Rauchwolke. Aber nein, sie mochten die BEE GEES. Gut, Bob Weir vielleicht nicht, der ließ als Rache das hart rockende I Need A Miracle und den heftigen All New Minglewood Blues einfließen. Gute Nummern, aber ebenfalls mitnichten DEAD.
France, From The Heart Of Me: Mist.
Stagger Lee: Einer DEAD-LP nicht würdiges Mittelmaß.
If I Had The World To Give: Gruselige Anwanzung an den späten, seichten Paul McCartney und konsequent nur dreimal live gespielt.
Fire On The Mountain: Missratener Reggae ohne Groove.
Wie gut Lowell George zur Band gepasst hätte, kann man beim Outtake Good Lovin' hören. George singt und beinahe kommt etwas wie FEAT-/DEAD'scher Schwung auf. Leider war er genau wie die Band schwer auf Drogen und konnte keinen kreativen Input geben. Als Produzent war er sowieso völlige Fehlbesetzung und mit seiner eigenen Band und deren Problemen ausreichend beschäftigt. Seine Credits als Producer sind dementsprechend eher statistischer Natur.

Geschäftlich lief 1978 gut für die Band. Große Konzerte zuhauf, ein Auftritt in der "Saturday Night Live" Fernsehshow und die drei sagenumwobenen Konzerte vor den Pyramiden von Gizeh in Ägypten. Die sollen musikalisch zwar miserabel verlaufen sein, passen insofern genau zur Vorstellung auf "Shakedown Street", brachten aber unbezahlbare Publicity. Fire On The Mountain und Stagger Lee gibt es hier live aus Ägypten als Bonus. Wirklich ins Grooven kam die Band tatsächlich nicht und einige ziemlich schräge Töne sind auch zu hören. Aber alleine die Imagination genügt und man sitzt quasi schon auf dem Kamel des Pharao Cheops und schaukelt in die nächste Oase. Für den nubischen Ethnosound von Ollin Arageed fehlt mir allerdings jeglicher Zugang.

Anfang 79 stiegen Keith und Donna Godchaux aus. Godchaux starb im Juli 1980 bei einem Autounfall. Brent Mydland ersetzte Keith, Donna Jean wurde ersatzlos gestrichen. Meine persönliche Meinung war schon immer, dass einzig "Pigpen" McKernan der "echte" DEAD-Keyboarder war, völlig abgesehen von seiner desolaten Disziplin und dem Können eines Mydland oder Bruce Hornsby.
Es ist eine gruselige Chronologie, dass mit McKernan (1973), Godchaux, Mydland (1990) und dieser Tage Vince Welnick vier der fünf Keyboarder von GRATEFUL DEAD einen vorzeitigen Abgang machten. Die Band war riesengroß und live natürlich seit Jahren ein gigantischer Umsatzbringer, wirklich glücklich machte sie ihre Mitglieder nicht.

Die unbändige Kreativität der frühen Siebziger und der Forscherdrang der Sechziger hatten sich längst verflüchtigt, GRATEFUL DEAD waren, wie so viele andere ältere Bands, orientierungslos, ausgebrannt und letztlich nur auf Besitzstandswahrung bedacht. Man hatte mit dem Deal mit Arista die Eigenverantwortung aus der Hand gegeben und demzufolge mehr Zeit für Exzesse, die zwangsläufig zu geistigem Stillstand führten und die Band zu fragwürdigen Experimenten verleiteten. "Shakedown Street" war ein Missgriff, "Go To Heaven" ähnelte einem Offenbarungseid. Selbst wenn man vom unfassbaren Cover absieht, neben dem flotten Rocker Alabama Getaway bleibt von dieser Platte nicht viel übrig, und das kann man als Remake von Dupree's Diamond Blues aus dem Jahr 1969 ansehen. Da klang manches nach den (zuckersüßesten) EAGLES - wäre man böse, könnte man noch AMERICA ins Spiel bringen -, FLEETWOOD MAC (also die Ausgeburt des Bösen für jeden anständigen Deadhead) übertrafen die Bissigkeit des Songwriters Garcia jederzeit, Weir wirkte seltsam blutleer und Mydland hatte sowieso den falschen Background als früheres Mitglied der Mainstream-Country-Rocker SILVER.
Dem Produzenten Gary Lyons darf man wohl die wenigste Schuld an diesem Flop geben. Sicher hatte er mit seiner britischen Vita kaum Kontaktpunkte zu einer solchen Band aufzuweisen, aber das Desaster entsprang einzig dem miserablen Songwriting. Oberlangweiler wie Feel Like A Stranger oder Barry Manilow-Gedächtnisschnulzen wie Lost Sailor gehen auf die Kappe der Band und spiegeln den katastrophal verlaufenen Entstehungsprozess des Albums.
Empfehlenswert wird diese CD in der Tat nur durch den Sound und die Bonus Tracks. Drei als Studio-Outtakes, drei live aufgenommen und für den Sammler eventuell interessant. Mich persönlich können Althea und Lost Sailor auch on stage nicht begeistern.

Das Kapitel "Grateful Dead im Studio" war hiermit beendet. Jedenfalls bis 1987. Es folgten nur noch die beiden Liveplatten "Dead Set" und "Reckoning". Die Band etablierte sich in den folgenden Jahren als "biggest live act ever" und zog Millionen zu den Konzerten. 1986 entging Garcia dem Tod nur knapp, danach ging es weiter. Aber wurde es besser?

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 02.06.2006

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