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| Detroit Ain't Dead Yet (The Promise), Floating World Records, 2009 |
| Mitch Ryder |
Lead & Background Vocals, Tambourine |
| Randy Jacobs |
Guitar |
| Jamie Muhoberac |
Keyboards, Piano |
| Pat Leonard |
Keyboards & Organ (Crazy Beautiful) |
| Reggie McBride |
Bass |
| James Gadson |
Drums |
| Hillard Atkinson & Arnold McCuller |
Background Vocals |
| Produziert von: Don Was |
Länge: 52 Min 22 Sek |
Medium: CD |
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| 1. Back Then | 7. Let's Keep Dancing |
| 2. The Promise | 8. If My Baby Don't Stop Cryin' |
| 3. One Hair | 9. Get Real |
| 4. Everybody Looses | 10. What Becomes Of The Broken Hearted |
| 5. My Heart Belongs To Me | 11. Junkie Love |
| 6. Crazy Beautiful | 12. The Way We Were |
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"Detroit ist inzwischen völlig am Ende", war der Eingangssatz zur Besprechung der letztjährigen Live-CD "Air Harmonie". Mitch Ryder antwortet mit "Detroit Ain't Dead Yet". Das ist doch mal ein gelungener Dialog zwischen Musiker und Kritiker. Okay, natürlich ist der CD-Titel keine direkte Antwort auf des Schmierfinken Einlassung, aber es passt prima.
Mitch Ryder muss es nach seinen großen körperlichen Problemen wieder richtig gut gehen, er tourt (aktuelle Termine siehe unten), schreibt Songs und hat letzten Herbst nach einem guten Vierteljahrhundert wieder eine "amerikanische" Studioplatte veröffentlicht. Gemeint ist, dass "Detroit Ain't Dead Yet (The Promise)" in den USA mit amerikanischen Musikern und dem Produzentengenie Don Was aufgenommen wurde. Kein deutsches Label, namentlich BuschFunk, war beteiligt, die Band ENGERLING blieb erstmals nach vielen Jahren außen vor, Mitch Ryder wollte eine CD für den Heimatmarkt machen.
Es sei gestattet, dass gleich zu Beginn ein erstes Fazit erfolgt. "Detroit Ain't Dead Yet" ist eine sehr gute Scheibe geworden, aber es darf bezweifelt werden, dass die Engerlinge mit einem produzierenden Manne Pokrandt nicht wenigstens das gleiche Ergebnis zustande gebracht hätten. Vom Layout ganz abgesehen, das ist nämlich wirklich grottig. Aber egal, es war der Wunsch des Einzigartigen, also soll es so sein.
Die Musiker auf der CD sind keine Superstars, aber handverlesen: Gitarrist Randy Jacobs war Teil von Don Was' Band WAS (NOT WAS) und ist ein begehrter Studiomusiker (von Bonnie Raitt über B.B. King zu Willie Nelson, Lisa Stansfield TEARS FOR FEARS und Bruce Hornsby hat er schon für ein halbes Musiklexikon gespielt). Der Keyboarder Jamie Muhoberac hat bei einer nicht aufzählbaren Zahl Superstars gewirkt, sogar für Miley Cyrus spielte er schon Klavier. Reggie McBride ist seit annähernd 40 Jahren ein Bass-Hochkaräter, den Leute wie Stevie Wonder, Rod Stewart, Tina Turner, Elton John, Ry Cooder und zig andere Größen buchen, und der Schlagzeuger James Gadson ist möglicherweise der Rhythm & Blues-Drummer mit den weltweit meisten Credits auf LPs bzw. CDs. Eine unfassbare Liste hat sich bei ihm seit den späten 60ern angesammelt.
Zusammen mit Don Was und natürlich Mitch Ryder hat man eine Gruppe Musiker, die Ehrfurcht gebietet und womöglich die Studiomannschaft mit der größten Erfahrung aller in 2009 veröffentlichten Rock-CDs darstellt. Mir fällt auf Anhieb keine vergleichbare Produktion ein, schon gar nicht im kommerziell unwichtigen Bereich, in dem sich der "alte" Mann aus Detroit leider bewegt.
Eigentlich erwartet man bei einem solchen Aufgebot eine Weltsensation, aber am Schluss ist "Detroit…" nur eine ganz normal hervorragende neue Scheibe des sperrigen Ausnahmesängers. Ganz normal hervorragend bedeutet selbstverständlich, dass 99% aller vergleichbaren Platten keine Chance gegen Ryder haben, aber dieses eine fehlende Prozentpünktchen heißt auch, dass der absolute Geniestreich nicht gelungen ist. Es ist schwer zu sagen woran es liegt, vielleicht wäre die Scheibe vor 30, 25 oder 20 Jahren explodiert, vielleicht wäre auch ein Experiment wie das von Lee Fields und seinen jungen Begleitern auf "My World" interessant gewesen. Im Zuge dieser CD-Kritik schrieb ich folgenden Satz: "… wie modernisiert man Soul, Funk und (schwarzen) Rhythm & Blues? Es gibt nur eine Möglichkeit: Man lässt ihn wieder so klingen, wie er es in den Anfangstagen getan hat, kratzt die in den letzten 30 Jahren abgelagerten Fett- und Staubschichten ab und fügt behutsam die Erkenntnisse der letzten 10 Jahre hinzu." Möglicherweise ist letzteres genau der Punkt. Mitch Ryder und Don Was haben die (musikalischen) Erkenntnisse der letzten 10 Jahre nicht in "Detroit Ain't Dead Yet" einfließen lassen. Das Ergebnis klingt bei aller Klasse und Qualität nicht modern, sondern unterm Strich wie die meisten anderen Ryder-Platten - mit dem Unterschied, dass diesmal das Hauptaugenmerk tatsächlich Richtung Soul anstatt dem über Jahre vorherrschenden Bluesfeeling geht. Aber noch mal: Mit ENGERLING hätte das auch geklappt!
Von den insgesamt 12 Songs kennt man drei bzw. fünf, wenn man bei den Konzerten im letzten Jahr dabei war. Das wären Everybody Looses, 1986 nur auf der CD-Version von "In The China Shop" erstmals veröffentlicht (allerdings als Everybody Loses, mit nur einem o geschrieben), My Heart Belongs To Me, das 1981 als Eröffnungssong von "Got Change For A Million?" zum Hit hätte werden müssen (Uwe Tessnow von Line Records hat unglaublich gute Arbeit geleistet, aber einen echten Singlehit konnte er leider nie generieren), Junkie Love von der wichtigen Compilation "The Beautiful Toulang Sunset" (Line Records, 1990) und die beiden schon im letzten Jahr live zu hörenden Nummern One Hair und The Promise (es hat wunderbar geklappt mit ENGERLING!). Bekannt ist selbstverständlich auch der Klassiker What Becomes Of The Broken
Hearted, hier in einer sehr schönen Liveversion zu hören. Kleine Abstriche gibt es allerdings für den in den Höhen nicht ganz sauberen Chorgesang.
Die drei Neueinspielungen überzeugen mit frischen Arrangements, speziell My Heart Belongs To Me gefällt mit seinem sonnigen Funk-Groove ungemein. Das Ding könnte auch heute noch zum Hit werden. Auch Junkie Love kommt extrem funky, hat einen herrlich "offenen" Sound und eine klasse Gitarre. Jamie Muhoberac und Randy Jacobs prägen die Nummer, James Gadson trommelt dazu einen feinen Beat. Bei solchen Uptempo-Nummern klingt Mitch Ryder in Momenten wieder wie der junge Wahnsinnige, der schon 1967 härter als der Rest war, 1969 mit Steve Cropper und Booker T. Jones die Hitsammlung ohne Hits "The Detroit-Memphis Experiment" aufnahm und 1979 im Rockpalast Ain't Nobody White so unvergleichlich gefühlvoll besoffen performt hat. Apropos 1969. Beim Genuss von "Detroit Ain't Dead Yet" bekommt man Lust, mal wieder "The Detroit-Memphis Experiment" zu hören - und ist knappe 40 Minuten später geplättet von der Wucht und Virtuosität dieser leider einmaligen Veranstaltung. Außerdem war Ryder seinem britischen Kollegen Eric Burdon und dessen Projekt mit WAR um zwei Jahre, der Gabe zu hammerharten 3-Minuten-Songs und einer Ladung Sprengstoff in der Seele voraus. Aber das spielt 40 Jahre später angesichts des mit "The Promise" untertitelten neuen Albums keine Rolle mehr, wir leben in 2010, also soll das Versprechen, dass Detroit nicht tot ist, entgegen allen realen Zuständen wenigstens musikalisch bewiesen werden.
Im (Untertitel-)Song The Promise spricht Ryder von Armut, von "alle Lügen werden besser mit den Versprechungen die wir bekommen", von guten Schulen und ärztlicher Versorgung und sozialer Absicherung, er spricht auch von Veränderungen. Ryder weiß wovon er spricht, er und seine Frau hatten bzw. haben medizinische Hilfe dringend nötig, und das ist in den Vereinigten Staaten nicht billig und nur den Privilegierten vorbehalten.
Die Wut, die MICH überfällt angesichts beispielsweise der Hetzparolen eines Guido Westerwelle, diesem exklusiv deutschsprachigen Nachwuchsrechtspopulisten, kann ich leider nur in die Tastatur hämmern, einer wie Mitch Ryder hat den Vorzug und die große Begabung, seinen Zorn dem Publikum direkt ins Gesicht schreien zu können. Er macht das auf "Detroit Ain't Dead Yet" auch ausgiebig und grandios wie seit ehedem. Er macht es beizeiten auch gefühlvoll und mit einem diabolischen Grinsen zwischen den Zeilen (Crazy Beautiful). Die Band spielt dazu überragend, allerdings in manchen Songs vielleicht einen Touch zu zurückhaltend - vielleicht ist es auch einen Touch zu routiniert. Zu dieser Stimme passt gerne auch ein wenig Dreck im Sound. Aber das sind Marginalien, denn William S. Levise, Jr. ist längst über den Punkt hinaus, an dem er für banale Kritiker noch Angriffsfläche bieten würde - die alten hat er überlebt, die mittelalten mögen ihn spätestens seit dem Rockpalast (andernfalls würden sie nicht über ihn schreiben), die jungen verstehen derlei Musik meist ohnehin nicht. Dementsprechend darf auf "Detroit…" ein Latin-Song wie Let's Keep Dancing sein, der auf den ersten Blick eigentlich nicht ins Konzept passt, letztlich aber an Boredom von "The Detroit-Memphis Experiment" erinnert. Oder If My Baby Don't Stop Cryin', das klingt, als ob es die letzten 40 oder 45 Jahre in einem alten Schuhkarton auf Ryders Speicher verbracht hätte und zufällig für diese Aufnahmesessions wieder entdeckt wurde. Sehr scharfe Gitarre, Steve Cropper lässt grüßen.
Detroit ist musikalisch natürlich nicht am Ende (sehr geil wäre eine Tour mit THE MUGGS im Vorprogramm), wirtschaftlich sehr wohl. Mitch Ryder ist und bleibt eine Größe ganz besonderer Art und die CD "Detroit Ain't Dead Yet (The Promise)" ist im oberen Tabellendrittel der Veröffentlichungsflut einzureihen. Anzunehmen ist, dass die Verkaufszahlen in Europa höher sind als auf dem angestrebten Heimatmarkt, damit wäre Ryders Ziel zwar verfehlt, aber seine wahre musikalische Heimat ist ohnehin hier bei uns und mit ENGERLING. Das weiß er natürlich selbst.
Die noch anstehenden Konzerte im März 2010:
09.03., Frannz, Berlin
10.03., Hirsch, Nürnberg
11.03., Jazzhaus, Freiburg
12.03., komma, Wörgl (Österreich)
13.03., Franzis, Wetzlar
14.03., Sinkkasten, Frankfurt/Main
16.03., Rosenhof, Osnabrück
17.03., LOKation, Bad Salzuflen
18.03., Meisenfrei, Bremen
19.03., Downtown Bluesclub, Hamburg
20.03., Blues Garage, Hannover
21.03., Kulturgießerei, Schöneiche
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