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Editorial:
Ist es wieder so weit? |
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Der Liedermacher Konstantin Wecker hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass ihm faschistisches Gedankengut und Handeln Unbehagen bereitet. Mit seinem Lied Willy aus dem Jahre 1977, erhob er eindrucksvoll seine Stimme und schuf ein Stück, dass man einmal gehört aufgrund seiner Intensität und Emotionalität sein Leben lang nicht mehr vergisst. Gemeinsam mit dem Liedermacherkollegen Heinz Ratz und dessen Band STROM & WASSER wollte Wecker in diesen Tagen eine kleine Non-Profit-Tournee unter dem Motto 'Nazis raus aus unserer Stadt' im Osten der Republik spielen. Dabei ging es darum vor Ort auf die Situation von politisch engagierten Jugendhäusern aufmerksam zu machen, die in manchen Gegenden die letzte Anlaufstelle gegen ein zunehmendes rechtsradikales Potential bilden. Hoyerswerda, Neustadt an der Orla, Halberstadt und Schwerin, bekanntermaßen Zentren bei denen diese Problematik besonders ausgeprägt zum tragen kommt, sollten die Stationen der Konzertreise bilden. Ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein Anfang.
Hoyerswerda - da war doch schon mal was im September 1991. Schön für Hoyerswerda, bedenklich allerdings die Argumentation. Darf man sich dann nur noch in den Tropen gegen die Abholzung des Regenwaldes engagieren? Darf man auf die Not der dritten Welt nur noch in den jeweiligen Problemzonen hinweisen? Vielleicht haben sie in Hoyerswerda wirklich keine Nazis mehr und das entsprechende Gedankengut aus den Köpfen - wenngleich eine flüchtige Recherche in den lokalen Medien anders vermuten lässt - aber wo bleibt die Solidarität? Was kümmert mich mein Nachbar? Wohlgefälliges Zurücklehnen und Wegschauen, statt sich eindeutig zu positionieren. Sind das die Werte unserer Gemeinschaft? Na, vielen Dank aber auch! Da in Hoyerswerda kein Ersatzveranstaltungsort gefunden werden konnte entschloss man sich schweren Herzens auf einen Auftritt in Sachsen zu verzichten und verlegte das Konzert ins Offi in Bad Freienwalde/Brandenburg. Halberstadt in Sachsen-Anhalt stand als nächstes auf dem Programm. Für das Konzert zu Gunsten der Zora e.V., einem durch rechtsradikale Attacken schon schwer getroffenen Jugendclub, forderte der Landkreis das Motto von den Konzertplakaten und Eintrittskarten zu entfernen, da das Konzert in einem Gymnasium stattfinden sollte und politische Aussagen in öffentlichen Gebäuden während des Wahlkampfs (in Sachsen-Anhalt stehen Landtagswahlen an) nicht zulässig seien. Mag sein, nur stellt sich dann die Frage wie konsequent dies in Halberstadt in der täglichen Praxis gehandhabt wird. Man kann nicht einfach unpolitsch sein. Auch mit Kleidung und Aussehen wird politsche Gesinnung nach außen getragen. Trägt Halberstadt dem auch Rechnung? Wecker blieb standhaft und weigerte sich selbst zu zensieren und durch das besondere Engagements eines Landrates sollte die Veranstaltung nun doch wie geplant stattfinden können. Nun wurde allerdings die NPD aktiv, was spontan an die Geschichte der getroffenen Hunde denken lässt. Die NPD kündigte Proteste und Aktionen gegen das Konzert an. Von aktiver Teilnahme an der Veranstaltung war die Rede, und wie die aussehen könnte, mag sich jeder selbst ausmalen. Die NPD drohte sogar vor Gericht das Recht auf Veranstaltungen mit nationalen Inhalten an gleicher Stelle einzuklagen. Die Genehmigung für Weckers Auftritt wurde wieder zurückgezogen. Ein Privatveranstalter, der eine alternative Location anbot, sah sich massiver Bedrohung durch die NPD ausgesetzt und zog sein daraufhin Angebot zurück. Die Möglichkeit im Theater von Halberstadt aufzutreten wurde aufgrund der höheren Produktionskosten verworfen, da damit der Benefizgedanke zugunsten der Zora e.V. nicht mehr aufrecht gehalten werden konnte. Auch dieses Konzert musste verlegt werden und fand daraufhin im Anger-Gymnasium in Jena zu Gunsten der JG Stadtmitte statt. Wecker ist im Rahmen seiner Möglichkeiten standhaft geblieben und hat ein eindeutiges Signal gesetzt. Ein deutliches Signal setzten auch die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft in Hoyerswerda und Halberstadt, leider ein falsches! Man hat unter fadenscheinigen Vorwänden dem Druck von Rechts nachgegeben, ausgeübt von einer Vereinigung, die trotz des ihr zugestandenen Status einer demokratischen Partei ein ums andere Mal ins Visier der Verfassungsschützer geraten ist. Wie der stellvertretenden Landrat Hans-Dieter Sturm einräumte, wäre das Konzert in Halberstadt ohne die Drohungen der NPD genehmigt worden. Die Politik hat damit gezeigt, dass sie erpressbar ist. Das ist Versagen auf ganzer Linie aus Feigheit, aus Mangel an Rückgrat und Zivilcourage. Demokratisch gewählte Volksvertreter werden zum willigen Steigbügelhalter der radikalen Kräfte am äußeren Rand unserer Parteienlandschaft und verhelfen ihnen zum Triumph. 'In einem demokratischen Staat muss jederzeit möglich sein, ein Konzert oder eine kulturelle Veranstaltung gegen verfassungsfeindliche Gruppierungen zu machen'. Dieser Einschätzung von Heinz Ratz ist eigentlich nichts hinzuzufügen, doch die gelebte Praxis in Teilen unseres Landes wiederlegt ihn. Was im März 2006 in diesem Land geschehen ist, wirft ein düsteres Licht auf die Zukunft. Rechte Demagogen entscheiden mit Billigung der vom Volk gewählten Vertreter über die Austragung kultureller Veranstaltungen. Nach dieser politischen Bankrotterklärung der demokratischen Kräfte muss die Frage gestellt werden: Ist es wieder so weit? Wecker und Ratz wollen sich nicht unterkriegen lassen. Im Sommer wollen sie in Halberstadt ein großes Open-Air zugunsten der Zora und unter dem Motto ´Nazis, raus aus unserer Stadt´ veranstalten. Hier bietet sich den Biedermännern aus der Politik und Gesellschaft eine weitere und vielleicht letzte Chance gegenüber den ideologischen Brandstiftern aus dem rechten Lager und ihren prügelnden Kameradschaftsorganisationen Position zu beziehen. Auch wenn mir zur Zeit andauernd Sie fangen wieder an von GEBRÜDER ENGEL durch den Kopf geht, so sollen ein paar ausgesuchte Zeilen aus Weckers Willy diese Editorial beschließen.
Der kompletten Text von Willy gibt es in der Rubrik Lieder auf der Homepage von Konstantin Wecker. Diese diente neben dem Online-Angebot des Spiegel auch als Quelle für dieses Editorial.
Martin Schneider , (Impressum,
Artikelliste), 10.03.2006
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