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Stretch

Unfinished Business

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Unfinished Business
Unfinished Business, Repertoire Records, 2011
Elmer Gantry Vocals, Guitar
Kirby Guitar
Jim Scadding Bass
Jeff Rich Drums
Länge: 47 Min 01 Sek Medium: CD
1. Showbiz Blues7. Live The Life I Love
2. Why Did You Do It8. Can't You Feel It
3. Flames9. See That My Grave Is Kept Clean
4. I Need Your Love So Bad10. I Just Wanna Make Love To You
5. Hoochie Coochie Man11. I've Got My Mojo Working
6. Down In The Bottom

STRETCH war mehr oder minder eine Zufallsband, als 1975 mit "Elastique" ein ganz besonders verblüffendes Album erschien. Einerseits war da mit Why Did You Do It die schwitzig-funkrockige Aufarbeitung der missratenen Vergangenheit als Fake-Double von FLEETWOOD MAC, andererseits ein neben HUMBLE PIE, SAVOY BROWN oder den längst in die USA ausgewanderten FOGHAT kaum gehörtes Blues'n'Boogie Gemetzel, das geradewegs ins Herz des noch sehr jungen Berichterstatters traf.
Zwei weitere, noch bessere Alben folgten in "You Can't Beat Your Brain For Entertainment" und "Lifeblood", dann kam 1978 der entsetzliche Niederschlag "Forget The Past" und danach außer ein paar Compilations nichts mehr. STRETCH war Geschichte und die Menschen hinter den Pseudonymen Elmer Gantry und Kirby konnten sich ein Leben ohne Drogen aufbauen. Vor allem Gantry war wohl so heftig an der Nadel, dass er nach seiner "Läuterung" sogar als Sozialarbeiter tätig war.
STRETCH war ein paar Jahre lang ein musikalisches Dickschiff, aber ebenso ein kommerzieller Flop, da wundert man sich umso mehr, dass bei Gantry und Kirby nach über drei Jahrzehnten die Erkenntnis reifte, dass da noch ein "Unfinished Business" zu erledigen wäre.

Wiedervereinigungen gibt es in der Rockmusik unendlich viele, leider sind die meisten inhaltlich völlig für die Katz und dienen im besten Fall der Rentenaufbesserung, aber dieses Motiv kann man bei den Herren Terry (Gantry) und Gregory (Kirby) wohl ausschließen, das One-Hit-Wonder STRETCH ist schlicht eine zu kleine und überdies lange vergessene Nummer im Bluesrock-Zirkus. Haben die also tatsächlich noch was zu sagen?
Als FOGHAT 1994 nach den versaubeutelten 80ern urplötzlich mit der Wuchtbrumme "Return Of The Boogie Men" wieder auf dem Schirm erschien, war die Begeisterung bei den alten Fans zwar groß, bei den Kritikern aus zeitgeistlichen Gründen eher verhalten, und die Verkäufe hielten sich in bescheidenen Grenzen. Kaum vorstellbar, dass es "Unfinished Business" heute anders ergehen könnte, und zwar trotzdem STRETCHs fünftes Album in 36 Jahren in vielerlei Hinsicht mit den eigenen alten Scheiben und auch FOGHATs "Return…" konkurrieren kann. Man braucht zwar einige Hördurchgänge um das zu verstehen, aber dann…

Die Kritikpunkte sind schnell aufgezählt. "Unfinished Business" ist von größerer Kreativität reichlich unbeleckt, zwei Remakes (Showbiz Blues und natürlich Why Did You Do It), eine aufgewärmte Uralt-Single von Gantrys Sixties-Band VELVET OPERA (Flames) und diverse Coverversionen von ach so selten gespielten Blues-Schlagern wie Hoochie Coochie Man, I Just Wanna Make Love To You oder I've Got My Mojo Working plus ein paar nicht ganz so bekannte Klassiker bilden die Playlist. Das ist eigentlich zu wenig für ein anständiges Comeback. Wenn da nicht Elmers nach wie vor mächtige Stimme und Kirbys in großen Teilen der CD begeisternde Gitarre wäre. Und ein paar Boogies, die bis zum endgültigen Untergang des Rock & Roll jeden Saal in hochgefährliche Schwingungen versetzen können.
Zugegeben, der Einstieg mit der Neuauflage von Showbiz Blues (früher Show Biz Blues geschrieben) verläuft etwas enttäuschend, da ging 1977 auf "Lifeblood" die Post ganz anders ab, aber Why Did You Do It versöhnt gleich danach voll und ganz. Der kleine Hit von einst dampft und brodelt immer noch wie Kesselgulasch und Kirby spielt eine messerscharfe Gitarre. Genau wie auf Flames, jener ersten Single von VELVET OPERA aus dem Jahr 1968. Wer das Album "Elmer Gantry's Velvet Opera" kennt, wird Flames kaum wiedererkennen. Aus dem psychedelischen Beat der Sixties ist ein schnurgerader Bluesrocker mit packender Hookline und besonders dreckigem Gitarrensound geworden. Sie ist doch noch da, die Kreativität.
Eine kleine Tradition bei STRETCH wird mit Can't You Feel It fortgeführt: es wird dem jungen, unbeschreiblich hart rockenden Johnny Winter gehuldigt. Auf "Lifeblood" war es Rock'n'Roll Hoochie-Coo (vom Verfasser Rick Derringer eigentlich Rock And Roll, Hoochie Koo getauft), auf "Unfinished Business" tobt Can't You Feel It von Johnnys 73er Großtat "Still Alive And Well" wie ein mittleres Gewitter daher. Kirby kann den Johnny wie kaum ein anderer, und wenn es rockt anstatt nur bluest, ist STRETCH immer noch pures Testosteron.
Zur Ehrenrettung des Blues sei gesagt, dass Hoochie Coochie Man eine druckvolle Angelegenheit mit kreischender Harmonica und voller Power - im Foghat-Style - geworden ist. Ähnliches gilt für Down In The Bottom, das man sich in ähnlicher Intensität auf FOGHATs (vorläufigem?) Schwanengesang "Last Train Home" gewünscht hätte. Klarer Vorteil für STRETCH gegenüber Roger Earls FOGHAT. Sogar der über 80 Jahre alte Song See That My Grave Is Kept Clean, zigdutzendmal gecovert, hat bei den beiden ergrauten Briten Seele und Leben, und I Just Wanna Make Love To You klingt deutlich bestimmter als die Ankündigungen vergleichbarer Veteranen.
Leicht befremdend wirkt, dass man beim Showbiz Blues im Hintergrund Stimmen hört und dass die - nicht schlechte - Produktion insgesamt nicht unbedingt stringent erscheint. Eine Tonträger-Produktion ist heute unvergleichlich billiger als vor Jahrzehnten, einfacher ist sie nicht geworden. Trotzdem, "Unfinished Business" ist natürlich für alle alten Säcke ein Muss. Sollten zusätzlich ein paar junge Rocker darauf abfahren, wäre eine STRETCH-Tour ein Highlight.

PS: Oben sind Jim Scadding und Jeff Rich (16 Jahre bei STATUS QUO und schon in den Siebzigern bei STRETCH) als Bassist bzw. Schlagzeuger angegeben. Ob dies wirklich stimmt, ist der Vorab-CD nicht zu entnehmen.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 25.08.2011

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