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Paul Stanley

Live To Win

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Live To Win
Live To Win, Universal, 2006
Paul Stanley Vocals, Guitar, Bass
Corky James, Bruce Kulick, John 5 Guitar
Victor Indrizzo Drums
Harry Sommerdahl Keyboards
Produziert von: Paul Stanley Länge: 33 Min 55 Sek Medium: CD
1. Live To Win6. All About You
2. Wake Up Screaming7. Second To None
3. Lift8. It's Not Me
4. Everytime I See You Around9. Loving You Without You
5. Bulletproof10. Where Angels Dare

So, jetzt isser 54 und will was beweisen und sich (endlich) ausleben. Aber warum und wem? Der Mann ist immerhin seit schlappen 3 Jahrzehnten dick im Geschäft und zigfacher Millionär, hat so unvergängliche Hardrockklassiker wie Love Gun, Shout It Out Loud, Firehouse, Black Diamond, Hotter Than Hell, Detroit Rock City, Let Me Go Rock & Roll, Lick It Up, Strutter und natürlich I Was Made For Lovin' You mindestens mitgeschrieben und braucht niemandem mehr irgendwas beweisen. Und wenn schon, dann soll er gefälligst was wirklich spektakuläres machen und keinen Pillepallelarifari mit irgendwelchen Mietmusikern.

Klar, wir reden von Paul Stanley, der zusammen mit Gene Simmons die vermutlich einträglichste Merchandisemaschine der Rockgeschichte betreibt, natürlich unseren Lieblingskarnevalsverein KISS.
War sein erstes Soloalbum "Paul Stanley" im Jahr 1978 noch Teil der Vermarktungsstrategie, alle vier damaligen Bandmitglieder gleichzeitig eine Platte veröffentlichen zu lassen (nebenbei bemerkt, Stanley hat damals das bei weitem "kissigste" und unterm Strich beste Machwerk zustandegebracht), läuft "Live To Win" 28 Jahre später unter ganz anderen Voraussetzungen vom Stapel.
Unter mächtigem Gebabbel und altersweisen Sprüchen wie "... wollte sämtliche Grenzen einfach mal missachten... die einzigen Beschränkungen sind diejenigen die wir uns selbst auferlegen... blabla..." produzierte unser hoffnungsvoller Newcomer mit der freundlichen Hilfe solcher progressiver Mainstreamfeinde wie Desmond Child (der bekanntlich von Ricky Martin über Cher bis AEROSMITH und BON JOVI für ziemlich jede Erfolgsband schon Hits geschrieben hat - auch am erwähnten I Was Made For Lovin' You war er beteiligt) und Andreas Carlsson (jeder erinnert sich mit Freude an Born To Make You Happy von Britney Spears und diverse Chartbreaker für die BACKSTREET BOYS, WESTLIFE, Celine Dion, *NSYNC und natürlich Jon Boy Jovi) ein Werk, das sowas von schranken- und grenzenlos ist, dass man beinahe nicht glauben möchte, dass dieser Paul Stanley ein ganz großer Rock'n'Roller ist. War?
[Wow, was für ein Satz. Bin selbst ganz geblendet und nenne ihn aufgrund der grenzenlosen Länge "Write To Win".]

Sagen wir es mal so: Käme "Live To Win" von beispielsweise Tobias Regner - das war der letzte RTL-Superstar, nur so als Gedächtnisstütze -, Bohlen würde sagen "boah, ey, endlich mal ein echter Rocker in dieser Sendung". Und dann "Junge, du singst scheiße und siehst scheiße aus, aber ich steh auf echte Typen, bin ja schließlich selber einer". Und ganz ehrlich, diese CD würde einem Tobi R. deutlich besser stehen, als sie es dem ollen Paule tut. Der Titeltrack ist so wenig altersgerecht, man nimmt es ihm einfach nicht ab, vor allem wenn er mittendrin sein altbekanntes "yeaaaaaaah" ablässt. Trotzdem anständiger Modern Rock, jedoch von allen scharfkantigen Ecken befreit, ganz so wie die gesamte CD.
Natürlich sieht Stanley immer noch ok aus und natürlich kann er immer noch singen wie der Leibhaftige - immer wenn er seine Stimme endlich mal ohne Beschränkungen losheulen lässt, macht die Scheibe fast schon Spaß. Aber es hakt hinten und vorne an der Produktion. Eine breitwandige NuRock-Sause, allerdings zu weiten Teilen ohne Saus oder gar Braus, dafür mit massenhaft Drang ins Radiohörerohr und, leider leider, auch einigen völlig abstrusen Spätachtziger-/Frühneunziger-Anwanzungen, wie sie für Leute wie Desmond Child eben üblich sind. Sogar Geiger bleiben uns nicht erspart, immerhin aber wenigstens einigermaßen leise. Da mag Stanley noch so sehr auf die Intimität und persönliche Note der Texte hinweisen, ein Schmachtfetzen wie Second To None bringt einen jeden Rocker zur Weißglut. Diese Glocken und Loops...
Hätte der gute Mann einen ähnlichen Kotzbrocken wie METALLICA mit ihrem "St. Anger" aufs Volk herabgeschmissen, jeder könnte sich selbst hinterfragen, ob er das Ergebnis nun mag oder nicht. Hier hat man nur eine Möglichkeit: Die vier, vielleicht fünf guten Songs auf den MP3-Player bannen und den Rest vergessen. Dazu gehört auch die von jeglichen Riffs befreite Alternative-Anbiederung Wake Up Screaming. Sowas traut man einem KISS-Recken in der Tat nicht zu.

Doch es gibt rocklob auch Lichtblicke. Die schönen Balladen Everytime I See You Around und Loving You Without You beispielsweise, die trotz den unvermeidlichen Geigen einen packenden Hook und großartigen Gesang bereithalten, Bulletproof wegen seinem fetten Gitarrenlick vor dem Chorus und Stanleys "uuuuh, uh uh uh uh yeaaah" danach, All About You weil's zwischendrin schön marschiert - bevor wieder der Flachsinn gewinnt, oder Where Angels Dare für die poprockige Einfachheit. Bei insgesamt mageren 10 Songs und lahmen 34 Minuten Spielzeit ist das einfach zu wenig für einen wie Paul Stanley. Schade drum.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 10.10.2006

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