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Keep You Guessing

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Keep You Guessing
Keep You Guessing, Aspirion Records Group, 2009
Neil Carswell Lead & Background Vocals, Acoustic Guitar
Chris Anderson Acoustic-, Rhythm- & Lead Guitars, Slide Guitar, Background Vocals, Bottleneck Dobro, Resophonic Slide Guitar
Stu Kimball Acoustic & Electric Guitar, Rhythm Guitar, Tambourine, B3 Organ, Background Vocals
Johnny Neel Piano, Wurlitzer, B3 Organ
Randy Threet, Jeff Cox, Judd Fuller Bass
Ross Sermons Upright Bass, Electric Bass
Victor Krauss Upright Bass
Pat MacDonald, Mike Leveque, Mark Beckett, Kevin Rapillo Drums
Wes Powers Drums, Tambourine, Shakers, Clave, Spoons
Russ Paul Lap Steel Guitar, Pedal Steel, Steel Guitar
Steve Hinson Steel Guitar
Donnie Herron Lap Steel Guitar, Fiddle
Larry Campbell Steel Guitar, Fiddle, Mandolin
Tramp Fiddle, Mandolin
Kim Keyes Background Vocals, Duet Vocal (Since I Met You)
Patty Barkas, Darcelle Wilson, Michaelle Keegan, Dana Radford, Perry Coleman, Kim Parent, Melissa Carswell Background Vocals
Jonathan Yudkin String Section
Produziert von: Stu Kimball, Neil Carswell & Phil Green Länge: 57 Min 33 Sek Medium: CD
1. Bright Lights9. Nothing Left To Lose
2. Gypsy Lady10. Roll On
3. Every Sad Song11. Carolina Line
4. She12. Big Sky
5. Keep You Guessing13. South Wind
6. Since I Met You14. Temporary Relief
7. Till The Blues Come In15. Altar Call
8. Time To Think

Als vor drei Jahren das erste Solowerk von Neil Carswell erschien, konnte den Hörer Skepsis überkommen, denn da hatte sich offensichtlich ein einstmals mittelmäßig erfolgreicher Hardrocker heftig in den Fallstricken der Nashville-Massenwarehersteller verheddert und ein leicht verzweifeltes Country-Scheibchen eingespielt. Zweifellos waren da ganz nette Songs vertreten, aber die Produktion klang dummerweise nach Feierabendaufnahme und "Husch, husch, da steht schon der nächste vor der Studiotür, mach mal hinne". Eigentlich hatte man mit dem Kapitel Neil Carswell danach abgeschlossen - nur manchmal die geliebten COPPERHEAD-CDs aufgelegt und überlegt, was wohl ohne Grunge mit dieser Art von Musik und speziell mit COPPERHEAD passiert wäre. Doch plötzlich ist er wieder da, sogar mit einem sehr ähnlichen Produktions- und Musikerteam, aber bis auf die grundsätzliche Musikrichtung, südstaatlicher Country plus Rock, ist alles auf "Keep You Guessing" anders, schöner, besser, frischer und beinahe eine ganze Stunde lang. Verblüffend.

Man könnte die Sache verkürzen und sagen, dass man sich die CDs der Van Zant-Brüder so gewünscht hätte, Carswell hat sogar eine gewisse optische Ähnlichkeit mit den Herren Superstars, aber das wäre zu kurz gegriffen, denn einer wie Carswell spielt nicht in der gleichen Liga, so einer muss sich für ein anständiges Album den Arsch aufreißen, und bekommt trotzdem nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit, die für die letzten Plastikprodukte des Familienclans weltweit fällig war. So ist das eben, wenn man "nur" Chef von COPPERHEAD war und noch nicht mal Vorband von SKYNYRD sein durfte. Aber Carswell hat sich eine eigene kleine Helferschar aufgebaut, und zwar eine mit ganz bemerkenswerten Namen.
Da taucht beispielsweise Johnny Neel auf. Und Stu Kimball, der seit Jahren mit Dylan tourt und auf "Modern Times" zu hören war (allerdings nicht auf der aktuellen "Together Through Life", die doch von Dylans Tourband eingespielt wurde…). Chris Anderson von den OUTLAWS (seit 1986, leider auch noch in der heutigen Coverband um Henry Paul) bekommt Songwriter-Credits und spielt eine beachtenswerte Gitarre, und das Schlagzeug spielt bisweilen Pat MacDonald, den man seit etlichen Jahren mit Charlie Daniels sieht (kein Wort zu viel an dieser Stelle über Daniels, den Reaktionär, der sich inzwischen als Gotteskrieger und Obama-Anpisser immer mehr in eine für uns Europäer unerträgliche Ecke stellt). Anyway, so gut wie alle Namen auf "Keep You Guessing" haben ihre eigene Geschichte und sind vielen Musikkennern bekannt.

Auch wenn Lap Steel, Steel Guitar, Backing-Chöre und sogar Streicher - also die Waffen so vieler grässlicher NewCountry-Machwerke - satt eingesetzt werden, ist es Carswell und seinem Produktionsteam ausnehmend gut gelungen, peinliches Gesülze zu vermeiden. Wo bei vielen Cowboyhutträgern Tränen und Schmalz fließen, lässt einen "Keep You Guessing" im "schlimmsten" Fall berührt innehalten, weil manche Melodien tatsächlich wunderschön gelungen sind. Wenn man doch mal des Uuuhuhu-Chores überdrüssig ist, setzt eine der Sängerinnen ein verschärftes Soul-Shouting drauf, oder Anderson lässt ein Bilderbuchsolo vom Stapel. Johnny Neel ist an der Orgel sowieso eine Bank, der bringt regelmäßig den Sumpf ins staubige Nashville-Brachland. Diese Qualitäten kulminieren beim sechsten Song, Since I Met You, in eine Nummer, die fraglos auf jedem Soloalbum von Dickey Betts ein Sonderplätzchen hätte. Das ist wirklich GREAT SOUTHERN. Hut ab, Mr. Anderson.
Viele Songs haben einen ähnlichen Aufbau: Einleitung - Spannungsaufbau - Höhepunkt - Ausklang. Das klingt ein wenig nach Schulaufsatz, macht aber Sinn, denn Carswell erzählt ja auch kleine Geschichten aus dem Leben, da baut sich nun mal so manches auf und wieder ab. Bravouröser Gesang im Mittelteil des Titelsongs, ebenso großartiges Solo, Neel quetscht der B3 den allerletzten Saft raus. Vollkommen unspektakuläre Musik aus den Tiefen des letzten Jahrhunderts mit ganz viel Fingerspitzengefühl und Seele. Country sucks, Carswell souls.
Im Booklet sind zwar keine Texte abgedruckt (die kann man auf der Homepage nachlesen), dafür schreibt Carswell zu allen Songs Entstehungsgeschichte und kleine Anekdoten. Sympathisch ehrlich gibt er zu, dass ihm der Name Gram Parsons nichts sagte, als ihn ein anderer Hinterwäldler darauf ansprach. Das war wohl vor sehr langer Zeit, Parsons She spielt Carswell erst heute - schön spielt er es.
Noch eine perfekte Sänger-Ballade: Nothing Left To Lose. Menschenskinder, was für eine Stimme, was für ein entspannter Groove, der selbst einem Jimmy Buffett längst nicht mehr einfällt. Nicht mal am Country-Folk verhebt sich der ziemlich kräftig gewordene Carswell. Roll On featured eine dezente Fiddle, ein wenig Banjo (steht zwar nicht in den Credits, ist aber zu hören) und die nächste Wohlfühlmelodie. Caroline Line führt dies weiter, da geht im dunkelsten Saloon die Sonne auf.
Ein klein wenig Kritik kann man vielleicht an manchen Texten üben. Ab und an klingt dem jugendlichen Kritiker ein bisschen viel "Altersweisheit" und "been there done that" Lyrik durch. Aber wie unser Mann das singt, aber hallo, das hat Klasse.

Neil Carswell hat eine Tourband: TWIST OF FATE. Ganz schnell sollten ganz viele Auftritte passieren, all diese Songs, und auch so manche alten, möchte man live erleben. Für "Keep You Guessing" gilt: well done, well sung & good luck to you, Loyd Neil Carswell.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 03.05.2009

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