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Nina Hagen

Personal Jesus

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Universal Music Group
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All Music Guide (englisch)

Unser Disclaimer
Personal Jesus
Personal Jesus, Koch Universal Music, 2010
Länge: 43 Min 11 Sek Medium: CD
1. God's Radar8. Help Me
2. I'll Live Again9. Take Jesus With You
3. Personal Jesus10. On The Battlefield
4. Nobody's Fault But Mine11. Run On
5. Down At The Cross12. All You Fascists Bound To Lose
6. Just A Little Talk With Jesus13. Sometimes I Ring Up Heaven
7. Mean Old World

Nina Hagen hat es geschafft, sie ist endlich in der deutschen Hochkultur angekommen. Na ja, jedenfalls in der deutschen Feuilleton-Hochkultur der FAZ/SZ/Welt-Edelschreiber. Genau das macht sie dem primitiven Rockmusikkritiker noch mehr suspekt als alles was die verrückte Alte seit 1982 ("Nunsexmonkrock") in Wort, Bild und Ton auf die von ihr zunehmend verwirrte Menschheit losgelassen hat. Und ja, "Nina Hagen Band" (1978) und "Unbehagen" (1979) waren Meilensteine, die Nina Hagen längst in den Musik-Götterpalast befördert haben, da hätte es all den anderen musikalischen und medienträchtigen Humbug um Eso-Mist, Außerirdische und wechselnde Glaubensrichtungen gar nicht mehr gebraucht. Und es hätte auch nicht das peinliche Auftreten bei "Popstars" gebraucht und schon gar nicht die wild zelebrierte Taufe als evangelische Neu-Christin im letzten Jahr. Nina Hagen ist in etwa so penetrant wie Westerwelle oder Lothar Matthäus, denn jetzt kommt sie uns nämlich mit einem Gospel-Album, unfassbarerweise auch noch "Personal Jesus" benannt. Oh Gott, möchte man da sagen.

Musikalische Perfektion und großartige Produktion kann man "Personal Jesus" nicht absprechen, alle Beteiligten inklusive der Hauptdarstellerin liefern Bestleistungen ab (leider teilte uns niemand eine konkrete Mitarbeiterliste mit), herausgekommen ist ein Album, das entgegen aller Erwartung tatsächlich nach Blues, Soul und vor allem Gospel klingt, dazu noch die erfrischenden Zutaten aus dem ansonsten von Leuten wie Ry Cooder, LITTLE FEAT, David Lindley etc. beackerten US-Groove-Sektor. Das ist alles sehr gefällig, sehr angenehm zu hören, manchmal glaubt man gar, schon das demnächst erscheinende neue Album von Mavis Staples zu hören – wäre da nicht die Stimme der bekehrten Hagen und der permanente Eindruck, dass hier jemand auf Teufel komm raus [man beachte das lässige Spiel mit den Worten "Teufel" und "Gott"] so richtig glaubwürdig wirken möchte. Aber kann eine Frau mit diesem Hintergrund bei so einer Kehrtwendung tatsächlich glaubwürdig sein?
Der ungläubige Banaljournalist sagt: nein.

"Personal Jesus" platzt geradezu vor lauter Anbiederung an den weißen Mainstream-Gospel-Hörer, mit all seinen biederen, wenngleich technisch großartigen Rock-Klischees. Man höre sich die Arrangements der Uptempo-Nummern an: Patsch-Schlagzeug, Hochdruckgitarre und wohlgesetzte Chorgesänge, genau so stellt sich der Besucher der Gospel-Messe diese Musik vor. Leute wie Jim Keltner, Billy Payne oder Sonny Landreth wären nicht in diese Falle getappt, aber die machen derlei bereits ihr ganzes Leben und sind über solche „Anfängerfehler“ erhaben. Dennoch, die hier agierende Band schafft sich vorbildlich über der textlich enervierenden Endlosschleife "I promise the Lord" in On The Battlefield. Prima Rockmusik für ältere Leute, die den fetten Groove noch immer zu schätzen wissen (und gerne vergessen, dass Nina Hagen singt).
Und dann die Texte. "Personal Jesus" ist eine Dauerpredigt, der man irgendwann nicht mehr entkommen kann. Etwa die Hälfte der Songs zeigt schon im Titel wo der Rosenkranz hängt, der Rest weist den Weg zur Erleuchtung spätestens im Refrain. Nein, der Weg wird nicht gewiesen, er wird einem wie in unfreiwilliger Selbstzüchtigung wie ein Lederriemen permanent über den Rücken gezogen. Wären die Liturgien auf "Personal Jesus" in einer unverständlichen Sprache gehalten, die Scheibe könnte unbedenklich als "gut" empfohlen werden, so aber dürften selbst Christen – so sie nicht zu den ganz fanatischen Fundamentalisten gehören – über kurz oder lang die Nase voll haben.

Noch ein Wort zum Titelsong und einigen weiteren Autoren, die Nina Hagen bemüht.
Personal Jesus wird das einzige Stück sein, das von DEPECHE MODE für alle Zeiten in Erinnerung bleibt. Die Versionen von Marilyn Manson und all den anderen Metal-Clowns kann man vergessen, einzig Johnny Cash berührte des Hörers Seele damit ernsthaft. Nina Hagen hängt mit ihrer Stimme irgendwo zwischen Cash, Manson, Dave Gahan und Alannah Myles (die übrigens zusammen mit Mavis Staples ein sensationelles Duo bei diversen Auftritten bildete), was durchaus sympathisch ist, und die Band köchelt bravourös, vielleicht ein wenig zu plakativ einen heißen Rhythmus-Eintopf dazu. Speziell die Slidegitarre und die Orgel überzeugen.
Der Opener God's Radar stammt von einem gewissen Reverend Dan Smith, der 1911 in Alabama geboren wurde. Tatsächlich liegt Nina Hagen bzw. ihre Band gar nicht so weit weg vom Original, das man auf einer Compilation der 1928 (!) gegründeten Vocal-Gruppe THE DIXIE HUMMINGBIRDS hören kann. Die Frau kann mit ihrer Stimme ja nun wirklich eine Unmenge anstellen, aber Albernheiten wie das doof gerollte "Rrrradarrrr" erübrigen jede weitere Frage nach Ernsthaftigkeit (Gospel darf natürlich Spaß machen, aber verbale Verballhornung wie einst bei Rangehn ist schlicht unpassend). Mit den HUMMINGBIRDS hat es die Hagen, I'll Live Again wurde von denen auch schon interpretiert.
Run On klingt ähnlich affektiert wie einst von Elvis und für All You Fascists Bound To Lose fehlt der Frau einfach der politische Tiefgang eines Woody Guthrie oder seines Nachfolgers Billy Bragg. Viel besser klappt es bei den beiden Versuchen im Blues, Sometimes I Ring Up Heaven und Nobody's Fault But Mine, auch wenn unsere Zirkusattraktion lange nicht an die Intensität der Originale herankommt – auch nicht was ihre Fähigkeiten als Sängerin betrifft, da sollte sich mancher Jubelkritiker vielleicht beizeiten eine Marion Williams oder Shirley Ceasar auf ihren wenigen Schallplattenaufnahmen anhören (oder auf die neue CD von Mavis Staples warten).

Ohne als Besserwisser oder notorischer Nörgler gelten zu wollen, stellt sich mir am Ende von "Personal Jesus" die Frage, ob die Veröffentlichungen in der seriösen Presse wirklich einem fundierten Fachwissen entspringen, oder ob der eine oder andere Kommentar eher dem Wunsch nach einem echten Superstar aus Deutschland geschuldet ist. "Personal Jesus" wird die Hagen nicht zu einem solchen machen, jedenfalls nicht in der Heimat der Gospelmusik, hierzulande ist die Frau seit 32 Jahren sowieso unsterblich. Den ganzen Rest darf man vergessen, dann hat man mit dem neuen Werk angemessenes Gaudium, denn schlecht ist die Platte wirklich nicht.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 16.07.2010


 
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