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Brothers

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Brothers
Brothers, Nonesuch Records/V2 Music, 2010
Dan Auerbach Vocals, Guitars, Keyboards etc.
Patrick Carney Drums
Gast:
Nicole Wray Backing Vocals
Produziert von: The Black Keys, Mark Neill & Danger Mouse Länge: 63 Min 03 Sek Medium: CD
1. Everlasting Light9. Ten Cent Pistol
2. Next Girl10. Sinister Kid
3. Tighten Up11. The Go Getter
4. Howlin' For You12. I'm Not The One
5. She's Long Gone13. Unknown Brother
6. Black Mud14. Never Gonna Give You Up
7. The Only One15. These Days
8. Too Afraid To Love You

Wer behauptet, dass THE WHITE STRIPES überbewertet werden, darf an dieser Stelle nicht auf Widerspruch hoffen. Zu übersichtlich ist der Kreativausstoß von Jack White und seiner verstörend instabilen Exfrau Meg, zu fragwürdig ist die handwerkliche Darbietung bei den unglaublich umjubelten Konzerten. Einige Dinge darf man White allerdings keinesfalls absprechen: Der THE-WHITE-STRIPES-Hype war perfekt lanciert, die Ära der The-Bands wurde mitbegründet, aus dem offensichtlichen Technik-Defizit wurde das Maximum an vordergründiger Virtuosität herausgeholt und, am wichtigsten, Jack White gab dem Rock & Roll zurück, was ihm in Zeiten der allgegenwärtigen Megastars und Instrumentalzauberer abhanden gekommen war, nämlich den Krach, die Räudigkeit, das rudimentäre Gefühl von Aufsässigkeit und Zusammengehörigkeitsgefühl bei den Konzerten und vielleicht ein klein wenig Revolution. Gut, der Zauber hielt nicht sehr lang an, recht schnell war klar, dass Jack White letztlich auch nur ein kühl kalkulierender Populärmusiker ist, aber im Zuge seiner Aktivitäten kamen immer mehr Minimalistenrocker ans Tageslicht, die mit Gitarre, Schlagzeug und Geschrei zigfach mehr Staub aufwirbelten als all die vergeistigten Prog-Götter und ach so wilden Metal-Haudraufs. Rock & Roll darf wieder sein wie in seiner Kinderzeit, und wir Fans hüpfen entsprechend infantil dazu auf und ab (vorausgesetzt man stört sich nicht an schrägen Tönen und fehlenden Bombastklängen). Ein perfektes Beispiel für die Rückbesinnung auf die Basis sind die französischen Funk-Rabauken THE INSPECTOR CLUZO und die hier eigentlich zu thematisierenden Garagen-Blueser THE BLACK KEYS mit ihrem neuen Album "Brothers".

Zugegeben, die bisherigen Releases des seit 2001 aktiven Duos aus Akron, Ohio (die bis heute unerreichten Wave-Spinner DEVO kommen auch von dort) waren in ihrer Gesamtheit nicht stringent genug für einen größeren Publikumserfolg, aber im Unterschied zu den WHITE STRIPES war eine Weiterentwicklung unverkennbar. Aus dem anfänglichen Noise-Blues wurde zunehmend "richtige" Musik, aus den selbstquälerischen Zitatensammlungen wurden mehr und mehr eigenständige Songs. Auf "Attack & Release" von 2008 wurde offensiv mit Orgel und Moog-Synthesizer experimentiert, es wurde auch erstmals in einem richtigen Studio aufgenommen, in den besten Momenten kam sogar ein gewisses DOORS-Feeling auf, in den schwächeren allerdings leider nur Tristesse. Auf allen bisherigen Alben wurde deutlich, dass gerade bei derartigen Bands das Songwriting der alles entscheidende Punkt ist. Großtaten wie das beatleeske You're The One von "Magic Potion" (2006) standen zu oft als Solitär im klangerfüllten Raum. Ein Duo kann nichts kaschieren, solistische Irrwitzigkeiten sind weder erwünscht noch möglich, wenn das Lied nicht funktioniert, bleibt die gesamte Performance banale Selbstentblößung.
Irgendetwas ist seit der letzten CD im künstlerischen Bewusstsein von Dan Auerbach und Patrick Carney passiert (hat sich etwa der böse, böse Kommerz-Virus ausgebreitet?), denn "Brothers" hat so gar nichts Fragmentarisches mehr, die Songs erscheinen beinahe akribisch ausgearbeitet, die frühere Angestrengtheit und Mutwilligkeit ist zugunsten einer verblüffenden Leichtigkeit verschwunden - das bekommt dem wunderlichen Duo THE BLACK KEYS ganz vorzüglich.

Die erste Aufmerksamkeit gilt naturgemäß dem Cover einer CD/Platte. "This is an album by The Black Keys. The name of this album is Brothers.", steht da weißrot auf schwarz. Und genau das kennt man. Aber von wem? Ab in den Vinyl-Keller und nachgeblättert. Howlin' Wolf! Der hat 1969, ganz Nihilist, auf das Cover seiner LP "This Is Howlin' Wolf's New Album" das Traktat "This is Howlin' Wolf's new album. He doesn't like it. He didn't like his electric guitar at first either." drucken lassen. Ja, Chester Burnette, wie Howlin' Wolf eigentlich hieß, war ein Vorbild der 'Schwarzen Tasten'. Dass der Blues-Hüne seine von Chess Records erzwungene Platte tatsächlich nicht mochte (und sie in der Kritik oftmals als seine schlechteste bezeichnet wurde), ist Ironie des Schicksals, denn in Wirklichkeit ist "This Is Howlin' Wolf's New Album" ähnlich wie Muddy Waters' ganz ähnlich gestaltetes "Electric Mud" von '68 ein Meisterwerk, das die Situation in der damaligen Electric-Blues-Szene perfekt widerspiegelt und ganz exzellente Aufnahmen bekannter Songs enthält. Burnette und Morganfield ließen sich von Chess zu diesen psychedelischen Bluesrock-Exkursionen nötigen, was den zwei alten Männern vielleicht nicht gefallen hat, ihnen aber Geld und späten Ruhm einbrachte. Heute sind die beiden Platten mit ihren jeweils drei Gitarren und den im wahrsten Sinne des Wortes howlin' Sounds längst Pflichtlektüre für jeden, der ein Jota über den schmalen Tellerrand des traditionellen Blues hinausblickt. Nebenbei erwähnt wäre Waters' spätere Zusammenarbeit mit Johnny Winter ohne "Electric Mud" vermutlich nie zustande gekommen, denn Waters spielte 1968 das, was der junge Winter ein Jahr später mit seinem "The Progressive Blues Experiment" dankbar fortführte. Aber das ist schon wieder am Thema vorbei, denn es geht um THE BLACK KEYS und das Album "Brothers", das höchstens optisch mit "This Is Howlin' Wolf's New Album" zu tun hat, akustisch natürlich ganz anders gelagert ist. Oder?

Ist es eben nicht. Zwar haben die KEYS zwangsläufig keine drei Gitarren am Start und bemühen auch keine Klassiker von Willie Dixon für "Brothers", aber sie fangen das Feeling und auch den Sound des Jahres 1969 wie zufällig ein. Dan Auerbach rekonstruiert an seiner Gitarre ganz genau den psychedelischen Bluesrock-Sound, den Pete Cosey und Roland Faulkner für Howlin' Wolf und Muddy Waters seinerzeit eingespielt haben, er würzt das ganze mit ein paar Surf- und Wah-Wah-Spielereien, legt ab und zu eine Orgel darunter und lässt den einen oder anderen Song beinahe wie eine Filmmusik zu einem französisch-amerikanischen Beziehungsdrama klingen (Brigitte Bardot und Jean-Louis Trintignant im Regen durch die finstersten Straßen einer Großstadt wie Paris oder New York laufend wäre das Drehbuch zu Too Afraid To Love You).
Blues war schon immer Auerbachs Inspiration, jetzt hat er zum ersten Mal auch den Soul deutlich herausgearbeitet und gibt "Brothers" damit ein zweites Gesicht. Es ist nicht der tanzbare Pop-Soul von Motown Records, es ist der unheilvolle Soul der Problemkinder aus Chicago gemischt mit Voodoo-Soul aus New Orleans. Patrick Carney trommelt dazu hochkonzentriert und ohne Showeffekte, setzt spannende Kontrapunkte und meidet krachende Cymbal-Exzesse. Very sophisticated.
Den souligen Höhepunkt stellt die Coverversion von Jerry Butlers 68er Hit Never Give You Up dar. Der heißt jetzt textgetreu Never Gonna Give You Up und zeigt, dass man einen kitschigen Schmusesong für die Mittelklassegesellschaft von 1968 mit ein paar chirurgischen Eingriffen problemlos zu einer unpeinlichen, gefühlvollen und wunderschönen Ballade machen kann. Der Gesang dazu ist groß. Gleich danach setzen THE BLACK KEYS mit These Days den Gegenentwurf zum Soul, nämlich ein verträumtes Lied wie aus dem Americana-Wunschbüchlein. Völlig konträr zwar, aber wegen absoluter Geschmackssicherheit extrem gut passend.

Für THE BLACK KEYS ist die Zeit als Garagenband vorbei. Das wird vielleicht einige Ur-Fans stören (Ausverkauf!), im Sinne einer künstlerischen Weiterentwicklung haben Auerbach und Carney dafür genau den richtigen Weg eingeschlagen. So viel Musik gab es von den BLACK KEYS noch nie. Und herrlich erfrischend ist sie noch dazu. "Brothers" liegt genau auf der schmalen Grenze zwischen Kunst und Kommerz, und vermittelt dazu auch noch jenes archaische Rock'n'Roll-Feeling, das uns die Oldies schon lange nicht mehr geben können und bei den meisten Jungspunden unbekannt ist.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 01.08.2010


 
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