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The Remo Four

Smile!, Peter Gunn...And More

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Smile!, Peter Gunn...And More
Smile!, Peter Gunn...And More, Bear Family Records, 2010
Tony Ashton Keyboards & Vocals
Colin Manley Guitar
Phil Rogers Bass
Roy Dyke Drums
Produziert von: Siegfried E. Loch; Willi Zinzow (Re-Issue) Länge: 58 Min 49 Sek Medium: CD
1. Heart BeatBonus Tracks:
2. The Skate10. Peter Gunn
3. No Money Down11. Mickey's Monkey
4. Rock Candy12. Live Like A Lady
5. The 7th Son13. Sing Hallelujah
6. Roadrunner14. Dancing And Singing
7. Brother Where Are You15. Sing Hallelujah (alternate take)
8. Jive Samba16. Live Like A Lady (alternate take)
9. Nothin's Too Good For My Baby17. Live Like A Lady (instrumental)

THE REMO FOUR werden in den meisten Publikationen bis heute als Beat-Band bezeichnet, obwohl das spätestens 1966/67, als mit "Smile!" das einzige Album der Band erschien, längst nicht mehr zutraf. Natürlich, REMO FOUR war eine Kapelle aus Liverpool und von Anbeginn des Merseybeat mit an Bord, aber durch die in dieser unbeschreiblich hektischen Musikszene Liverpools üblichen zigfachen Umbesetzungen wurde aus THE REMO FOUR eine waschechte Rockband, die ihrer Zeit zwar nicht voraus war, aber aufgrund der großen Fähigkeiten der Musiker in der Lage war, eine weitaus komplexere Musik als die meisten ihrer Zeitgenossen zu spielen - prompt wurde die LP "Smile!" kein Kassenschlager, sondern "nur" eine Rarität und für den einen oder anderen Fan zur Referenzplatte. Die vom Qualitäts-Label Bear Family Records nun vorgelegte Neuveröffentlichung "Smile!, Peter Gunn…And More" gab es vor etwa 15 Jahren schon einmal, damals mit dem originalen LP-Coverbild, doch diesmal wurde auf Bear-Niveau aufgestockt und ein 30-seitiges Büchlein beigelegt (zur Hälfte mit deutschem Text und mit vielen Bildern). Der musikalische Inhalt blieb gleich, die neun Songs vom Album plus acht Bonus Tracks, alles in einer bemerkenswert formidablen Soundqualität, seinerzeit von Willi Zinzow aufbereitet, der auch für einige Remaster von SPIRIT verantwortlich war. Soweit zur Statistik.

Seit 1964 stand die endgültige Besetzung von THE REMO FOUR: Colin Manley an der Gitarre, Phil Rogers, Bass, und die beiden Aushängeschilder Tony Ashton (Keyboards & Gesang) plus Roy Dyke am Schlagzeug. Aus heutiger Sicht war das schon nominell ein Pfund, in den Sixties mussten die Vier genau wie alle anderen Bands unbeschreiblich schuften, um den Traum vom Profimusiker zu leben (und zu überleben). Die seit 1963 - teils als Backing Band für halbpopuläre Sänger - veröffentlichten Singles waren allesamt keine Verkaufserfolge, live war die Band allerdings extrem angesagt und wohl auch eine Macht, Dauerengagements im Hamburger Star Club waren die Folge. Das Management hatte Brian Epstein übernommen, THE REMO FOUR coverten wie alle anderen auch THE BEATLES mehrfach, aber der kommerzielle Durchbruch kam nicht (die hübschesten Jungs waren sie dazu auch nicht). Also wurde weiter malocht und letztlich 1966 in Deutschland unter der Ägide von Siggi E. Loch, dem späteren deutschen Musikindustrie-Mogul, für Star-Club Records die auch mono abspielbare Stereo-Langspielplatte "Smile!" aufgenommen. Zeit war Geld, also stellte man der Band verschwenderisch einen ganzen Tag für die Studioarbeit zur Verfügung. Man kann "Smile!" also, wie so viele andere Aufnahmen dieser Zeit, als Live-im-Studio Platte bezeichnen. Und diese Musik hören wir uns nun unter dem Kopfhörer an. Aber vorher lesen wir noch die brüllend lustigen Linernotes der LP (im Booklet der CD auf Seite 28 abgelichtet). "Ja grün ist die Heide, die Heide ist grün… Und ausgerechnet durch diese Landschaft stapften vier lässige Engländer mit langen Haaren…" Außerdem hatte Tony Ashton "vom vielen Singen schon einen ganz dicken Hals". Ganz große Kunst.

Die Band hatte durchaus eigene Lieder im Repertoire, doch auf die LP kamen natürlich nur Adaptionen mehr oder weniger bekannter Fremdkompositionen. Heart Beat war für Star-Club Records nicht bekannt genug, auf die LP wurde prompt "Heard Beat" gedruckt, aber nichtsdestotrotz setzten Ashton und Dyke direkt den Maßstab. Eine Orgel, die eigentlich nur mit der von Brian Auger oder Steve Winwood vergleichbar war, und Dykes exzellentes Drumming, das in seiner chirurgischen Präzision problemlos mit dem von Pete York mithalten konnte. Die SPENCER DAVIS GROUP ist übrigens durchaus ein Maßstab für REMO FOUR. Dazu sang Ashton betörend schwarz, Songs wie The Skate waren sehr nahe an der Intensität der besten Künstler von beispielsweise Stax Records aus Memphis. Chuck Berrys No Money Down kommt genauso authentisch.
Wie gut die Jungs technisch waren, konnten sie im Swingjazz Rock Candy von Jack McDuff beweisen, der selbst ein exzellenter Hammond-Organist und Bandleader in der Jazzszene war. Das ist natürlich kein Rock & Roll, aber die Interaktion zwischen Ashton, Dyke und Phil Rogers' Bassspiel plus die vertrackte Gitarre Manleys war sensationell. Davon - und von Oscar Brown Jr.'s Brother Where Are You - musste der gemeine Kunde der "Roaring Sixties" zwangsläufig überfordert gewesen sein. Roadrunner nahm da schon eher die bald folgende "British Blues Explosion" voraus, hatte aber nichts mit Bo Diddleys gleichnamigem Evergreen zu tun.
Tony Ashton sang explizit akzentuiert und hochkonzentriert, er trug die Lieder im wahrsten Sinne des Wortes vor anstatt sie einfach nur zu interpretieren, THE REMO FOUR war eben keine Spaßkapelle für Singlehits, da wurde ernsthaft gezockt. Kaum eine andere Band hätte sich zu dieser Zeit getraut, eine Nummer wie Jive Samba des großen Jazz-Trompeters Nat Adderley über volle sieben Minuten auf ihre Platte zu packen, für THE REMO FOUR war es kein Problem, und Roy Dyke konnte ein sensationelles Dauersolo zu Ashtons Orgel-Percussion abliefern. Nach etwa drei Minuten sind ein paar Volltreffer auf den Trommelrand zu hören, da könnte man mit Herrn Dyke knapp 45 Jahre nach der Missetat natürlich noch hadern, aber wir wollen hier nicht päpstlicher als Diedrich Diederichsen, quatsch, als der Papst sein und lassen diesen eklatanten Mangel durchgehen. Wie gesagt, es war ein Tag Zeit im Studio, und mit Sicherheit wurde mit der revolutionären 4-Spur-Technik aufgenommen. Herrschaften, den Sound von "Smile!" sollen all die ProTools-Freaks heutzutage erstmal hinkriegen, dann können wir über "Fehler" sprechen.
"Smile!" ist auch nach so vielen Jahren noch ein wundervolles Album von grandiosen Musikern. Für die meisten Menschen ist es vermutlich sogar eine nie gehörte Entdeckung.

Zusätzlich aufgepeppt wird die CD natürlich von den acht Bonus Tracks. Henry Mancinis Peter Gunn ist das für THE REMO FOUR wichtigste Extra. Erstmals 1964 aufgenommen und als B-Seite einer Single verbraten, brachte Peter Gunn die Band via Michael Leckebusch und Gerhard Augustin ins deutsche Fernsehen. Die Wiederholungen des "Beat-Club" laufen bis heute als Endlosschleife in den Nebenprogrammen der ARD, die Dritten und "EinsFestival" zeigen das alte Zeug gerne im Nachtprogramm.
In Deutschland kam Peter Gunn daraufhin natürlich als Single bei Star-Club Records heraus und verkaufte sich annehmbar, aber eigentlich war die Nummer schon von viel zu vielen Bands durchgenudelt. Vor allem Mick Greens PIRATES hatten sich Peter Gunn zu Eigen gemacht.
Die Rückseite von Peter Gunn ist erwähnenswert. Mickey's Monkey, von Holland/Dozier/Holland 1963 für THE MIRACLES um Smokey Robinson geschrieben, doch erst 1977 von MOTHER'S FINEST zum Rock-Hit gemacht, war bei REMO FOUR zwar ein braves Pop-Liedchen, aber es war ein weiterer "schwarzer" Song, den die Band perfekt adaptierte.
Besonders interessant bei den Bonus Tracks ist Live Like A Lady. Colin Manley orientierte sich dabei songwriterisch offensichtlich stark an THE KINKS, was sich nicht nur am "aufgesetzten" Gesang sondern auch an der gesamten Rhythmik erkennen lässt. Allerdings klang Ashton auch mit zusammengekniffener Nase nicht annähernd so überkandidelt wie Ray Davies zu seinen arrogantesten Zeiten.
Ob man schlussendlich gleich drei Fassungen von Live Like A Lady braucht, sei dahingestellt.
Das schwer psychedelische Sing Hallelujah kommt in zwei Versionen, die sich in Spieldauer und Qualität unterscheiden, allerdings hätte die bessere dieser Fassungen genügt, um klar zu machen, dass auch THE DOORS von den Engländern sehr genau wahrgenommen wurden.

"Smile!, Peter Gunn…And More" ist eine gut gegebene Rock-Geschichtsstunde, wie sie von nicht besonders vielen Lehrern angeboten wird. Tony Ashton starb 2001 nach einer überaus turbulenten Karriere mit den Meilensteinen ASHTON, GARDNER & DYKE, FAMILY und PAICE ASHTON LORD sowie vielen Mietmusikerjobs wie z. B. bei CHICKEN SHACK im Alter von 55 Jahren und hinterließ einen bewegenden Abschiedsbrief:
Dear everyone,
Thanks for all the messages and enquiries - recent tests show the cancer has spread and I've decided to refuse further treatment and come home.
So - thanks to all, have a drink for me - cheers and bollox...
Tony Ashton

Roy Dyke hatte nach THE REMO FOUR eine nicht minder aufregende Vita, zuerst natürlich mit ASHTON, GARDNER & DYKE, dann hat er hat die erste LP von Pat Travers eingetrommelt und lebt nun seit langer Zeit in Hamburg. Er war mit Stacia Blake verheiratet, die in den Siebzigerjahren eine wunderschöne Tänzerin bei HAWKWIND war und heute als Malerin arbeitet. Hoffentlich für immer unvergessen bleibt Roy Dykes Arbeit mit Hannes Bauer bei BAUER, GARN & DYKE. Immer noch taucht er bisweilen im Umfeld der semi-legendären Musiker von B.SHARP auf. (Die waren mal eine ganz heiße Nummer zwischen DR. FEELGOOD und der BLUES BAND)
Manley starb 1999 nach einem unspektakulären Leben als Nebenerwerbsmusiker und Rogers hat sich seit langer Zeit spurlos aus dem Musikgeschäft verabschiedet.
Auch wenn es vielleicht so klingt, es ist nicht zynisch gemeint, von THE REMO FOUR ist keine Reformation zu befürchten, es wird auch keine Oldie-Partys mit den Herren geben, die Band, deren Name tatsächlich der italienischen Stadt San Remo entlehnt ist, wird für immer eine kleine Fußnote der Rockgeschichte bleiben, auch wenn sie deutlich unter Wert geschlagen wurde. Es hat einfach nicht zu mehr Popularität gereicht. Echte Rock-Helden aus einer lange vergangenen Zeit sind die vier Liverpooler trotzdem.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 08.12.2010

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