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Fighter & '84 Unchained

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Fighter
'84 Unchained
Fighter & '84 Unchained, Retroactive Records, 2010 (1982 & 1984)
Louis D' Augusta aka Louie Saint August Vocals
Gene D'Itria Guitar
Kevin Varrio Bass
Joey "Vee" Vadala Drums
Produziert von: Tom Allom ("Fighter"); Jon Mathias ("'84 Unchained") Länge: 41 Min 06 Sek & 21 Min 44 Sek Medium: CD & EP
"Fighter":
1. Watch Her Walk6. Fighter
2. Part Of Me7. Can You See It Again
3. Too Far Gone8. Slip Of The Lip
4. Do You Love Me9. Change Your Way
5. Voyager (Look For The Edge)10. Bad Man's Reputation
"'84 Unchained":
1. Looking Good6. Still Of The Night
2. Pedal To The MetalBonus Track:
3. Holy One8. Bones

Als vor ein paar Monaten mit "Sea Of Black" das sechseinhalbte Album von MASS veröffentlicht wurde (inklusive der Compilation "Best Ones"), übrigens sehr geräuschlos von Seiten der Plattenfirma Escape Music, stand in jeder der wenigen Besprechungen der sinngemäße Satz vom "30-jährigen Jubiläum der Band". Jede Wette, dass dieser Satz dem Werbezettel entnommen war, denn jeder, der die Bostoner Band MASS kennt, weiß, dass das erste hörbare Ergebnis, eine selbstbetitelte 4-Track-EP, exakt im Jahr 1984 erschien. 2010 minus 1984 sind nach Adam Riese 26 Jahre. Aber über die schreibenden Kollegen wundert man sich schon lange nicht mehr. Oder vielleicht doch? Wussten die denn tatsächlich alle, dass MASS 1980 bereits existierte? Zwar noch unter dem Namen AXES, aber immerhin. Und wussten die etwa auch von der Existenz eines 1982 aufgenommenen aber nie veröffentlichten allerersten Albums? Wenn es nicht im genannten Promoblatt stand, wusste es keiner, behauptet der sehr von sich überzeugte Home-of-Rock-Reporter einfach mal. Aber jetzt, ein knappes halbes Jahr später, kommt plötzlich das umtriebige Label Retroactive Records mit eben jenem unveröffentlichten Album um die Ecke. Was ist passiert?

Zuerst vielleicht eine kleine Begriffsbestimmung. Es gab zu Anfang der Achtziger mindestens drei Bands mit dem Namen MASS. Eine kurzlebige britische Punk-Kapelle, die bei uns durchaus nicht unbekannten Hardrocker MASS aus Regensburg und eben die hier gemeinten Jungs aus Massachusetts. Anzunehmen ist, dass sich noch etliche andere Kombos mit diesem Namen herumtrieben.
Die Boston-Boys waren sehr, sehr jung, als sie 1982 von der großen Plattenfirma A&M Records unter Vertrag genommen wurden und mit Tom Allom und einem Budget von US$150.000 ihre erste LP aufnahmen. $150.000 entsprechen einem heutigen Gegenwert von ca. 180.000 Euro und Tom Allom war alleine aufgrund seines Namens unbezahlbar, aber in diesen Größenordnungen dachte man eben 1982, als Rockmusik noch Millionengewinne generieren konnte und weder Geld noch Koks noch weiblicher Beistand eine Rolle spielten. Bruce Brookshire nannte mir übrigens vor einiger Zeit exakt den gleichen Betrag, den A&M ihm für das ebenfalls von Allom produzierte Debut von DOC HOLLIDAY zur Verfügung stellte. Der Unterschied ist, dass "Doc Holliday" in den Billboard-Charts bis auf Platz 30 kam und somit die Produktionskosten mehrfach einspielte, "Fighter" von MASS hingegen für schlanke 28 Jahre in den Archiven verschwand und nur als Geisterplatte existierte. Der Grund für dieses Desaster war ein "Manager" der Band, der entweder geisteskrank, größenwahnsinnig oder schlicht kriminell war und die Veröffentlichung mit dubiosen Verträgen und sonstigen Machenschaften unmöglich machte. Prozesse der Band gegen den Mann folgten, das Label schrieb Platte, Geld und MASS ab, es dauerte zwei Jahre bis schließlich die eingangs erwähnte EP im Eigenvertrieb erschien - und davon angeblich 10.000 Stück verkauft wurden. Um diese beiden Platten geht es nun, die späteren Geschehnisse ab 1985 ("New Birth", bei RCA veröffentlicht) sind eine andere Geschichte.

Eine Ironie des Schicksals ist natürlich, dass die bayerischen MASS im Jahr 1983, also ein Jahr nach dem US-MASS Reinfall, eine LP namens "Metal Fighter" veröffentlichten, die vor einigen Monaten remastert von der SPV wieder auf den Markt gebracht wurde (ziemlich geräuschlos übrigens, die SPV hat mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen und kann sich nicht um Sachen wie Promotion kümmern…). Die Wege des Rock & Roll sind oft geheimnisvoll und kaum nachvollziehbar. Die Bands konnten bestenfalls von ihrer Namensgleichheit wissen, aber wohl auf keinen Fall davon, dass die eine eine LP namens "Fighter" im Köcher hatte und die andere ihre "Metal Fighter" nennen wollte. Rocker ticken offensichtlich weltweit irgendwie ähnlich.
"Fighter" zeigt gut 40 Minuten lang eine Band, die richtig geil auf Metal ist. Wohlgemerkt Metal im Sinne der frühen 80er, als noch andere Härtegrad-Standards galten. Bekanntlich sollte sich das spätestens ab METALLICAs "Kill 'Em All" von 1983 dramatisch ändern. Die Buben von MASS waren aber trotz ihres jugendlichen Alters noch von der "alten Schule" und machten aus ihrem vermeintlichen Debutalbum eine veritable Mischung aus US-Stadionrock und "British Steel". Die 1980 gescheiterte Band STARZ hatte ähnliche Qualitäten.
Ob das nun endlich doch noch veröffentlichte Erstlingswerk die damals endgültige Version gewesen wäre, oder ob es sich um einen "Roughmix" handelt, den Tom Allom noch weiter hätte veredeln sollen, wissen wir (noch) nicht, aber dem Zeitgeist entsprach das Ergebnis durchaus. Donnernde Drums, laute und schrille Gitarren, viel Hall und Overdrive und mit Louis D'Augusta ein Sänger, der in den höchsten Tönen schmettern konnte und dazu über echte Shouter-Qualitäten verfügte und außerdem garantiert so manchen Schreihals der Hair-Metal-Ära beeinflusste. "Fighter" wäre bei entsprechender Promotion in den USA wenigstens ein mittlerer Hit geworden, man kann das unschwer an den bestverkauften Alben dieses Jahres einschätzen. Irgendwo zwischen Joan Jett, Billy Squier, FOREIGNER, AC/DC, RUSH, SCORPIONS und Ozzy hätte MASS garantiert einen Platz gefunden.
Zugegeben, wer heute nicht mindestens 40 Jahre alt ist, wird "Fighter" als pure Retro-Veranstaltung betrachten und den Heavy Metal der Jungspunde womöglich eher belächeln, aber wer 1982 schon an Bord war und bis heute dazu steht, wird mit "Fighter" eine feine Entdeckung machen. Vier Nummern von "Fighter" kamen übrigens 1985 auf das schlussendliche Debutalbum "New Birth", aber die wurden dafür neu eingespielt und klingen entscheidend anders.

Nach zwei Jahren Ärger mit Rechtsstreitigkeiten hatte die Band immer noch genug Geld um für die Aufnahme von vier neuen Songs das sündenteure Record Plant Studio in New York zu belegen und Jon Mathias als Produzenten zu verpflichten. Der hatte zu dieser Zeit immerhin schon für Granaten wie die J. GEILS BAND, KISS, Meat Loaf und MANOWAR gearbeitet, konnte also nicht ganz billig gewesen sein. Möglicherweise gab es aus Kostengründen nur vier Nummern, die grade mal eben für die EP "Mass" reichten. Wie diese EP allerdings an 10.000 Menschen verkauft wurde, könnte man bei Gelegenheit erfragen. Da muss wohl schon massive Unterstützung durch Radiostationen und Plattenindustrie erfolgt sein, denn auch in den "goldenen Jahren" des Metal verkaufte keine Band vollkommen "independent" aus dem Nichts heraus so viele Scheiben.
Sei's drum, die vier Nummern knallten und knallen bis heute wie Hölle. Der Sound war besser als 1982, die Songs vom Mainstream weit entfernt - man hatte das endgültige Ende der 70er akzeptiert und sich zwischen den Möglichkeiten "brutaler Hitparadenquark" à la REO SPEEDWAGON oder Metal für Metaller entschieden. Dass dabei ein so herrlicher Heavy-Boogie wie Still Of The Night heraussprang, ist natürlich doppelt erfreulich. Ob Jon Mathias bei dieser Nummer allerdings genau hingehört hat, speziell beim Schlagzeugsound, sei dahingestellt.
Als Zugabe gibt es auf der jetzt erstmals erscheinenden CD "'84 Unchained" den - auch tontechnisch - derben Song Bones.

Den Longplayer "Fighter" und die EP "'84 Unchained" gibt es derzeit nur bei Retroactive Records, der europäische Vertrieb steigt wohl erst im nächsten Jahr ein, aber die Preise für die CDs und vor allem für die MP3-Downloads sind so verlockend, dass man aufgrund meiner absolut maßgeblichen Empfehlung jetzt zugreifen sollte. Es ist wirklich geile Metal-Mucke aus den Achtzigerjahren.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 30.11.2010

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