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| Into The Wild, Frontiers Records, 2011 |
| Mick Box |
Guitars, Vocals |
| Bernie Shaw |
Lead Vocals |
| Trevor Bolder |
Bass, Vocals |
| Phil Lanzon |
Keyboards, Vocals |
| Russell Gilbrook |
Drums, Vocals |
| Produziert von: Mike Paxman |
Länge: 53 Min 00 Sek |
Medium: CD |
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| 1. Nail On The Head | 7. Southern Star |
| 2. I Can See You | 8. Believe |
| 3. Into The Wild | 9. Lost |
| 4. Money Talk | 10. T-Bird Angel |
| 5. I'm Ready | 11. Kiss Of Freedom |
| 6. Trail Of Diamonds | |
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Wissen Sie eigentlich, wie es sich anfühlt, wenn ein stramm auf die 50 zugehender Rock & Roller, der nebenbei über seinen Lebensinhalt schriftliche Statements abgibt, Jahr für Jahr, Monat für Monat, oft Woche für Woche von den noch lebenden Helden seiner Kinder- und Jugendtage bitterlich enttäuscht wird? Weil sie wieder ein mieses Album auf den Markt werfen, das es aus mindestens zwei Gründen nicht bräuchte: erstens weil die Wunderwerke der Vergangenheit längst im Olymp angekommen sind und zweitens weil es so viele tolle junge Bands gibt, die viel heißer sind als die Opas. Sie wissen es? Sie wissen auch, wie sich das anfühlt, wenn man wieder ein zwanghaftes Album von zum Beispiel WHITESNAKE anhören muss? Genau, es ist entsetzlich. Viele Leser beschweren sich dann bitterlich, dass der Rezensent die Veteranen ganz grundsätzlich und aus purer Bösartigkeit in Grund und Boden schreibt, vermutlich nur um sich selbst zu beweisen, wie jung und zynisch er selbst geblieben ist.
Die Wahrheit ist anders. Alle die, die zu Wine, Women An' Song Flaschen geöffnet haben, alle, die Bon Scott live sehen durften, und alle, die als Grundschüler Kassetten mit DEEP PURPLE, STATUS QUO, BLACK SABBATH und URIAH HEEP bis zum endgültigen Bandsalat in ihrem Grundig-Kassettenrekorder abspielten und jeden Text mitsingen konnten, alle die haben die große Zeit erlebt und brauchen keine B-Ware von kreativ längst erstarrten Rock'n'Roll-Heiligen, auch wenn sie einst Sweet Home Alabama, Under My Thumb oder Black Dog erschaffen haben.
Aber wissen Sie auch, wie es ist, wenn ein neues Album einer Legende ein Hammer ist und weder eigenen Großtaten noch den heranstürmenden Jungspunden nachsteht? Nein? Lange nicht gehabt, nicht wahr. Es ist einfach grandios, wenn Mick Box mit seinen unendlichen URIAH HEEP rockt wie, nun ja, wenn die alten Säcke rocken wie kaum jemals zuvor. Es ist so bewegend, dass man als einer, der "Look At Yourself" im Kindesalter wie eine Reliquie behandelte, heute unter dem Kopfhörer sitzt und vor Lust die Faust schwingt und unkontrollierte Schreie ausstößt. "Into The Wild" ist ein Riese geworden.
Über 40 Jahre gibt es URIAH HEEP, die Band wurde geliebt, verlacht und irgendwann als Urgestein anerkannt. Die Tourneen sind seit mehr als 20 Jahren ein regelmäßiges Wiedersehensfest mit alten Freunden und einer immer gut gelaunten Band, die ihren Tiefpunkt in den mittleren Achtzigerjahren mit all den alten Hits, einer bewundernswerten Spielfreude und dem einen oder anderen neuen Song Jahr für Jahr hinwegspielte. Die sporadisch aufgenommenen CDs waren gut aber nicht spektakulär, das Fanvolk hatte sich damit abgefunden, dass HEEP mehr oder weniger ein freundliches Faktotum aus der Vergangenheit war, das ab und an zur Party vorbeikommt. Herrschaften, bitte aufwachen, die Zeit der Agonie ist jetzt vorbei, mit "Into The Wild" gibt es ein Album von HEEP, das nicht einfach Studioalbum #23 ist, sondern eines, das bei den "Big Five" dieser Band mitspielt. "Wake The Sleeper" war vor drei Jahren eine prima Platte, doch diesmal ist nicht nur der Sound eminent besser, die alten Herren haben ein nahezu perfektes Rundum-Sorglos-Paket geschaffen. Es sind alle Trademarks da, die Hammond-Exzesse, die Chöre, die typische Box-Gitarre in allen Variationen, Bernie Shaw mit seiner Stimme für Millionen, plus die Lebensversicherung der Rockmusik: Granatensongs.
Was immer bei Mick Box und Phil Lanzon, den Songwritern, passiert ist, es ist großartig. Verdammt, es ist so großartig, dass man auch beim zwanzigsten Durchlauf und während dem Verfassen dieser Zeilen jubelt. Neue Lieder, weit entfernt von Selbstplagiaten, hart rockend, hymnisch und progressiv, ja, das ist URIAH HEEP wie aus dem Wunschbuch.
Früher, also in den Siebzigern, hat man HEEP oft die schwiemeligen Weichspülersongs und endlosen Romantikkaskaden vorgeworfen, und in der Tat waren Ken Hensley und Ur-Sänger David Byron durchaus berüchtigte Helden der Seichtigkeit, aber wann immer die Band respektive Mick Box loslegte, wann immer straight und gerne auch hitparadendienlich Musik für das langhaarige Zielpublikum produziert wurde, war HEEP ein Garant für beste Musik. Seitdem sich das leidige Sängerproblem durch den Einstieg von Bernie Shaw erledigt hatte (1986, also sozusagen kürzlich), wäre rückblickend - gemessen an "Into The Wild" - wesentlich mehr möglich gewesen als das Erreichen des Oldiestatus. Hört man die Eingangsbrecher Nail On The Head und I Can See You, wünscht man sich die kommerzielle Situation von 1975 zurück, als solche Nummern ohne Umweg zu Klassikern wurden. Oder den Titelsong, der zweifellos zum Härtesten gehört, das von HEEP jemals zu hören war. Die erste Hälfte von "Into The Wild" ist packender als fast alles von vergleichbar betagten Bands aus dem letzten Vierteljahrhundert. Hard Rock der allerobersten Güteklasse mit einem Sänger, der seine altersbedingten Schwächen, also die ganz hohen Töne, mit einer so betörenden Leidenschaft hinwegbrüllt, dass man ihm stehend applaudiert. Mick Box wirbelt wie immer und Wah-waht wie der Leibhaftige, Phil Lanzon setzt Orgel-Glanzpunkte wie nie zuvor, Trevor Bolder ist mit kurzer Unterbrechung seit 35 Jahren der Bass-Fixpunkt und der "neue" Schlagzeuger Russell Gilbrook (seit 2007) kann auf "Into The Wild" erstmals seine technischen Fähigkeiten in Dynamik umsetzen, was HEEP gut tut, denn ein technisch so versierter Drummer nimmt bei schwierigen Parts - URIAH HEEP hatte und hat auch immer einen progressiven Anspruch - viel Druck vom Rest der Band. Das gelingt Gilbrook diesmal besser als auf "Wake The Sleeper", er trommelt viel, für Puristen vielleicht ab und an zu viel, aber er sorgt für Bewegung. Der einzige Kritikpunkt an "Into The Wild" ist die Abmischung des Schlagzeugsounds. Bei aller Power würde man sich an manchen Stellen mehr Transparenz und organischere Tonabnahme wünschen, manches klingt wie aus der Drum-Clinic. Aber das ist eine marginale Kritik, denn das Gesamtpaket überwältigt.
Die "B-Seite" fällt nicht ab, ist aber etwas anders konzipiert. Der unbändige Vorwärts-Hardrock der ersten fünf Nummern wird abgelöst vom Classic-Heep-Song Trail Of Diamonds, der diese wunderschönen elegischen Momente der Zeit bis etwa "High And Mighty" (Byrons Schwanengesang) neu belebt. Hammond, Leslie und Gesang im Dauerchoral, nur kurz unterbrochen von der typischen Gitarre, die in solchen Momenten wie ein Schattenwesen über der Komposition schwebt. Ähnlich, nur etwas modifizierter kommt Southern Star, danach lässt Box sein Instrument wieder zubeißen wie eine Giftschlange, das Tempo bleibt moderat, treibt aber ältere Menschen trotzdem an die Leistungsgrenze.
Mit T-Bird Angel gibt es kurz vor Schluss noch einen Hit. Jedenfalls einen gefühlten. Wer solche Harmonien zustande bringt, ist unantastbar.
Zugegeben, es ist selten, dass ich ein neue Platte einer Veteranenkapelle so bejuble, aber "Into The Wild" ist eine Großtat, ein konzentriert und (natürlich) kompetent eingespieltes Album von Männern um und über 60, das kommt nicht alle Tage vor. Überragend.
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