HoR Logo kl CD-Review:

The Steve Miller Band

Bingo!

&

Let Your Hair Down

Logo Home-of-Rock
Startseite > Alle Bands von A-Z > Steve Miller > Bingo! & Let Your Hair Down

Bingo!
Let Your Hair Down
Bingo! & Let Your Hair Down, Roadrunner Records, 2010 & 2011
Steve Miller Lead Guitar, Vocals
Kenny Lee Lewis Guitar, Vocals
Joseph Wooten Piano, Keyboards, Hammond B3, Vocals
Gordy Knudtson Drums
Sonny Charles Vocals
Norton Buffalo Vocals & Harmonica
Gäste:
Adrian Areas Percussion, Timbales
Mike Carabello Percussion, Conga
Billy Peterson Bass
Joe Satriani Guitar
Produziert von: Steve Miller & Andy Johns Länge: 43 Min 46 Sek ("Bingo!") & 42 Min 14 Sek ("Let Your Hair Down") Medium: CD
"Bingo!":
1. Hey Yeah9. You Got Me Dizzy
2. Who's Been Talkin'10. Ooh Poo Pah Doo
3. Don't Cha KnowBonus Tracks:
4. Rock Me Baby11. Ain't That Lovin' You Baby
5. Tramp12. Further On Up the Road
6. Sweet Soul Vibe13. Look On Yonder Wall
7. Come On (Let The Good Times Roll)14. Drivin' Wheel
8. All Your Love (I Miss Loving)
"Let Your Hair Down":
1. Snatch It Back And Hold It9. Love The Life I Live
2. I Got Love If You Want It10. The Walk
3. Just A Little BitBonus Tracks:
4. Rock Me Baby11. When Things Go Wrong (It Hurts Me Too)
5. No More Doggin'12. I Ain't Got You
6. Pretty Thing13. Tell Me What's The Reason
7. Can't Be Satisfied14. Driftin' Blues
8. Sweet Home Chicago

Review von "Let Your Hair Down" unten

Jetzt ist also auch Steve Miller wieder dort angekommen, wo er, wie so viele andere Altstars, vor über vier Jahrzehnten angefangen hat: Beim Blues. Und ganz und gar stilgerecht für einen kreativ längst verkalkten Veteranen hat sich "Maurice" Miller durchaus keine Mühe mit eigenem Songwriting gegeben, er hat sich einfach einen Stapel mehr oder weniger bekannter Fremdkompositionen gegriffen und sie mit kleiner Band und großem Aufnahmebesteck so ungefähr in Richtung STEVE MILLER BAND (wie man sie aus den 70ern kennt) gebogen. Im Grunde kann das "Bingo!" betitelte erste Album seit 17 Jahren also nur ein prächtiger Griff ins Portemonnaie des mitgealterten Fans sein.

Kleine Retrospektive.
Der Sohn einer gehobenen und musikbegeisterten Mittelklassefamilie wurde als Kind vom Familienfreund Les Paul (der ist klar, oder?) erstmals an die Gitarre gebracht, spielte als Jugendlicher lange Zeit mit Boz Scaggs (auch klar, ne?) zusammen und landete schließlich in San Francisco und machte mit seiner ersten STEVE MILLER BAND einige bluesig-psychedelische Platten. Die sind heute allesamt nicht mehr ohne ein gewisses Grinsen ob der Einfachheit genießbar, allerdings muss man zugestehen, dass es eben ein zeitgeistliches Phänomen war, denn außer den wirklichen Superstars klangen alle in der Bay Area irgendwie gleich. Auch als Person war Steve Miller einer von vielen und hob sich nie durch exaltiertes Rockstar-Getue heraus, was rückblickend vermutlich die gesündere Lebensweise war.
Die - bis auf die halben Hits und später als Trademark verwendeten Gangster Of Love und Space Cowboy - relative Beliebigkeit seines Tuns war wohl auch Miller bald klar, also sattelte er mit dem 73er-Album "The Joker" auf leichtgängigen Westcoast-Rock'n'Roll-Pop um und wurde drei Jahre später mit den auf Hochglanz polierten LPs "Fly Like An Eagle" und "Book Of Dreams" prompt zum Platin-Garanten. Diese drei Alben waren auch für den verkommensten Hardrocker Pflicht, denn erstens konnte man bei den Mädels punkten und zweitens hatten so gut wie alle Songs neben den Tonnen voller Melodien auch einen unwiderstehlichen Groove. Der spießig anmutende Nicht-Rock'n'Roller Steve Miller war mit seinem leicht spacigen Poprock ein Bringer und Massenliebling. Dass er trotz idiotisch benamter Nummern wie Shu Ba Da Du Ma Ma Ma Ma mit seiner Gitarrenkunst durchaus an den Standards der ganz großen Rockbands seiner Zeit angekommen war, merkten nur ganz wenige Hörer und Kritiker. "Fly Like An Eagle" und "Book Of Dreams" gehören fraglos in die Ahnengalerie, der größte Teil der Songs ist bis heute ohne Verschleißerscheinung geblieben.
Passend zum bürgerlichen Image verschwand Miller 1978 von der Bildfläche und genoss für drei Jahre sein Leben als wohlhabender Mittdreißiger. Was immer in diesen Jahren passierte, Steve Miller komponierte danach nie mehr Songs, die auch nur annähernd an seine drei besten Platten heranreichten, auch wenn natürlich die LP "Abracadabra" mitsamt der gleichnamigen Single 1982 ein Megahit war und nochmals Millionen in die Kasse spülte. Miller wurde genau wie die meisten damaligen Classic Rocker ein Opfer der Achtziger Jahre und versank geradezu im produktionstechnischen Overkill - schon "Circle Of Love" 'glänzte' 1981 mit scheußlichen Synthetikklängen und albernen Surf-Sounds (hatte allerdings das aus heutiger Sicht großartige viertelstündige Werk Macho City auf der B-Seite zu bieten), "Abracadabra" sprach nur noch ein reines (aber natürlich riesiges) Mainstreampublikum an und "Italian X Rays" 1984… niemanden mehr. Alles danach war nur noch Freizeitbeschäftigung und Zeitvertreib für Miller, die vereinzelten CDs waren bestenfalls für ein Spartenpublikum und die Hardcorefans interessant und in Europa verschwand der biedere Rockstar komplett vom Radar.

Dekaden später also dieses "Comeback" mit einem Cover-Album. Man ahnt Schlimmstes. Und dann kommt mit Hey Yeah von Jimmie Vaughan ("Strange Pleasure", 1994) ein waschechter Miller-Song. Ein Hit sogar. Die Stimme ist da, die Gitarre, der Groove, die Melodie und, klar, auch ein wenig Psych-Blues. Keine Bohne blaue Opa-Noten, im Gegenteil, das von Vaughan noch mit Bindestrich geschriebene Hey-Yeah klingt 2010 wie neu. Das ist verdammt gut und eigentlich schon den Kauf der Scheibe wert. Don't Cha Know und Sweet Soul Vibe stammen vom selben Vaughan-Album, offenbar hat Miller an Jimmie einen Narren gefressen, und beide sind so gründlich entstaubt [die Songs, nicht Miller und Vaughan], dass man die traditionellen Originale getrost den Puristen überlassen darf. Miller geht zwar beide Male deutlich originalgetreuer als bei Hey Yeah vor, aber wenn schon Blues respektive Soul von weißen Männern, dann bitteschön in dieser angenehmen Form. Hier wird sich nicht angebiedert oder auf die Gitarrenhexer-Tube gedrückt, die STEVE MILLER BAND interpretiert auf ihre ganz eigene, über Jahrzehnte erprobte Art und Weise. Natürlich ist da Routine zu spüren, aber gottlob nicht diese abgewichste "Ich spiel' euch jetzt alle weg" Attitüde gewisser anderer Blues-Adepten.
Was für Vaughans Songs gilt, gilt ebenso für alle anderen auf "Bingo!", ob sie nun von Howlin' Wolf, Lowell Fulson und Jimmy McCracklin, Otis Rush oder Jessie Hill stammen, hier wird nicht nur sorgsam mit den Liedern umgegangen, sie werden zart aber bestimmt auf ein Dasein im 21. Jahrhundert gebürstet. Rhythm & Blues für die Jetztzeit.
In Ooh Poo Pah Doo von Jessie Hill frönt Herr Miller seinem Faible für doofe Songtitel, holt dabei aber gleichzeitig einen längst toten und vergessenen R&B-Meister aus New Orleans mit seinem einzigen Hit zurück ins Gedächtnis, und mit Jimmy Reeds You Got Me Dizzy kommt ein Perlchen zutage, das sogar der olle Lemmy schon gecovert hat. Steve Miller macht es allerdings unvergleichlich luftiger und frischer als der Motörhead.
Die nominell abgelutschteste Nummer ist Rock Me Baby von B.B. King, aber auch diesen Schlager holt die Band aus dem Reich der Untoten zurück und macht einen fröhlichen Shuffle für die ganze Rock & Roll Familie daraus.

Der STEVE MILLER BAND ist gelungen, was den wenigsten Koryphäen vergangener Zeiten gelingt: Ein blitzsauberes Album ohne Lähmungseffekt und Gähnfaktor. Und das trotz dem vielen Blues. Beinahe möchte man "Bingo!" als Sensation für Hörer über 40 anpreisen.
Noch ein Wort zum oben angesprochenen "großen Aufnahmebesteck". Steve Miller kann es sich leisten, seine Aufnahmesessions bei George Lucas bzw. in dessen Studios auf der "Skywalker Ranch" zu tätigen. Dort ist es nobel und modern, entsprechend klingt "Bingo!". Ähnlich wie kürzlich bei Tom Pettys "Mojo" gilt auch hier, dass Geld im positiven Fall guten Sound produziert. Die Zeiten der großen Studios sind für 99,9% aller Rockmusiker fraglos vorbei, wer es sich aber erlauben kann und noch kreatives Potenzial im Köcher hat, ragt mit seinem Ergebnis aus dem digitalen Einheitsbrei heraus. Tom Petty und Steve Miller tun das wie kaum jemand in den letzten Jahren (von manchen Produktionen von Rick Rubin abgesehen).
Noch ein Wort zur Zukunft der STEVE MILLER BAND. Ähnlich wie seinerzeit bei "Fly Like An Eagle" und "Book Of Dreams" wurde auf einen Schlag Material für mehrere Platten eingespielt. Das heißt, dass es bald ein "Bingo - Part II" geben wird. Außerdem sind wohl ernsthaft einige Konzerte in Europa geplant - vielleicht lassen die den gelackten Auftritt beim Rockpalast-Festival vom Sommer 1983 auf der Loreley vergessen.
Ein letztes Wort zum persönlichen Wunschdenken des Verfassers. "Bingo!" ist so gut und strotzt - neben dem Respekt vor den Originalen - vor Einfällen, da wäre es ein Traum, wenn Steve Miller trotz seines gereiften Alters noch einmal eigene Songs verfassen würde. Wären die dann noch so gut wie die derzeitigen Adaptionen, könnte man von einer echten Sensation sprechen.
Und ein allerletztes Wort für den Konsumenten. Beim Kauf bitte unbedingt darauf achten, dass man die sogenannte limited Edition erwirbt, denn die schafft es mit ihren 14 Songs auf immerhin knapp 45 Minuten Spiellänge. 10 Nummern und 32 Minuten bei der Normalversion sind unverschämt.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 15.06.2010

Alles Wissenswerte zu Steve Miller und dem Vorläufer Album zu "Let Your Hair Down" - eben das oben genannte "Bingo!" - und zu Steve Miller im Allgemeinen kann man bei Freds Review oben nachlesen. Und da "Let Your Hair Down" (heißt soviel wie "Entspann Dich!") schon als "Bingo! 2" apostrophiert wurde, ist es wohl nur gerecht, wenn wir beide Reviews zusammen halten.
Hier geht es also nur darum, ob das neue Album in die Sammlung gehört - so, wie das nach Freds Meinung schon bei "Bingo!" der Fall war - oder nicht.

Und ganz ehrlich - ich habe mich schon bei "Bingo!" zu Tode gelangweilt. Das war zwar perfekt produziert und auf Hochglanz poliert, aber einfach nur stromlinienförmig. Und "Let Your Hair Down" schlägt eben genau in dieselbe Kerbe; aber es gibt da draußen so viele wirklich interessante Blues- und Bluesrock-CDs, dass es ein weiteres Aufhübschen alter Standards - und dann noch auf Hochglanz! - wirklich nicht braucht. Keine Überraschung, keine unerwartete Wendung, kein "Ach, hör mal!" Break oder Riff - originalgetreu nennt man das wohl.
Natürlich geht das eine oder andere hier ins Ohr, Snatch It Back And Hold It bleibt unweigerlich hängen; natürlich kann man nach dem zweiten Anhören spätestens jedes Solo mitsummen - kein Wunder, die sind ja auch flüssig, aber eben tausend Mal aus dem Ärmel geschüttelter Standard. Natürlich wird jeder Refrain mit Miller als Solostimme und Lewis eine Oktave höher - eben auf Miller-typische Art - durchgezogen, kennt man, liebt man … wo war jetzt noch das Staubtuch, ich muss weitermachen …. Musik zum Nebenbei-Hören. Ärgert nicht, stört nicht … Ärgert nicht?

Das ist der Mann, dem solche Rockhimmel-Alben wie "Fly Like An Eagle" und "Book Of Dreams" geglückt sind; Perlen, die zwischen Pop, Blues und Rock schimmern und von denen ich noch jede remasterte und "Anniversary" und sonst wie genannte Version gekauft habe, und immer wieder tun würde. Und "Live 1973-1976", obwohl auch stark blueslastig - eine geniale Einspielung. Da ärgert so etwas dann doch ein bisschen. Altmänner-Gitarrenspielereien; so wie Alex Conti auf "Shetar". Nur dass da wenigstens die Gitarre im Vordergrund stand.
Ne, Steve, Du hast das Recht, deiner Vorliebe für den Pop-Blues zu frönen, nur kann ich das leider nicht weiterempfehlen, falls es Dich denn interessiert. Und ich bin dabei so was von entspannt...

Der guten Ordnung halber: es gibt auch von "Hair" eine limitierte Version mit zusätzlichen Tracks.

Dietrich Gastrock, (Artikelliste), 08.04.2011

Startseite > Alle Bands von A-Z > Steve Miller > Bingo! & Let Your Hair Down

 
© Home of Rock 2001 & ff., Impressum & Kontakt