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Dirty Side Down

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Dirty Side Down
Dirty Side Down, Widespread Records/ATO Records, 2010
John Bell Vocals, Guitar
John Hermann Vocals, Keyboards
Jimmy Herring Electric, Acoustic & Baritone Guitars
Todd Nance Vocals, Drums
Domingo S. Ortiz Percussion
Dave Schools Basses
Gäste:
John Keane Pedal Steel Guitar, Acoustic Guitar, Background Vocals
Anne Richmond Boston Vocals (When You Coming Home & This Cruel Thing)
Produziert von: John Keane & Widespread Panic Länge: 61 Min 26 Sek Medium: CD
1. Saint Ex7. St. Louis
2. North8. Shut Up And Drive
3. Dirty Side Down9. True To My Nature
4. This Cruel Thing10. When You Coming Home
5. Visiting Day11. Jaded Tourist
6. Clinic Cynic11. Cotton Was King

WIDESPREAD PANIC ist eine jener Bands, die man nicht ernsthaft kritisieren kann, außer vielleicht für ihre bockige Ablehnung, öfter in Europa zu touren. Die bisherigen zehn Studio-CDs konnten einem mal mehr, mal etwas weniger gefallen, die etwa ähnlich vielen auf CD offiziell veröffentlichten Liveaufnahmen waren fast immer von betörender Schönheit und Qualität und seit dem "Neustart" 2005 ist so gut wie jede der unzähligen Shows als Download erwerbbar. Die Band spielt seit nunmehr 25 Jahren wie besessen live, doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund schadet es der Kreativität für die turnusmäßig fälligen Studioaufnahmen nicht. Ein Phänomen, denn keine andere Band, weder im Jam- noch einem anderen Bereich, konnte und kann über eine solch lange Zeit das Niveau durchgehend so hoch halten.
Auch der Tod des federführenden Gründungsmitglieds und Gitarristen Michael Houser im Jahr 2002 änderte nichts an der Güte des Ausstoßes, der 2005 hinzugekommene Jimmy Herring, ein allseits bekannter und begehrter Jam-, Jazz- und Fusion-Könner (u. a. bei GOV'T MULE als Gast tätig) hat mittlerweile sein eigenes Schippchen Genialität in die Band eingebracht.
Man darf also unbelastet und ohne Befürchtungen an das elfte Studioalbum herangehen. "Dirty Side Down" heißt es. Interessanter Name (ob es was mit dem Butterbrot, das immer auf die Butterseite fällt, zu tun hat?), tolles Artwork.

In der Vergangenheit gab es immer wieder den Vorwurf, dass auf den Studio-CDs die Dynamik der Konzerte nicht wiedergegeben wurde. Das Thema ist diskutabel, aber im Grunde war WIDESPREAD PANIC im Studio nie darauf aus, die Atmosphäre eines Konzerts zu reproduzieren. In den frühen Jahren führte das auf Konserve zu teilweise hart rockenden, manchmal beinahe alternativen Tönen, die live so kaum Relevanz hatten. Später wirkten manche Versuche im Studio auf den Groove gewohnten Konzertgänger unnatürlich steril. WIDESPREAD PANIC hatte sozusagen zwei Gesichter. Möglicherweise ist dies auch der Schlüssel für die Jahrzehnte überspannende Schaffenskraft, denn die Band konnte und kann sich immer an zwei Fronten austoben: Hier die immerwährende Tour, die man mit ständig wechselnden Jams und Setlisten auflockert, auf der anderen Seite die "kalte" Studiosituation, wo man mit Technik und manchmal abseitigen Ideen seinen Spaß haben kann. "Dirty Side Down" könnte so etwas wie "the best of both worlds" sein.
Der Vorgänger "Free Somehow" von 2008 war noch so ein "angreifbares" Werk mit einigen Spielereien, die so nie live gebracht wurden. Für viele andere war es (zu Recht) das endgültige Ende der Trauerarbeit und ein Aufbruch in die Zukunft. Jimmy Herring klang oft technoid und heavy, der Gesang war teilweise verblüffend heftig und manche Komposition wirkte seltsam modern. Wie immer aber verließ die Band in keinem Moment ihren ganz eigenen Weg, es war immer zu 100% WIDESPREAD PANIC, auch wenn manches ungewohnt klang. Der Ansammlung intelligenter Musikdenker gelang es wie seit jeher, selbst das abgefahrenste Solo und die verquerste Komposition angenehm und ohne erhobenen Oberlehrerfinger zu gestalten. Bei W.P. muss sich auch Otto-Normalrocker nicht ausgegrenzt fühlen, elitäres Elitedenken ist diesen Amis ganz offensichtlich fremd. Und doch hat sich bei "Dirty Side Down" etwas verändert.

Bis auf wenige Ausnahmen wie den elegisch-proggigen Opener Saint Ex mitsamt seinen Verbeugungen vor Warren Haynes klingt "Dirty Side Down" wie eine Live-im-Studio Platte. Mit North nimmt das Album direkt im zweiten Song die Hürde vom 'konventionellen' Studioalbum zum organischen Livetrip. Viele Gitarren (in unterschiedlichster Ausprägung), funky Grooves, Melodie, die markante Orgel von John Hermann, das ist PANIC (fast) live. Der Eindruck bestätigt sich im Titelsong und zieht sich dann durch das gesamte Album.
Ob es gut ist, dass W.P. nun auf CD so klingt wie beim Konzert? Tja, das ist wohl Ansichtssache, denn manchem Fan mag womöglich dieses gewisse "Andere" auf "Dirty Side Down" fehlen. Dem anderen Fan, und womöglich auch ein paar Neueinsteigern, könnte die gereifte Groove-Melange überaus behagen, vor allem, wenn er GRATEFUL DEAD und LITTLE FEAT kennt und liebt. "Dirty Side Down" rollt bisweilen beinahe beängstigend in die Richtung der Altmeister des Jam, gibt sich aber trotz aller Bodenständigkeit (Clinic Cynic, ein Americana-Kleinod) niemals deren heutiger Behäbigkeit und kreativer Impotenz hin. Da passieren bei Shut Up & Drive in knapp sieben Minuten mehr wohlige Überraschungen als auf den letzten fünf FEAT-Platten zusammen.
Im Verlauf von "Dirty Side Down" sinkt der Fetz-Anteil zwar, dafür groovt es unendlich. True To My Nature ist so ein grundsätzlicher Nicht-Rocker, aber Dave Schools gibt dem Ding mit seinem grandiosen Bassspiel einen unerhörten Drive und nötigt damit Jimmy Herring einmal mehr zu traumschönen Soli. Herring ist der Steve Morse von WIDESPREAD PANIC. Er hat der Band neue (gitarristische) Perspektiven eröffnet, drängelt sich niemals in den Vordergrund und glänzt trotzdem mit kleinen Wunderwerken. Gerade zum Ende der CD fällt auf, dass Herring W.P. einen mächtigen Kick geben kann. Jaded Tourist und Coton Was King wären ohnehin wahre Groovemonster, die Band, vorndran Herman mit seinem Keyboard, spielt wahrlich göttlich, aber Herring setzt das I-Tüpfelchen immer wieder drauf. Und wenn die eine oder andere Gitarrenfigur bedenklich an Mainstream erinnert: Piepegal, der Mann kann auch Jazz, Funk, Metal und Blues perfekt.

Es ist immer subjektiver Unfug, wenn man von "der besten Platte" einer Band spricht, speziell bei Veteranen, die seit Jahrzehnten feine Musik kreieren. In diesem Fall muss der Satz - rein subjektiv in den Raum gestellt - dennoch herhalten. "Dirty Side Down" hat in mir den gefunden, der es für das beste aller guten Werke von WIDESPREAD PANIC hält.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 02.07.2010


 
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