HoR Logo kl Editorial:

It's up to you!

Logo Home-of-Rock
Startseite > Editorial > It's up to you!

Unser Disclaimer

It's up to you - so viel kostet die neue CD "In Rainbows" der britischen Band RADIOHEAD, die es seit dem 10. Oktober 2007 für einige Monate exklusiv als Download auf der Webseite inrainbows.com gibt.
It's up to you, wie du willst. Die Band stellt also jedem Käufer frei, wie viel Geld ihm das Ergebnis ihrer Arbeit wert ist, lediglich 45 Pence werden für die Kreditkartenabrechnung automatisch fällig. Warum tut man das?

RADIOHEAD waren seit 1993 bei EMI/Capitol unter Vertrag, veröffentlichten sechs Studioalben plus eine Live-CD, gewannen zwei Grammy Awards und erreichten mit den CDs "Kid A" und "Amnesiac" jeweils Platz 1 der amerikanischen Billboard-Hitparade. Nun haben sie keinen Plattenvertrag mehr und vermarkten sich selbst. Und zwar auf eine urdemokratische Art und Weise. Das Prinzip ist natürlich nicht ganz neu, derlei Versuche gab es von größeren Bands schon einige und Kollege Prince ging sogar so weit, eine CD via Beilage in einem Musikmagazin zu verschenken. Dennoch ist dieses Experiment der Briten spannend, weil man in einigen Monaten wohl feststellen kann, ob die herkömmlichen Vertriebswege der maroden Musikindustrie oder die mutige Innovationsfreude einer Künstlergruppe die Zukunft der Musik darstellt.

Was kann passieren? Die Schnäppchenjäger und Billigheimer unter den Musikkonsumenten zahlen allesamt nur einen (1) Euro und freuen sich über die Dummheit der Band, oder aber es tritt ein Prozess in Kraft, bei dem sich Fans und potentielle CD-Käufer tatsächlich Gedanken machen, was das Ergebnis monatelanger Arbeit realistisch kosten sollte. Sind das 5 Euro, 8 oder 12, vielleicht sogar 15?
Eine Hypothese: Es wird nicht so viele Downloads wie vor Jahren verkaufte physische CDs geben. Es wird aber durchaus genug Käufer geben, um die Kostenrechnung der Band aufgehen zu lassen. Und es wird eine verblüffend hohe Durchschnittsbezahlung geben, denn ein wahrer Musikfreund weiß durchaus, dass er für seine kulturelle Erbauung oder seinen Freizeitspaß schon immer bezahlen musste. Ob in der Kneipe, im Fußballstadion, beim Bildergaleristen oder im Plattenladen, Ribéry, Bier und Kunst kosten nun mal Geld. Vielleicht wird sogar dem einen und anderen bewusst, dass illegal und kostenlos aus dem Netz gezogene Musik nichts anderes als Diebstahl ist, nebenher den Erzeuger ruiniert und von weiteren Produktionen abhält (Ausnahme: siehe einen Absatz weiter unten). Allerdings wird - hypothetisch - noch eines passieren. Dass nämlich mündige Konsumenten einen "echten" Wert für Musik ermitteln. Der wird nicht bei 99 Cent pro Song liegen, denn dann kann man warten, bis es die CD mitsamt Cover ab Januar auch im Laden geben wird. Er wird niedriger sein, vor allem weil der kluge Kunde weiß, dass bei diesem Vertriebskanal keine Wegelagerer (Vertrieb, Großhändler, Werbeabteilung der Plattenfirma etc.) zwischengeschaltet sind, und dass hier kein Einzelhändler benötigt wird, der natürlich auch noch etwas verdienen muss. Nimmt man noch den Faktor der entfallenden Hardware (CD, Druck, Verpackung), wird der erzielbare Betrag pro Download im Schnitt wohl etwas über 5 Euro liegen - was für die Band mit Sicherheit mehr ist, als es früher bei EMI pro verkaufter CD gab. Vielleicht erfahren wir irgendwann die tatsächlichen Zahlen.

Einen noch radikaleren Weg geht die Pforzheimer NuMetal-Band WIRKSYSTEM, die soeben ihren elften (!) Tonträger vorlegt, und ihn wie immer zum kostenlosen Download auf der Homepage anbietet. Das Motto: "Brenn uns da raus! - Livemusik braucht kein Label".
Man kann geteilter Meinung sein, ob dies die richtige Strategie ist, auf jeden Fall geht sie dem System konsequent an den Kragen.
Eine persönliche Meinung sei erlaubt: Es ist jedermanns Privatsache, was er mit seinen selbst hergestellten Produkten macht. Aber so wenig ein Bäcker seine Brötchen verschenkt, was übrigens kein Bäckereikunde je verlangen würde, so wenig sollte in den Köpfen manifestiert sein, dass Musik per se kostenlos ist, denn, siehe oben, dieses mangelnde Unrechtsbewusstsein ist ohnehin schon viel zu weit verbreitet, und ein Argument wie "der Madonna fällt kein Stein aus der Krone wegen einer gesaugten CD" ist scheinheilig und falsch, schließlich werden auch CDs der so genannten "kleinen" Bands lustig via Tauschbörse oder (noch schlauer, weil nicht verfolgbar) Blog und Webhostern wie RapidShare oder BitTorrent in alle Welt verbreitet. Einer Band wie WIRKSYSTEM deswegen allerdings mangelnde Solidarität mit anderen Künstlern zu unterstellen, wäre anmaßend. Es ist eben ihre Philosophie.

Derweil muss eine junge Amerikanerin 220.000 $ Strafe für 24 von ihr angeblich zum Tausch bei Kazaa angebotene Songs bezahlen. Es war dies ein typisch amerikanischer Musterprozess, bei dem es letztendlich gar nicht mehr um Unrecht, Schuld oder Unschuld ging, sondern bei dem ausschließlich die qua Urheberrecht verbrieften Ansprüche der Industrie gewahrt werden sollten (der Industrie, nicht die der Künstler!).
Mitsamt Anwaltskosten wird die Frau eine gute halbe Million Dollars abzustottern haben - man fragt sich, wie viel wohl Leo Kirch aus seiner krachenden Insolvenz vor fünf Jahren zurückbezahlt hat. Aber egal, er ist ja jetzt wieder zurück im Geschäft und hat soeben einen Milliardendeal mit der Fußballbundesliga abgeschlossen.

Anderes Thema. Rick Rubin arbeitet nun für die Großindustrie! Der Erfinder von Def Jam Recordings ist seit einem halben Jahr Vize-Chef von Columbia Records, die bekanntlich zum Sony-Konzern gehören. Die Süddeutsche Zeitung titelte vor Wochen sehr schön: "Es reicht völlig, wenn er die Musikindustrie rettet".
Sein Job ist simpel, er ist sozusagen Talententdecker, gleichzeitig Entscheider und Entwickler von Zukunftsmodellen.
Als Talentscout und Produzent hat er ohnehin einen legendären Ruf (RED HOT CHILI PEPPERS, BEASTIE BOYS, RUN-D.M.C., die wiederum die abgehalfterten AEROSMITH mit der Neuauflage von Walk This Way aus dem Sumpf zogen), die Entscheidung, Johnny Cashs mausetote Karriere zu reanimieren, war wohl die visionärste Entscheidung der letzten zwei Jahrzehnte, nur fehlt auch ihm seit gut zehn Jahren leider der Schlüssel zum Erfolg, wenn man von den DIXIE CHICKS absieht, allerdings waren die klugen Frauen schon vor ihm relativ erfolgreich.
Nun also bei Sony/Columbia, zynischerweise zusammen mit dem Engländer Steve Barnett, einem klassischen Musikmanager, der u. a. für Epic Records Acts wie AC/DC oder Shakira betreute.
Rubin hat sich ein paar witzige Details in seinen Vertrag schreiben lassen, z. B. muss er kein Büro und Telefon bei Columbia haben, keinen Anzug tragen, er residiert "schlicht" in der Villa in Los Angeles, in der Cash sein inzwischen legendäres Vermächtnis aufnahm. Paradox an der Sache ist, dass genau Columbia ihm ein verheerendes Kuckucksei ins Nest legte, als sie auf die vom ihm produzierte wunderschöne CD "12 Songs" von Neil Diamond eine grässlich schlechte "Marktforschungssoftware" packten. Die CD floppte in Amerika aufgrund des Medienrummels um den Vorgang, Rubin war angepisst, nimmt aber nun trotzdem das vermutlich nicht ganz schäbige Salär des desperaten Branchenriesen entgegen. Ob er wohl helfen kann?
Eher niedlich ist seine erste Innovation: Columbia veröffentlicht keine CDs mehr in Plastikverpackung, es gibt nur noch ach so umweltverträgliche Pappschuber.
Deutlich interessanter scheint der Vorschlag, für eine recht geringe Abonnementsgebühr ganze Musikbibliotheken downloaden zu können. Nur: Dabei spricht der Guru von den Backkatalogen, nicht von neuen Künstlern, die eventuell auch in 20 Jahren noch den Fortbestand der Musikkultur sichern könnten.
Natürlich, für 20 Euro das gesamte Schaffen von zum Beispiel LED ZEPPELIN auf den PC geliefert zu bekommen, klingt verlockend. Es hilft nur keinem einzigen Newcomer bei seiner ersten CD. Oder gibt es bald das "Newcomer-Abo" für nur 9,95? Pro Monat fünf Rookies zum Gesamtpaketpreis?
Vorschlag: Die vielen kleinen deutschen Plattenfirmen tun genau das. Ein einschlägig bekanntes Label aus Hamburg verlangt fürs Monatsabo 9 Euro, liefert dafür zwei Schweinerock-Releases, das Roots-Label aus Baden-Württemberg bietet das Vorteils-Abonnement für seine vielen Neuveröffentlichungen für 20/Monat an, das Münchner Refugium für Raucher bläst seine Doom-Scheiben für einen akzeptablen Gramm-Preis ins Internet.
Es bleibt nur die Frage, ob wir "alten" Musikhörer diese Art der Distribution akzeptieren werden. Wir kennen noch die Vorteile klassischer Plattenläden, wissen auch um die Schönheit eines aufklappbaren LP-Covers. Aber wir gehen auch in gewisser Weise mit der Zeit. Oder?

It's up to you, Kunde, Band, Hersteller, Verkäufer, wie ihr die Zukunft unserer Musik und Lebenseinstellung gestaltet. Strengt euch an.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 11.09.2007

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:

Startseite > Editorial > It's up to you!

 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum