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Mick Mars, Vince Neil, Tommy Lee, Nikki Sixx with Neil Strauss

Mötley Crüe

The Dirt

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Heyne Hardcore
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All Music Guide (englisch)
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The Dirt
The Dirt, Heyne Hardcore, 2006
ISBN: 3-453-67510-X
Umfang: 464 Seiten, Paperback
Preis: ca. 13 EUR

Gerade mal 8 Studioplatten in 25 Jahren ist nicht so viel. Dafür aber, nach GUNS N' ROSES und METALLICA, die meisten Schlagzeilen in der Sektion "Vermischtes & Klatsch". Auch ein Erfolg. Außerdem gut 50 Millionen verkaufte Platten und mindestens eine Hand voll Gründe die Band zu ignorieren und endgültig zu vergessen. Vorausgesetzt man ist Musikfan und nicht Hobbypsychologe, Drogenberater, Scheidungsanwalt oder Investor in Fässer ohne Boden.
Wie dumm nur, dass MÖTLEY CRÜE einige der geilsten Songs im Heavyrock geschrieben oder gecovert haben (Smokin' In The Boys Room, im Original von BROWNSVILLE STATION, ist nach wie vor in den All Time Top 10 für gehobenen Partyrock). Man gibt diesen Vollkoffern immer wieder eine Chance und kratzt die Kohle für ein neues Album zusammen. Oder 13 Euronen für dieses Buch. Die sind gut angelegt, man wird nämlich bestens unterhalten und für viele Stunden auf einen äußerst befremdlichen Trip geschickt.

Das Buch erschien im englischen Original bereits 2001 (in Europa 2002), sorgte für reichlich Schlagzeilen, dürfte aber den allermeisten Fans hierzulande dennoch unbekannt sein, außer man liest gerne englischsprachige Bücher. Ich tu es nicht, weil manche sprachliche Feinheit aufgrund selbstgebastelter Übersetzung einfach auf der Strecke bleibt. Das sollte man Profis überlassen, Kirsten Borchardt ist einer und hat gute Arbeit geleistet.
Beim Heyne Verlag gibt es seit Herbst 2005 die Edition "Heyne Hardcore" und genau dort ist dieses Buch nun auf Deutsch erschienen. Ein Buch über eine Rock'n'Roll Band in der Hardcore-Schmuddelecke also. Na bravo, seriöse Angelegenheit sicher, und vermutlich mal wieder genau den Spießbürgern in die Hand spielend, die sich an solcherlei gebremstem Hardcoreschaum aufgeilen. Auf dem Cover steht prompt "Sie wollten Sex & Drugs & Rock'n'Roll". Folgerichtig schrieb mein allerliebstes Bildungsbürgerheftchen, der Rolling Stone, "Ein Epos aus Rock'n'Roll-Babylon... Nach der Lektüre dieses Buches werden Sie sich nie wieder sauber fühlen...". Uuuh, da kriegt man direkt Angst und stellt den Meister Propper parat.

"The Dirt" wurde aufgezeichnet und editiert von Neil Strauss, einem Journalisten, der für die New York Times und (aha!) den Rolling Stone schreibt. Das ist einerseits sehr gut, denn Strauss kann schreiben und gibt den Episoden/Kapiteln im Buch ein lesbares Gesicht - ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Mars, Sixx, Neil und Lee intellektuell in der Lage wären, so zu schriftstellern. Andererseits bleibt dadurch unklar, wie viel eigener Input noch übrig blieb. Natürlich, die Storys sind authentisch und die Einblicke in Psychen und Abgründe hat Strauss ganz sicher nicht erfunden, insofern hat auch er einen tollen Job gemacht. Manchmal würde man sich allerdings einen stammelnden Vince Neil im Original wünschen, wenn auch nur für ein paar Seiten und um zu sehen, dass er wirklich so ein Dummbatz ist.
Sei's drum, das Buch ist aufgeteilt in abwechselnde Kapitel von allen vier Bandmitgliedern, zwischendurch kommt der arme Ersatzsänger John Corabi zu Wort (ganz ehrlich, auch wenn man ihn als Sänger nicht mag, man würde ihn gerne knuddeln), auch ehemalige Manager, Produzenten und Plattenfirmenheinis dürfen sich äußern.

Im Laufe der Lektüre kann man sich ein ziemlich eindeutiges Psychogram der Jungs erstellen, so ist z.B. Mick Mars ein simpel gestrickter aber eigentlich sympathischer Vogel, der letztlich immer nur Haue und die wenigsten Groupies bekam, oder Tommy Lee, der Drummer, der sich vermutlich am besten von allen verkaufen kann, hoffnungslos auf dickbusige Blondinen steht und womöglich der berechnendste Typ in der Band ist.
Man kann sich allerdings auch sehr gut die Verzweiflungsphasen und Katastrophen vorstellen, die die Band im Laufe der Zeit, selbst verschuldet oder nicht, ereilt haben. So sind zum Beispiel Vince Neils Worte zum alkoholbedingten Unfall mit Razzle von HANOI ROCKS erschütternd und sicher ehrlich, erklären aber nicht im geringsten, wie Band und/oder Plattenfirma sich 2003 erdreisten konnte, die Kompilationen "Music To Crash Your Car" zu veröffentlichen. Auch der Tod seiner Tochter ist bewegend aufgearbeitet und rührt den Leser.
Eher wenig rührend sind hingegen die schier endlosen Drogen- und Alkstorys, die eine perfekte Anleitung für jeden suizidwilligen Jungrocker bilden. Da wundert man sich schon, dass alle vier überlebt haben.

Da es ein Rock & Roll Buch ist, hat auch die Musik ihren Platz. Diese Teile sind, wenn sie aus Businesssicht erzählt sind, zum größten Teil spannend und aufschlussreich, manchmal erscheinen sie allerdings auch wie ein Jammern von reichen Superstars auf hohem Selbstmitleidniveau. Verblüffend, dass sich Sixx offenbar bis heute naiv wundert, wie die Band im Laufe ihrer Karriere immer wieder von der Plattenindustrie gefickt wurde. Viele Bekenntnisse der Musiker zu einzelnen Platten, Songs, Tourneen und Befindlichkeiten innerhalb der Gruppe sind höchst spannend zu lesen, zeigen die Identifikation der Band mit ihrer Musik, oder eben auch nicht.
Und da es ein Rock & Roll Buch ist, dürfen natürlich auch die Frauengeschichten nicht fehlen. Höchst interessante Einblicke in weibliche Anatomie- und Geisteszustände werden da geboten. Das geht von brüllend lustig bis eklig und von Neidgefühlen (für die Spießerfraktion) bis "bin ich froh kein Rockstar zu sein".

"The Dirt" ist ein Buch, das die Geschichte einer der größten (eine der größten sicher, eine der wichtigsten sicher nicht) Rockbands aller Zeiten aus eigener Sicht erzählt. Zwischen #1 und Bankrott, Party und Tod, Geilheit und völliger Agonie hat diese Band alles durch und schildert vieles in bemerkenswerter Offenheit. Man ist geneigt das meiste zu glauben, das nicht gesagte will man vielleicht gar nicht wissen und den einen oder anderen Widerspruch lässt am auf sich beruhen.
Im Jahr 2006 sind MÖTLEY CRÜE wieder auf Tour. Und zwar auf einer weiteren Mördertour mit unendlich vielen Konzerten. Nach der Lektüre dieses Buches mag man sich nicht vorstellen, was diese Konzertreise möglicherweise anrichten kann - wenn die Herren nicht inzwischen etwas vernünftiger geworden sind.

Dank für 464 Seiten brachialen Rock & Roll Lesestoff!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 07.03.2006

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