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Electric Swan

Electric Swan

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Electric Swan
Electric Swan, BadChili Records, 2008
Lucio Calegari Vocals & Guitars
Paolo "Apollo" Negri Hammond & Synthesizer
Ricky Lovotti Drums
Enrico "Deep" Garilli & Edoardo Giovanelli Bass
Sophya Baccini & Luca "Mitch" Rancati Vocals
Produziert von: Marco Gandolfi Länge: 62 Min 32 Sek Medium: CD
1. In The Hush Of Daze7. Crossing The Line
2. Electric Swan8. Redwitch
3. Your Love Been So Good To Me9. Teaser
4. Eleventh Angel10. Apollo's Dream
5. Beyond The Rising Sun11. Creeping Death
6. Calibro

Bei Rockmusik aus Italien muss man längst keine Angst mehr vor Ohrverschleimung haben, die uns in den letzten Jahren überbrachten Tonträger waren zu mindestens 93,7% so hochklassig und vor allem übervoll mit Herzblut, dass man sich auf jede neue Veröffentlichung freuen kann.
Diesmal kommt Lucio Calegari über uns. Kennt niemand? Das ist der Gitarrist der fabulösen Band WICKED MINDS, die hierzulande durchaus ein Begriff ist.
Nach dem Sänger J.C. Cinel, der ein wunderschönes Westcoast-Album vorgelegt hat, und diversen Soloeskapaden des hochbegabten Keyboarders "Apollo" Negri ist Lucio Calegari der nächste aus dem Kollektiv der Männer aus der Emilia-Romagna, der als Solist aktiv ist. Und es ward wie erwartet gut.

Das Projekt heißt ELECTRIC SWAN und ist kein Egotrip eines von der Leine gelassenen Saitenhelden, der sich verwirklichen möchte. Calegari ist auch bei seiner Stammband kein Egomane und aufdringlicher Gitarrenhexer, er stellt sich immer in den Dienst des Songs, der Musik allgemein, ohne jeglichen Anflug von Größenwahn. Exakt so ist die CD "Electric Swan" geworden, eben Musik für klassische, möglicherweise leicht angejahrte Rocker, die klassischen Rock lieben und gerne auf Endlossoli verzichten, weil zu perfektem Rock zwar perfekte Gitarren gehören, aber eben auch eine Band und tolle Songs.
"Electric Swan" bietet eine beeindruckende Palette dessen, was klassisch-perfekten Rock ausmachen kann. Gleich im Opener In The Hush Of Daze erlebt man einen Schrei, der von Axl Rose zu besseren Zeiten stammen könnte, gefolgt von einem My Generation-Stakkato, gefolgt von Blues-Shouting, das von der Klangmodulation manchmal an Carl Carlton erinnert, untermalt von einer beeindruckenden Orgel, natürlich gespielt von Kollege "Apollo", dramatisch wirbelnden Drums und wuchtigen Gitarrenlinien, also gerade so, wie man sich perfekte Rockmusik vorstellt. Wie von der Stammband gewohnt, alles in heimeliger Klangwärme, die nichts mit dem Kompressions-Overkill der meisten zeitgenössischen Produktionen gemein hat.
Geht man nach der Ouvertüre ohne Umschweife zur letzten Nummer der CD, erlebt man eine Coverversion von METALLICAs Auszug aus Ägypten, Creeping Death. Wer das "Können" der heutigen Megastars 1984 als Fehlleistung einstufte, wird bei dieser Version überrascht von der packenden Qualität des Songs sein. Es gab schon immer Bands, die mangelndes technisches Können mit großem Songwriting kompensierten (die STONES beispielsweise), nur vermochte METALLICAs Gebolze damals nicht auf mehr als eine weitere Lärmkapelle hinweisen. Zugegeben, die seinerzeit aus den Siebzigern übrig gebliebene Fanklientel hat sich vor 25 Jahren bezüglich der Nachhaltigkeit der damals jungen Thrasher gehörig geirrt, nicht aber im Urteil, das die Band als "schlecht" qualifizierte. Dennoch hatten die Songs das gewisse Etwas, das sie unsterblich macht. ELECTRIC SWAN zeigen das nun in einer um vier Minuten verlängerten Version beeindruckend auf. Creeping Death ist keine Coverversion, es ist DIE Interpretation einer Nummer, die man von einer schlechten Band nie mehr hören will. Von einer guten Band wie dieser allerdings gerne in 'Heavy Rotation'. Nebenbei bemerkt, WICKED MINDS war in den Anfangstagen um 1987 ebenfalls eine Thrash-Band!

Neben Creeping Death gibt es noch einen zweiten und dritten Coversong. #3 ist Teaser von Tommy Bolin, dem unglücklichen Drogenopfer. Signore Calegari spielt die Nummer packend, im Grunde packender als das Original war, kann hier aber nur gitarristisch und nicht gesanglich Arsch treten (Bolin sang allerdings noch schwächer), seine Vokalqualitäten liegen bei anderen Songs. Dennoch eine meisterhafte Interpretation. Den Vogel schießt zweifellos Your Love Been So Good To Me ab. Ob es nun Sophya Baccini oder Luca "Mitch" Rancati ist, man weiß es nicht, auf jeden Fall ist der Gesang vollkommen over the edge. Irgendwo zwischen Janis, JEFFERSONs Grace Slick, HEARTs Ann Wilson und Maggie Bell von STONE THE CROWS changiert die Frau so grenzwertig megasexuell über dem hippiesken, schwer stampfenden Funk-Bluesrock, dass es einen Verehrer der genannten Namen schier umwirft. Der Clou an der Sache ist, dass Your Love Been So Good To Me von der vollkommen in Vergessenheit geratenen Britin Ruth Copeland stammt. Deren drei LPs "I Am What I Am", "Self Portrait" und "Take Me To Baltimore" gehören zu den letzten großen Raritäten auf dem von Wiederveröffentlichungen vermüllten Markt, selbst die Compilation "Gimme Shelter: The Invictus Sessions" aus dem Jahr 2003 ist nur noch zu Mondpreisen erhältlich. Ruth Copeland war eine überwältigende Sängerin und hat u. a. zusammen mit dem FUNKADELIC und PARLIAMENT Groovemaster George Clinton einige unsterbliche Songs geschrieben und eingespielt, die Coverversionen von Play With Fire und Gimme Shelter nur exemplarisch genannt; in ihren rockig-funkigen Momenten war Ruth Copeland eine Göttin, eine sehr schöne obendrein. Anyway, die Frau von ELECTRIC SWAN ist ebenbürtig und Your Love Been So Good To Me ein Killer.
Ganz ohne Gesang kommt u. a. Eleventh Angel aus, lässt durchaus Gedanken an beispielsweise GOV'T MULE zu, erschlägt aber niemanden, wie es bei Haynes' Instrumentalnummern ab und an vorkommen kann.
Insgesamt ist die CD selbstverständlich nicht den Neutönern gewidmet, viel zu tief ist Calegari in den Siebzigerjahren verwurzelt, entsprechend spacefunkig kommt das nächste Instrumental, Calibro, wie eine Mischung aus JAMES GANG und P-Funk daher, aufgewertet noch durch ein großes Gitarrensolo, dem Herr Kravitz aufmerksam lauschen sollte, vielleicht fallen ihm dann auch mal wieder ein paar gute Songs anstatt seiner völlig überbewerteten "It Is Time For A Love Revolution" Retroorgie in miesem Sound und mit käsigen Balladen ein.

Vermutlich wird nicht jedem alles auf "Electric Swan" gefallen, zu breit ist das Angebot gefächert. Da wird auch mal doomig den ehemaligen Herren der Finsternis gehuldigt oder in den Sümpfen auf Jagd gegangen, dafür entschädigt Paolo "Apollo" Negri mit einer fantastischen Hammond auf seinem Apollo's Dream mehr als genug. Die gesamte Leistung der Band ist bewundernswert, der Stromschwan ist kein hingeschludertes Solowerk eines frustrierten Gitarristen, es ist intensivste Rockmusik auf ganz hohem Niveau, die sicherlich unmodern ist, aber in dieser Art und Qualität noch in vielen Jahrzehnten junge Menschen begeistern wird. Die älteren Fans sollten als gutes Beispiel vorangehen.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 09.01.2009

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