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| Neue Helden braucht das Land, Sony Music, 2010 |
| Klaus Eberhartinger |
Stimme, Chor |
| Thomas Spitzer |
Gitarre, Grabes-Stimme, Chor |
| Kurt Keinrath |
Gitarren, Keyboards, Chor |
| Franz Kreimer |
Keyboards, Saxophon, Akkordeon, Chor |
| Leo Bei |
Bass, Chor |
| Robert Baumgartner |
Drums |
| Gäste: |
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| Harald Noiges, Sören Hild, Martin Kromar |
Gitarren |
| Mark Duran |
Gitarre, Drum-Programming, Keyboards & Chor |
| Michael Ehninger |
Gitarre, Rock-Drums, Bass, Keyboards, Ethno-Music |
| Fritz Jerey |
Drum-Programming, Drums, Gitarren, Bass, Keyboards, Voice-Coaching & Banjo |
| u. a. |
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Länge: 54 Min 23 Sek |
Medium: CD |
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| 1. Dummheit an die Macht | 11. Männer brauchen Tritte |
| 2. Rabatt, Rabatt | 12. Eloise & die Krise |
| 3. Ein Huhn | 13. Supertürke |
| 4. Neue Helden (braucht das Land) | 14. Toleranz |
| 5. Baden in Aden | 15. Stein der Weisen |
| 6. Obama | 16. Hypochonder |
| 7. Simsalabim (Die Esoterroristen) | 17. Bitte Bier |
| 8. Boshaft ist die Vogelschar | 18. Beim Cseijtei im Hof |
| 9. Nostradamus | 19. Wie schön (wär diese Welt) |
| 10. Die Steirerwerdung | |
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Es ist lange her, dass die ERSTE ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG Kurt Waldheim, den früheren Gruselpräsidenten Österreichs, und Jörg Haider, den späteren Gruselpopulisten aus Kärnten, zu Klagen veranlasste. Es ist auch lange her, dass der Bayerische Rundfunk (und so gut wie alle anderen öffentlich-rechtlichen Sender) die EAV boykottierte. Burli und s'Muaterl waren 1988 und 1991 die letzten Aufreger in der langen Geschichte der in ihrer besten Zeit unglaublich witzigen UND anarchischen Band. Wer die Verunsicherung jemals live gesehen hat, am besten in den kleinen Clubs vor den großen Erfolgen ab 1985, hat eine Ansammlung schräger und schrägster Vögel erlebt, die Sprachwitz, Intelligenz, Renitenz und Rock & Roll zu einer Art Rock-Kabarett verband und zu einem Geheimtipp in der kleinen Szene der linksdenken Rocker werden ließ. LPs wie "Café Passé" (1981) oder "Spitalo Fatalo" zwei Jahre später hatten grandiose Momente und so göttliche Texte wie "Wir marschiern, wir marschiern, es vertrocknet unser Hirn, vorwärts marsch, Delirium, dumm im Kreis herum" und sogar die zum eigenen Denken passenden Endungen: "Bitte, gebts mir kein Gewehr, denn sonst gibt es ein Malheur, denn die Feinde, die ich mein', sie beherrschen auf fetten Ärschen in Zivil die eignen Reih'n!" Deutsche Bands brachten den Spagat zwischen Rock, Leichtigkeit, Satire und ausgestrecktem Mittelfinger nie so unnachahmlich hin wie die Österreicher, vielleicht wenn man vom frühen Lindenberg absieht, wobei die Verunsicherungsagenten natürlich nicht alleine waren, Austrias Koryphäen wie Wilfried, der 1978 und '79 Sänger der EAV war, Kurt Ostbahn, dessen CHEFPARTIE-Bassist Leo Bei aka Karl Horak seit Jahren bei der EAV ist, Sigi Maron, die HALLUCINATION COMPANY und deren Superstar Falco sowie viele andere darf man nicht vergessen. Die ERSTE ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG hatte allerdings einen Sonderstatus, denn sie hatte immer einen Funken Zeitgeist in ihrem Tun, auch wenn und gerade weil sie diesen seltsamen Geist gerne auf die Schippe nahm.
Ab der 85er Hit-LP "Geld oder Leben!" reduzierten sich Bösartigkeit und Rockfaktor von Mal zu Mal immer mehr, die Singles und unglaublich viele Auftritte in schrecklichen Fernsehsendungen standen im Vordergrund, nur noch ab und an blitzte die Gesinnung, die Gesellschaftsgiftige, durch. Irgendwann wollte man die ewig gleichen Kaspereien, speziell von Sänger Klaus Eberhartinger, einfach nicht mehr sehen und wandte sich anderen Qualitätsrockern zu.
In den Neunzigern gab es längere Pausen und deutlich sinkende Plattenverkäufe, allerdings kam die EAV zuhause in Österreich dort an, wo sie früher per se nicht hingehören wollte: In der - Achtung, grässlicher Ausdruck! - Mitte der Gesellschaft. Thomas Spitzer, dem Kopf und Songschreiber der Band, wurde dies wohl irgendwann unheimlich, also komponierte und dichtete er für das 2003 erschienene Album "Frauenluder" urplötzlich wieder richtige Rockmusik mitsamt fiesen Texten, beinahe wie am Anfang in den brotlosen Siebzigern. Er und Eberhartinger leben schon seit vielen Jahren partiell in Kenia und sie hatten sich, wohl auch dank der erarbeiteten finanziellen Unabhängigkeit, wieder von allen Konventionen befreit und konnten ungehemmt herumsauen. Wo sich andere Veteranen längst in dröger Charity-Klima-/Eisbären-/Regenwald-/Weltretterpose aalten, haute die EAV Zeilen wie "Hardcore-Christen braucht ma wi am Oarsch a Zyst'n!" aus dem Beutel. Die ERSTE ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG war zurück. Rocktechnisch fühlte man sich an uralte Nummern wie Kerkermeister erinnert, textlich gab es lange nicht mehr gehörte Höhepunkte wie Swingerclub, Gott und Bimsemann und Roggenkeil.
Sieben Jahre, die mit Neuaufnahmen für die neue Plattenfirma bestückte Jubiläums-Doppel-CD "100 Jahre EAV…" und dem leider nur halbwilden Album "Amore XL" später kommt in diesen Tagen nun "Neue Helden braucht das Land" auf den Markt. Doch braucht das Land noch die EAV?
Die Antwort lautet: "Alle Raucher an die Wand und erschossen aus dem Stand!"
Wer im Jahr 2010 ein Lied wie Dummheit an die Macht schreibt, hat jede Berechtigung, schlimmer noch, er ist notwendig. "Gegen Krieg und Foltertod hilft nur das Rauchverbot", reimt Spitzer, und man möchte den Text kopieren und per Dekret vor jeder Bundestags-, Landtags- oder Stadtratssitzung verlesen. Oder man führt das Lied einfach als offizielle Hymne sämtlicher Parteien ein, dann fliegen den Steuergeldvernichtern gleich noch ein paar satte Gitarren um die Ohren. Ja, das ist wieder die EAV, die man damals so gemocht hatte, hinterfotzig, beizeiten ausfallend, direkt, derb und schlau.
Rabatt, Rabatt legt nach und stellt die Geiz-ist-geil Gesellschaft ins Licht der Lächerlichkeit, und wieder ist es richtige Rockmusik, die dazu ertönt. Geil sans drauf, die Buam! Nach zwei Nummern hat die Scheibe schon gewonnen, auch wenn man weiß, dass dieses Niveau nicht über eine knappe Stunde zu halten ist.
Der Titelsong hält den Standard allerdings noch mühelos, nimmt die Fernsehlandschaft aufs Korn und - ja, es rockt noch immer. Es kommen zwar diverse etwas ältere Effekte und Sounds zum Einsatz, aber die Achtziger sind bekanntlich gerade wieder hip.
Bush-Bashing gibt's zu zünftigem Country-Geschunkel in Obama, allerdings darf man vermuten, dass der Text vor den ersten Umfallern des angeblichen Heilsbringers entstand. Ein paar griffige Sprüche reichen wohl zur Präsidentenwahl und globalen Hoffnung auf das Ende alles Bösen, aber nach einem vergeudetem Jahr dürfte inzwischen klar sein, dass die Macht nicht im Weißen Haus sitzt. Insofern ist es relativ egal, ob ein Volltrottel wie George W. Bush oder ein populärer Charismatiker das hässliche Haus in Washington bewohnt.
Mit Nostradamus gibt es mal wieder Kirchenschelte. Diesmal ist der schreckliche Benedikt dran, das war im Grunde von der EAV auch so zu erwarten, kommt aber zu spät, denn wir waren schneller ;-) Allerdings können wir nur schreiben und keine pösen, pösen Klänge wie aus dem Spaßlabor von RAMMSTEIN dazu erzeugen. Bleibt einzig die Frage: Wo und wie haben die Typen von RAMMSTEIN Spaß?
Der Teufel weiß, ob es die oben angesprochene "Mitte der Gesellschaft" überhaupt noch gibt, aber falls ja, ist "Neue Helden braucht das Land" an dieser Mitte reichlich vorbeigeschossen. Thomas Spitzer hat einen netten kleinen Rundumschlag gelandet, führt den Spießer genauso vor wie den Supertürken, die Eso-Tussi und den dumpfen Ballermann-Touristen. Alles keine erstmals aufgegriffenen Themen, aber mal wieder clever umgesetzt. Ob die Nachricht allerdings bei den Betroffenen ankommt? Manches Lied ist schlussendlich doch so viel Popmusik, dass Flachdenker den Deppengroove von Bitte Bier zum Malle-Hit machen könnten. Es wäre nicht das erste Mal, schon vor 12 Jahren landete 3 weisse Tauben vom musikalisch schwachen Album "Himbeerland" auf diversen Mallorca-Compilations, aber das sollte eigentlich nicht der Anspruch eines Thomas Spitzer sein. Viel schöner ist die Schrammelmusik (nein, es ist keine Schrammelmusik, eher ist es die österreichische Version von Kris Kristofferson oder dem späten Johnny Cash) von Beim Cseijtei im Hof mitsamt ihrem schönen Text und endlich einem Hauch von Dialekt, den man sich als Bayer und Sprachfetischist von der EAV so sehnlich wünscht. Natürlich versteht der Nicht-Süddeutsche österreichische Sprachsalven nicht auf Anhieb, aber Spitzer und Eberhartinger ist längst so vieles wurscht, dass ein wenig mehr Lokalkolorit auch nicht mehr schaden könnte.
Trotzdem, "Neue Helden braucht das Land" ist neben "Frauenluder" das seit vielen Jahren beste Album der ERSTEN ALLGEMEINEN VERUNSICHERUNG, es macht Laune und spricht garantiert einer großen, leider längst zum schweigen gebrachten Mehrheit aus der Seele.
Die Band ist im März und April 2010 auf heftiger Tour durch Deutschland und Österreich, man sollte einen Konzertbesuch ernsthaft in Betracht ziehen, denn so jung wird man die EAV nicht mehr erleben.
Nachtrag zwei Tage später: Die EAV wird man nicht nur nicht mehr so jung erleben, man wird sie nach den Auftritten im März 2010 in der jetzigen Form überhaupt nicht mehr erleben können. Thomas Spitzer hat seinen (vorläufig vorläufigen) Ausstieg bekanntgegeben und dabei einige doch sehr harsche Formulierungen über den Zustand der Band und vor allem dem seiner derzeitigen Motivation abgegeben. Das zugehörige Interview kann man auf der Webseite des österreichischen Magazins Format.at nachlesen. Vorgestern (28.01.) hat die Veröffentlichung des Interviews in Österreich zu einem gewaltigen Medienspektakel geführt, bei uns kam die Nachricht leider erst 48 Stunden später an, aber letztendlich drücken Spitzers Aussagen sehr genau die vom Langzeitbeobachter schon lange monierten Dinge aus: Schlagersendungen, Promigalas und Bierzeltauftritte passen nicht zur EAV, diese Band hat andere Wurzeln und vor allem mehr zu sagen als immer nur die sogenannten Blödelhits von früher für von albernen Getränken beschwipste Schlipsträger oder sinnlos besoffene Spacken bei Stadtfesten zu intonieren.
Wenn Spitzer aus dem vorläufigen einen endgültigen Abschied macht, ist "Neue Helden..." mitsamt der Tour der bestmögliche Schwanengesang. Klaus Eberhartinger sollte dann bitteschön keine Solo-EAV auf die Reise schicken, sondern das Kapitel beenden.
F.S., 30.01.2010
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