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Timeless Blues

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Timeless Blues
Timeless Blues, Eigenvertrieb, 2007
Patrick "Pede" Halfmann Gitarre, Gesang
Jan Rinke Bass, Gesang
Felix Engel Schlagzeug
Gast:
Manni Halfmann Bluesharmonica
Produziert von: Re-Late Länge: 53 Min 30 Sek Medium: CD
1. Restaurant Lover6. Cansado
2. She Devil7. Pride And Joy
3. Perfect Dream8. Goin Down Fast
4. Beate9. Grab Another Can
5. In My Own Time10. Probably Me

Wer Gary Moores neues Album besprechen musste, hat für die nächsten Wochen eigentlich erstmal keinen Bock mehr auf Blues. John Mayalls aktuelle Platte liegt deswegen noch ungehört auf dem Stapel. Und genau in diesem Moment kommt eine junge deutsche Bluesband daher und verlangt nach Aufmerksamkeit. Danke, und bitte noch einen Tequila Sunrise für den Rezensenten.
Jetzt ist das aber so, dass in den letzten zwei, drei Jahren in unseren Breiten ein paar frische Kapellen diesem alten Herrn Blues irgendwie wieder auf die Beine geholfen haben. Zuletzt war es Timo Gross, seit längerem bereits Henrik Freischlader, diesmal ein Trio aus Gelsenkirchen namens RE-LATE mit ihrem ersten Album "Timeless Blues". Nicht hüsteln, der Name passt schon. Man kann den Blues so oder anders spielen, RE-LATE kriegen es anders hin.

Der Sänger und Gitarrist Patrick Halfmann ist 24, der Bassist schätzungsweise auch um die Drehe, der Schlagzeuger 19. Zum Glück haben sie den 55jährigen Späteinsteiger und Dad von Patrick an der Harmonica dabei, dann fühlt man sich als Schreiberling nicht gar so antik. Und schau, prompt klingt die CD nicht nach Gary Moore. Kein bisschen. Wie kommt's?
Vor über 25 Jahren veröffentlichte die norddeutsche PEE WEE BLUESGANG eine Live-LP namens "Bootlegged In Hamburg". Die hatte Pepp und eine Atmosphäre, die ein gewisser Münchner Fan als "Cabrio Blues" bezeichnete. Man hatte nämlich immer das Gefühl, dass der Musik auf dem Weg nach ganz oben nichts im Wege stand. Kein Dach, keine Wolke, nur der Groove und der ziemlich blaue Himmel spielten eine Rolle. Das ganze bei 30 Grad und 90 Meilen die Stunde. Solche Scheiben sind selten, heute noch wesentlich seltener als früher, aber diese Knaben aus dem Pott haben es 2007 wieder geschafft.
Man kann den Blues akademisch analysieren, man kann ihn auch einfach wirken lassen. Was wollt Ihr lieber? Professorales (De-) Kadenzgelaber oder Spaß? Tonleitern oder Rhythmus, Kopfübergitarrensoli oder einen funky Beat? Nicht dass Pede Halfmann nicht auch verwegen solieren kann, bedeutend angenehmer sind ihm offensichtlich die kleinen Kunststückchen, mit denen man das Pack vor der Bühne in Wallung versetzt. So funktioniert sogar, was man eigentlich heutzutage gar nicht mehr tun darf: Pride And Joy von Stevie Ray Vaughan covern. Wie viele Bands haben sich daran wohl schon vergriffen - und sind im Kopierwahn gnadenlos abgesoffen? RE-LATE nicht, die fangen erstens mit einer akustischen Gitarre an, "verswingen" zweitens die Nummer gekonnt, drittens bauen sie eine Harp ein und lassen Stevie ansonsten seine Ruhe. Ergebnis: Unfallfreies rocken leicht gemacht.
Mit Goin Down Fast ist noch ein zweites Cover zu finden, allerdings dürfte der Urheber, Rick Hall aus Ohio, bei uns eher unbekannt sein. In diesem Akustik-Blues bewegen sich unsere Jungs deutlich näher am Original, und kommen trotzdem mindestens genauso authentisch und auf jeden Fall zupackender rüber, höchstens das unter die Aufnahme gelegte Geplapper ist vielleicht einen Deut zu laut. Interessante und recht obskure Vorlage für eine so junge Band.
Außerdem ist auffällig, dass sechs Texte auf der CD von der ansonsten für Booking und Management zuständigen Frau stammen. Was da im Verborgenen für Talente schlummern. Fahrlässig ist jedoch, einem Sänger Worte wie "I need a girl who cooks" in den Mund zu legen. Soll der doch sein Spiegelei selber machen.
Apropos Sänger. Da sind RE-LATE weit vorne, weil Pede Halfmann zwar ein kerniges Stimmchen hat, aber altersbedingt näher an Aynsley Lister denn an Blues-üblicher Könnt-ihr-all-die-Whiskeys-hören Attitüde ist.

Auf der Homepage kann man sich vier ältere Demos anhören. Die sind nett, zeigen auch den generellen Stil der Band, aber was letztendlich auf "Timeless Blues" gelandet ist, liegt kompositorisch ein ganzes Stockwerk darüber. Ein weiterer Vorteil der Jugend, hier kann man Entwicklungen noch nachvollziehen. Der größte hörbare Sprung dürfte wohl in Punkto Swing gelungen sein. Die deutsche Schlager-Hoffnung Roger Cicero sollte sich beispielsweise Restaurant Lover oder Cansado intensiv anhören, denn hier swingt es tatsächlich und bemüht nicht gequält und verwaschen das lange tote Ratpack. Das geht übrigens nicht zuletzt auf das Konto von Felix Engel, der mit kleinem Equipment großen Eindruck am Schlagzeug macht. Den Burschen kann man unterm Kopfhörer schön genießen.
Noch eine Seltenheit: In My Own Time ist ein zehnminütiger Slow-Blues. Unerträglich? Gar nicht. Das Ding brummelt so spannend vor sich hin, dass die ersten fünf Minuten bis zum Gitarrensolo wie nichts vorbei sind. Das Solo wiederum ist spartanisch und punktgenau, protzt nicht mit Geschwindigkeit und geht ans Herz. Wenn gegen Ende noch die Harp zum zweistimmigen Finale einsteigt, fühlt man sich an vergessene Rhythm & Blues Bands wie B. SHARP um den Mundharmonikavirtuosen Henry Heggen erinnert.
Persönlicher Favorit: Grab Another Can. Ja, das spricht den Trinker und Rocker an und lässt dem Basser freie Hand. Ein ganz tricky Song.

RE-LATE bedienen sich selbstverständlich aller greifbaren bläulichen Töne, aber sie mischen sie in jeder Beziehung so gekonnt (auf), dass Blues plötzlich wieder Freude macht und in der Tat "timeless" erscheint. Das ist viel mehr als man erwarten kann.
Außerordentlich starke CD!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 10.05.2007

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