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| Lulu, Sister Ray Enterprises/Vertigo, 2011 |
| Lou Reed |
Guitars, Continuum, Vocals |
| James Hetfield |
Guitars, Vocals |
| Lars Ulrich |
Drums |
| Kirk Hammett |
Guitars |
| Robert Trujillo |
Bass |
| Gäste: |
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| Sarth Calhoun |
Electronics |
| Jenny Scheinman |
Violin, Viola & String Arrangements |
| Megan Gould |
Violin |
| Ron Lawrence |
Viola |
| Marika Hughes |
Cello |
| Ulrich Maas |
Cello (Little Dog & Frustration) |
| Rob Wasserman |
Stand Up Electric Bass (Junior Dad) |
| Jessica Troy |
Viola (Junior Dad) |
| Produziert von: Lou Reed, Metallica, Hal Willner & Greg Fidelman |
Länge: 87 Min 12 Sek |
Medium: Do-CD |
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| CD 1: | |
| 1. Brandenburg Gate | 4. Mistress Dread |
| 2. The View | 5. Iced Honey |
| 3. Pumping Blood | 6. Cheat On Me |
| CD 1: | |
| 1. Frustration | 3. Dragon |
| 2. Little Dog | 4. Junior Dad |
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Oh, das wird Ärger bei den Fans geben. Lou Reed vertont mit METALLICA zwei Tragödien des deutschen Schriftstellers und Abiturienten-Quälgeistes Frank Wedekind und fasst sie zu einem "Singspiel" für Alban Bergs, aus Wedekinds Werken entstandener Oper "Lulu" zusammen. Herzlich willkommen im Bildungsbürgertum, die Damen und Herren Metalfans .
Man muss Wedekinds Werke "Erdgeist" und "Die Büchse der Pandora" nicht lesen, um die Doppel-CD "Lulu" zu mögen oder zu hassen, schaden kann es aber allenfalls, wenn man Wedekinds durchaus krassen Geschichten psychisch nicht gewachsen ist. Man muss auch die zugehörige Oper nicht gesehen haben, obwohl es immer wieder höchst interessante Neuinszenierungen gibt - Fernsehsender wie ARTE oder 3sat zeigen derlei bisweilen. Aber die Kollaboration zwischen Lou Reed und METALLICA muss man gehört haben, weil man ansonsten in 20 oder 30 Jahren möglicherweise zugeben muss, eine epochale Entwicklung der Rockmusik ignoriert zu haben.
Zu hoch gegriffen? Nun ja, es gibt gewisse angebliche Rock-Sachverständige, die sogar so augenfällige und geschichtlich wichtige Geschehnisse wie Punk und Grunge erst Jahre später verstanden haben (einer davon bin ich). Das darf nicht wieder passieren. Diesmal machen es die Protagonisten dem Kritiker zum Glück qua Name und Status relativ einfach, sie nicht zu übersehen.
Lou Reed, bald 70 Jahre alt und seit 1967 auf Schallplatten verewigt, ist schon seit Jahren auf der Suche nach den Grenzen der Möglichkeiten, die es bei der Zusammenführung von (Dicht-) Kunst und "profaner" Rockmusik gibt, sein wirklich schwer vermittelbares Werk "The Raven" tat dies 2003 mit den Texten Edgar Allan Poes, er hält bisweilen kaum erträgliche "Lesungen" eigener und fremder Texte zu minimalistischer bis dadaistischer Begleitmusik, machte zwischendurch das bizarr meditative Album "Hudson River Wind Meditations", allerdings auch Basis-Rock wie auf der DVD "Live At Montreux 2000" und geriert sich ansonsten gerne als der große alte Mann der Popkultur im Sinne Warhols. Für sein musikalisches Schaffen mit THE VELVET UNDERGROUND und in den Siebzigern und Achtzigern als Solokünstler wurde er längst in den Olymp der wichtigsten Künstler aller Zeiten aufgenommen. Das Denkmal ist ihm nicht mehr zu nehmen, kreativ ist er im Gegensatz zu vielen anderen Althelden immer noch, auch wenn es nicht immer und jedem gefallen muss.
Die Thrash-Maschine METALLICA befindet sich im dreißigsten Lebensjahr, hat den Gipfel der Wichtigkeit lange hinter sich, ist des ungeachtet die bestverkaufendste Heavy-Metal-Band der letzten 25 Jahre und hat 2003 mit "St. Anger" ein zwar kaum genießbares, dafür um so ehrlicheres Album aus den Tiefen der eigenen - zerrissenen - Psyche abgeliefert. Seit dieser Therapie bewegen sich die Herrschaften auf dem Pfade aller Rock-Legenden, denen nicht mehr wirklich Neues einfällt.
Zusammen nun also die beiden Dinos auf dem Weg zu etwas Unerhörten?
Klar ist, die musikalische Inszenierung von "Lulu", der Schlampe ohne Moral und Seele, vielleicht sieht deswegen die kaputte Schaufensterpuppe auf dem Coverbild aus wie eine junge Angela Merkel, trifft ganz sicher nur wenige Geschmäcker aus dem METALLICA-Fanlager und höchstens ein paar mehr Jünger von Walk On The Wild Side. "Lulu" geht viel zu nihilistisch mit den Werten von Fans, Kulturbeflissenen, der Rock- und Metal-Musik und der Musikindustrie um, als dass es mit normalen Maßstäben bewertbar wäre.
Reed schrieb seine "Lulu"-Texte ursprünglich für eine Neuinszenierung im Berliner Theater am Schifferbaudamm, bekannt als Berliner Ensemble. Der Schachzug, die Sache letztendlich von METALLICA instrumentieren zu lassen, denen er 2008 erstmals auf der Bühne begegnete, wird sich in der Zukunft wohl als segensreich erweisen. Reed, der lebenslange Wandler zwischen den Welten zusammen mit dem Inbegriff des zum Mainstream gewordenen Thrash-Metal - da kann nur entweder kompletter Mist oder großes Rock-Theater herauskommen. Verkaufen lässt es sich so oder so.
Lou Reed hätte an dieser Stelle bestimmt lieber den Begriff "Genialität", aber den bekommt er hier nicht zu hören. Kreativer Wahnsinn und scheinbar ungehemmte Lust an der Improvisation bei gleichzeitig handwerklicher Qualität ist das eine, Genie dagegen ein völlig anderes Prädikat, das heutzutage viel zu leichtfertig verliehen wird. Einstein war ein Genie, Madonna und Michael Jackson nicht, Beethoven und Picasso bestimmt, Hendrix und Dylan zu ihrer Zeit wahrscheinlich, Lou Reed und die Band METALLICA niemals. Reed schuf Großes, war aber letztendlich immer nur ein innovativer Interpret bereits vor ihm bestehender Genres - und wurde dadurch sogar zu einem der Punk-Urväter. Hetfield, Hammett und Ulrich können sich außer Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen wenig auf die Erfinderurkunde schreiben, sie waren halt im richtigen Moment die schnellsten, lautesten und eingängigsten Krawallmacher der L.A.-Szene der beginnenden 80er und später findige Geschäftemacher. Gemeinsam haben sie allesamt diverse, inzwischen wohl überwundene Alkohol- und Drogensuchten. Aber was ist nun "Lulu"?
Aus der Sicht von METALLICA ist es das am besten klingendste und am organischten aufgenommene Album der Bandgeschichte. Sogar Lars Ulrichs Schlagzeug erinnert nicht an einen bösen Treppensturz. Und für Lou Reed ist die Zusammenarbeit mit den Metallern die erwartete und mit großem Gebrüll angenommene Herausforderung. Gegen so viel Krach musste er noch nie ankämpfen.
Für beide gilt, dass die Arbeit an "Lulu" wie eine Befreiung gewirkt haben muss. Für die Thrash-Multimillionäre weil sie endlich nicht einen neuen Klassiker wie "Master Of Puppets" oder "…And Justice For All" eintrümmern mussten, sondern einfach die Vorgaben Reeds mit offensichtlichem Spaß erfüllen konnten. So wurde beispielsweise Mistress Dread zu einem, wenn auch völlig kranken, Thrash-Meilenstein dieses Jahrzehnts. Und Lou Reed konnte sich erstens auf eine ausgewachsene Band verlassen, ohne die großartig dirigieren zu müssen, und zweitens musste der gealterte Nicht-Sänger alles aus sich herausholen, um bestehen zu können. Das tönt in den wenigsten Momenten schön, oft sogar grauenhaft, aber immer eindrucksvoll.
Das eigentliche Konzept hinter diesem Konzeptalbum scheint weniger die Erzählung von Lulus Geschichte zu sein, als vielmehr eine neue, vielleicht sogar avantgardistische, auf jeden Fall aber granitharte Form für sie zu finden. Genau das ist gelungen, nicht mehr und nicht weniger. Dabei darf dem Hörer gerne der Geduldsfaden reißen, wenn Reed minutenlang etwas von "Fru… fru… fru… frustration" jault und dazu Gesteinsbrocken apokalyptischen Ausmaßes aus den Boxen purzeln, oder radebrechende Klanginstallationen wie ein böser Drache über einem schweben. Man kann das aber auch einfach geil finden und sich über etwas wirklich Neues freuen.
Wieder einmal muss darauf hingewiesen werden, dass eine objektive Bewertung von Kultur jeder Art nicht möglich ist. Wer "Lulu" entsetzlich findet, hat dafür vollstes Verständnis. Es sei denn, er findet das Werk entsetzlich, weil METALLICA nicht klingt wie METALLICA seiner Meinung nach klingen müsste. Oder weil Lou Reed ein unmöglicher Sänger ist. Gerade WEIL die Band endlich frei von den selbst auferlegten Zwängen ist und gerade WEIL Reed performen kann wie er es sich vorstellt, ist "Lulu" (für mich) ein Meisterwerk. In vielen Jahren wird man sehen, wie sich dieses Doppelalbum auf die weitere Entwicklung der Rockmusik ausgewirkt hat. Für 2011 ist es ein Meilenstein und bekommt für seine verstörende Wirkung ganz subjektiv die volle Rock'n'Roll-Sinnhaftigkeits-Wertung.
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