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Sweden Rocks

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Sweden Rocks
Sweden Rocks, Eagle Vision, 2008
Ted Nugent Guitars, Vocals
Barry Sparks Bass, Background Vocals
Mick Brown Drums, Background Vocals
Greg Smith Bass, Background Vocals (2007)
Länge: ca. 122 Min (DVD) & 68 Min 31 Sek (CD) Medium: DVD & CD
1. Stormtroopin'14. Stranglehold
2. Wango Tango15. Great White Buffalo
3. Snakeskin Cowboys(* = nicht auf der CD enthalten)
4. Free For AllBonus Features:
5. Wang Dang Sweet PoontangLive 2007 Performances:
6. Klstrphnky- Journey To The Center Of The Mind
7. Raw Dogs & War Hogs (*)- Weekend Warriors
8. Soul Man- Love Grenade
9. Hey BabyInterviews:
10. Dog Eat Dog- Barry Sparks
11. Still Raising Hell- Tommy Clufetos
12. Motor City Madhouse (*)Bow Hunting With Ted
13. Cat Scratch FeverTed On The Gun Range

Als in den Siebzigern die ansonsten bewunderten Wortakrobaten der herrlich übersichtlichen (dafür um so wichtigeren) Musikpresse jedes neue Album von Ted Nugent wahlweise als schwachsinnigen Lärm oder sinnentleertes Machogetue und den Mensch gewordenen Lautsprecher als leibhaftige Testosterontsunamiwarnung oder Dezibel-Godzilla bezeichneten, blieb dem jugendlichen Hardrocker nur Unverständnis. Die klugen Köpfe hatten schlicht von Rock & Roll und dem daraus entstehenden Spaß keinerlei Ahnung. Von den sozialpädagogischen Vorzügen eines in der Gruppe gesungenen Good Friends And A Bottle Of Wine und der frühsexuellen Hilfestellung von Cat Scratch Fever bei der doch recht prüden Freundin (der dieser Krach leider trotzdem nicht gefiel) ganz zu schweigen. Ted Nugent war ganz großes Entertainment und hatte in seinen besten Momenten Songs für die Hard-Rock-Ewigkeit auf der Pfanne. Seine angeborene Großmäuligkeit sorgte darüber hinaus für regelmäßige Belustigung.
Vielleicht nahmen die damaligen Musikreporter den schleichenden Abstieg des Detroiter Superhelden zur eher lächerlichen Comicfigur auch einfach nur vorweg, auf jeden Fall demontierte sich Nuge ab 1984 Stück für Stück selbst. Zuerst musikalisch, später auch menschlich und politisch. Dünne Musik und reaktionäre Pöbelei macht selbst bei beinharten Fans schlechten Eindruck - vorausgesetzt es sind keine grenzdebilen Hinterwäldler. Man mag sich als halbwegs aufrecht gehender Europäer weder von Bush noch von Nugent oder Charlie Daniels geistigen Dünnschiss anhören.
Verblüffenderweise schaffte es Nugent im dritten Jahrtausend zu neuer musikalischer Frische, auch wenn einem spätestens beim letztjährigen "Love Grenade" die Hand ob so viel Textmüll ausrutschen möchte. Trotzdem rockten "Love Grenade" und "Craveman" beachtlich.
Die Tour im Frühsommer 2006 führte Nugent u. a. durch Deutschland und eben auch zum legendären Sweden Rock Festival (nach 2002 bereits zum zweiten Mal), und man darf sich getrost fragen, wie der signifikante Unterschied zwischen dem auf dieser DVD verewigten Festival-Auftritt und beispielsweise dem eher müden Konzert in München zustande kam. Kohle gab's für die Tour reichlich und auch die Schweden lassen sich so einen Hochkaräter was kosten. Unterscheidet Nuge in seiner infantilen Art zwischen guten und schlechten Euros? Überhaupt, Euros. Die wollte er ja bekanntlich jahrelang gar nicht und bezeichnete sie als Euro-Pesos, aber der Verfall seines Yankee-Dollars hat ihn offenbar zum Nachdenken bewegt, auch wenn Nachdenken und Nugent für viele Menschen ein Paradoxon darstellt. Anyway, wir haben nun die DVD/CD "Sweden Rocks" vorliegen und freuen uns darüber, denn Ted Nugent kann auch nach mehr als drei Jahrzehnten noch Rock'n'Roll-Begehrlichkeiten wecken - und vielleicht auch erfüllen. Wir werden sehen.

Optisch ist unser Bogenschütze nach wie vor gut in Form, der Gesang klappt trotz leichter Schnappatmung anständig und an der Gitarre erfüllt die 1948 geborene Rampensau vordergründig auch noch alle Kriterien.
Seinen Bassisten Barry Sparks nennt er "Bloodbrother", hat ihn aber trotzdem flugs wieder entsorgt - oder war Sparks einfach die waffenstarrende Attitüde des Chefs unheimlich? In den Bonus-Features kann man später einiges dazu sehen. Warum aber Schlagzeuger Mick Brown, der wie Sparks inzwischen wieder für DOKKEN zockt, im Verlauf des Auftritts öfter mal seinen ganz eigenen und überhaupt nicht passenden Rhythmus spielt…, nun ja, Detroit ist von der Champions League weit entfernt.
Trotzdem, der Gig geht mächtig los, das kann man auch an den glücklichen Gesichtern der nicht ganz jungen Festivalbesucher sehen. Stormtroopin', Wango Tango (vom göttlichen Album "Scream Dream" von 1980), Snakeskin Cowboys und Free For All lassen kaum Wünsche offen. Bei Free For All fehlt natürlich die Magie des damals kurzfristig für den geflüchteten Derek St. Holmes eingesprungenen Marvin Lee Aday, aber es rockt insgesamt so freudig erregt, dass man problemlos in die Headbang-Stellung gehen kann, auch wenn Wang Dang Sweet Poontang früher schärfer kam.
Wider Erwarten gerät das auf "Craveman" völlig explodierende Klstrphnky zu einer belanglosen Haudraufnummer und danach geht Nugent bei der Ansage zu Raw Dogs & War Hogs mit den Worten "I like to salute all the warriors around the world they are killin' evil terrorist assholes … I love when assholes die a bloody dead" über genau die Grenzen, die nicht mehr erträglich sind. Man verzichtet als Berichterstatter jederzeit und gerne auf jedwede politische Korrektheit, aber demagogische Hetze von einem, der als junger Mensch mit lobenswerten Tricks vor dem Vietnamkrieg flüchtete, mag man sich einfach nicht gefallen lassen. Ted Nugent zog niemals in den Krieg, propagiert ihn aber. Mehr als 4.000 im Irak getötete amerikanische Soldaten - und dann kommt ein lausiger Musiker mit Parolen. Genau das brauchen die Mütter/Frauen/Freundinnen der als Kanonenfutter geopferten Jungs ganz bestimmt nicht.

Es geht immer noch um "Sweden Rocks" von Ted Nugent. Tolle DVD. Das kurz eingestreute Soul Man funkt prächtig, Hey Baby wird von Barry Sparks mit Hingabe und ganz gut gesungen, Dog Eat Dog hat beinahe den alten Groove und dann kommt mit Still Raising Hell ein erst ein Jahr später auf "Love Grenade" erschienener Song. Beinahe fühlt man sich an 1981 und das Live-Album "Intensities In 10 Cities" erinnert, bei dem der damals noch einfallsreiche Lendenschurzkaspar kurzerhand ausschließlich neue bzw. unveröffentlichte Nummern zusammenfasste.
Motor City Madhouse ist etwas zu hektisch geraten und entlarvt Nugent als ziemlichen Blender an den sechs Saiten, lässt aber vor Ort trotzdem verständlicherweise die Haare fliegen und hat das eingebaute Baby Please Don't Go als Schmankerl und Bremsklotz parat. So was mag man live goutieren, auf Konserve ist es etwas seltsam (und fehlt auf der beigelegten CD zu Recht).
Zum Finale des 85minütigen Auftritts kommen mit Cat Scratch Fever, Stranglehold und Great White Buffalo keine Überraschungen, dafür aber Klassiker mit eingebautem Mitmacheffekt. Wenn man Sparks' seltsame Basstöne ignoriert und einfach im Ausfallschritt verharrt, ist und bleibt C.S.F. der Rock'n'Roll-Wahnsinn schlechthin. Stranglehold erzeugt beinahe die alte Stimmung (Sparks macht das prima) und den großen weißen Büffel präsentiert der Madman natürlich mit dem obligatorischen Federschmuck und Hendrix-Zitat. Danach ist man bedient und hatte beinahe eineinhalb Stunden Gaudium wie in Kindertagen. Geil.

Als Bonus gibt es drei Nummern von 2007, allerdings leider in schwacher Soundqualität. Schade, denn Journey To The Center Of The Mind von den AMBOY DUKES und Weekend Warriors hätten eine pfleglichere Behandlung verdient gehabt.
Gänzlich absurd wird es schließlich auf der "Gun Range". Nugent als "Drill Instructor" schießwütiger Männer, Frauen und Kinder. Herr, wirf Hirn herab, das dumme blonde Weib fragt doch tatsächlich auch noch "what am I shooting for".
Barry Sparks, Mick Brown und Tommy Clufetos (Drums auf "Love Grenade") gehen an Maschinengewehr und Pfeil und Bogen eher distanziert heran, haben aber (durchaus verständlichen) Spaß an dem Geballere. Bitte, man darf nicht verteufeln, wenn erwachsene Menschen zur Gaudi auf Zielscheiben und Plastikrehe schießen, schwierig wird es erst, wenn es kein Jahrmarktamüsement mehr ist sondern ein reaktionäres Statement zum Thema "Freie Waffen für freie Bürger". Nugent engagiert sich bekanntlich auch in der National Rifle Association (NRA), die vehement gegen Waffenbeschränkungen kämpft. Michael Moore hat dazu den Film "Bowling for Columbine" gemacht. Sollte Onkel Ted mal gucken.

"Sweden Rocks" ist musikalisch beinahe ein Blattschuss, charakterlich ist Ted Nugent, mit Verlaub, ein Arschloch.

P.S.: Die beigelegte, um zwei Songs gekürzte CD (was aus Platzgründen nicht nötig gewesen wäre) leidet wie so oft bei parallelen DVD/CD-Veröffentlichungen an einem eigenartig lahmen Klang. Offenbar kann das Medium CD die klangliche Transparenz der DVD nicht zufrieden stellend abbilden. Es wäre nett, wenn die Plattenfirmen noch ein wenig Geld investieren würden, um auch der Audio-Kundschaft das volle Hörvergnügen zu garantieren.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 15.06.2008

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