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Johnny Winter

Second Winter

(Legacy Edition)
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Second Winter
Second Winter, Sony BMG Music, 2004 (1969)
Johnny Winter Guitar & Vocals, Mandolin
Edgar Winter Piano, Organ, Harpsichord & Alto Sax, Vocals
"Uncle" John Turner Drums & Percussion
Tommy Shannon Bass
Produziert von: Johnny Winter Länge: 127 Min 06 Sek Medium: Do-CD
CD 1 - "Second Winter":
1. Memory Pain8. I Love Everybody
2. I'm Not Sure9. Hustled Down In Texas
3. The Good Love10. I Hate Everybody
4. Slippin' And Slidin'11. Fast Life Rider
5. Miss AnnBonus Tracks:
6. Johnny B. Goode12. Early In The Morning
7. Highway 61 Revisited13. Tell The Truth
CD 2 - Live at Royal Albert Hall, 17.04.1970:
1. Help Me6. Mean Town Blues
2. Johnny B. Goode7. Tobacco Road
3. Mama Talk To Your Daughter8. Frankenstein
4. It's My Own Fault9. Tell The Truth
5. Black Cat Bone

Johnny Winter ist einer meiner Helden und ich bin froh, nicht über die traurige DVD "Live In Times Square" geschrieben haben zu "dürfen". Im Gegensatz zum Kollegen Epi habe ich Johnny nämlich oft live gesehen und es würde mich größte Überwindung kosten, diesen Gitarrengott in seinem heutigen bemitleidenswerten Zustand sehen zu müssen. Für mich wird er immer der spindeldürre, nach vorne gebeugt "Rock and Roll" schreiende Highway 61-Boogiemann sein. Da kommt die Wiederveröffentlichung seiner genialen zweiten LP aus dem Jahr 1969 gerade recht.
Um es vorweg zu nehmen, dieser Re-Release macht mir seit Stunden immer und immer wieder Spaß - fast so großen Spaß wie damals, als ich das Original aus dem Laden getragen habe.

Schade, dass es keine doppelseitig bespielten CDs gibt, dann müsste die vierte Seite nämlich leer bleiben, so wie auf der Vinylausgabe damals. Blitzblank war die, und das sah toll aus. Johnny begründete es damit, dass man einfach nicht mehr Musik auf die Platte pressen konnte, ohne an Volumen/Lautstärke zu verlieren. Und so war die LP auch: Loud as hell. Dass es an mangelnder Kreativität lag, habe ich keine Sekunde vermutet. Johnny haute in diesen Jahren alle paar Monate neue Platten raus und er war immer großartig.
Aus der dreiseitig bespielten Doppel-LP ist in der Neuauflage eine Doppel-CD geworden, es gibt zwei Bonus Tracks aus dem Studio und einen Konzertmitschnitt von 1970 aus der Londoner Royal Albert Hall auf CD 2.

"Second Winter" sah den zeitlebens mit Drogen nicht umgehen könnenden Winter mehr oder weniger auf seinem ersten Höhepunkt (seine Teilnahme in Woodstock wurde weder auf Platte noch filmtechnisch verwertet, daraus zog er also keine zusätzliche Popularität). Er machte aus "normalem" Bluesrock regelrechten Hardrock, zerfetzte Chuck Berry, Bob Dylan und Little Richard mit seinen Riffs und Licks und setzte sie im gleichen Atemzug wieder feinsäuberlich zusammen, spielte minutenlange Soli ohne auch nur einmal abzusetzen, zu stocken oder sich gar zu wiederholen, fügte einer atemberaubenden Figur die nächste hintenan und schrie dazu wie von Robert Johnsons sämtlichen Dämonen durch halb Amerika gehetzt. Wer sich Hustled Down In Texas anhört, wird wissen was ich meine.
Die Band hatte sich nach dem Debut aus dem gleichen Jahr nicht verändert. Tommy Shannon und John Turner bildeten das Rückgrat mit traditionellem Bluesrock an Bass und Schlagzeug, dazu kam Johnnys Bruder Edgar an Piano, Orgel, Saxophone und Cembalo. Beim Bonus Track Early In The Morning singt er im Background, und geht dabei durch Mark und Bein.
Noch ein kleiner Tipp für alle die meinen, dass Stevie Ray Vaughan der beste Bluesgitarrist aller Zeiten war: An einem Tag im August 1969 nahm Johnny Winter die Instrumentalnummer Tell The Truth auf. Die kam nicht auf die LP, war seither auch nie veröffentlicht worden, ein klassischer Outtake also. Ich kannte sie natürlich auch nicht, aber Stevie Ray muss sie irgendwann gehört haben. Jedenfalls hat er mehr als ein Jahrzehnt später versucht in die gleiche Liga zu kommen - es hat nicht geklappt. Nicht technisch, nicht emotional, nicht kompositorisch - auch wenn er sich Tommy Shannon zur DOUBLE TROUBLE Band holte.
Johnny Winter konnte Songs komponieren, indem er sie einfach spielte. Man kann auf "Second Winter" hören, dass er viele Einfälle zu kleinen Wunderwerken erst im Moment ihrer Entstehung hatte. Erst spielen, dann denken. Leider gilt das auch für sein restliches Leben.

Auf seine eigenen Songs verließ sich Johnny Winter nie besonders gerne. Lieber nahm er Fremdkompositionen und machte daraus seine eigenen. Auf "Second Winter" waren aber dennoch 5 vom ihm selbst geschriebene Nummern und die sind wahrlich nicht von schlechten Eltern. I'm Not Sure zum Beispiel kommt in der hier vorliegenden remasterten Auflage erstmals so, wie es sich Johnny wohl vorgestellt hat: Er und Edgar am Harpsichord kreieren ein wild psychedelisch-klassisch rockendes Meisterwerk, das erst in diesem brillanten Soundgewand zeigen kann wie groß es wirklich ist. Das gilt für die gesamte CD, die Transparenz und Vielfältigkeit gegenüber der LP (von der miserablen ersten Auflage auf CD geschwiegen) ist mehr als verblüffend. Speziell das Umfeld von Johnny kommt erstmals wirklich in vollem Umfang zu Gehör.
Auch wenn Dylans Highway 61 Revisited letztendlich erst einige Jahre später auf "Captured Live" zu vollem Rock & Roll Glanz aufstieg, die tour de force auf "Second Winter" ist für eine Studioaufnahme und für 1969 einzigartig. Niemand (ich meine damit NIEMAND) brachte im Bluesrock je eine solche Intensität im Zusammenspiel Gitarre-Gesang plus dem gleichzeitigen Kampf zwischen den Extremen Genie und Wahnsinn zu Gehör, ohne zwischendurch den Faden zum eigentlichen Song zu verlieren. Keine überflüssigen Soli, keine Ausschweifungen, Johnny Winter konnte all seine Exzesse im Songkontext unterbringen. Er konnte auch zwei Nummern wie I Love Everybody und I Hate Everybody auf eine LP packen und man musste es ihm wortwörtlich glauben.

1970 war Johnny 26 Jahre alt und wurde durch die Welt geschickt um Geld für andere zu verdienen. Tourneen wurden nur durch kurze Studioaufenthalte unterbrochen und der Mensch Johnny Winter wurde Stück für Stück verbrannt. Sein fingerfertiges Genie allerdings war stärker und auch am 17. April 1970 bewies er das und rockte die königliche Albert Hall in London in Grund und Boden. Die reserviert klatschenden Briten bekamen nach dem bluesigen Aufwärmer Help Me (TEN YEARS AFTER klangen dagegen damals schon wie eine Altherrenband) Johnny B. Goode und Mama Talk To Your Daughter um die Ohren gehauen, dass ihnen wohl die Lust auf Fish & Chips vergangen sein dürfte.
Unbegreiflich, wie Winter solche Soli am Stück spielen konnte. Man muss sich den Mississippi senkrecht in meilentiefe Abgründe stürzend vorstellen, um die ungeheure Macht dieser Gitarre im Ansatz zu begreifen. Es kommt der erste Ton, er sucht sich einen Weg, zerbricht oder versickert beinahe irgendwo in der Wüste, doch dann kommt mehr, immer mehr und es ist nicht mehr aufzuhalten, alles wird hinweggespült von einer epochalen Gitarrenflut. Nur manchmal wird das Inferno von Schreien durchbrochen und man weiß: Der Mann lebt und leidet, er ist so echt wie man nur sein kann, er IST der Blues. Go, Johnny...

Die Aufnahme dieses Konzerts schlägt die bekannte LP "Johnny Winter And... Live" von 1971 soundtechnisch und mit ihrer maßlosen Energie. 11 Minuten Mean Town Blues mit Improvisationen zum Thema Blues jenseits normaler Vorstellungskraft plus knallhartem Rock mal mit und mal ohne Slideröllchen. Magisch.
Durch die Mitwirkung seines Bruders bei dieser Tour hatte Johnny noch weitere Möglichkeiten zur musikalischen Expression. Die letzte halbe Stunde der Show wird maßgeblich von Edgar bestritten und ungeübte Hörer müssen sich vor der Version von Tobacco Road in Acht nehmen. Voodoo-Blues mit dem typischen Shouting Edgars und seinen Sax-Explosionen, Johnny zuerst zurückhaltend, dann mit Edgars Orgel, Sax und Vocals duellierend, bis zur Climax in der zweiten Hälfte - eine Orgie bei der man Angst um die beiden bekommen könnte.
Unbegründet, denn gleich im Anschluss bricht eine Urversion von Edgars Hit Frankenstein über den Hörer hernieder, die - trotz einiger falscher Töne - ihresgleichen nicht mehr finden wird. "Uncle" John Turner und Edgar Winter bearbeiten gleichzeitig die Schlagzeuge und prügeln dem ollen Frankenstein jeden Unfug gründlich aus dem Schädel. Brachial. Johnny brüllt von ganz weit hinten seine Begeisterung heraus - so wie ich das bei dieser CD auch immer wieder tue. Gut, dass mit Tell The Truth "nur" ein Highspeed-Shuffle mit Edgar-schreit-Johnny-an und Gitarren-Saxophon-Wahnsinn folgt. Übrigens jenes oben genanntes Tell The Truth, das für SRV Lehrstück sein hätte können. Nein, tut mir leid, Stevie Ray war ein Großer, aber hiervon so weit entfernt wie ich vom Pulitzer Preis. Herrschaften, das ist so großartig...
Ich war 1970 noch klein, aber vor diesem Monument knie ich heute und bis ans Ende meiner Tage nieder. Solche magischen Momente wirklich live sehen zu dürfen ist nicht vielen Menschen vorbehalten. Ein paar habe ich auch erlebt, aber Johnny werde ich nie mehr so sehen. Es ist 34 Jahre zu spät und seine Zeit ist vorbei. Ich werde immer den Johnny Winter im Gedächtnis behalten, den ich 1979 im Rockpalast gesehen habe und der frühmorgens um 6 Jumpin' Jack Flash gegrölt und mich seither geprägt hat.
Ganz ohne Zweifel die Wieder-/Erstveröffentlichung des Jahres. Zu einem genialen Album in erstmals bestmöglichem Sound kommt eine Liveperformance vom Winter-Stern, die jeden Bluesrocker begeistern wird. Nein. Muss.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 05.11.2004


 
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