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Sorgente

Loma Vista Drive

Tales From The Other Side
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Loma Vista Drive
Loma Vista Drive, Sorgente Music Production/Soulshine, 2010
Ojam - O Jam Vocals, Guitar
Fabio - Fafuu Vocals, Keytar
Dr. Jacobsen Lead Guitar
Tobsen Drums
Dungee Bass
Produziert von: Ojam & Daniel Lipp, Fabio Spagna, Jakob Biazza, Tobias Nuspl Länge: 56 Min 30 Sek Medium: CD
1. Two Sisters Of Mercy8. Please Be With Me
2. S.M. Love9. My Sweet Addiction
3. Sugarman10. She Is
4. Already Missing You11. Greyhound
5. Crystal Ship12. Walking Down The Road
6. Wasted13. Restless
7. Alone

Oh, die sind drauf. Diese Münchner Jungs, die vor zwei Jahren mit "Let Me In" zwar gehörig, hierzulande aber nicht laut genug an die Tür geklopft haben. Es darf dem Musikbusiness in Deutschland hochnotpeinlich sein, dass ausgerechnet die ach so abgewrackte Szenemafia in Los Angeles die Band SORGENTE sozusagen entdeckt hat und ihr neben dem ersten Preis als "International Artist" bei den "Los Angeles Music Awards" (einem nicht kleinen Wettbewerb für Independent Bands) und ein paar Auftritten auch einen intensiven Blick in die große weite Welt der Popmusik kostenlos hinterher warf. Herzlichen Glückwunsch, ihr selbstverliebten Strategen und Super-A&Rs der teutschen Musikindustrie, mal wieder hat keiner den Schuss gehört - bei uns bekommen regelmäßig DSDS-Gewinner und sonstige Klone die Newcomer-Awards. Und SILBERMOND ist unsere allerbeste Band vor ICH + ICH.
Ohne Zweifel ist man in Los Angeles noch schneller vergessen als in Berlin (Echo), der Weltstadt Oberhausen (VIVA Comet), Köln, Hamburg oder München, aber so ein kleiner Ausflug nach LA beflügelt sicher mehr als Auftritte in Kaiserslautern, Klagenfurt oder Günzburg. Die sechs Ehrgeizlinge von SORGENTE fühlten sich nach dem Trip ins einstmalige (?) Mekka der modernen Musik gar so inspiriert, dass das neue Album nach ihrer kurzzeitigen Adresse dort benannt ist: "Loma Vista Drive".

Aufgenommen wurde zwar nicht in Beverly Hills sondern zuhause, aber das Ergebnis unterscheidet sich nicht nur markant von "Let Me In", es könnte auch ein Aufbruch zu weiteren neuen Ufern sein. Was das für Ufer sein werden, kann man noch nicht sagen. SORGENTE hat sich binnen sieben Jahren und drei CDs so drastisch verändert, dass viele Möglichkeiten bestehen. Die schlechteste wäre im Stil von She Is, dem einer Boygroup ähnlichsten Song, der allerdings mitnichten neu ist und bei den Konzerten schon länger Grund zur Pinkelpause war. Überhaupt nehmen die besinnlichen Momente gegen Ende von "Loma Vista Drive" überhand, es scheint, als ob sich das etwas dick aufgetragene Konzept eines Soundtracks über den Aufenthalt in LA (und kurze Zeit später auch Australien) nicht über die ganze knappe Stunde Spieldauer schlüssig durchhalten ließ. Es waren ja auch nur drei Wochen im Land der Verheißung.
Spannender gestalten sich die ersten zwei Drittel des Albums, auch wenn man auf ein paar fremde Lieder zurückgriff. Gleich der Einstieg Two Sisters Of Mystery ist kein SORGENTE-Original, es stammt von MANDRILL, der ziemlich vergessenen Latin-Funk-Fusion-Kapelle aus den Siebzigern. Im Home of Rock wurde MANDRILL bisher nur einmal bei einer Story über TITANIC am Rande erwähnt, was natürlich schade ist, denn die Ende der Sechziger von den drei, allesamt Blasinstrumente spielenden Brüdern Lou, Carlos und Ric Wilson gegründete Band war überaus innovativ. Für SORGENTE ist der Rückgriff auf eine so alte Band ein weiterer Fortschritt, denn Two Sisters Of Mystery ist nicht nur historisch interessant, es wird auch hervorragend interpretiert. Neftali Santiago, der Songwriter und ab 1973 Schlagzeuger von MANDRILL, tritt im zugehörigen Video als Priester bizarrer Provenienz auf. Gleichzeitig ist Two Sisters Of Mystery ein Fingerzeig auf die Ausrichtung von "Loma Vista Drive". Wilden Funk bekommt man auf diesem Album nicht zu hören, über weite Teile herrschen subtile Spielereien und vor allem ein psychedelischer Grundton, der manchmal beinahe beängstigend wirkt.
Ganz besonders beängstigend wirkt Crystal Ship, im Original von THE DOORS und damit per se ein Klassiker. Zusammen mit dem nahtlos angefügten Wasted entsteht eine angenehm unheilvolle Stimmung, die ohne Keyboards auskommt. Das muss man sich öfter anhören um es zu glauben. Die technischen Möglichkeiten werden jedenfalls ausgenützt.
In einer ganz anderen Ecke wird mit Please Be With Me gewildert. Ein Song von Scott Boyer, der mit der Country-Rock-Band COWBOY vor annähernd 40 Jahren eines der vielen Projekte des Capricorn Labels war. Natürlich kennt man Please Be With Me von Claptons "461 Ocean Boulevard", und Long Beach ist so weit nicht von Beverly Hills entfernt, also darf die Nummer von einer kleinen Band aus Bayern nachgespielt werden. Aber das Ergebnis hat nichts mit Claptons Süßholzraspelei nach halbwegs überwundener Heroinsucht zu tun, hier scheint eher eine Band mittendrin im Rausch, obwohl natürlich die wunderschöne Melodie erhalten bleibt und der Gesang überwältigend ist. In Verbindung mit dem spacigen Outro My Sweet Addiction ist man versucht den freundlichen Drogenberater Eric um Rat zu fragen.

Es fällt auf, dass mehr über die Fremdkompositionen als über SORGENTEs eigene zu sprechen ist. Normalerweise gehen in solchen Fällen die Alarmsirenen an, hier ist es völlig OK, denn es sind keine klassischen Coverversionen, eher notwendige Teile einer musikalischen Fortbildungsreise - "Tales from the other side" eben. Vielleicht fehlt dem einen oder anderen Käufer von "Let Me In" auf "Loma Vista Drive" der alles entscheidende Kracher, diesmal haben die Jungs den Knüppel einfach im Sack gelassen, jedoch kann man ihnen daraus keinen Strick drehen, denn das Ergebnis hat nichts mit Anbiederung oder gar Ausverkauf zu tun, der lautmalerische Trip hat genug Kanten und Ecken für ausgiebige Erkundungstouren. Für die Zukunft ist allerdings zu hoffen, dass a.) wieder straightere Töne angeschlagen werden und b.) SORGENTE eine Band bleibt und nicht zu einem Zwei-Mann-Projekt wird.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 07.10.2010

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