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Lonely Are The Brave

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Lonely Are The Brave
Lonely Are The Brave, Phoenix Music, 2003
Georg Bayer Lead Vocals
Christoph Berner Electric Guitar, Dobro, Mandolin
Volker Dörfler Electric & Acoustic Guitar
Klaus Brosowski Piano, Organ
Ralf Mende Bass, Vocals
Helmut Kipp Drums, Percussion
Gast:
Bruce Brookshire Guitar, Vocals
Produziert von: Lizard Länge: 57 Min 28 Sek Medium: CD
1. Travelling Band7. Don't You Know
2. Bring Me Some Water8. Don't Waste Your Life
3. Lonely Are The Brave9. Leaving
4. Run Away10. Down The Line
5. No Tommorrow11. Coming Home
6. Tell Me12. Arrival

Okay, wollen wir gleich zu Anfang eines klarstellen: "Lonely Are The Brave" ist KEIN Southern Rock! Und bevor alle aufheulen und eine Horde Rednecks die Tür zum Home of Rock eintritt, sag ich warum.
Southern Rock ist erstarrt. Und das seit ca. 30 Jahren. Nichts, gar nichts kann man im Southern Rock seitdem noch erfinden. Es spielt keine Rolle, ob die eine Band etwas härter, die andere etwas jamiger und die dritte etwas countrylastiger daherkommt. We had it all before.

Ich liebe Southern Rock wie keine zweite Musikrichtung. Ich brauche bei all meinen Helden auch keine Überraschungen oder irgendwelche Experimente. Es genügt vollkommen, wenn sie alle paar Jahre mit einer sauberen neuen Platte daherkommen. Viele Gitarren, mächtiger Gesang und eine handvoll ordentlicher Songs - bei denen einen das Selbstplagiat nicht direkt anspringt - ist ausreichend, um Southern Rocker wie mich glücklich zu machen.

Und deswegen ist die neue CD von LIZARD eben KEIN Southern Rock. Denn was wir auf "Lonely Are The Brave" erleben, ist in keinem Moment vorhersehbar, nicht kalkulierbar und mit keiner bisher erschienen Südstaaten-CD vergleichbar. Keine Frage, selbstverständlich sind auf "LATB" alle Southern-Insignien vertreten: Double Leads, Honky Tonk Piano, Hammond, Dobro und Slide Gitarren, dieser typische Gesang, der den Southerner verrät (auch wenn er aus dem Süden Deutschlands kommt), Balladen, Rocker, XL-Gitarrenschlachten etc.
Dumm nur, dass LIZARD inzwischen turmhoch über den eingefahrenen Strukturen der Vorbilder aus dem Bible Belt fliegen. Ich will versuchen es zu verdeutlichen.

Man stelle sich vor, dass Bands wie THIN LIZZY, WISHBONE ASH und WHITESNAKE (wohlgemerkt, die guten alten Whitesnake!) uneheliche Kinder der ALLMAN BROTHERS sind, die bei einem heftigen Rudelbums mit LYNYRD SKYNYRD und DOC HATCHET entstanden sind. Diese anglo-amerikanischen Bastarde sind längst alt genug, um eigene Kinder zu haben und bei einer Studienreise durch old Europe wurde das Kleinkind LIZARD auf einer Autobahnraststätte vergessen. Das Papasöhnchen entwickelte sich seinen gemischten Genen entsprechend und verweigert seit einigen Jahren konsequent die Alimenteschecks vom Big Daddy mit den Worten "Hey Alter, Du hast uns im Stich gelassen, jetzt machen wir unser eigenes Ding!".
(Dies ist ein Gleichnis! Die Abwesenheit des weiblichen Geschlechts, Jahreszahlen und Altersangaben spielen keine Rolle!)

Vor 2 1/2 Jahren bezeichnete ich "Southern Steel" als beste europäische Southern Rock Platte aller Zeiten. "Lonely Are The Brave" ist folgerichtig die beste europäische Nicht-Southern Rock Southern Rock Platte aller Zeiten geworden.
Die Unterschiede zum formidablen Vorgänger sind grundsätzlich marginal aber doch relevant. Die Songs sind noch einen Tick ausgereifter, nicht einmal mehr ein Anflug von Holterdiepolter-auf-die-Vier-Klischee ist zu bemerken, die Produktion ist nochmals ein wenig druckvoller und satter, die Band ist wieder zwei Stücke enger zusammengewachsen und der Gesang ist erstmals auf einer Studioplatte zu glatten 100 Prozent überzeugend.
Wir hatten im März bereits die Gelegenheit, LIZARD bei den Aufnahmen im Studio zu beobachten und es stellte sich für mich damals die Frage, wie Georg Bayer diese neuen, komplexen Songs singen sollte. Jetzt weiß ich es. Und zwar in aller Deutlichkeit. Einfach die Livesituation ins Studio geholt und drauflos geröhrt. So hätte ich es auch gemacht, aber ich kann nicht singen.

Genug der Gelobhudelei (dass ich Fan dieser Band bin weiß eh spätestens jetzt jeder), ans Eingemachte.
Beginnen wir mit Track #10. Down The Line ist das Musterbeispiel von Acoustic-Country-Rock. Diese Gitarren, dieses Dobro, dieser Gesang. Trotz rosaroter Fan-Brille: Es gibt nicht viele vergleichbar schöne Songs. Gleich danach kommt die Ballade mit dem gewissen Steigerungseffekt. Ihr wisst schon, so wie es seit Free Bird alle gemacht haben. Coming Home ist aber anders, ganz ganz anders. Wir stellen fest, dass auch die beste Sekretärin nicht so schnell und präzise die Leertaste ihrer Tastatur bedienen kann, wie Berner und Dörfler sich die Noten um die Ohren hauen. Und schon ist die CD aus.
Doch was gehört an den Anfang einer ordentlichen Rockscheibe? Ein ordentlicher Rocker. Travelling Band ist mitnichten von CCR, sondern ein von des Bassisten Gnaden ganz dramatisch gepowerter Feger.
Der Ohrwurm: Don't You Know. Geht rein wie frisches Bier.

Seit 10 Jahren findet sich ein Lied immer wieder auf meinen Party-Kassetten bzw. CDRs: Bring Me Some Water, von Micky Moody und Bernie Marsden für das BORDERLINE Projekt geschrieben. Einer meiner Jahrhundertsongs und jetzt ist er endgültig unsterblich, denn die neue Version ist unglaublich gut. Diese hinterhältige Boogie-Gitarre im Hintergrund, die Vocals, die Leads... ohohoh, keine Party mehr ohne Water.

Bruce Brookshire von DOC HOLLIDAY stellt seine Stimme und Gitarre auf "Lonely Are The Brave" auch zur Verfügung. Ich bin ein mindestens so großer Bruce- wie LIZARD-Fan. Muss ich also über das Ergebnis noch einen Ton verlieren? Genau wie über den Rest der Platte. Kauft sie Euch selber!
Nur eine Frage bleibt offen: Wer singt die geilen Backings auf Run Away? Ralf?

Groß!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 20.10.2003

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