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Karthago

Second Step

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M.i.G.-Music
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All Music Guide (englisch)

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Second Step
Second Step, M.i.G.-Music, 2011 (1973)
Ingo Bischof Organ, Grand Piano, Hohner-Clavinet,Fender Rhodes, Mini Moog, Lead Vocals
"Panzer" Paul Lehmann Drums, Percussions, Backing Vocals
Gerald Luciano Hartwig Electric & Acoustic Bass, Blues Harp, Lead Voclas
Joey Albrecht Electric & Acoustic Guitars, Lead & Backing Vocals
Tommy Goldschmidt Congas, Timbales, Cymbals, Guiro, Vibra Slap, Claves, Tambourine, all other Percussions, Lead Vocals
Gäste:
Freya Wippich, Inga Rumpf & Ringo Funk Backing Vocals
Produziert von: Thomas Kuckuck Länge: 43 Min 03 Sek Medium: CD
1. Pacemaker7. California Gigging
2. I Don't Care8. 'Oberbaum' Bridge
3. Crosswords & IntermissionsBonus Tracks:
4. Don't Send Me Your Money, Send Me Your Heart9. Johnny B. Goode
5. Wild River10. Going Down
6. Lamento Juvenil (Start To Fight)

KARTHAGOs "Second Step" ist ein mächtiger Griff in die Klamottenkiste. Vor 38 Jahren erschien dieses, nomen est omen, zweite Album der Berliner Freak'n'Jam-Kapelle, die - wie jede deutsche Band dieser Jahre - gnadenlos mit dem Krautrock-Siegel versehen wurde, in Wirklichkeit aber von den englischen und noch mehr amerikanischen Zeitgenossen beeinflusst und denen bisweilen mehr als ebenbürtig war. Trotzdem blieb es bei nur vier Studio-Platten (wobei die 78er "Love Is A Cake" völlig bedeutungslos war) plus der Doppel-LP "Live At The Roxy" (in Berlin und Hamburg aufgenommen, nicht im "Roxy Theatre" am Sunset Boulevard in Hollywood), die leider erst im zweiten Teil richtig zündete.
Das sich mit historischen Reissues immer mehr etablierende Label "Made in Germany Music" veröffentlicht 2011 und 2012 stückweise den schmalen Katalog der heute beinahe vergessenen Band neu (ein 2004 gestartetes "Comeback" versandete schnell), diesmal ist "Second Step" dran.

KARTHAGO hatte den entscheidenden Vorteil, richtig gute Musiker an Bord zu haben. Psychedelischen Dilettantismus gab es bei dieser Band nicht, dafür groovenden und manchmal ziemlich schwarzen Funk, Percussion-Orgien wie bei SANTANA, Orgelpassagen wie bei URIAH HEEP und in Joey Albrecht einen grandiosen Gefühlsgitarristen mit allergrößter "Drecksackqualität". Der Mann knallte Riffs, Licks und Soli aus der Hüfte, wie sonst nur ganz wenige andere in diesen Jahren. Außerdem konnte er bärenstark singen, und das auch noch in richtigem Englisch. Michael Schenker aus Sarstedt bei Hannover wurde zum Weltstar, für Joey Albrecht, den nach Berlin ausgewanderten Niedersachsen, reichte es nur für ein paar spannende Jahre in der zweiten deutschen Liga. Rock & Roll ist oft ungerecht.
Natürlich hatte sich die Band KARTHAGO ihren mangelnden internationalen Erfolg auch selbst zuzuschreiben, es gab zu viele Besetzungswechsel, zu wenig Stringenz in der Entwicklung zwischen 1971 und '78, zu viele Kuriositäten in der Setlist und die üblichen Probleme mit der Musikindustrie.
Es ist im Rückblick schwer zu beurteilen, welches der drei relevanten Alben das beste war, zu unterschiedlich sind sie ausgefallen, also entscheidet der individuelle Geschmack. Ich tendiere zwar eher zum Debut von 1971, weil "Karthago" auf einer Ebene mit FRUMPY oder ATLANTIS reüssierte und mit seiner funkrockigen Wildheit der übrigen Musik aus Deutschland einige Jahre voraus war, aber man muss unbedingt den Einwand beachten, dass "Second Step" die "reiferen" Kompositionen aufweisen konnte und mit dem neu hinzugekommenen Schlagzeuger "Panzer" Paul Lehmann (später als "Panza" bei EPITAPH) ein ganz starker Mann am Start war. Im Grunde ist es aber egal, denn selbst auf dem für mein Empfinden zu mainstreamigen Drittwerk "Rock'N Roll Testament" flog Albrecht mit einigen Soli weit über der Konkurrenz und der inzwischen näher an die amerikanische Westküste gerückte Groove'n'Roll versprühte schöne Funken.

Jetzt aber "Second Step". 1973 konnte man ein Album noch mit einem Instrumental eröffnen, ohne sofort als Angeber angeklagt zu werden. Pacemaker war denn auch ein furioses Aufwärmstück wie bei einem Live-Konzert. Vor allem Ingo Bischof hatte seine Orgeltastaturen gut geölt und lieferte sich mit Lehmann und Albrecht ein hübsches Scharmützel. Albrecht hatte aber auch eine große Stimme und machte aus dem vertrackten I Don't Care ebenso großen Rock. Vor vielen Jahren gab es in München eine Rock-Disco, in der ein ganz bestimmter DJ I Don't Care immer um 24 Uhr spielte (oder mussten wir damals schon um 23 Uhr raus?), also just dann, wenn wir Kids eigentlich brav die Lasterhöhle verlassen sollten - doch wer konnte schon gehen, wenn dieses Hammersolo die nächsten mit heftigstem Rock vollgepackten Stunden einläutete…
Vor knapp 40 Jahren konnte natürlich ein Synthie-Stück nicht fehlen. Ingo Bischof durfte Crosswords & Intermissions auch singen. Größen wie MANFRED MANN'S EARTH BAND konnte KARTHAGO mit solchen - doch sehr deutschen - Sounds nicht das Wasser reichen. Viel überzeugender waren die von Albrecht gesungenen Rocker und die von Bischofs Piano/Orgel verzierte Ballade Wild River, in deren Jazz-Mittelteil erstmals der Percussionmann Tomy Goldschmidt richtig brillieren konnte. Es ist vielleicht der einzige echte Schwachpunkt von "Second Step", dass der in Bolivien geborene Goldschmidt zu selten im Vordergrund stand. Das von ihm spanisch gesungene Lamento Juvenil nimmt im Vergleich mit einigen Latin-Knallern auf dem Debut kaum Fahrt auf.
Auch der Bass-Dynamiker Gerald Hartwig bekam seinen Solo-Spot. California Gigging wäre ein paar Minuten länger noch eindrucksvoller gewesen, aber das hätte die Kapazität einer handelsüblichen Langspielplatte gesprengt. Schade, denn gerade wenn die Band ins jammen kommt, wird ausgeblendet. Der Jam wird gleich anschließend in 'Oberbaum' Bridge ausgiebig nachgeholt.
Bis hierhin ist "Second Step" eine gute Scheibe aus dem prähistorischen Jahr 1973, zur echten Wieder- oder sogar Neuentdeckung wird sie durch die beiden Zusatznummern Johnny B. Goode und Going Down. Natürlich nicht weil die zwei Schlager besonders ausgefallen wären, welche Rock'n'Roll-Kapelle hat dieses Zeug nicht gespielt, es ist wegen der mit Hingabe und Können richtig fett geratenen Versionen. Klar, aus Johnny B. Goode kann man nicht mehr machen als ein geil gerocktes Johnny B. Goode, aber das ebenfalls zigtausendfach gecoverte Going Down lässt mehr zu als den ewigen Langweilerblues mit stereotyper Gitarrenheldenpose. KARTHAGO bot eine in dieser Form nie gehörte Transkription des damals schon beinahe totgespielten Don Nix-Hits. Bischof hämmerte ein tolles Rhodes-Solo als Intro, die Band stieg maximal swingend ein, Albrecht sang wie frisch aus dem Whiskeyfass und ließ an der Gitarre die Sau raus ohne zu übertreiben, Goldschmidt verprügelte seine Congas und … nach knapp vier Minuten war leider schon wieder Schluss. Johnny B. Goode und Going Down gehörten über Jahre zum Live-Repertoire und wurden damals für Singles aufgenommen, da ging es nun mal nicht länger (Singles waren übrigens kleine Schallplatten mit je einem Lied auf jeder Seite, keine alleinstehenden Menschen im Einzimmer-Appartement).

Für Musikforscher ist diese Wiederveröffentlichung essentiell, für diejenigen die KARTHAGO einst verpasst haben könnte es eine spannende Entdeckung sein, für junge Menschen vielleicht ein Trip in die Vergangenheit, gute Rockmusik ist es allemal.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 15.12.2011


 
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