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A Cyberspace Oddity

(Groundcontrol to Major Frank)

&

Alternde Rockstars und unzufriedene Fans

oder: Das Leben als nicht mehr junger Rockstar ist allemal besser als der Tod

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Diesmal ein Double Feature im Editorial. Auf den ersten Blick ohne Zusammenhang. Doch auf den zweiten...

Letzte Woche besuchte ich, auf Empfehlung, eine dieser "Schickt uns Eure Songs, wir machen Euch zu Stars" MP3-Musikseiten im Internet.

Nachdem das Registrieren gut geklappt hat, hörte ich mich intensiv durch das breitgefächerte Musikangebot der von den Usern upgeloadeten Eigenkompositionen.
Es gab dort: House und Mouse, Trance und Franz, Drum and Bass und Rum vom Fass, Gabba und Jabba Dabba Du.
Zu meinem Erstaunen hörte mein Ohrenbluten schon nach zwei Tagen wieder auf.

Meinen Besuch in der Rockecke (immerhin 25 Tracks) beschränkte ich auf zwei zufällig herausgepickte Songs: "Bumm,crash,hämmer,da da da da da da da, Ei wonna miet ju in se hell, wenn se dewil rings se bell" shouted es mir entgegen. Cool, da lernt man doch die alten Scorpions mit ihren astreinen Niedersachsen-Englisch wieder schätzen.
Der zweite Song klang ähnlich, nur etwas weniger lyrisch.

Na mal hören, was der Musikernachwuchs so zu sagen hat, also äußerst gespannt in den Musiker-Chatroom einloggen.
Der Chat scheint gut besucht zu sein, aber anscheinend müssen meine Augen auch etwas abbekommen haben. Alles, was ich ausmachen kann ist :),"g",lol,"ggg",P+,dncvmwe,---~~~~~~~, oder s.ä. Habe wohl vergessen, die Java-Script Funktion zu aktivieren. Halt nein, endlich einen Satz, den ich verstehen kann: Ein gewisser "Chillout Freddy" erzählt gerade einem gewissen "Gabba Fun 97" etwas über die Vorzüge seines neuen Fruity Loop und ist ganz aus dem Housechen, "die presets in dem Teil grooven sogar besser, als der Propeller Head." Ah ja, gut zu wissen.
Ich klinke mich mal ein und provoziere mit einer, zugegebenermaßen, gemeinen Frage: "Hi, nimmt jemand von Euch noch mit einem Vierspur-Cassettenrecorder auf?"
Schweigen bricht aus im Cyberspace. Wie geht bloß nochmal das Kürzel für verwirrten Gesichtsausdruck? Ach ja: "Hä?"
Etwas präziser ist unser Freddy: "Verstehe nur Südbahnhof."
Ich versuch's nochmal: "Na ein Vierspur-Cassettengerät, Instrumente einstöpseln und aufnehmen."
Ein gewisser "Magic Trancer" betritt gerade den Raum, liest, staunt und kommentiert: "He Alter, wie bist'n Du denn drauf?"
Ich fühle mich wie damals als Teenager, als ich mir, per Fünffinger-Discount, eine Golden Earring-Cassette im Kaufhaus besorgt habe und natürlich prompt erwischt wurde.

Jetzt nur nicht weiter auffallen und die Lage mit einem Scherz entkrampfen: "bbH" ( bin blond, brauche Hilfe).
Magic hat Erbarmen mit mir und schickt mir ein freundliches "gg" rüber. Ich habe die Jugend im Sturm erobert. Jetzt aber dranbleiben: "Mit Cubase VST geht das natürlich auch."
Uups, wieder daneben, ich hab's sofort gemerkt, aber die Enter-Taste ist schon gedrückt. Die gerechte Strafe ist ein eisiges Ignorieren meiner erneuten Einlenkversuche.
Ich verabschiede mich aus dieser inspirierenden Runde und bekomme noch die letzten Gesprächsfetzen mit, die sich um irgendeinen "Acid-Drumloop" drehen. Etwa eine Schlagzeugschleife, die im LSD-Rausch gebastelt wurde? Ich verkneife mir lieber doch die Nachfrage, ob das was mit Pink Floyd zu tun hat. Meine Füße sind nicht groß genug für ein weiteres Fettnäpfchen.

Ich fühle mich sooo allein, I'm lost in space. Bin ich etwa zu alt, um mit Musikbaukästen zu spielen? Verstehe ich den Musikernachwuchs des 21.Jahrhunderts nicht mehr? Habe ich die zweite Hippierevolution mißverstanden oder frißt die Revolution gerade ihre Kinder?
Groundcontrol to Major Frank, can you hear me, Major Frank?
Can you hear me...

END OF TRANSMISSION.

Frank Buske, (Artikelliste), 18.10.2003

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Wenn gealterte Rock-Stars auf der Bühne erscheinen, ist die Fangemeinde immer auf das Äußerste gespannt. "Bringt er es noch, wie ist er drauf, spielt er noch die Riffs wie anno domini. Die Falten im Gesicht werden von den Erste-Reihe-Stehern gezählt wie die Minuten der jeweiligen Solis.
Da bekanntermaßen die Fans mit ihren Idolen altern, erhofft man sich bei jedem Auftritt die ewige Jugend zurück, zumindest die Erinnerung daran. Rock-Größen dienen mitunter dazu die Illusionen über sich und die Welt aufrecht zu erhalten. Das Business fordert dies geradezu ein.

Die zwischenzeitlich schon etwas welk gewordenen Blumenkinder gehören zweifelsfrei zum zahlungskräftigeren Publikum. Bestes Beispiel: Die gigantischen Ticketpreise der Rolling Stones. Egal, ob Mick Jagger sein Gesicht mit regenerativen Gurkenscheiben belegt, seine Falten sind einfach echt, und der Spott darüber ist ein lohnendes Geschäft. Je oller, je doller, das fröhliche Alter im Rock-Zirkus hat Hochkonjunktur.

Wie aber sieht es mit jenen Rock-Stars aus die ihre Alterzipperlein nicht mehr vollständig oder ganz kaschieren können? Sie werden mitunter gescholten, diffamiert und im schlimmsten aller Fälle, als Zumutung empfunden. Das öffentliche zur Schau stellen von Gebrechen, wird von einigen Fans mit Ablehnung quittiert. Die Enttäuschung darüber, dass die einstige musikalische Virtuosität einem Alterungsprozess zum Opfer gefallen ist, erzeugt Unbehagen. Alternde Idole haben es einfach schwer in einer vom Jugendwahn geprügelten Zeit. Selbst ein altersmüde gewordener Papst, der sich immer mehr in sabbernden Reden verliert, ereifert die Nation mehr, als die Inhalte und von Hunger und Krieg heimgesuchte Völker.

Nun denn, "teuer bezahlte Konzertabende" dienen nunmal der Kurzweil und der Entspannung, jedoch nicht der Konfrontation womöglich mit dem eigenen Altern.
Andererseits, jenseits der 60 angekommen, tummeln sich genügend Rock-Heros auf den Brettern die beaknntlich die Welt bedeuten. John Mayall wird dieses Jahr siebzig, das Gespann Jagger/Richards feiert dieses Jahr ebenfalls einen runden Geburtstag, sie werden gemeinsam 120 Jahre.
Auch hierzulande ist die populäre Musik längst in fester Hand von Männern jenseits der Fünfzig. Die Scorpions, allesamt mittlerweile sind straff über Fünzig, Marius Müller-Westernhagen (54), Wolfgang Niedecken (51), Udo Lindenberg zählt 56 Lenze.
Gut, sie alle scheinen fit zu sein, getrimmt für das nächste Rock-Jahrzehnt. Obwohl das harte Rock-Business seinen Tribut fordert, sensible Naturen wie Janis Joplin, die in diesem Jahr wie Jim Morrisson 60 geworden wäre, starben viel zu früh. Peter Green (57) hat seinen Drogenmißbrauch überlebt, und dafür bitter bezahlt, mit seinen Auftritten gerade in den letzten Monaten, ging so mancher Fan besonders hart ins Gericht. Drogen und Alkoholexzesse von Musikern in der Unterhaltungsbranche heute wie damals, ein leider immer wiederkehrendes Erscheinungsbild.

Wie röhrte doch Roger Daltrey (59) Sänger von "The Who" einst in die jubelnde Menge "I hope I die before I get old". Die zwischenzeitlich errungene Erkenntnis, "dass das Leben als nicht mehr junger Rockstar allemal besser ist als der Tod", sollte den einen oder anderen unzufriedenen Fan wieder mit seinem altgewordenen und immer noch auf der Bühne stehendem Star versöhnen.

Freuen wir uns darüber, gemeinsam mit unseren Rock-Idolen alt zu werden, und dass die großen Alten - die die noch unter uns weilen, und die die nicht mehr unter uns sind - anerkannt, gewürdigt und gehört werden. Denn sie sind die Klassiker des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Brigitte Gerstenberger, (Artikelliste), 13.10.2003

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