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Walkin' In A New Direction

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Bärchen Records
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Artesuono Produzioni Musicali
Mehr Info:
All Music Guide (englisch)

Unser Disclaimer
Walkin' In A New Direction
Walkin' In A New Direction, Artesuono Produzioni Musicali, 2010
Fabio Drusin Vocals, Bass, Percussions
Anthony Basso Guitar, Vocals
Silver Bassi Drums
Gäste:
Glauco Venier Electric Piano, Hammond Organ
Mauro Ottolini Trombone
U.T. Gandhi Percussions
Länge: 65 Min 28 Sek Medium: CD
1. Amnesia7. Demons
2. Déjà Vu With The Blues8. Funky To The Bone
3. My Solitude9. Beautiful Awareness
4. Wastin' My TimeBonus Track:
5. Unbelieve10. Lucky Man (rehearsal studio version)
6. It's Too Late To Lie

W.I.N.D. Zwei Dinge vorweg: Erstens ist es grundsätzlich schade, dass Jimi Barbiani und Sandro Bencich nicht mehr bei W.I.N.D. sind, man hatte die beiden wirklich lieb gewonnen und als großartige Musiker geschätzt. Aber es war wohl an der Zeit eine Veränderung herbeizuführen, das Trio-Konzept ist endlich und irgendwann erschöpft, offensichtlich wollte oder musste also der 100%-Musikmensch Fabio Drusin neben seinen vielen Nebentätigkeiten - zuletzt war er mit dem zwischen Genie und Blues lavierenden Gitarristen Alvin Youngblood Hart auf Tour - frischen, sorry, Wind in seine eigene Band pusten. Neu an Bord sind also Anthony Basso (Gitarre & Gesang) und Silvano "Silver" Bassi am Schlagzeug. Benvenuti, Rocker!
Das zweite Thema ist eine Danksagung. Auf dem neuen Album von W.I.N.D., das nicht ganz zufällig "Walkin' In A New Direction" benannt wurde, ist eine Coverversion, und zwar eine ganz spezielle. Funky To The Bone heißt das Lied, wurde geschrieben von Marvin "Henchi" Graves und Fred Gowdy, die als FREDDI-HENCHI & THE SOULSETTERS in den Sechzigern und Siebzigern zwar nicht berühmt wurden (und auf Singles teilweise als Freddy oder Freddie geschrieben wurden - die Musikindustrie war schon immer richtig schlecht), aber 1972 einen leider nie zum Welthit gewordenen Klassiker verfasst haben. Wer hat den Song als erster gecovert? Jawohl ja, es war der größte Sänger aller Zeiten: Mr. Stephen Peter Marriott. Im Jahr 1975 landete Funky To The Bone auf dem von Kritikern und HUMBLE PIE ungeliebten Album "Street Rats". Zwar nur auf der Erstauflage der britischen Fassung, auf sämtlichen anderen LPs und CDs erscheint der wohl ursprünglich vorgesehene Song There 'Tis, und Marriott war mit der Veröffentlichung von Funky To The Bone auch nicht einverstanden, er beschuldigte den Produzenten Andrew Loog Oldham schlicht der Manipulation, weil Funky… nicht von den PIE-Musikern eingespielt wurde, aber nichtsdestotrotz handelt es sich um einen weiteren Geniestreich von Marriott. Die LP "Street Rats" klingt übrigens in der ursprünglichen Version deutlich anders als in sämtlichen bis heute veröffentlichten Fassungen. Funky To The Bone gibt es auf der empfehlenswerten Compilation "Tin Soldier", klar wird allerdings, dass es sich definitiv nicht um eine Aufnahme von HUMBLE PIE handelt, sondern dass Steves Soloversuche von Oldham nachträglich aufgepeppt wurden. Über das Original von FREDDI-HENCHI & THE SOULSETTERS gibt es übrigens im Home of Rock auch zu lesen: "What It Is! Funky Soul And Rare Grooves - 1967-1977" ist das dazugehörige Grundlagenwerk.
Ja, und nun spielen die Italiener von W.I.N.D. dieses vergessene Juwel. Das wäre an sich schon eine Erfreulichkeit, aber Fabio Drusin wäre nicht Mastermind geworden, wenn er Funky To The Bone einfach so nachspielen würde. (Liebe Güte, "einfach so" ist die denkbar blödeste Formulierung bei einem solchen Song.) W.I.N.D.s Version liegt irgendwo zwischen FREDDI-HENCHI und HUMBLE PIE (und dem Jahr 2010, aber dazu später), also zwischen maximaler Funkyness und Hardrock-Gitarrenbrett, aber mittendrin sind noch 25 Sekunden eines anderen Klassikers eingebaut: Play That Funky Music von WILD CHERRY. Das war 1976 ein großer Hit für den Songwriter Rob Parissi und seine Band (#1 in den Billboard-Charts), bei der u. a. ein gewisser Bryan Bassett Gitarre spielte. Den wiederum kennt man bestens aus seiner Zeit mit MOLLY HATCHET. Play That Funky Music wurde zigfach gecovert und brachte Parissi in den Neunzigern nachträglich noch $ 500.000, weil der Rapper Vanilla Ice ihn nicht als Songwriter seiner Fassung genannt hatte und dafür verurteilt wurde. Wer von Vanilla Ice gecovert wird, hat Schmerzensgeld in mindestens dieser Höhe verdient, aber das nur am Rande, die eigentliche Nachricht ist, dass sich irgendwann irgendwo mit irgendwem jeder Kreis in der Musik schließt. Funky To The Bone von W.I.N.D. schließt einen Kreis, denn die Leistung der Band ist nicht nur technisch perfekt, sie hat die Seele der Vorbilder.
Fabios Bass hat mehr als Power, er hat den Groove eines Larry Graham, der SLY & The FAMILY STONE an den vier Saiten befeuerte und mit seiner eigenen Band GRAHAM CENTRAL STATION zwei, drei epochale Funk-Alben und den monströsen Achtminüter The Jam einspielte (noch ein Kreis: Larry Graham brachte 1975 auf "Ain't No 'Bout-A-Doubt It" den Ann-Pebbles-Gassenhauer I Can't Stand The Rain - Steve Marriott war auf HUMBLE PIEs "Thunderbox" ein Jahr früher dran, nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des Originals). Dass Larry Graham genau wie Edgar Winter und sein Bruder Johnny aus Beaumont, Texas stammt… Zufall.
Wir sprechen immer noch über den einen Song Funky To The Bone! Anthony Basso spielt nicht nur Gitarre, er gibt den alten Riffs neuen Sinn und setzt ein wunderschönes southern-style Solo hinter die durchaus Betts-würdige Slide-Gitarre. Außerdem: Drummer Bassi swingt maximal und das geraunzte "right on" von Drusin ist verdammt cool. Und dann kommt noch der Orgel-Einsatz eines gewissen Glauco Venier. Der ist international bekannt und höchst anerkannt - in Jazzkreisen. So weit ist es gekommen, dass Rockbands den Jazzern helfen müssen -;) Auf jeden Fall zieht Herr Venier so ziemlich alle möglichen Register seiner Orgel.
Und damit sind sechs Minuten Liedgut in nur drei (Word-) Seiten in aller Unvollständigkeit beschrieben. Aber es muss sein, denn Funky To The Bone ist unglaublich gut geworden.

Damit sich die restlichen 59 Minuten von "Walkin' In A New Direction" nicht benachteiligt fühlen, sei ihnen gerne noch ein weiterer Absatz spendiert.
Auf den ersten Blick scheint sich das Album nahtlos in die bisherige Diskografie einzureihen, aber spätestens beim beinahe beängstigenden Basssolo nach viereinhalb Minuten wird klar, dass nicht einfach nur neue Songs geschrieben wurden, sondern dass eine echte Weiterentwicklung stattgefunden hat. Es ist nicht so, dass Amnesia den Verlust der Erinnerung an frühere Zeiten der Band beschreibt, es ist nur so, dass mit Glauco Venier erstmals von Anfang an ein Keyboarder eine maßgebliche Rolle spielt, was dem Gruppensound sehr, sehr gut tut. Johnny Neels frühere Beiträge waren selbstverständlich weltklasse, aber man hatte immer den Eindruck einer partiellen Gastrolle, was bei Venier nicht der Fall ist. Gut vorstellbar, dass W.I.N.D. das eine oder andere Mal auch live auf den ebenfalls aus Udine stammenden Künstler zurückgreift.
Außerdem fällt auf, dass sich die Berührungspunkte mit GOV'T MULE reduziert haben. Natürlich ist Déjà Vu With The Blues ein klassischer Jam-Song, aber der Einsatz einer Posaune und ein regelrechter Ausflug in den Jazz ist bei Warren Haynes wohl derzeit ausgeschlossen. W.I.N.D. klingt insgesamt frischer als MULE zuletzt und der (Band-) eigenen Leichtigkeit des Seins tun Songs wie das von Tony Basso gesungene Wastin' My Time ebenfalls verdammt gut. Dem Wohlbefinden des Hörers auch, und es wird beim elegischen Südstaatenblues It's Too Late To Lie nochmals gesteigert.
Ganz in die kuschelige Räucherstäbchenecke geht dann Demons. Eine zwölfsaitige (?) Gitarre und die leicht indisch anmutende Percussion führen in die Welt der wartenden Dämonen, die so schrecklich nicht ist. Man kennt diese Ethno-Ausflüge von den BEATLES und LED ZEPPELIN und erduldeten 128.000 Nachahmern, aber bei W.I.N.D. greift man nach vielen Jahren erstmals wieder zum Patschuli-Lampenöl. Mitverantwortlich dafür ist der Schlagzeuger U.T. Gandhi, der unschwer erkennbar ebenfalls aus Italien stammt, ein international gefragter Jazz-Drummer ist und mit der bei Klassik-Spezialisten bekannten Cellistin Anja Lechner gearbeitet hat. W.I.N.D. war noch nie eine Leichtgewichtskapelle, aber inzwischen ist die Band in einem Milieu angekommen, das mit "banaler" Rockmusik nichts zu tun hat. Dieses Milieu darf einem Rocker gerne gefallen, denn es hat nichts mit der schnöseligen Welt der Kulturimperialisten in den staatlich subventionierten Musiktempeln zu tun, in denen Abermillionen für die zigste Neuaufführung toter Kunst, geleitet von vollkommen größenwahnsinnigen Dirigenten, verschleudert werden. W.I.N.D. hat den Status einer "kulturrelevanten" Rockband erreicht. Warum allerdings bei Google das Suchwort "Kulturrelevanz" auf den ersten Seiten immer auf irgendwelche Christenmenschen verweist… who knows.
Als Zugabe gibt es eine neue Version von Lucky Man, das vor sechs Jahren auf "Groovin' Trip" reüssierte. Und dann kommt als kleine versteckte Überraschung noch ein Schmankerl: Almost Cut My Hair von David Crosby. Dies ist dann der letzte Kreis, der geschlossen wird, denn Almost Cut My Hair stammt vom Album "Déjà Vu" der gescheiterten Supergruppe Crosby, Stills, Nash & Young - ein Déjà-vu mit dem Blues, mit der Vergangenheit und der einstmals erdachten Zukunft. Puh, dieser Fabio Drusin und seine Kumpane sind ganz schlaue Füchse, denen man so leicht nicht auf die Schliche kommt. Aber wenn man genauer hinhört… stellt man fest, dass Italiener das Wort "hair" wie "air" aussprechen, weil sie kein h kennen.

Im Laufe der Jahre habe ich viele Jubelstücke auf Bands und CDs geschrieben, die allermeisten dieser gelobten Werk stehen nach wie vor in den vorderen, jederzeit zugriffsbereiten Schränken (die Klassiker haben eine eigene Wand und die Ramschware stapelt sich irgendwo), kurz überlegte ich, ob W.I.N.D. nicht zu den Klassikern gehören sollte. Aber das wäre falsch, denn von W.I.N.D. kommt noch mehr, die Klassiker hingegen sind tot. "Walkin' In A New Direction" ist 'nur' ein weiteres Meisterstück.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 01.05.2010

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