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Justice
Justice, SPV, 2010
Bobby Ingram Guitar
Phil McCormack Vocals
Dave Hlubek Guitar
John Galvin Keyboards
Tim Lindsey Bass
Shawn Beamer Drums
Produziert von: Bobby Ingram Länge: 65 Min 46 Sek Medium: CD
1. Been To Heaven Been To Hell7. As Heaven Is Forever
2. Safe In My Skin 8. Tomorrows And Forevers
3. Deep Water9. Vengeance
4. American Pride10. In The Darkness Of The Night
5. I´m Gonna Live 'Til I Die11. Justice
6. Fly On Wings Of Angels (Somers Song)

Ich sprach neulich mit Thomas Glück, dem Besitzer des bereits früher erwähnten "Musikladen Frankfurt, beim Kauf der remasterten STONES-CD "Exile On Main Street" und BLACK SABBATHs "Mob Rules" und "Heaven And Hell" (da wußte ich noch nichts vom Ableben Ronnie James Dios) über's Geschäft, und wie die Umsätze seit Jahren für solche kleineren Geschäfte stetig sinken. Die Kundschaft stirbt weg, die Künstler ebenso, und bald gibt es nur noch Downloads (oder wie meine Frau sagte: "Ich hab eh nur immer Singles gekauft, bis man dann unbedingt ganze LPs abnehmen musste. Geldschneiderei!"). Lichtblicke im düsteren Einerlei sind Bands wie MOLLY HATCHET, die eben über die Jahre einen festen Fankreis gewonnen haben, und somit dem "Musikladen" eine feste Abnahme garantieren. Eine Marke eben.
Ich erinnere mich noch, als ich die erste MOLLY HATCHET mit dem unvergleichlichen ALLMAN BROTHERS-Cover Dreams I'll Never See in der Hand hielt, auf diese finster blickende Sechs-Mann-Combo starrte, und sah, dass da drei Gitarristen spielten; das war für mich als WISHBONE ASH-Fan eine sichere Bank und das volle Überpfund.

Finster blicken tun sie immer noch, die Review kann man sich - siehe oben, die Leute kaufen eh - sparen - was soll's? Nun, wie schrieb ich in dem Editorial zu Ronnie James' Tod: "Also, einmal tief durchatmen, sich vornehmen, die noch Verbliebenen mehr zu würdigen - es gibt nicht mehr so viele große Stars...". Nun denn: hier offeriert eine leibhaftige, mittlerweile legendäre Band, sogar mit einem Originalmitglied (!), ihr neuestes Werk - würdigen wir.

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Los geht's, reingestampft kommt Been To Heaven Been To Hell, und los rumpelt der Boogie-Zug, home to Jacksonville (Anklänge an Gator Country und Sweet Home Alabama sind erwünscht, textlich zumindest). Die Slide heult, irgendwo sind ein paar Keyboards, und von Dave Hlubek hört man solistisch (hier und auf dem Rest der CD, wenn ich mich nicht irre) nicht viel; ist aber egal, prima Boogie-Stampfer, genau wie Track 2 Safe In My Skin, ein Ei gleicht dem anderen.
Deep Water, ein Mid-Tempo Rocker á la Hatchet, bietet dann die erste Abwechslung: Keyboard-Intro, zurück zu Deed Is Done Zeiten, Double Harmony Leads, Double Lead Duelle, alles da, langsame Bridge in der Mitte - man ist sicht- und hörbar um Abwechslung bemüht. American Pride ist POISONs Unskinny Bop in HATCHET-Manier. Gefällt gut, weil nicht einfach nur ständing Vollgas gegeben wird, in der Mitte dann Honky-Tonk Keyboards von John Galvin und ganz leichte Anklänge an moderne Zeiten mit Einspielung von verzerrten Vocals; aber wirklich ganz leicht, und dann wieder "Guitar …!".
I´m Gonna Live 'Til I Die wieder mit langsamen Intro in der Art vom Peacemaker, einschließlich Tempowechsel und langen Double Harmony Leads, bis Ingram das Ruder übernimmt; hier wippt der Kopf, Y'All! Aber Bobby hält sich, für seine Verhältnisse erstaunlich zurück; man meint fast, von songdienlichem Spiel sprechen zu können; ein garantierter Stadionknaller. Fly On Wings Of Angels (Somer's Song) zu Ehren der ermordeten siebenjährigen Somer Thompson (deren Schwester man im Intro auch singen hört), und Leute, hier stellen sich dann beim Gitarrenintro wirklich die Haare an den Armen auf. Sehr stimmungsvoll, eine langsame, keybordlastige Ballade, von vorne bis hinten zum Heulen schön.

As Heaven Is Forever ist eine weitere Ballade, eher langweilig und Standard, und Tomorrows And Forevers, fast schon auf Pop-Niveau, erinnert an die "Lightning Strikes Twice"-Zeit, wobei Phil irgendwie Probleme mit den richtigen Tönen hat. Vengenance lässt mit seinem flächigen Keyboard-Intro einen weiteren Southern-Pop-Song befürchten, bis dann nach etwa einer Minute doch noch ein Rocker mit einem clever arrangierten Mittelteil mit verschärftem Gitarrensolo draus wird. In The Darkness Of The Night, ein weiterer etwas melodramatisch-düsterer Boogie, der allerdings nicht so ganz den Hintern hoch kriegt, allerdings zeigt, dass HATCHET nach zusätzlichen Ausdrucksmöglichkeiten suchen, und Bobby soliert sich in den Himmel. Zum Abschluss der Titeltrack Justice mit Free Bird-ähnlichem Tempowechsel in der zweiten Hälfte, und wieder keinem Zweifel daran, wer bei HATCHET jetzt das Ruder in der Hand hält.

Fazit: Wer die CD kauft, braucht sich mit niemandem darüber zu streiten. Bis auf einige Luschen im Mittelfeld ein sehr solides, rockendes, gut komponiertes, prima produziertes Teil von dieser Combo älterer Herren (schau mal das Foto!), die ihre Grenzen und die ihrer Fans kennen, und denen auf hohem Niveau Ware liefern. Inwieweit neuere Bands wie HOGJAW, die ja gerade mit ihrem zweiten Opus an den Start gehen, die YANKEE SLICKERS oder REBEL PRIDE den Southern Rock fortführen oder gar erneuern (will das wirklich einer?), bleibt abzuwarten.

Dietrich Gastrock, (Artikelliste), 20.05.2010

Ein echter Durchhalter ist Bobby Ingram auf jeden Fall. Spätestens nach der letzten Tour hätte man keinen Pfennig mehr auf ihn und HATCHET gesetzt, zu kläglich war der Versuch, den verfetteten Dave Hlubek als Kassenmagnet zu benutzen, ihn dann aber aus dem Scheinwerferlicht zu nehmen (was angesichts des unfassbaren Umfangs des ehemals wildesten aller Hatchet-Axtschwinger eine Leistung ist) und die übliche Ingram-Soloshow abzuziehen. Zu hören war der Dicke eh nicht, ab und an ließ er seine Finger ganz flink fliegen, sodass man erahnen konnte, was er eventuell noch draufhaben könnte. Diese Tour Ende 2008 war für etliche Langzeitfans ein Freundschaftskündigungsgrund. Und doch steht Bobby Ingram im Mai 2010 tatsächlich mit der CD "Justice" am Start, diesmal sogar mit neuen Songs und wieder bei der in Deutschland beheimateten SPV unter Vertrag. Dem Mann gebührt Respekt.
Dave Hlubek steht übrigens auch im Booklet - sein gitarristischer Beitrag auf "Justice" dürfte allerdings eher gegen Null tendieren. Credits als Songwriter hat er ohnehin keine. Dafür ist Bobby Ingram auf den Wohltätigkeitszug aufgesprungen und hat die Erlöse der Single Fly On Wings Of Angels und eines Benefizkonzerts an die Somer Thompson Foundation weitergegeben (s. o.). Das ist zweifellos großherzig und jedwede Kritik an besagtem Lied verbietet sich, auch wenn die Art und Weise dem gewöhnlichen Mitteleuropäer womöglich ein wenig zu pathetisch erscheinen mag. Fly On Wings Of Angels läuft also außer Konkurrenz und muss so wie es ist beklatscht werden. Der Rest von "Justice" allerdings nicht.

Es gibt in der endlosen Geschichte von MOLLY HATCHET kein zweites Album, das so zwiegespalten ist wie "Justice". Selbst das ungeliebte Ingram-Frühwerk "Lightning Strikes Twice" (1989) ist leichter zu beurteilen als "Justice", denn "Lightning…" hatte nur zwei Seiten: eher schwachbrüstige Boogies und reichlich missratene Mainstream-Versuche. "Justice" hingegen bietet deftige Boogies, eine gelungene XXL-Trademark-Hymne, unerhebliche Lückenfüller und ein paar Griffe ins sprichwörtliche Klo. Fast scheint es, als ob Ingram ein wenig verzweifelt versucht, dem im letzten Jahrzehnt völlig eindimensional gewordenen Hatchet-Sound ein paar neue Klangvariationen anzufügen. Dass er sich dabei etliche Male in der von Southern Rockern verachteten 80er-AOR-Kiste bedient, macht "Justice" am Ende zu einem mittelprächtigen Album.
I'm Gonna Live 'Til I Die gehört in diese unsinnige Kategorie genau wie die pappige Ballade As Heaven Is Forever und der beinahe unerträgliche Radio-Mitwipp-Schlager Tomorrows And Forevers. Man sieht vor dem geistigen Auge eine fröhlich tänzelnde und Gitarren schwenkende Sunnyboykapelle aus dem Jahr 1985 in peinlichen weißen Anzügen (SURVIVOR oder MILLI VANILLI?). Totalpanne.
Unwichtig sind Vengeance und Deep Water. Gehört und abgelegt. Bedenklich sind manche Synthie-Anwandlungen von John Galvin, sein Pianospiel ist hingegen nach wie vor großartig. Man kann das beim clever arrangierten In The Darkness Of The Night gut überprüfen, auch wenn das Piano zu leise abgemischt ist. Ingram simuliert dabei ein ganzes Riffgeschwader - das möchte man gerne live mit drei echten Gitarristen hören. Und damit kommen wir zum erfreulichen Teil von "Justice".

An einer Tradition wird Bobby Ingram niemals vorbeikommen, nämlich der der unbedingt benötigten Southern-Hymne. Mit dem Titelsong Justice ist ihm diesmal ein würdiger Vertreter gelungen, auch wenn die Zutaten natürlich allesamt bekannt und abgenudelt sind. Der Dialog zwischen Galvin und Ingram ersetzt die fehlende zweite und dritte Gitarre anständig und die für Hatchet-Verhältnisse luftige Produktion sorgt für eine angenehme Atmungsfreiheit. Das abschließende eineinhalbminütige Gitarrenduell (Ingram vs. Ingram) ist selbstverständlich große Südstaatenkunst. Hoffentlich werden live für Justice ein paar der alten Epen geopfert. Stattdessen wäre dann nämlich auch Zeit für die neuen Vollgas-Rocker Been To Heaven - Been To Hell, Safe In My Skin und American Pride, das trotz dem dämlichen Titel ein echtes Boogie-Juwel ist (der obige Vergleich mit POISONs Unskinny Bop trifft übrigens exakt ins Schwarze). Bei diesen drei Songs stimmt wirklich alles, sogar Phil McCormack nervt nicht mit aufgesetztem Gebrüll sondern singt beinahe melodisch, auf jeden Fall aber songdienlich. Auffallend bei diesen Songs ist Ingrams relative Zurückhaltung. Er bratzt nicht alles nieder was sich ihm als möglicherweise spielbare Note in den Weg stellt, gibt vielmehr sich selbst und Galvin die Gelegenheiten für kleine aber überaus feine Soloeinlagen. Genau so will man MOLLY HATCHET hören (und vielleicht auch wieder sehen), doch leider sind es nur viereinhalb grandiose Songs geworden, nicht wie früher acht, neun oder zehn.

Nach dem in seiner Härte nicht mehr zu übertreffenden "Warriors Of The Rainbow Bridge" ist "Justice" ein geradezu differenziertes Werk geworden, die genannten Höhepunkte reihen sich auch nahtlos in die Kette der Hatchet-Klassiker ein, aber als Album ist "Justice" kein Meilenstein geworden. Doch es bleibt uns nichts anderes übrig, als MOLLY HATCHET 2.0 auch im Jahr 2010 zu akzeptieren, denn es gibt keine Alternative. Seit Jimmy Farrars Schlaganfall ist GATOR COUNTRY nicht mehr existent.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 22.05.2010


 
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