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In diesem Moment bricht der S. ein Versprechen. Er wollte niemals einen Artikel über die Band BÖHSE ONKELZ und ähnliches Kroppzeug schreiben.
Manche Versprechen sind im Wandel der Zeit nicht einzuhalten, speziell wenn selbst Jahre nach der Auflösung der Onkelz so wenig Wandel stattgefunden hat.
Zuerst eine Klarstellung. Die Band BÖHSE ONKELZ und ihre Mitglieder konnte und durfte man ab einem gewissen Zeitpunkt (datieren wir ihn um das Jahr 1990 herum) nicht mehr als rechtsradikal, neonazistisch, volksverhetzend oder verfassungsfeindlich bezeichnen, warum sie für die Zeit vorher niemals zur Rechenschaft gezogen wurden bleibt ein Rätsel. Menschen, die zu durchaus nennenswerten Reichtum gekommen sind, haben nicht den geringsten Grund in irgend einer Weise radikal zu sein, das Leben gestaltet sich mit einem satten Bankkonto viel zu angenehm, man neigt dann gerne zum Liberalismus und zur Distanzierung von eigenen "Jugendsünden". Das haben die Mitglieder der Onkelz, vorneweg Stephan Weidner (der W.), ausgiebig und letztlich erfolgreich getan.
Der S. wird an dieser Stelle auch nicht über Weidners Album "Schneller, höher, Weidner" richten, zu belanglos erscheint der Großteil des Inhalts, irgendwo zwischen Spät-Onkelz, Alternative-Düster-Rock und, herrje, Singer/Songwriter-Schnulze. Erschütternd nur, dass die CD in der Erscheinungswoche direkt auf Platz 2 der Media Control Charts einstieg und heute, zwei Wochen später, immer noch auf 8 rangiert. Wir könnten zur Abwechslung über die Tiefenwirkung eines Stephan Weidner sprechen.
Dazu sei gesagt, dass bis zuletzt Skinheads bei den Konzerten der Onkelz anwesend waren, dass bei den (nicht nur deutschen) Krawallkindern die ganz alten Songs Weidners Parole waren und sind, und dass Weidner ein ganz vorzüglicher Demagoge ist, der seine Geisteshaltung über inzwischen zwei Jahrzehnte in für die Blinden und Dummen nicht verständliche Metaphern gewandet - oder diesmal einfach in Der W zwo drei Worte wie "eloquent" verwendet. "Ich verführe mit Worten", sagt er eingangs, und ganz genau das ist es, Herr Weidner, was man Ihnen vorzuwerfen hat. Da mag die jahrelange Dauerabsolution in geachteten Zeitungen wie dem Rock Hard noch so seriös erscheinen, im Grunde agitiert der 44jährige Musiker nach wie vor - für was auch immer. Perfide an der Sache: Die Agitation ist ihm in keiner Sekunde nachzuweisen, er benutzt rhetorische Finten, Worthülsen, schwurbelige Selbstanalysen - und wird "zwo drei" von genau der richtigen, also falschen, Klientel nachgebrüllt werden.
Vor einigen Tagen lief Jens-Christian Rabe in der Süddeutschen Zeitung gegen Weidner Amok und bezichtigte ihn eines rollenden R und der Nähe zu Riefenstahl in Bitte töte mich. Ach ja, sicher, dazu sollte man den Herrn Künstler mal befragen (Zufall, ganz bestimmt), aber wird irgendwer aus der "Generation Asozial" den Namen Riefenstahl jemals gehört haben? Es geht doch längst nicht mehr um krasse Aussagen oder Taten, es geht um Gesinnung, um Identifikation. Und wenn man dem sozial benachteiligten 14jährigen Ghettokid eine Lösung anbietet, wird es im Zweifel die des W. annehmen. Oder die des NPD-Funktionärs, der sicher bei Bedarf parat steht und gerne die epochale Bedeutung der Riefenstahl in einfachen Worten erklärt.
Derweil spielt Weidner einmal mehr den Missverstandenen und klagt auf seiner Homepage wortreich über den Spiegel, der ihn in einem Interview ach so böse über den Tisch gezogen hat. Doch es gibt auch die guten Medien, die "sympathische, kleine Interviews" mit ihm führen und seine Vergangenheit als "Schnee von gestern" abtun. Da freut sich der Musikant, wenn ihm Fragen zu seiner Frankfurter Eintracht gestellt werden und er seine plötzliche und zufällig recht werbewirksame Präsenz bei MTV als "dummen Fehler" aufklären kann - weitere Zusammenarbeit ist unerwünscht, die Narren haben ihre Arbeit getan. Fragen zu seinen manipulativen Fähigkeiten und seinem nicht zu unterschätzenden Einfluss gibt es nicht. Natürlich nicht, die Interviewer outen sich als Hardcorefans und sind schließlich mit den netten Onkelz und dem geläuterten Weidner aufgewachsen und haben sich selbst niemals gefragt, ob an einem solchen Massenphänomen nicht doch ein Haken sein könnte. Ja, es ist schon ein Kreuz mit den Haken…
Man möchte noch anmerken, dass Weidner auf der Homepage seiner Modefirma W Couture eine seltsam anmutende Frakturschrift verwendet und dass man ihm ansonsten selbstverständlich nichts unterschieben kann. Was ist schon schlimm daran, dass die Onkelz "vielen Jugendlichen in Deutschland eine Lebenshilfe, eine höchst authentische und glaubwürdige Band" waren, "deren Songs einen pädagogischen und therapeutischen Ausschließlichkeitscharakter besaßen und die deshalb so geliebt wurden". Weidners Weblog hält etliche solcher Schmankerl bereit. So wie er Udo Lindenberg vorwirft an Realitätsverlust zu leiden, so überzeugt scheint er von seinem eigenen rechtschaffenen Tun zu sein. Der S. könnte Angst vor dem W. bekommen, tut es aber nicht, weil Rock & Roll schon immer Provokation war. Das kann er, der subtile Herr W., auch wenn diese Art der Provokation einen fiesen Geschmack hinterlässt.
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