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Exotic Creatures Of The Deep

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Exotic Creatures Of The Deep
Exotic Creatures Of The Deep, Lil' Beethoven Records, 2008
Russell Mael All Vocals
Ron Mael Keyboards, Programming, Orchestrations
Dean Menta Guitars
Tammy Glover Drums
Produziert von: Ron & Russell Mael Länge: 50 Min 06 Sek Medium: CD
1. Intro8. (She Got Me) Pregnant
2. Good Morning9. Lighten Up, Morrissey
3. Strange Animal10. This Is The Renaissance
4. I Can't Believe That You Would Fall For All The Crap In This Song11. The Director Never Yelled 'Cut'
5. Let The Monkey Drive12. Photoshop
6. Intro Reprise13. Likeable
7. I've Never Been High

Wenn man die SPARKS als bekennender Nicht-Fan über die letzten gut 30 Jahre beobachtet hat, bleiben letztendlich zwei Eindrücke: Eine handvoll großartige Popsongs aus den Siebzigern und ein skurriles Erscheinungsbild. Die synthetischen Töne aus den unsäglichen Achtzigern und die technoiden Katastrophen aus den Neunzigern hat man verdrängt bzw. nie zur Kenntnis genommen, und seit dem Album "Lil' Beethoven" von 2002 ist eine deutliche Rückbesinnung auf die Wurzeln der Gebrüder Mael zu vermerken. Doch wo liegen diese Wurzeln eigentlich, schließlich haben die SPARKS über die vielen Jahre die Stile deutlich öfter als ihr (bis auf die Frisuren) fast immer gleiches Erscheinungsbild gewechselt.
Vereinfacht gesagt, haben Russell und Ron Mael immer von der britischen Popkultur gelebt. Zu Beginn von den großen Brit-Rock-Bands wie den KINKS und den frühen psychedelischen PINK FLOYD, später von Glam-Bands wie T. REX, deren Marc Bolan eindeutig tiefen Eindruck auf die Kalifornier hinterlassen hat. Und dann wären da noch QUEEN zu nennen. Allerdings gehen hier die Meinungen auseinander, wer nun wen beeinflusst hat, jedoch sei die These erlaubt, dass die Entwicklung der Charaktere Mercury und Mael parallel verlaufen ist, vermutlich haben alle voneinander profitiert.
Fakt ist, dass die gereiften Brüder heute keinen Trend mehr setzen, sondern mit "Exotic Creatures Of The Deep" und den beiden Vorgängern ihre seit "Indiscreet" von 1975 traditionellsten Rock-Alben aufgenommen haben. Der vielleicht größte Unterschied ist, dass die frühen LPs von Leuten wie Todd Rundgren, Muff Winwood oder Tony Visconti produziert wurden, heute wissen Ron und Russell natürlich längst selbst, wie großes Musikkino zu klingen hat. In gewisser Weise erinnert "Exotic Creatures…" an das letzte Werk von Madonna, die mit "Hard Candy" ebenfalls ein zwar weitgehend innovationsfreies aber gutes und vor allem von sich selbst beeinflusstes Album veröffentlicht hat. Bitte sage niemand, dass "Ray Of Light" oder "American Life" nicht progressiv gewesen wären, es muss ja keinem Rockfan gefallen, an dieser Stelle geht es ausschließlich um eine halbwegs objektive Einschätzung der Wichtigkeit eines Künstlers, auch wenn es "nur" Tanzmusik ist.

Tanzmusik ist "Exotic Creatures Of The Deep" auch, aber natürlich auf einer anderen Ebene. SPARKS ist heute (wieder) ein Markenzeichen für Theatralik, Drama, Zynismus, Exaltiertheit, Humor, Melodie und - Überraschung! - richtige Gitarrenmusik. Über allem steht Russells unverkennbare Stimme, die einmal mehr bis hin zum großen Chor arrangiert wurde und wahlweise larmoyant, überkandidelt, spöttisch oder nahezu nervtötend im Falsett soliert. Unüberhörbar ist dieser "Wall of Voices" pure Studiotechnik, aber auch das muss man erst so geschmackvoll anrichten können. Unwillkürlich denkt man dabei immer wieder an Roy Thomas Baker, der nicht nur für die meisten Siebziger-Alben von QUEEN als Produzent tätig war, sondern auch Bands wie THE CARS oder CHEAP TRICKs Platinalbum "One To One" prägte. Bis heute Referenzbeispiele für großartige Gesangsarrangements. Auf "Exotic Creatures…" sind unter anderem (She Got Me) Pregnant und Strange Animal exemplarisch für derlei Vokaltheater.
Die Gitarren. Wie zuletzt auch ist wieder Dean Menta zu hören (ehemals bei FAITH NO MORE), diesmal aber deutlich stärker im Vordergrund. Von Metal ist das selbstverständlich Lichtjahre entfernt, aber in Nummern wie Lighten Up, Morrissey (herrliche Anspielung übrigens) oder dem bereits erwähnten Strange Animal steht Menta ganz vorne am Bühnenrand und setzt echte Akzente.
Andere Stücke, wie das mit dem unfassbaren Titel I Can't Believe That You Would Fall For All The Crap In This Song, könnten problemlos von Wave-Pionieren wie den STRANGLERS oder gar den für eine kurze Zeit tatsächlich spannenden ROXY MUSIC stammen, glücklicherweise haben die Maels die Sache stilsicher in die Jetztzeit übersetzt. Ron schreckt auch vor pompösen Orchestrierungen nicht zurück, gleitet aber nie in schmalztriefende Peinlichkeiten ab, sondern lässt trotz aller technischen Möglichkeiten die Songs im Vordergrund. Diese Zurückhaltung lässt "Exotic Creatures Of The Deep" so organisch wie kaum ein anderes SPARKS-Album klingen und macht es auch für straighte Rocker zugänglich. Hansi Hölzl aus Wien, besser bekannt als Falco, hatte in seinen besten Momenten eine ähnliche Begabung. Wer möchte, findet auch hier wieder einen Querverweis zu QUEEN.
Das Selbstzitat. Thomas Mann war der bejubelte und intellektuell verklärte literarische Großmeister des Selbstzitats, in der Klassik kann man bei Gustav Mahler Mehrfachverwendung von Ideen feststellen, in der Popmusik zeugt derlei eher von fehlenden Ideen. Und doch ist I've Never Been High ein grandioser Popsong, er mag so stark an das 74er Never Turn Your Back On Mother Earth angelehnt sein wie er will.
Der Affe. Nichts kann den abgründigen Humor der Brüder besser ausdrücken als ein grinsender Schimpanse am Klavier, und wenn er zwischen Russell und Ron steht, zeigt er den durchaus intelligenteren Gesichtsausdruck. Susie heißt das Tier offenbar und wird zum Sinnbild der Ironie der beiden schrulligen Herren. Nicht umsonst heißt eine Nummer Let The Monkey Drive, denn: "… it's only fair, it's the monkey's car…". Wenn gegen Ende gar turmhohe Chöre fordern: "Photoshop me out of your life", ist die Grenze zwischen Wirklichkeit und Virtualität endgültig erreicht. Weiser kann Popmusik 40 Jahre nach Lennons Revolution nicht sein.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 10.09.2008

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