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| Insurgentes, Kscope/Snapper Music, 2009 |
| Steven Wilson |
Vocals |
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| Tony Levin |
Bass |
| Gavin Harrison |
Drums |
| Jordan Rudess |
Piano |
| Michiyo Yagi |
Koto |
| Sand Snowman |
Guitar |
| Theo Travis |
Saxophone |
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Länge: 55 Min 22 Sek |
Medium: CD |
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| 1. Harmony Korine | 6. Significant Other |
| 2. Abandoner | 7. Only Child |
| 3. Salvaging | 8. Twilight Coda |
| 4. Veno Para Las Hadas | 9. Get All That You Deserve |
| 5. No Twilight Within The Courts Of The Sun | 10. Insurgentes |
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Steven Wilson ist einer jener Künstler, die mich immer wieder in höchstes Erstaunen versetzen. Bekennender Workaholic, tätig in unzähligen Bands und Projekten wie PORCUPINE TREE, BLACKFIELD, NO-MAN und BASS COMMUNION, sowohl als Musiker als auch als Komponist und Produzent bei ANATHEMA, OPETH und ORPHANED LAND etc. bringt der Brite in beinahe inflationärer Weise "Official Releases", Sampler und "Special Editions" auf den Markt, die dem ergebenen Sammler regelmäßig ein Riesenloch ins Budget reißen oder einen tiefe Wunden schlagenden "Mut zur Lücke" abfordern. Dennoch gelingt es ihm dabei, im Gegensatz zu Neal Morse und/oder den FLOWER KINGS, scheinbar mühelos ein gewisses Niveau zu halten, auch wenn logischerweise nicht jeder Output unweigerlich auch ein Meisterwerk ist. Mit seinem ersten Soloalbum "Insurgentes" liefert Wilson einmal mehr eine ordentliche Arbeit ab, die Spaß macht.
Im Moment stehe ich allerdings etwas auf Kriegsfuss mit Herrn Wilson. Anstatt zehn Tracks, die auf herkömmliche Weise abzuspielen sind, hat sich mein Idol erdreistet (oder sollte das etwa eine originelle Idee sein und ich kapiers nur mal wieder nicht) zehn Planquadrate à zehn Spuren daraus zu machen [Es handelt sich um einen Einfall der Plattenfirma ausschließlich für die Promoexemplare, damit wir bösen Schreiberlinge das Dingens nicht illegal ins Netz stellen; Red.]. Ok ok, an sich gar kein Drama, außer man hat die Stirn das Silberscheibchen nicht von Anfang hören zu wollen, sondern einfach "nur" den Wunsch nach Twilight Coda, welches bei Spur 70 beginnt. Istgleich neunundsechzigmal (!) skippen und eine taube Fingerkuppe. Da lobe ich mir doch meinen heißgeliebten Blechkuchen. Den kann ich auch in zehn Planquadrate teilen und so schön unterschiedlich dekorieren wie Steven Wilson seine Songs, aber die hole ich mir wenigstens nach Lust und Laune vom Blech.
Doch genug gejammert, wenden wir uns mal den Ergüssen des Meisters im Einzelnen zu, die ja nun sooo schlecht gar nicht geworden sind. Harmony Korine klingt schon mal erfreulich nach ruhigeren PORCUPINE TREE, ohne dabei auf die typischen Gitarrenriffs der letzten Alben zu verzichten, und schraubt den Refrain anhaltend und positiv in Erinnerung bleibend ins Ohr. Abandoner ist ebenso wie Get You All Deserve ein seltsames und zugleich faszinierendes Teil. Dieser leicht jammerhafte Gesang ist stark stimmungsabhängig und sorgt so manches Mal für Unruhe und Ungeduld. Gleichzeitig fasziniert diese seltsame Hintergrundmusik auf eigenartige Weise und der dronehafte Doom-Gitarrenstil wirkt wie ein wechselpoliger Magnet, der ein abruptes Ende findet.
Obwohl nicht zuletzt auch wegen besagter Drone-Gitarren beim Nachfolger Salvaging eine etwas bedrückende Grundstimmung vorherrscht, ist gerade diese Komposition ein echtes Highlight. Da kommt wohl auch mal wieder das Faible der Rezensentin für Doomrock durch. Irgendwo klingen, quasi als Gegenpol, Grundelemente von The Sky Moves Sideways durch, ein Streicherensemble nimmt die bleierne Schwere des Stückes für den Moment etwas heraus um am Ende ein dumpfes Chaos zu hinterlassen. Die düsteren Industrialrock-Helden NINE INCH NAILS dürften Mr. Wilson ebenso im Hinterkopf herumgespukt sein wie sein BASS COMMUNION-Projekt.
Vermutlich sollte ich besser nicht laut sagen, dass sich bei Veno Para Las Hadas regelmäßig Rea Garvey von REAMONN vor meinem inneren Auge aufbaut. Aber auch wenn's Hohn und Spott regnet: Ich schätze diesen Sänger gerade wegen seiner Super-Pop-Balladen (außer Supergirl).
Zentraler Punkt in jeder Hinsicht ist No Twilight Within The Courts Of The Sun. KING CRIMSON-Bassist Tony Levin tobt sich hier zusammen mit zwei Gitarrenvirtousen ganz nach Belieben aus. Wer mit dem Krimo-Gefrickel ein generelles Problem hat, sollte zur Skip-Taste greifen, die anderen dürfen gerne dabeibleiben und sich diesem, mit Elementen aus Lyrik, Stakkato und PORCUPINE TREE angereicherten Freestyle-Jazz-Prog-Bombast ausgiebig hingeben. Wer's durchhält bekommt auf "Spur 48" ein wunderbares Piano zu hören. Significant Other ist ziemlich lupenreines PORCUPINE TREE-Gestricke.
Only Child ist eine gelungene Mischung aus eingängigerem PORCUPINE TREE-Material und Popmusik à la Aviv Geffen. Das Instrumental Twilight Coda lebt in der Hauptsache vom verträumt dahinperlenden Piano, leicht psychedelisch angehaucht perlt die Musik dahin wie in kleiner Bach.
Obwohl die Ähnlichkeit beim genaueren Hinsehen gar nicht mal SO detaillierter Art ist, erinnert der Titelsong Insurgentes sehr stark an Ray Wilsons (Achtung, die Nachnamenskollegen bitte nicht verwechseln!) ehemalige Band CUT, die auf "Millionairhead" mit Ghost ein ebenso eindringlich-melodisch-atmosphärisches, aber auch keineswegs trauriges Werk auf Silber gebrannt hat. Genial in diesem Fall auch die fantastische Auskleidung mit einer Koto. Das Beste Einzelstück, das Steven Wilson abliefern konnte oder wollte kommt also mal wieder zum Schluss.
"Insurgentes" ist der Name einer schnurgeraden, 40 km langen Nord-Süd-Straßenverbindung in Mexiko-Stadt und heißt übersetzt "die Aufständischen". Ein rebellisches Werk ist dieser Solo-Longplayer nicht gerade geworden. Steven Wilson bedient sich gerne der bewährten und vorzüglichen Elemente seiner verschiedenen Projekte. Man findet die Vielschichtigkeit von PORCUPINE TREE genauso wie die Melancholie von BLACKFIELD und den Ambient-Touch von NO-MAN. Dies gerät jedoch keineswegs zu einem müden Abklatsch bereits bekannter Veröffentlichungen, sondern gewinnt durch Einflüsse diverser Bands und Musikstile noch hinzu. Wilson ist ja bekanntermaßen nach fast allen Seiten hin offen für Neues.
Dennoch öffnet sich das Zugangstürchen nicht automatisch beim ersten Hören. Steven Wilson verlangt seinen Fans schon etwas Geduld und Einhörbereitschaft ab und der Faden leuchtet auch nicht immer rot durchs Gewirr. Obwohl "Insurgentes" bei weitem kein Album aus einem Guss geworden ist und man trotz Wilsons langjähriger Erfahrung zeitweise den Eindruck hat, er befinde sich wie zahlreiche Debütanten in einer gewissen Orientierungs- und Experimentierphase, ist das mal wieder "Kritikausübung auf hohem Niveau". Wer sich Zeit für ein paar Durchläufe nimmt und durch das Wilsonsche Chaos durchkämpft wird mit Sicherheit für seine Mühe belohnt. Denn mit seinen bisherigen Releases kann der Silberling allemal mithalten, auch wenn's kein Meisterwerk à la "Deadwing" geworden ist.
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