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| Born Running, Peppermint Records/Freeworld/Floating World, 2010 |
| Glen Matlock |
Lead & Backing Vocals, Guitars, Bass, Keyboards, Percussion |
| Jim Lowe |
Guitars, Keyboards, Percussion & Backing Vocals |
| Javier Weyler |
Drums & Percussion |
| Steve New |
Lead Guitar (Nowheresville, Something Tells Me & Way To Go) |
| James Stevenson |
Lead Guitar (Electricity & Yeah Right!) |
| Jon Tiven |
Lead Guitar (Hard Work) |
| Terry Edwards |
Piano (Something Tells Me) |
| Maggi Ronson & Tracie Hunter |
Backing Vocals (Rock Chick) |
| Produziert von: Jim Lowe |
Länge: 45 Min 56 Sek |
Medium: CD |
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| 1. Born Running | 7. Hard Work |
| 2. Get What We Get | 8. Something Tells Me |
| 3. T.R.O.U.B.L.E. | 9. Electricity |
| 4. Nowheresville | 10. Yeah Right! |
| 5. Rock Chick | 11. Way To Go |
| 6. Timebomb | 12. Somewhere Somehow |
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Wenn man über Glen Matlock schreibt, darf man vorab schon mal 25 Euro ins Phrasenschwein einzahlen. Oder man lässt seine Vergangenheit bei den SEX PISTOLS einfach weg. Und seine Gegenwart bei den unsäglicherweise mit Mick Hucknall von SIMPLY RED reformierten FACES auch. Oder man erkennt an, dass der Mann sein ganzes Leben Teil des "Great Rock'n'Roll Swindle" war.
Tja, jetzt ist Glen Matlock 54 und sieht auch so aus. Gut sieht er aus. Eben so, wie es sich für einen 54-Jährigen heutzutage gehört. Die Fabrikarbeiter vor 50, 40 oder 30 Jahren sahen in diesem Alter kaputter aus.
Das hat man dann vom Punk Rock. Zuerst macht man sich runter und sieht aus wie der allerletzte Pu…, ne, Penner, dann wird man runter gemacht (und von einem desaströsen Junkie ersetzt), anschließend eiert man gut alimentiert aber orientierungslos durch beinahe zwei Jahrzehnte, ergreift dann die Gelegenheit und hält die keineswegs darbende Hand für ein paar überdimensional bezahlte Comeback-Konzerte auf, um sich danach wieder der eigenen Passion hinzugeben und mittels gelegentlichem Namedropping ein paar Öffentlichkeitserfolge zu erleben.
Glen Matlock war von Juni 1974 bis Februar 1977 Bassist der SEX PISTOLS, über die man sich heute nicht mehr einig ist, ob sie revolutionär oder einfach nur Hype waren. Ohne mit dem eigenen Alter zu kokettieren, darf man als Zeitzeuge und Besitzer eines recht umfänglichen Platten- und Musikzeitungsarchivs behaupten, dass die PISTOLS beides waren. Einerseits das von Malcolm McLaren akribisch lancierte Produkt, andererseits die europäische respektive britische Umsetzung der just in New York startenden Punkszene. McLaren und die PISTOLS zogen den Medienquatsch natürlich bis zur Karikatur durch, die Journalisten waren reihenweise überfordert, aber der Boulevard war in angemessen angewiderter Weise fasziniert und berichtete täglich über die Schmuddelkinder. Es dauerte anschließend eineinhalb Jahrzehnte, bis mit Curt Cobain wieder eine arme Sau gefunden wurde, die sich ähnlich durchs Mediendorf treiben ließ; heute heißen die Opfer Winehouse oder Lindsay Lohan. Glen Matlock ist über all das längst hinaus, er muss nicht mehr den Star spielen, der er eh nie war, und darf sich über die wohl immer noch eingehenden Tantiemenschecks für die von ihm geschriebenen PISTOLS-Songs freuen.
Prompt ist es gelungen, doch wieder fast nur über diese schrille Punkband aus den Siebzigern zu reden, anstatt über das neue Album "Born Running" zu berichten. Sind jetzt €25 fällig?
THE PHILISTINES heißt Matlocks Band, mit dem Namen spielt er schon seit 1995, allerdings herrscht auf der CD ein munteres Kommen und Gehen verschiedener Gäste, sodass sich die tatsächliche Band erst live beweisen werden kann. Als Philister im negativen Sinne werden sich die Herrschaften nicht entpuppen, dafür sind sie zu routiniert, aber ob sie ein richtiger Bringer sind, wird sich zeigen. "Born Running" ist für eine abschließende Beurteilung nicht geeignet, denn das Album ist einfach zu konventionell, um nicht zu sagen zu brav, als dass es die möglicherweise noch vorhandenen Rock'n'Roll-Qualitäten zeigen könnte. Schweiß, Sex, Krawall, Bierdünste und Revolte sucht man bei THE PHILISTINES vergeblich, "Born Running" ist eher eine Sammlung von Songs zwischen Power Pop, Roots Rock und britischem Mod-R&B, was natürlich wieder den Bogen zu den FACES schlägt.
Noch ein Kreis schließt sich. Als Background-Sängerin bei Rock Chick tritt Maggi Ronson auf, welche die Schwester des 1996 verstorbenen Mick Ronson ist, der wiederum bekanntlich mit Ian Hunter eines der genialsten Kreativduos der Rockgeschichte war. Matlock tauchte bei verschiedenen Ronson-Memorial-Veranstaltungen auf und verbeugte sich auf diese Weise vor dem großen Gitarristen. Ach ja, Tracie Hunter singt auch auf Rock Chick, und die ist die Tochter von, genau, Ian.
Alleine diese Marginalie über die Chorsängerinnen bei einem einzigen Lied von "Born Running" sagt alles über Glen Matlock. Der Mann war bei den Londoner Retortenpunks grundsätzlich falsch, er war der Musiker unter den Fashion-Role-Models und hätte eigentlich bei jeder (besseren) zeitgenössischen Band spielen können. Zum Glück hat er das nicht getan, denn ohne sein Wirken bei den PISTOLS wäre vermutlich auch "Born Running" nicht was es ist, auch wenn wir hier wahrlich nicht über ein epochales Werk sprechen.
In der Tat ist es so, dass "Born Running" keine Sekunde nervt, im Gegenteil, die einzelnen Songs machen allesamt Spaß und wirken so balsamisch wie zum Beispiel eine rockige Nummer von Ian Hunter, allerdings passieren zu wenige Höhepunkte, um die CD zu einem Ereignis werden zu lassen. Beinahe jedes Lied würde im Radio Aufmerksamkeit erregen, Ohrwürmer wie das einem Greg Kihn würdige Timebomb könnten im Stau stehende Autofahrer zum kollektiven Singen bringen, zigtausend juvenile "Alternative"-Bands könnten sich an "Born Running" ein Beispiel nehmen und endlich Melodien in ihren Lärm einbauen, einzig dem seit 1976 nicht mehr gealterten Kritiker kommt das alles zu harmlos vor.
"Born Running" ist ein bisschen wie Schweinebraten ohne Kruste. Einem so herrlich über die Autobahn brausenden Song wie Way To Go müsste mehr folgen als das nur nette Somewhere Somehow, nach Timebomb kann eigentlich nur ein Tempowechsel funktionieren, aber es kommt leider nur das gleiche Muster in einer langweiligeren Version. Trotzdem ist "Born Running" natürlich ein anständiges Album, nur eben kreuzbrav.
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