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| Stark wie Zwei, Starwatch/Warner Music, 2008 |
| Produziert von: Andreas Herbig |
Länge: 61 Min 59 Sek |
Medium: CD |
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| 1. Ich zieh meinen Hut | 8. Chubby Checker (feat. Helge Schneider) |
| 2. Wenn du durchhängst | 9. Der Greis ist heiss |
| 3. Ganz anders (feat. Jan Delay) | 10. Woddy Woddy Wodka |
| 4. Was hat die Zeit mit uns gemacht | 11. Nasses Gold |
| 5. Mein Ding | 12. Interview mit Gott |
| 6. Stark wie Zwei | 13. Verbotene Stadt |
| 7. Der Deal (feat. Silbermond) | 14. Der Astronaut muss weiter |
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Und dann kommt eine kleine Pissnelke aus der Horde der Billigschreiber und nörgelt am Heroen herum, wo doch alle - und zwar inklusive Benjamin von Stuckrad-Barre in der Welt - die CD "Stark wie Zwei" als Leuchtturmprojekt deutscher Popmusik ausgerufen haben. Mal ganz ehrlich: Benjamin von Stuckrad-Barre, Popliterat und schon mit zarten 33 Jahren Edelautor für den Axel Springer Verlag, geht der hier schreibenden Pissnelke aber sowas von am Arsch vorbei.
Als Udo Lindenberg vor ein paar Jahren aus seinem langjährigen Platten-Rentenvertrag entlassen wurde, erschrak man als Anbeter seiner Großtaten von damals, und fragte sich, warum man jetzt auch noch die Ikonen demontieren muss, wo doch eh schon alles den Bach runter geht. Aber keine Panik (sorry, auch für 'Panik' hat Lindenberg keinen Exklusivanspruch), aus dem vermeintlichen Indie-Lindi ist nun der Warner-Künstler geworden. Und jetzt Achtung! Bild.de hat seine neue Platte vorab ins Netz gestellt und auch gleich noch eine Serie präsentiert: "Der Rockonaut hebt wieder ab!"
Udo Lindenberg sanktioniert im Jahr 2008 Bildunterschriften wie "Nachts steigt Udo in seinem Astronautenanzug aufs Dach des Hotel Atlantic und winkt den Sternen zu". So, Freunde, nun dürft ihr euch entscheiden, ob ihr als Rockfans so einen Schwachsinn akzeptieren wollt. Offenbar, denn die CD ist auf den ersten Platz aller Hitparaden gerauscht, bei Amazon gibt es ausschließlich 5-Sterne-Reviews (auch wenn jeder Dritte anmerkt, ansonsten von diesem Herrn nichts zu kennen) und ein großes Interview gibt es in der Musikfachzeitschrift "Azur - das Kreuzfahrtmagazin" zu lesen. Mehr Rock & Roll geht kaum - und am Schluss hat Udo L. tatsächlich einen Astronautenanzug im Schrank hängen. Prost Mahlzeit.
"Stark wie Zwei" bringt einen - bis auf den "scheinheiligen Vater" in Interview mit Gott - gänzlich unpolitischen Panikkanzler, dafür einen nachdenklichen Lebenshilfeonkel, der seine eigenen Abgründe aufarbeitet. Zwischendurch blitzt ein klassisches Udo-Reimchen und macht einen Grinsen, manchmal zitiert er sich, hoffentlich, augenzwinkernd selbst und hält den "Daumen im Wind", in den Höhepunkten lässt er sich von Jan Delay zu einem richtigen Rocksong oder von Helge Schneider zu wundervollen Blödsinn treiben. Dann ist die Welt im Lot, aber wo muss man Jammerlappenlyrik wie Was hat die Zeit mit uns gemacht einordnen? Fällt ihm so was ein, während er seine "Likörelle" malt? Muss der große Udo mit 62 noch dezidiert betonen, dass er "sein Ding" macht und sich keinesfalls von Schwachmaten belehren lässt? Das ganze wird begleitet von Mainstreammucke fürs Formatradio oder wahlweise auffällig melancholischen Simpel-Balladen. Klar, wenn er in detektivischer Selbstfindung seine alte Rock-Revue reanimiert, kommt ein Klopfer wie Der Greis ist heiss heraus und Viagra reimt sich auf Liebeslager. Fast unvorstellbar, dass solch Zwangshumor Menschen unter 40 gefallen kann. Oder ist Otto Waalkes momentan im Kinderkanal angesagt?
Dennoch, eines darf man dem alten Mann nicht absprechen: Er kann großartige Lieder schreiben. Auf "Stark wie Zwei" ist es Woddy Woddy Wodka, das dreimal um die Ecke dramatisiert und immer noch Spaß macht. Aber "der Gin des Lebens" ist nicht in Selbsthilfegruppenmeditationsliedern wie Nasses Gold versteckt. Menschen, die mit dem zittrigen Finger auf sich selbst zeigen, braucht man nach Harald Juhnke eigentlich nicht mehr. Dafür klingt Stefanie Kloß von SILBERMOND auf Der Deal richtig geil und emanzipiert.
"Stark wie Zwei" ist nicht: Schlecht, peinlich, überflüssig. Dafür aber auch einfach nur ein durchschnittliches Lindenberg-Album, das Gerhard Gösebrecht nicht zum Comeback verleiten wird. Egal, die erste #1 in der langen Udo-Geschichte sei ihm vergönnt, auch wenn's nur mit Hilfe der Bild und "Wetten, dass..?" zustande kam.
P.S.: Das widerlichste Untier der genannten Zeitung, der Gossenkolumnist Franz Josef Wagner, widmete "unserem" Udo folgende Sätze: "Lieber Udo Lindenberg, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen CD 'Stark wie 2'. Samstag waren Sie bei 'Wetten, dass ..?', heute sind Sie in meiner Kolumne, weil Sie ein Nationalschatz Deutschlands sind. Sie sind für mich nach den Gebrüdern Grimm der zweite Erfinder der deutschen Sprache, des 'Easy-Deutsch'." Und: "Ihnen verdanke ich, dass ich schreibe, wie ich heute schreibe. Ich lege meine Worte wie meine Füße auf den Tisch. Das haben Sie bewirkt. Sie haben den Rock'n'Roll ins Deutsche übersetzt - wie Luther die Bibel." Nebenbei bezeichnet Wagner Heinrich Böll als "aufregend wie einen Kirchentag". Ob das Gesamtkunstwerk Lindenberg wohl auf solche Ehrungen stolz ist?
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