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| Gimme Some Truth, EMI Records, 2010 |
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Länge: 272 Min 38 Sek |
Medium: 4 CD Box-Set |
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| CD 1: "Working Class Hero" | |
| 1. Working Class Hero | 10. I Don't Wanna Face It |
| 2. Instant Karma! (We All Shine On) | 11. Remember |
| 3. Power To The People | 12. Woman Is The Nigger Of The World |
| 4. God | 13. I Found Out |
| 5. I Don't Wanna Be A Soldier Mama I Don't Wanna Die | 14. Isolation |
| 6. Gimme Some Truth | 15. Imagine |
| 7. Sunday Bloody Sunday | 16. Happy Xmas (War Is Over) |
| 8. Steel And Glass | 17. Give Peace A Chance |
| 9. Meat City | 18. Only People |
| CD 2: "Woman" | |
| 1. Mother | 10. Woman |
| 2. Hold On | 11. Out The Blue |
| 3. You Are Here | 12. Bless You |
| 4. Well Well Well | 13. Nobody Loves You (When You're Down And Out) |
| 5. Oh My Love | 14. My Mummy's Dead |
| 6. Oh Yoko! | 15. I'm Losing You |
| 7. Grow Old With Me | 16. (Just Like) Starting Over |
| 8. Love | 17. #9 Dream |
| 9. Jealous Guy | 18. Beautiful Boy (Darling Boy) |
| CD 3: "Borrowed Time" | |
| 1. Mind Games | 10. Old Dirt Road |
| 2. Nobody Told Me | 11. Scared |
| 3. Cleanup Time | 12. What You Got |
| 4. Crippled Inside | 13. Cold Turkey (Single Version) |
| 5. How Do You Sleep? | 14. New York City |
| 6. How? | 15. Surprise Surprise (Sweet Bird Of Paradox) |
| 7. Intuition | 16. Borrowed Time |
| 8. I'm Stepping Out | 17. Look At Me |
| 9. Whatever Gets You Thru The Night | 18. Watching The Wheels |
| CD 4: "Roots" | |
| 1. Be-Bop-A-Lula | 10. Medley: Bring It On Home To Me/Send Me Some Lovin' |
| 2. You Can't Catch Me | 11. Yer Blues (live) |
| 3. Medley: Rip It Up/Ready Teddy | 12. Just Because |
| 4. Tight A$ | 13. Bonny Moronie |
| 5. Ain't That A Shame | 14. Beef Jerky |
| 6. Sweet Little Sixteen | 15. Ya Ya |
| 7. Do You Want To Dance | 16. Hound Dog (live) |
| 8. Slippin' And Slidin' | 17. Stand By Me |
| 9. Peggy Sue | 18. Here We Go Again |
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Wer sich nicht gleich die elfteilige "Signature Box" mit allen Originalalben plus diverser Raritäten leisten will, darf anlässlich der Lennon-Jubelfeiern auch eine Nummer niedriger einsteigen und das Box-Set "Gimme Some Truth" mit "nur" vier CDs erwerben.
Im ersten Moment denkt man bei "Gimme Some Truth" natürlich an eine weitere mehr oder weniger beliebige Hit-Zusammenstellung, aber ganz so einfach hat es sich Yoko Ono nicht gemacht. Zwar sind alle Songs von den neu remasterten und einzeln erhältlichen Alben, aber daraus hat man eine "Konzept-Compilation" gemacht, nämlich Lennons Schaffen nach den BEATLES in Themenbereiche sortiert. Die Überschriften zu den einzelnen CDs sind wohl zum Teil ein wenig überspannt, als da wären "Working Class Hero", "Woman", "Borrowed Time" und "Roots", aber die Idee dahinter ist originell, denn Lennon hatte nun mal verschiedene Phasen und vor allem immer mehr mitzuteilen als nur die ewige Streichelzoo-Botschaft seines ehemaligen Kollegen McCartney.
Nun muss man John Lennon nicht unbedingt als "Working Class Hero" überzeichnen, aber die erste CD des schicken Vierers hat schon ein paar klare Ansagen. Auch solche, die der zunehmend verwirrten Alice Schwarzer wohl heute noch Tränen der Rührung ins getrübte Auge treiben. Woman Is The Nigger Of The World hat normale Menschen nie betroffen, die unnormalen hörten und hören keine Rockmusik. Knackiger sind da schon politische Aussagen wie bei Sunday Bloody Sunday, das natürlich den Konflikt um Nordirland bzw. den als dritten "Blutsonntag" in die Geschichte eingegangen 30. Januar 1972 behandelt (und U2 eigentlich die Berechtigung für den gleichnamigen Song von 1983 entzog). Beide Songs stammen vom verachteten Album "Some Time In New York City", das Lennon mit der PLASTIC ONO BAND und anderen 1972 in Zeiten höchster Anspannung veröffentlichte. Der Trubel um das Ende der BEATLES und seine Probleme mit der Aufenthaltserlaubnis in den USA hatten den nicht unerheblich drogensüchtigen Lennon ins Schleudern gebracht - und Yoko die Kontrolle über ein paar zu viele Dinge in die Hand gespielt. Aber egal, der "sozialkritische" Lennon war zwar manchmal arg naiv, unaufrichtig war er nie. Die erste CD lebt natürlich nicht nur von den Statements, Lieder wie Working Class Hero, Instant Karma, Power To The People und so weiter stehen für sich, sie sind rockmusikalische Meisterwerke ohne Verfallsdatum. Wer bei Give Peace A Chance keine Gänsehaut bekommt, muss entweder Politiker, Atomlobbyist, Waffenhändler oder Bankmanager auf der Jagd nach Bonuszahlungen sein.
Die zweite CD hat die Liebeslieder des ewigen Romantikers zum Thema. Irgendwelche Fragen dazu? Wenn es nicht zum größten Klassenkämpfer aller Zeiten gereicht hat, Pete Seeger, Hank Williams, Bob Dylan und Ernesto Guevara de la Serna hatten die besseren Argumente, dann waren wenigstens seine Lovesongs ganz weit vorne. Mit Kuschelrock und peinlicher Anbiederei hat das alles nichts zu tun, es ist einfach nur wunderschön. Diese CD im Player und eine tolle Frau auf dem Sofa, dazu ein schönes Essen - die Welt gehört dir.
Der als "Borrowed Time" betitelte dritte Teil ist ein wenig bemüht. "John's songs about life", sagt Yoko darüber. Na ja, sind seine anderen Songs etwa nicht über das Leben in seinen diversen Ausprägungen? Macht aber nichts, hier kommen diverse Highlights der Homeland-Phase zu Gehör, Lennon hat schon ganz genau bei Springsteen zugehört, zwischendurch ein Jug-Song, ein paar nachdenkliche Balladen, BEATLES-Reminiszenzen, die Würdigung der posthumen LP "Milk And Honey" von 1984, mit Scared ein ganz erschrockenes und mit What You Got ein besonders funkrockiges Lied über die und wegen der zwischenzeitlichen Trennung von Yoko 1974 vom auch nur halb geliebten Album "Walls And Bridges". Und vor allem: Cold Turkey. Mancher latent drogengefährdete Jugendliche wird nach der Einfuhr dieses Horrortrips die Finger von H lassen. Lennon, Eric Clapton, Klaus Voormann und Ringo Starr hämmerten am 28. September 1969 (welch Zufall, dass diese Zeilen exakt 41 Jahre später erscheinen) den gesamten Schrecken eines kalten Heroinentzugs aus den Boxen. Der Sound war damals wie heute miserabel, aber die Botschaft glasklar. Nur im Radio wurde die Single wegen Drogenverherrlichung nicht gespielt. Tja, nix kapiert. Clapton spielt bei diesem Track seine vermutlich fieseste Gitarre überhaupt, er wusste auch ganz genau Bescheid über das Thema, Voormann zimmert einen Bass, der ihn Jahre vorher und ohne McCartney zwangsläufig zum Beatle gemacht hätte (uns allerdings der Lennon/McCartney-Kompositionen beraubt hätte) und Ringo verzichtet fünf Minuten lang auf jeglichen Einsatz eines Beckens. Besser kann man Sucht und Entzug am Schlagzeug nicht ausdrücken.
So ganz mag sich der Titel "Borrowed Time" insgesamt nicht erklären, die dritte CD des Pakets rockt und groovt, der "Titelsong", entnommen von "Milk And Honey", hat die westküstlich-karibische Leichtigkeit eines Joe Walsh oder Jimmy Buffett, es wäre also alles im grünen Bereich - oder ist mit dieser durch tolle Musik erzeugten Zeit des Wohlfühlens am Ende gar die "geborgte Zeit" vor dem nächsten Tiefpunkt gemeint? Ich war und bin gegen allzu tiefgründige Deutungen irgendwelcher Metaphern in der populären Musik, aber John Lennon und Yoko Ono haben immer mehr gedacht als gesagt - und sie haben unheimlich viel gesagt, also darf die alte Dame jetzt auch noch ein bisschen mit Anspielungen arbeiten.
Teil 4 ist Klartext. "Roots" geht den Rock'n'Roll-Katalog Lennons durch. Schwerpunkt ist natürlich die LP "Rock'n'Roll" von 1975, dazu kommen die Retrosongs der anderen Alben. Lennon war ein grandioser Rock'n'Roll-Sänger, in vielen Momenten näher an Elvis, Fats, Chuck, Bill, Buddy oder (Little) Richard als alle anderen Epigonen, aber es war Mitte der Siebziger eben zu spät für solche Musik.
Witzig ist die Live-Version von Yer Blues. Es dürfte sich um THE DIRTY MAC handeln, also das einmalige Auftreten von Lennon, Clapton, Keith Richards (am Bass) und Mitch Mitchell am Schlagzeug Ende 1968. Man kann das auf der DVD "The Rolling Stones Rock And Roll Circus" auch sehen, allerdings ist die hier vertretene Fassung seltsamerweise ein wenig anders. Seit wir Rezensenten fast nur noch digital und vor allem ohne jede Info mit Musik versorgt werden, stochern wir oft sehr im Nebel und müssen uns auf Grundkenntnisse verlassen, aber leider wissen nicht mal wir im Home of Rock alles auswendig.
Hound Dog wird wohl vom mediokren 72er Konzert im Madison Square Garden stammen, das in meinem längst verstaubten Schrank für Videokassetten schlummert. Rockt aber gut, mit dem runderneuerten Sound, das alte Ding.
Vier CDs sind ein Haufen Zeug. So wie hier angeordnet ist das auch recht interessant. Aber nur für diejenigen, die nicht alles brauchen. Oder für Themensammler. Oder für Jungs auf Freiersfüßen.
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