|
Editorial:
00 ist vorbei |
![]() |
|
|
Der eine oder andere wird es vielleicht erst nach einem Blick in den Spiegel glauben (oder eben genau deswegen nicht), aber es ist Tatsache: Das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausend ist vorbei. Bäng. Natürlich geht das Leben weiter, allerdings hat es längst eine Geschwindigkeit erreicht, der nur die allerwenigsten Menschen geistig folgen können. Der Verfasser, die Politiker und die sonst wie verantwortlichen Weltenmanager gehören nicht dazu, sonst hätte der vielbejubelte Mr. Obama neulich bei der Weltklimakonferenz nicht so ein erbärmliches Bild abgegeben. Man muss kein Apokalyptiker sein, um ernsthafte Bedenken um den Fortbestand der Erde, wie wir sie kennen, zu haben. Vermutlich weiß jeder halbwegs intelligente Eisbär besser Bescheid als die Totalversager und Korruptionsbüttel von Kopenhagen. Jeden Dezember müssen wir uns Jahresrückblicke der Fernsehsender gefallen lassen, immer wundern wir uns über die längst vergessenen Geschehnisse vom letzten März, da ist klar, dass ein ganzes Jahrzehnt für uns nicht mehr verarbeitbar ist, dabei wäre es eigentlich ganz einfach. Man muss nur seine eigene Situation mit der vor 10, 20 oder gar 30 Jahren vergleichen, dann dürfte vielen bewusst werden, dass sich alles rasend schnell verändert hat. Wenn man sich anschließend fragt, warum plötzlich alles anders ist, wird man auf zwei einschneidende Ereignisse stoßen. Erstens natürlich der erwähnte 11. September 2001, der 3.000 Menschen sofort und Hunderttausenden seitdem das Leben kostete, und zweitens ist es die völlige Aufgabe von Kontrolle über die globalisierte Industrie und das Finanzwesen. Dadurch wurden nicht nur Leben zerstört, es ging auch der allerletzte Rest von Moral und Anstand über den Jordan, heute macht (beinahe) jeder "Unternehmer" sprichwörtlich nur noch was ihm gerade einfällt und was zu seinen Gunsten sein könnte, scheißegal ob andere darunter leiden. Gleichzeitig degenerierte die Legislative in der so genannten demokratischen Welt blitzschnell zu einem jämmerlichen Wurmfortsatz der Lobbyisten. Diktaturen wie China dürfen ungestraft Kritiker auf Nimmerwiedersehen in Zuchthäuser stecken oder direkt exekutieren und uns erklärt Herr Obama derweil anlässlich seiner Ernennung zum Friedensnobelpreisträger, dass es notwendige Kriege gibt. "Fight the good war", klar. Seine Argumentation klingt zuerst schlüssig, denn das Böse darf nicht die Weltherrschaft erringen, aber: was ist das Böse, und vor allem, sind nicht die Hersteller von Vernichtungswaffen auch böse? Und sitzen die nicht fast alle in unserer "guten" Welt? Was bringt ein Krieg in Afghanistan, dem Irak oder dem Kongo außer der Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen? Freiheit und Bildung ganz sicher nicht, im Gegenteil, der Fanatismus wird ungebremst weiter angeheizt. Ebenfalls nicht wundern muss man sich über die längst normale Oberflächlichkeit des Lebens. Wir werden von bunten Bildern aus dem TV erschlagen, die Zeitungen bejubeln jede neue Erkältungs- oder Vogelgrippewelle wie das herbeigesehnte Ende der Welt und jedes Dorffest in Kleinkleckersheim wird zum Event ausgerufen. Wichtig ist das alles zwar nicht, aber es lenkt von den tatsächlichen Problemen hervorragend ab. Wir Musikberichterstatter dürfen uns dabei nicht ausnehmen, denn wir schreiben über Dinge, die weder für das hungernde Kind in Afrika noch die bald arbeitslose Verkäuferin von Karstadt relevant sind, aber dem interessierten Leser eine Möglichkeit zur kleinen Flucht aus dem Alltag bieten - natürlich wieder eine Flucht ins Private, auch wenn Musik in der Gruppe genossen natürlich noch wesentlich mehr Spaß macht. Und just diese Musik wird zum Ende des Jahrzehnts von führenden Theoretikern und Feuilletonisten zu Grabe getragen, nein, sie wird Michael Jackson ins Grab nachgeworfen. Pop ist tot, wird wie seit Jahren geunkt, oder gar Musikkonsum mit für den Klimawandel verantwortlich gemacht, weil ja schließlich der Erwerb einer CD katastrophale Auswirkungen auf die persönliche CO2-Bilanz hat. Nur auf das Statement von Professor Diedrich Diederichsen zum Ende jeder popmusikalischen Kultur wartet man noch vergeblich, aber der Herr Oberwissenschaftler muss sich an der Wiener Akademie der bildenden Künste sicher wesentlich wichtigeren Dingen widmen (oder dem unsäglichen Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung "fluter" ein spektakulär dahergefaseltes Interview zum Thema "Promis" geben). "fluter" hat eigenen Angaben zufolge 200.000 Seitenabrufe pro Monat, Home of Rock etwa 750.000. Warum wohl? Und welche Gelder werden wohl bei "fluter" für nichts und wieder nichts und für grausame Rechtschreib- und Grammatikfehler versenkt, aber im Bundeshaushalt als wichtige Positionen für Bildung und Kultur geführt? Man möchte diesen Herrschaften eigentlich Hilfe anbieten, aber lässt es dann doch, denn womöglich bekommt man es mit freidemokratischen Westerwelle-Nachbildungen zu tun. Wenden wir uns also dem Kernthema zu: Wie steht nun eigentlich die Musik da? Klassik verkauft sich nur noch über ausnehmend hübsche Sängerinnen und mindestens wie Johnny Depp aussehende Geigen-Freischärler, Schlager und Volkstümelei ist wie schon immer das verlogenste Geschäft überhaupt, generiert aber nach wie vor maximale Gewinne, in der (noch) von der Großindustrie vertriebenen Rock- und Popmusik steigen die Downloadzahlen beständig, das Niveau leider nicht, und das Endprodukt hat sich im vergangenen Jahrzehnt endgültig auf zwei Zielgruppen ausgerichtet. Einerseits sind da die Kids zwischen 10 und 17, denen in schöner Regelmäßigkeit und mit immer größerer Hysterie neue Sensationen fürs Kinderzimmer vorgesetzt werden, zum anderen werden natürlich auch die überreifen Konsumenten bedient - mit immer neuen Dritt-, Viert- oder Zwölftverwertungen uralter Kamellen. Die Industrie hat aus ihren Fehlern der letzten 30 Jahre nichts gelernt, sie macht sie im Gegenteil immer drastischer. Immer noch hat niemand verstanden, dass Hannah Montana nach spätestens drei Jahren von einem neuen Superduperkinderstar ersetzt werden muss, der dann mit noch größerem Aufwand in die Gehirne transportiert werden muss, weil nämlich die letztjährige Kundschaft längst den rosaroten Kinderschuhen entwachsen ist und die kleinen Geschwister neu erobert werden wollen. Mit 18 werden die Teens dann ins Erwachsenenleben entlassen und … stehen plötzlich ohne Musik da, denn wer mit 15 die JONAS BROTHERS liebte, wird in seinem ersten eigenen Autoradio ganz sicher nicht Kinderkram spielen lassen. Was bleibt dem jungen Menschen dann? Zumeist leider nur ziemlich grottig gemachte Alternative-Musik, die zwar schamlos in irgendeinem lange vergessenen Trend wildert (Punk, Grunge, Garage, Acid, Britpop etc.), die Originale und deren erste Nachahmer aber meilenweit verfehlt und weder Aha-Effekt noch Erinnerungswert besitzt, also das Publikum nicht langfristig binden kann. Diese Klientel wird der Industrie zwangsläufig alsbald wegbrechen und zur schweigenden Mehrheit der Dudelradiohörer degenerieren, falls sie sich nicht auf Musiksuche im Underground begibt, was aber meist nicht passiert, denn eine Grundausbildung in Sachen Musik oder sonstiger Kultur gibt es in unserem Schulsystem längst nicht mehr. Junge und gute Rockbands, richtige Rrrockbands, gibt es unendlich viele, wir haben in den letzten neun Jahren über viele Hunderte davon berichtet, aber bis auf ganz wenige Ausnahmen spielen die in den Überlegungen der verbliebenen großen Plattenfirmen keine Rolle, dementsprechend gehen sie am großen Publikum auch vorbei. Und damit sind wir bei der zweiten Zielgruppe der Rock-Industrie: Menschen über 40, 50 und 60. Zuletzt noch ein Wort zum Independentbereich. Ja, es gibt ihn noch, das ist die gute Nachricht. Dass sich bei den Indie-Firmen inzwischen reihenweise ehemalige Großstars versammeln ist zwar bizarr, aber völlig okay. Dass die kleinen Wilden der Rockmusik allerdings genau wie vor 20 Jahren, Stichwort "Grunge", wieder in die Falle tappen und jeden noch so kleinen Trend bis zur völligen Erschöpfung auswalzen ist dumm. Die Vertriebswege mögen ja funktionieren, aber niemand, auch nicht der Hardcorefan, mag monatlich 36 Melodicrocker, 59 Punks und 22 greinende Singer/Songwriter hören. Eine freiwillige Qualitätsselbstkontrolle wäre wünschenswert im neuen Jahrzehnt, wir können das Gejammere über miserable Verkaufszahlen nämlich nicht mehr hören. Veröffentlicht nur die Hälfte, dafür gutes Zeug, dann verkauft ihr bei entsprechender Promotion auch mehr. Am besten führt ihr den Beruf des Talent Scout wieder ein, schickt ihn zu den Clubkonzerten in der Stadt und gebt dann nur den wirklich guten Bands einen Vertrag. Die anderen dürfen ihre Ergüsse über ihre Homepage vertreiben, was leider heute viel zu viele wirklich feine Kapellen mangels Interesse einer Firma sowieso tun müssen. PS: Unser von seiner DDR-Vergangenheit schwerstens belasteter Kollege Hartmut Helms hat kraft seiner hochwertigen sozialistischen Ausbildung in der deutschen Sprache folgendes Jahrzehntendgedicht verfasst: Kalt da draußen, winterweiß
und wieder geht ein Jahr zur Ruh. Unter der Brücke friert ein Mensch und kriegt vor Schmerz kein Auge zu. Im Einzelhandel steigt der Umsatz An einem bunten Weihnachtsbaum So mancher donnert über Pisten Im Glanz der Lichter strahlt die Tanne Es riecht aus bunten Zauberhäuschen Musik erklingt aus großen Fenstern Es knallen Korken, krachen Böller Schon wieder fließen die Gewinne Der Präsident preist die Gemeinschaft Es lobt die Politik sich täglich, Sie casten jeden Tag ein Sternchen Wie schön ist Urlaub in der Ferne Man baut dem Herrn die Gotteshäuser Als schnelle Datenautobahnen Es fliegt der neue Kriegstransporter Es jagen Jets hoch durch die Lüfte Sie schicken Männer mit Gewehren Man streitet sich um Heizkraftwerke Bald steigen hunderte Raketen Es missionierten einst die Christen Ich brauche keinen Krieg um Freiheit, Nach neun Jahren Home of Rock, nach 20 Jahren quälendem Wiedervereinigungsgedöns, nach annähernd 40 Jahren bedingungsloser Hingabe an die Rockmusik liebe ich solche Texte mehr denn je, denn sie beweisen, dass in unserem kleinen Kreis der HoR-Schreiber heute mehr Potential steckt als jemals zuvor. Danke Dietrich, Friedemann, Hartmut, Jamina, Marius, Michelle, Olli, Volker und Manni, auch wenn du unsere Welt im März 2009 unerlaubt verlassen hast. Wir werden weiterhin DAS Freizeitmagazin für die allergeilste Hauptnebensache der Welt machen. Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 03.01.2010
|
|
|