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Winnenden und die PC-Spiele

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Quellen:
FAZ

Unser Disclaimer

Bei seiner Rede auf der Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs in Winnenden verkündete unser Bundespräsident im Brustton der Überzeugung, dass man sich selbst überprüfen solle, ob man Waffen haben will oder Killerspiele auf dem PC spielt.
Das bereits implizierte moralische Urteil lautete angesichts des Dramas, dass dies bei einem erwachsenen, zivilisierten Menschen natürlich nicht der Fall sein kann. Die Angehörigen der Opfer gingen noch weiter und forderten das Verbot der Spiele und schärfere Waffengesetze.

Während ich so da saß und mir über meine eigene moralische Verwerflichkeit und die Frage, warum es so leicht ist, Dinge zu verurteilen, an denen man selbst kein Interesse hat, klar zu werden versuchte, schweiften meine Gedanken ab und ich formulierte eigene Forderungen: Schafft die Autos ab und auch das fettreiche Essen - Autos töten viel mehr Menschen als Amok laufende Verrückte, und fettreiches Essen mittels Cholesterinablagerungen in den Arterien sowieso, und wenn wir schon dabei sind, sollen auch gleich Koch- und Verkehrssendungen im Fernsehen verboten werden.
Und während ich als Skifahrer - beeinflusst durch die vielen Wintersportunfälle mit Snowboardfahrern - schon das nächste Verbot formulierte, warf mein innerer Diskussionspartner ein, dass der Körper Cholesterin brauche, und fettreiches Essen nur die beeinflusst, die ein genetisches Problem haben und wo andere Ursachen hinzukommen; viele essen fettreich, ohne dass ihnen das geringste passiert. Man muss eben mit dem Essen richtig umgehen, und wer vernünftig mit dem Auto umgeht, tötet auch niemanden.
Und obwohl es niemanden schadet, wenn ich an falscher Ernährung oder folglich Übergewicht sterbe, gibt es trotzdem auch hier massive Versuche, auf mein Verhalten einzuwirken. Man rechnet dann die Kosten der Krankheit auf die Allgemeinheit aus, und hat schon einen Grund für ein Verbot oder eine Verhaltensvorschrift. Außerdem grenzt man die aus, die sich dem Diktat der Schönheit nicht unterwerfen.

Auf den ersten Blick macht so etwas vielleicht Sinn: … und wenn das Individuum sich nicht selbst schützt, muss man es vor sich schützen. Doch hängt es eben in unserer westlichen Kultur an einem selbst, wie man mit den Dingen umgeht; und man hat die Freiheit, die Dinge eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen - und eben auch die Verantwortung für sein eigenes Handeln.

Was aber, wenn wie im Falle des Attentäters diese Eigenverantwortung und die Erkenntnis der Grenzen im Handeln gegenüber anderen ausgeschaltet sind - muss man da als Staat nicht eingreifen? Es gibt sicher viele Untersuchungen darüber, ob das Spielen dieser Spiele als Auslöser gelten kann. Ein Experte im Fernsehen sagte neulich, dass die Spiele vielleicht der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte; dass eine der vielen möglichen Ursachen in dem unverantwortlichen Umgang mit den Spielen liegt. Das klingt vernünftig, aber liegen denn die eigentlichen Gründe nicht ganz woanders? Bestraft man die vielen unauffälligen Spieler für die Taten eines einzelnen Verrückten?
Als vor einigen Jahren in den USA mehrere Selbstmorde bei Jugendlichen geschahen, wurde u. a. der Song Don't Fear The Reaper von BLUE ÖYSTER CULT, den die Jugendlichen vor ihrem Tod gehört hatten, für die Tat verantwortlich gemacht und ein Verbot gefordert; das geschah Gott sei Dank nicht.

Ein einzelner begeht eine grauenhafte, unverständliche Tat - und schon steht eine Forderung im Raum, die zum vermeintlichen Schutz aller Dinge fordert, die unser Grundrecht auf Freiheit aufhebt. Dabei wird übersehen, dass die Tat eben, soweit wir wissen, nicht verständlich oder vorhersehbar oder beeinflussbar gewesen ist - denn ernstlich glaubt wohl niemand, dass die Tat nicht passiert wäre, wenn der Attentäter keine Computerspiele zur Hand gehabt hätte.
Muss man denn unbedingt solche Spiele spielen; gibt es denn nicht eine moralische Verpflichtung, auch im Spiel niemanden zu töten? Und im Buch? Warum fordert keiner ein Verbot von Kriminalromanen oder Fernsehkrimis, wo haufenweise Leute zu Schaden kommen?
Wer in einer Aktiengesellschaft arbeitet, weiß um den Shareholder Value und die Bedeutung des Quartalsziels. Das Ziel muss unbedingt erreicht werden, und immer ist es das gegenwärtige Quartal, das das wichtigste ist. Man ordnet alles dieser neuen Religion unter, obwohl offen darüber geredet wird, dass dies nicht immer unbedingt zum Ziel führt; aber man kommt aus dem Rad nicht raus. Immer weiter, egal, und wenn du erfolgreich mitspielen willst, musst du dich anpassen. Und diese Haltung gibt es natürlich auch in vielen Schulen, insbesondere in unserem ach so hierarchischen klassenbewussten Schulsystem. Und wenn du das nicht leistest, und dann vielleicht auch nicht die richtigen Klamotten trägst, vielleicht etwas merkwürdig bist, tja, dann hast du Pech gehabt.
Hat der Junge denn nicht geschrieben, wie er sich ausgegrenzt und missachtet gefühlt hat?

Das ist eben die Kehrseite der Freiheit - es liegt an dir selbst, wie du mit dem Druck, den deine Umwelt auf dich ausübt, umgehst. Gibt man ihr nach, ordnet man sich dem System unter? Steigt man aus? Wird man dabei krank, und wenn man dann Krebs oder einen Infarkt bekommt - Pech gehabt.
Doch geht es ja in den allermeisten Fällen mehr oder weniger gut, und keiner kommt zu schaden. Und dabei ist es egal, welche Waffen man hat oder welche Spiele man spielt. Aber wollen wir die Idee der Freiheit wirklich aufgeben. Wo fängt das an, wo endet das? Sind wir denn nicht alle intelligente, lernfähige Menschen?

In der FAZ vom 22.3.2009 gibt es ein Interview mit dem Philosophen Sloterdijk zu der gegenwärtigen Weltkrise. Titel: "Uns hilft kein Gott" - wir müssen es schon selber tun. Er fordert eine gemeinsame Bewegung, um an einem Schutzschild für die Erde und die Menschheit und die technische Umgebung zu arbeiten, ein globales Öko-Management und nennt das 'Ko-Immunismus'. Diese Zusammenarbeit will er auf der Basis von Freiwilligkeit und gutem Miteinander - also auf den Rat des anderen hörend - erreichen. Sloterdijk geht davon aus, dass Intelligenz existiert und diese in positiver Korrelation zum Willen zur Selbstbewahrung steht.
Nur wenn wir so vorgehen, schaffen wir es, nicht an dem Selbstauslöschungsprogramm mitzuarbeiten, das sich etwa darin manifestiert, dass wir angesichts der Krise aufgefordert werden, mehr Geld auszugeben, das wir vielleicht nicht einmal haben und etwa neue Autos zu kaufen; also genau mit der Haltung und Tätigkeit fortzufahren, die uns eigentlich erst in die Krise gebracht hat. Dazu muss sich die Politik von der Wahlperiodenpanik frei machen und von dem Zwang, von Dingen zu reden, auf die es nicht ankommt. Ein Hauptantreiber dabei, Dinge zu schaffen und im allgemeinen Interesse zu halten, ist die Presse, die immer auf der Suche nach dem nächsten Ablenkungsthema ist; sei es Brustvergrößerungen oder DSDS.

Wenn aber ein Philosoph wie Sloterdijk davon ausgeht, dass die Intelligenz vorhanden ist und uns retten kann, sollten wir sie also wo und auf welche Art zum Wohle aller fördern?
Dazu ist die Schule da, der Ort, an dem Intelligenz und Wissen gefördert wird. Und ein intaktes Elternhaus, wo man sich liebevoll und aufmerksam umeinander kümmert. Früher haben wir alle Cowboy und Indianer gespielt, heute spielen wir PC Spiele, aber darum geht es nicht hauptsächlich, wenn man solche Katastrophen verhindern will - so man glaubt, dass das überhaupt geht - und diese Forderungen lenken eigentlich nur ab und gehen in die falsche Richtung, so verständlich die Suche nach Fehlern und Ursachen angesichts eines solchen Dramas sind.

Ich möchte noch ausdrücklich anmerken, dass ich den Vorfall in Winnenden so wie jeder andere auch zutiefst bedauere und hoffe, dass so etwas nicht wieder geschieht. Ich glaube nur nicht, dass die geforderten Verbote wirklich etwas anderes erreichen als eine weitere Einschränkung der Freiheit.

Dietrich Gastrock, (Artikelliste), 23.03.2009

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