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Ja, Panik

The Taste And The Money

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The Taste And The Money
The Taste And The Money, Schoenwetter Schallplatten/ZickZack, 2007
Andreas A. Spechtl Gesang, Gitarre
Christian Treppo Piano, Gesang
Stefan A. Pabst Bass, Gesang
Thomas W. Schleicher Gitarre, Pfeifsoli, Gesang
Sebastian Janata Schlagzeug, Gesang
Länge: 40 Min 12 Sek Medium: CD
1. The Taste And The Money (Part 1)7. Swing Low, Sweet
2. Marathon8. Thomas sagt
3. Ich bringe mich in Form9. Satellite Of Love
4. Quizshows10. Chanson A Boire
5. Roadmovie To....11. Wien, du bist ein Taschenmesser
6. Mein Lieber12. The Taste And The Money (Part 2)

Menno, die untersagen einem auch jedes Missvergnügen. In Punkt 6 des Band-Manifests steht geschrieben: "Und jetzt ein Wort zu dir, over-sophisticated Pop-Diskursler: auch deine Ideen sind bankrott, ihnen fehlt der Humor. Humor würde dir und deinem Geschreibe Tore öffnen. Zerstöre, brüskiere, verhöhne, onaniere auf deine Sprachgebilde, bitte, mach nur. Wir verstehen ja zum Teil die Notwendigkeit. Aber: LACHE! Lache über uns, wenn du schon nicht über dich selbst lachen kannst. Es ist die Humorlosigkeit die deiner Kritik jeglichen Wind aus den Segeln nimmt."
Woher wissen diese dialektfreien Jungwiener? Die lesen in ihrer WG bestimmt heimlich alte Artikel von Diedrich Diederichsen aus der "Spex" und diskutieren sie anschließend. Und nun steht er da, der Diskursler, und weiß nicht weiter, weil mit dem Intellekt eines D.D. kann er sich nicht messen und das Thema Sprachliche Selbstbefriedigung steht erst wieder Ende Mai auf dem Vorlesungsplan der Akademie für Spätstudierende. Wie kann man sich derweil der zweiten Platte der Band JA, PANIK nähern, ohne in den Verdacht einer unterschwellig doch vorhandenen Humorader zu geraten?
Am besten probieren wir es zuerst mit der Anti-Wien-Hymne Wien, du bist ein Taschenmesser. Der Wiener an sich ist ein misanthropischer Philanthrop, der, je nach Gustus, entweder der Austria oder dem SK Rapid zugeneigt ist, sich mit dem Feind aber sofort verbündet, wenn es gegen Red Null Salzburg geht. Dies hat mitnichten mit dem dort tätigen großen Philosophen Giovanni Trapattoni zu tun, eher mit der grundsätzlichen Abneigung gegen alles Nichtwienerische. Weiters befindet sich der Wiener in einem lebenslangen Kampf gegen sein Wien, das seit der Belagerung durch die Türken zwar eine gehobene Kaffeehauskultur besitzt, aber durch die maßlose Einwanderung von Tschuschen, Piefkes und Oberösterreichern jede eigene Identität verloren hat - sieht man mal vom Prater, Schönbrunn, dem Stephansdom, dem Wiener Schnitzel, Falco, dem Burgtheater und dem Hundertwasserhaus ab. Nein, in Wien kann man nicht glücklich leben, man muss es. Diese Unglückseligkeit machen sich JA, PANIK zunutze und bejubeln ihre miserable Situation freudig erregt. Ach, die Schwermut der Jugend ist bezaubernd, speziell wenn sie so enthusiastisch und ohne mehr als ein Mindestmaß an Sentiment verbreitet wird.

"The Taste And The Money" heißt die CD. Indie-Gitarrenpop könnte man die Musik nennen. Der Titel ist wohlüberlegt, die Musikrichtung ist gemeinhin so öde wie sich beim Lesen anfühlt. JA, PANIK haben aber einen gewaltigen Vorteil gegenüber den meisten Mitbewerbern, sie haben in Andreas Spechtl einen spektakulären Sänger, der zwar nicht singen kann, das aber so expressiv, dass man ihm zuhört. Sozusagen der Lindenberg-Effekt. Dazu kommen noch zwei Schrabbelgitarren und ein geschmackvoller Mann am Klavier, schon verzeiht man den einen und anderen textlichen Ausrutscher in die manchmal schwer verständliche Gedankenwelt junger Künstler.
Vor beinahe 30 Jahren gab es eine Welle deutschsprachiger Musik, bei der sich die intelligenteren Protagonisten auch ganz gerne übers geistige Brückengeländer lehnten. In Verbindung mit JA, PANIK kommt einem immer wieder der Name Peter Hein in den Sinn, der lavierte mit seinen FEHLFARBEN auch lange Zeit zwischen Punk und Anspruch und hat sich längst zu einer Art Vordenker entwickelt. Gut, Satellite Of Love hat weder Hein noch Spechtl geschrieben, dafür aber Lou Reed, auch ein bekennender Schwermütiger mit Hang zum Exzess. Eine hübsche Version haben die Panikkameraden da eingespielt.

JA, PANIK hangeln sich durch ein bemerkenswert vielfältiges Song-Sammelsurium, manchmal ganz nahe am Abgrund, meistens auf schwer erklärbare Art verblüffend konsensfähig. Wären sie nicht aus Wien sondern aus Berlin, der Hype hätte längst begonnen (die CD erschien in Österreich bereits im Oktober 2007). Trotz diesem Standortnachteil wird es nicht überraschen, wenn man die Herren in naher Zukunft verstärkt öffentlich wahrnehmen kann. Und über "over-sophisticated" und "Pop-Diskursler" sprechen wir in ein paar Jahren, wenn WG und Studentenhabitus dem ersten Armanituch gewichen sind. Ansonsten haben JA, PANIK einen feinen Humor. Ernsthaft!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 30.03.2008

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