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Willie Nelson

The Complete Atlantic Sessions

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Rhino Records
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All Music Guide (englisch)

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The Complete Atlantic Sessions
Shotgun Willie
Phases And Stages
The Complete Atlantic Sessions, Rhino Records/Atlantic Records, 2006 (1973 & '74)
"Shotgun Willie", 1973:
Willie Nelson Vocals, Acoustic Guitar
Steve Burgh Electric & Acoustic Guitar
David Bromberg, Doug Sahm Electric Guitar & Background Vocals
Waylon Jennings, Red Lane Acoustic Guitar & Background Vocals
James Clayton Day Dobro, Pedal Steel Guitar, Background Vocals
Bobbie Nelson Piano
Jeff Gutcheon Electric Piano, Organ
Augie Meyer Acoustic Guitar & Piano
Dan Spears, Hugh McDonald, Jack Barber Bass
Paul English, George Rains Drums
Steve Mosley Drums, Snare Drum
The Memphis Horns: Wayne Jackson, Andrew Love, James Mitchell, Jack Hale Trumpet, Tenor Sax, Baritone Sax, Trombone
Dee Moeller, Jessie Colter Background Vocals
Larry Gatlin Background Vocals & Acoustic Guitar
Arif Mardin, Donny Hathaway String Arrangement
Johnny Gimble Fiddle
Willie Bridges Baritone Sax
Produziert von: Arif Mardin, David Briggs & Jerry Wexler Länge: 79 Min 45 Sek Medium: CD
"Phases And Stages", 1974:
Willie Nelson Vocals, Acoustic Guitar
Fred Carter Jr. Acoustic-, 12-String- & Electric Guitar, Dobro
John Hughey Pedal Steel Guitar
Johnny Gimble Fiddle & Mandolin
Barry Beckett Keyboards
David Hood Bass
Roger Hawkins Drums
Eric Weissberg Banjo (Down At The Corner Beer Joint)
Al Lester Fiddle (Bloody Mary Morning)
Jeannie Greene, Pete Carr & George Soule Background Vocals (Pick Up The Tempo)
Mike Lewis String Arrangement (I Still Can't Belive You're Gone & It's Not Supposed To Be That Way)
Grady Martin Guitar (Bonus Tracks)
Mickey Raphael Harmonica (Bonus Tracks)
Bobbie Nelson Piano (Bonus Tracks)
Bee Spears Bass (Bonus Tracks)
Paul English Drums (Bonus Tracks)
Jeannie Seely & Sammi Smith Duet Vocal (Heaven And Hell, Alternate Version)
Produziert von: Jerry Wexler; Fred Carter Jr., Willie Nelson & Rick Sanjek (Bonus Tracks) Länge: 65 Min 25 Sek Medium: CD
"Live At The Texas Opry House", 29. & 30.06.1974:
Willie Nelson Vocals, Guitars
Jimmy Day Steel Guitar
Johnny Gimble Fiddle, Mandolin
Bobbie Nelson Piano
Bee Spears Bass
Paul English Drums
Mickey Raphael Harmonica
Produziert von: Jerry Wexler Länge: 73 Min 31 Sek Medium: CD
"Shotgun Willie":
1. Shotgun WillieBonus Tracks:
2. Whiskey River13. I Gotta Have Something I Ain't Got (Outtake)
3. Sad Songs And Waltzes14. I'm So Ashamed (Outtake)
4. Local Memory15. My Cricket & Me (Solo Outtake)
5. Slow Down Old World16. Both Ends Of The Candle (Outtake)
6. Stay All Night (Stay A Little Longer)17. Slowdown Old World (Alternate Version)
7. Devil In A Sleeping Bag18. Under The Double Eagle (Outtake)
8. She's Not For You19. So Much To Do (Alternate Version)
9. Bubbles In My Beer20. My Cricket & Me (Band Outtake)
10. You Look Like The Devil21. Save Your Tears (Outtake)
11. So Much To Do22. A Song For You (Alternate Version)
12. A Song For You23. Whiskey River (Alternate Version)
24. I Drank All Of Our Precious Love Away (Outtake)
"Phases And Stages":
1. Phases And Stages (Theme) - Wishing The DishesBonus Tracks:
2. Phases And Stages (Theme) - Walkin'12. Phases And Stages (Theme) - Washing The Dishes (Alternate Version)
3. Pretend I Never Happened13. Sister's Coming Home - Down At The Corner Beer Joint (Alternate Version)
4. Sister's Coming Home - Down At The Corner Beer Joint14. Phases And Stages (Theme) - (How Will I Know) I'm Falling In Love Again (Alternate Version)
5. (How Will I Know) I'm Falling In Love Again15. Bloody Mary Morning (Alternate Version)
6. Bloody Mary Morning16. No Love Around (Alternate Version)
7. Phases And Stages (Theme) - No Love Around17. I Still Can't Believe You're Gone (Alternate Version)
8. I Still Can't Believe You're Gone18. It's Not Supposed To Be That Way (Alternate Version)
9. It's Not Supposed To Be That Way19. Heaven And Hell (Alternate Version/Duet Vocal)
10. Heaven And Hell20. Phases And Stages (Theme) - Pick Up The Tempo
11. Phases And Stages (Theme) - Pick Up The Tempo - Phases And Stages (Theme)21. Phases And Stages (Theme) (Alternate Version)
"Live At The Texas Opry House":
1. Whiskey River10. Good Hearted Woman
2. Me And Paul11. Sister's Comin' Home
3. Medley: Funny How Time Slips Away / Crazy / Night LifeBonus Tracks:
4. Stay All Night (Stay A Little Longer)12. Shotgun Willie
5. Walkin'13. You Look Like The Devil
6. Bloody Mary Morning / Take Me Back To Tulsa14. Bloody Mary Morning (Electric Guitar Version)
7. The Part's Over15. Medley: Funny How Time Slips Away / Crazy / Night Life
8. Truck Drivin' Man16. Willie's After Hours (Studio Track)
9. She Thinks I Still Care

Es gibt ein paar wenige Gestalten in der Musikgeschichte, denen selbst der abgewichsteste Zyniker nicht an den Karren fahren kann, darf und vor allem mag. Dazu gehören Harry Belafonte, Nina Simone, Bon Scott, Hank Williams und die Männer vom Highway: Johnny Cash, Waylon Jennings, Kris Kristofferson und Willie Nelson. Was diese Frauen und Männer für die Welt getan haben ist unschätzbar, niemand weiß, wie Musik ohne sie heute klingen würde, unbezahlbar ist der Spaß und Genuss, den sie uns seit Jahrzehnten für im Verhältnis kleines Geld bereiten.
Für Musikschnösel und Zeitgeistyuppies werden solche Genies erst mit ihrem Tod, einer Fernsehwerbung von H&M oder C&A, der Verheiratung mit einer Hotelkettenerbin oder wenigstens einer Hilfsaktion für Tsunamiopfer oder den Regenwald interessant, ansonsten sieht man in ihnen wahlweise den Säufer, Radaubruder, Schlagerkasper, Außenseiter bzw. rothaarigen Zopfträger mit dem Gesicht eines seit Jahrtausenden tiefgefrorenen Urmenschen aus der Bronzezeit. Falsch, Damen und Herren! Willie Nelson und seine Schwestern und Brüder, egal welcher Stilrichtung sie angehören, haben erst ermöglicht, was heute unter dem Oberbegriff 'Popmusik' verramscht wird. Umso schöner ist es, wenn wir in der heutigen Post-Rock Ära "gezwungen" werden, uns mit einer knapp dreieinhalb Jahrzehnte zurückliegenden Schaffensperiode einer der Ikonen der Musikhistorie befassen zu müssen. Der kommerziell letztendlich nicht besonders einträglichen Zeit Willie Nelsons beim Plattenlabel Atlantic nämlich.

Die Lebensgeschichte des späteren "King of the Outlaws" kann man zigfach nachlesen, die wichtigsten Quellen sind das hinlänglich bekannte All Music Guide im Netz und das teure aber unabdingbare Referenzwerk "Das neue grosse Buch der Country Musik", verfasst vom deutschen Genrebiographen Walter Fuchs (ISBN 3-89880-364-3).
Information ist Holschuld, also sei an dieser Stelle über die spannende Lifeline des Willie Hugh Nelson aus Fort Worth, Texas hinweggegangen und nur erwähnt, dass Nelson zu Beginn der Siebziger gehörig angepisst war vom in seinen Augen mafiösen und inzestuösen Musikbusiness in Nashville und sich als langhaariger Rebell von seiner alten Plattenfirma trennte und zurück ins Heimatland Texas ging, um fürderhin eigenverantwortete Hits (ja, genau: Hits!) zu produzieren. Dass er solche schier wie am Fließband produzieren konnte, hatte er seit den Fünfzigern dutzendweise bewiesen, in manchen Fällen schreckte er auch nicht vor grässlichen Mainstreamtiraden zurück, aber genau das macht ja einen Hits produzierenden Künstler aus, dass er seinen Anspruch, sein Talent und das Niveau des Publikums genau richtig erfasst und zu gleichen Teilen befriedigt. Da das Country-Publikum seit jeher nicht als eines der progressiveren bekannt ist und in seiner berechenbaren Einfachheit von Anbeginn an von den Plattenfirmenbossen und Künstlern manipuliert und durchschaut werden konnte, war es für Hochkaräter wie Nelson ein Leichtes, quasi nach (Kontostands-) Bedarf für Hitparadennachschub zu sorgen.
Nebenbei liebäugelte Nelson schon länger mit Rockmusik und den zugehörigen Musikern, was ihn für die konservativen Nashville-Kreise nicht unverdächtiger machte, ihm aber in der Folgezeit den Crossover hin zu einem vielfach größeren Publikum ermöglichte. Nashville war dafür nicht der richtige Platz, Austin, Texas überraschenderweise schon und Atlantic Records, respektive deren mit dem Aufbau einer Country-Abteilung beauftragten Manager Jerry Wexler boten ihm die passenden Rahmenbedingungen für die "Erfindung" des so genannten Progressive Country.

In nur 5 Tagen nahmen Nelson und seine Band plus diverse namhafte Gäste das Atlantic-Debut "Shotgun Willie" im Februar 1972 in New York auf. Alleine der Aufnahmeort stellt bis heute für Countrymusiker etwas Besonderes und einen komplett anderen Kulturkreis als Tennesse dar. Rechnet man noch Nelsons Hang zu Hippies und Marihuana hinzu, hätte das Experiment auch gehörig in die Hose gehen können. Aber im Moment wo Nelson zu einem tief groovenden Swamp-Rhythmus "Shotgun Willie sits around in his underwear" und ein paar Zeilen später etwas von John T. Flores und dem Ku Klux Klan singt, hört man gespannt zu und ist fasziniert von der Symbiose aus Country, Rock, den Bläsersätzen der MEMPHIS HORNS, grandiosen Gesangsleistungen und mancher Gitarre - egal ob akustisch, elektrisch oder "jammernd" als Steel Guitar - die man zweifellos als stilbildend bezeichnen kann.
Die Songs auf "Shotgun Willie" waren nicht alle neu, einer sogar 10 Jahre alt, erscheinen aber im Kontext der damaligen LP, trotz der Vermischung der Styles, schlüssig und logisch. Nelson konnte problemlos Größen wie Doug Sahm oder Waylon Jennings in seine oder u.a. Leon Russells Kompositionen integrieren, ohne den Eindruck zu hinterlassen, zwanghaft etwas neues/revolutionäres kreieren zu wollen. "Shotgun Willie" funktioniert zu jedem Moment als völlig natürlich dahinfließendes Werk.
Die Verbindung zu Leon Russell stellte übrigens Nelsons Tochter Bobbie her, als sie ihrem Dad Joe Cockers "Mad Dogs & Englishman" nahelegte und der von den Songs so beeindruckt war, dass er den "Musical Director" der - aus ärztlicher und finanzieller Sicht - Unglückstour umgehend ins Boot holte.

So beeindruckend die Originalaufnahmen auf "Shotgun Willie" auch heute noch sind, in diesem Falle machen tatsächlich die Bonus Tracks den Kaufanreiz aus. Zwar nicht alle bisher gänzlich unveröffentlicht, aber vermutlich bei weitem nicht allen Fans bekannt, geben die 13 Zugaben einen glänzenden Einblick in die Kreativität und Vielfalt jener Tage. So würde sich heutzutage jeder Countryrocker die Finger lecken für einen Rock & Roll wie beispielsweise I Gotta Have Something I Ain't Got - bei Nelson landete die Nummer im Abfall. In den Credits ist keine E-Gitarre vermerkt, es bleibt die Frage, woher der heavy metallische Klang dann stammt. Von den sozusagen "verschwendeten" Bläsern gar nicht gesprochen. Oder My Cricket And Me, wiederum von Russell, das Nelson kurzerhand solo zu einem gefühlvollen Country-Waltz und später zu einem leicht jazzig angehauchten Guitarpicker-Highlight macht. Äußerst reizvoll ist auch die "Konversation" zwischen den verschiedenen Gitarren und Bobbie Nelsons vorzüglichem Piano im Stomper Under The Double Eagle, der zwar durchaus konventionellen Country darstellt, in seiner trickreichen Art jedoch meilenweit über den herkömmlichen Einheitsbrei hinausragt. Gänzlich over the top ist dann die "Alternate Version" von Whiskey River, mit komplett losgelassenen Background Vocals von Dee Moeller und Larry Gatlin und einer markerschütternden Gitarrenlinie Nelsons, der David Bromberg an der Elektrischen aber sogleich Kontra gibt. Hier merkt man, dass Produzent Arif Mardin durchaus versuchte, der LP ein paar Ecken und Kanten zu nehmen, was aber wirklich nur im direkten Vergleich der Versionen auffällt und ansonsten dem Endprodukt keinerlei Reiz nimmt.
Mit "Shotgun Willie" ist dem überwältigenden Sänger, Songwriter und Interpreten fremden Liedgutes ein bis heute gültiges Referenzwerk moderner Country Musik gelungen. 35 Jahre nach seinem "Aufstand" gegen das Nashville-Establishment führt diese CD (nicht zuletzt wegen der Bonus Tracks) nahezu alle Retorten-Volksmusiker mitsamt ihrem unsäglichen New Country wie Tanzbären vor. Für Nelson selbst war die LP der Start in seine "zweite Karriere" als respektierter Outlaw und trotzdem bestens verkaufender "recording artist".

Ein Jahr später, 1974, erschien mit "Phases And Stages" die Platte, die Nelson erst zum Deal mit Atlantic verhalf. Im Jahr 1971 spielte er sämtliche Songs der späteren LP spätnachts bei einer Musikerparty in Nashville und erregte damit die Aufmerksamkeit Wexlers, der ihn daraufhin unter Vertrag nahm. Nelson zog mit neu eingewechselten Begleitmusikern im Oktober '73 für die Aufnahmen ins Muscle Shoals Studio nach Alabama um und erntete nicht nur Zuspruch damit. Ein Countrymann in Alabama!
Das Ergebnis spricht Bände: "Phases And Stages" war zwar wesentlich weniger als "Shotgun Willie" von Rock & Roll beeinflusst, zeigte dafür ein klares Konzept und die Verknüpfung von Soul, Groove und Feeling in größtenteils "normaler" Countrymusik, wie es in Nashville niemals hätte passieren können. Alleine der großzügige Einsatz von Fiddle, Mandoline und Geigenorchester hätte in "Countrys Heimatstadt" zu einem einzigen Desaster geführt. Doch Wexler, der diesmal die Produktion übernahm, erkannte die Ideen hinter Nelsons Kompositionen und machte aus "Phases And Stages" ein komplett unpeinliches Country-Standardwerk, das selbstverständlich wieder von Nelsons außergewöhnlichen Begabungen getragen wurde. Der Hippie-Texaner schaffte es auch in Alabama, er selbst zu sein und dennoch zu überraschen.
Das Konzept hinter der LP war die Darstellung kaputter Beziehungen aus weiblicher (Seite A) und männlicher Sicht (Seite B). Willie Nelson, die harte Sau mit der weichen Stimme, als Frauenversteher? Quatsch, das könnte jede/r halbwegs begabte Songwriter/in (oder sonstige/r Schreiberling/in), wenn er/sie sich nur ansatzweise mit der Realität um sich herum befassen würde, anstatt entweder in Macho-, Feministinnen- oder Saudumme-Nachrichtensprecherinnen-Idiotien zu verfallen.
Eine schöne, unaufgeregte LP, deren Neuveröffentlichung für den Kenner wiederum von den teils hochspannenden "Alternate Takes" lebt. So tönt beispielsweise der Titelsong im zweiten Versuch beinahe wie eine Eloge einer melancholischen Zigeunerkapelle und nicht wie eine Countrynummer, im dritten gar wie der Soundtrack einer Filmschnulze mit Doris Day und im vierten leider überflüssig. Dafür gibt's in den ursprünglich nicht verwendeten Versionen von Bloody Mary Morning eine spektakuläre Steel Guitar-Banjo-Battle mitsamt wilder Fiddle und Honky Tonk Piano und bei No Love Around den coolsten Nelson des Jahres.

Die logische Konsequenz aus diesen beiden LPs war natürlich eine Liveaufnahme, die am 29. und 30. Juni '74 in Austin eingefangen wurde. In kleiner Besetzung, Nelson selbst übernahm bei Bedarf die elektrische Gitarre, und annähernd naturbelassen (bis auf die teilweise wirklich doofen Klatscheinblendungen) schieben sich die perfekt eingespielte Band und Nelson durch "Phases." und "Shotgun." plus einige frühere Hits, wie natürlich die unvermeidlichen Funny How Time Slips Away oder Good Hearted Woman, der Koproduktion mit Waylon. Good Hearted Woman und Truck Drivin' Man beginnt der alte Schlingel Nelson übrigens mit einem schier unverschämt identischen Intro. So einfach ist Country, gelle ihr Freitagabendcowboys.
Überhaupt reduziert Willie seine gesamte Performance auf die wesentlichen Country-Bestandteile. Das mag auch ein Grund sein, warum er Zeit seines glücklicherweise noch andauernden Lebens live nie über den Status eines Country-Künstlers hinauskam. Wo im Studio in verschiedensten Variationen und Besetzungen gerockt, gebluest, gejazzt oder selbstverständlich gevolksmusikt wurde, beschränkte sich das Live-Oeuvre im Grunde immer auf die Country-Basics. Da wird natürlich in Shotgun Willie eine heiße Gitarre gespielt, aber der Sumpf-Groove der Studioplatte fehlt leider. Andererseits hat der Livekünstler Nelson so natürlich ein weiteres seiner Trademarks manifestiert. Der Erfolg gibt ihm Recht, denn ein Großteil der hier gespielten Lieder gehört auch heute noch zu seinem Tourneerepertoire.
Keinesfalls Standard ist jedoch der beinahe viertelstündige Studiojam Willie's After Hours, der an die 60 Minuten Liveauftritt angehängt wurde und einen grandiosen Smooth-Blues mit wunderbaren Gitarren und einem atemberaubend lasziven Rhodes-/Hammond-Spiel von Bobbie Nelson bietet.

Nur wenige Monate nach der Entstehung der Liveplatte machten Atlantic Records ihr Büro in Nashville dicht (wo sie im Gegensatz zu Nelson beheimatet waren, um eine gewichtige Rolle im Country-Business zu spielen - mal wieder ein klassischer Fall von Industrie-Blindheit und letztlich verbranntem Geld), die Live-LP erschien nie offiziell und Nelson wechselte zu Columbia, wo er seine allergrößten Kassenschlager veröffentlichte.
Wenn diese tolle Retrospektive auf Nelsons nur 18monatiges Werk für Atlantic überhaupt einen Makel hat, dann den der fehlenden Texte. Ansonsten sind Aufmachung (eine schicke Box mit informativem Buch), Sound (hervorragendes Remastering von Dan Hersch und Bill Inglot) und musikalischer Wert perfekt, auch wenn man über "Live At The Texas Opry House" nach den beiden Studiowerken durchaus diskutieren kann.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 20.09.2006

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