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Unarmed

Best Of 25th Anniversary
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Unarmed - Best Of 25th Anniversary
Unarmed - Best Of 25th Anniversary, Sony Music, 2010
Andi Deris Vocals
Michael "Weiki" Weikath Guitar
Sascha Gerstner Guitar
Markus Grosskopf Bass
Daniel "Dani" Loeble Drums
Gäste:
Nippy Noya Percussion
Gero Drnek Akkordeon
Andreas Becker Gitarre
Albie Donnelly Saxophon
Matthias Ulmer Piano
Harriet Ohlsson Vocals
Prager Symphonie Orchester
Produziert von: Charlie Bauerfeind Länge: 59 Min 11 Sek Medium: CD
1. Dr. Stein7. Perfect Gentleman
2. Future World8. Forever & One
3. If I Could Fly9. I Want Out
4. Where The Rain Grows10. Fallen To Pieces
5. The Keeper's Trilogy11. A Tale That Wasn't Right
6. Eagle Fly Free

Wir schreiben das Jahr 1985. [Vogelzeig! Red.]
In Hamburg entdecken ein paar Jungspunde, dass man auf Gitarre, Bass und Schlagzeug schneller spielen kann, als die Ohren es hören. Das wäre klasse, wenn man das veröffentlichen würde, denken sich die Kerle, stratzen in den Proberaum und nehmen die ersten Songs für einen Sampler auf. Da wird ein Label auf die Hanseaten aufmerksam, nimmt sie unter Vertrag und man veröffentlicht die Mini-LP "Walls Of Jericho".
In Witten steht ein pickeliger Teenager vor seiner Stereoanlage und fragt sich, wie das gehen kann, dass die Kassette sich so langsam im Rekorder dreht, aber die Töne so schnell aus den Boxen kommen. Irgendwie passen Optik und Akustik nicht zusammen und der pickelige Jugendliche auf der Suche nach dem Weg des Lebens kriegt die Kinnlade nicht mehr nach oben.

Der pickelige Teenager war ich, die Band aus Hamburg war HELLOWEEN und beide zusammen sind inzwischen erwachsen geworden. Ich bin weit entfernt von dem, was man mit "pickelig" und "Teenager" in Verbindung bringt und aus den Hanseaten sind inzwischen Weltstars geworden, die zu einem der erfolgreichsten Metal-Acts aus Germanien zählen dürften. [Und Herr FriedeMetal steht (un)heimlich auf SILBERMOND und wurde uns vom bekannten Onlinemagazin clearasil.de zugeführt. Red.]
Erst jetzt, wo es diese 25th Best-Of-Ausgabe gibt, stelle ich fest, dass ich die Jungs wirklich von Anfang an kenne. Bei "Walls Of Jericho" habe ich gestaunt, wie so was geht. Die beiden "Keeper"-Alben gehören für mich zum Besten, was der Metal an Konzeptalben hervorgebracht hat, die beiden Scheiben "Pink Bubbles Go Ape" und "Chameleon" haben mich zurückschrecken lassen, denn das war nicht mehr Power- und Speedmetal, das war… nix! Parallel dazu begann mein Herz für PINK CREAM 69 zu schlagen und HELLOWEEN sich langsam aufzulösen. Kai Hansen war nach dem 2. Keeperpart ausgestiegen, Michael Kiske - die Stimme im powernden Melodicmetal - hatte das Handtuch geworfen, Ingo Schwichtenberg hatte die Sticks beiseite gelegt und sich später schockierend für alle in Hamburg vor eine S-Bahn geschmissen. Das war alles irgendwie nichts mehr. Aber es gab ja noch die PINKIES, die waren zwar nicht so schnell wie die Kürbisköpfe, aber die machten ordentlich Druck. Doch was war das!? Andi Deris schmeißt bei den Karlsruhern das Handtuch und heuert bei den Hanseaten an! Das ging jetzt wohl gar nicht, oder? Irgendwie fühlte ich mich verarscht. Aber nur bis zum Sommer 1994. Dann kam "Master Of The Rings" auf den Markt und zeigte HELLOWEEN in runderneuerter Version mit einem absolut geilen Album. Ich war begeistert und dieser Rundling dreht bis heute regelmäßig seine Runden in meinem Player. Perfect Gentleman ist eines meiner Lieblingslieder. So herrlich Macho. Mit "The Time Of The Oath" und "Better Than Raw" folgten meiner Meinung nach zwei schwächere Alben und mit "Metal Jukebox" bewiesen die Hamburger Kürbisse wenigstens Humor zur Vertragserfüllung, hätten das Scheibchen aber auch getrost im Hafenbecken versenken können. "The Dark Ride" ist bis heute an mir vorbeigerauscht, da es wieder mit einer gänzlich neuen Ausrichtung überraschte. Überraschend auch die "Treasure Chest"-Box, die in fetter Aufmachung und opulenter Songauswahl einen guten Überblick über das Schaffenswerk von HELLOWEEN zeigt. Dann kamen noch "Rabbit Don't Come Easy" sowie der dritte und damit letzte Teil der Keeper-Saga, bevor mit "Gambling With The Devil" das letzte Lebenszeichen aus Hamburg gefunkt wurde. Es folgte eine ausufernde Tournee, die die beiden Hamburger Stahlschmieden HELLOWEEN und GAMMA RAY gemeinsam auf die Bühnen der Welt katapultierte und viele verzückte Gesichter in vielen Ländern rund um den Globus hinterließ.

Nun schreiben wir das Jahr 2010 und HELLOWEEN feiern ihr Bandjubiläum. Mit einer Best-Of-Scheibe. "Langweilig", mag man geneigt sein zu rufen. Die Setlist besteht eigentlich nur aus den Kloppern, die man von den Jungs erwartet und von allen möglichen anderen Kompilations sowieso kennt. Aber HALT! HELLOWEEN wären nicht HELLOWEEN, wenn sie sich nicht was Besonderes ausgedacht hätten. Und genau das ist "Unarmed" geworden. Ganze 11 Songs wurden einer Radikalkur unterzogen und völlig neu und unerwartet ins Studiomischpult gespielt. Das hätte ich den Kürbisköpfen nicht zugetraut. Dr. Stein kommt als flotter Pop-Rocker mit Saxophon, Chorsätzen und absolut keiner Doublebass aus den Boxen gerollt. Flott und wie frisch renoviert. Das hätte man mit dem Pianoeinsatz so auch von den STONES gehört haben können. Future World fängt mit einer Akustikgitarre an und sofort vermisst man das typische Intro. Aber keine Sorge, auch daran wurde gedacht. Auch das wieder poppig-flockig und mitreißend.
If I Could Fly beginnt mit Keyboards und Streichern und wirkt im Laufe der 3 ½ Minuten wie ein Roadmoviesong. Where The Rain Grows ist ohne E-Gitarrendampf wie eine Relaxversion für die Sauna. Genial gemacht! Der absolute Höhepunkt folgt direkt im Anschluss: In 17 Minuten wird aus den drei "Keeper"-Parts ein Medley gebastelt, das es absolut in sich hat. Man will gar nicht mehr aufhören, es zu genießen. Mit Symphonieorchester und bombastischen Chören baut sich eine Dramaturgie auf, die Bands wie METALLICA und anderen Metal-meets-Klassik-Bands zeigt, wie man so was ordentlich umsetzt. Das Beste, das ich bisher von HELLOWEEN gehört habe. Das wird auf der restlichen Scheibe auch nicht mehr getoppt. Nach The Keeper's Trilogy könnte man eigentlich aufhören mit Hören, aber es folgt noch ein wunderschönes Duett von Andi Deris und Harriet Ohlsson bei Eagle Fly Free, das Erinnerungen an Robbie Williams und Nicole Kidman wach ruft. Zart und ganz ohne E-Gitarre, Double-Bass und "ich bin schneller als du"-Solo.
Perfect Gentleman kommt in entspannter Version daher, bevor bei Forever & One das Barpiano und leichte Streicheruntermalungen Andi Deris beim Gesang begleiten. Zum Schluss noch orchestral bearbeitet, ich bin immer noch begeistert.
I Want Out rockt sich semiakustisch mit Kinderchor durch die Boxen, Fallen To Pieces entspannt des Hörers Ohrmuskel bevor man mit A Tale That Wasn't Right den Soundtrack für die nächste Nacht mit der Liebsten kreiert.

Ich stelle fest, dass die Jungs von HELLOWEEN perfekt darin sind, sich selbst nicht ganz ernst zu nehmen, das aber so gut machen, dass es ein echter Genuss ist, sich das anzuhören. Keine Highspeedgitarrensoli, kein Dauerdoublebass-Gewitter, dafür die teilweise orchestrale und akustische Umsetzung der Songs und ein Andi Deris in bester Gesangsverfassung. Dass die Vollgasjungs schon immer hochmelodische Songs geschrieben haben, ist nicht neu. Auf "Unarmed" stellen sie unter Beweis, wie melodisch ihre Songs sind. Dafür gibt's von mir die volle Punktzahl.

Friedemann Schmidt, (Artikelliste), 14.01.2010

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