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Thilo Sarrazin war schon öfter Thema in unseren Editorials, er bietet sich eben immer wieder als Ärgernis an. Populistische Lautsprecher stehen nun mal gerne im Mittelpunkt und setzen sich dem Feuer der Kritik freiwillig aus. Leider ist die Kritik an den geistigen Brandstiftern in aller Regel ebenso schablonenhaft wie der Grund dafür - und am Ende werden wieder nur die Stammtische mit neuem Futter bedient. Deswegen stellen wir Thilo Sarrazin nicht in die rechte Ecke der Volksverhetzer, nein, wir unterstützen ihn sogar und fordern: Sarrazin MUSS ein freiwilliges Sozialjahr einlegen und uns ach so dumme Sozialschmarotzer auf den rechten Weg bringen, damit sich Deutschland nicht abschafft, wie sein Buchtitel suggeriert. "Deutschland schafft sich ab" heißt das Werk, und es ist in jeder Hinsicht erschreckend.
Die Ödnis der momentanen Empörung über Sarrazin ist beachtlich. Natürlich regen sich die Juden auf, die Muslime ebenso, die SPD-Spitze auch, das Fußvolk der Partei eher weniger, dafür aber sein Arbeitgeber, die Bundesbank, umso mehr. Und die NPD jubelt, weil endlich einer ausspricht, was so viele nur heimlich denken. Wie gesagt, Ödnis. Aber um was geht es eigentlich? Seit Jahren penetriert der ehemalige Berliner Finanzsenator und noch ehemaligere Bahnmanager mit unsäglichen Forderungen und Theorien jeden durchschnittlich intelligenten Menschen, Thesen wie "4 Euro reichen für das tägliche Leben" (von Hartz-IV-Empfängern) oder "Pullover statt Heizkostenzuschuss für Arbeitslose" waren so bizarr, dass sie die Bundesregierung soeben umgesetzt hat. So wird laut dem "Sparpaket" vom 01. September 2010 an Hartz-IV-Empfänger kein Elterngeld mehr bezahlt und der Heizkostenzuschuss für Wohngeldberechtigte entfällt (weil lt. Finanzminister Schäuble die Energiekosten gesunken sind - man sollte ihm Kopien der Heizkostenabrechnungen zuschicken). Wie so oft hat die Politik die vorgeschickten Nebelkerzenwerfer, in diesem Fall Sarrazin, dazu benutzt, ihre Pläne leise, still und unheimlich umzusetzen sobald sich der Dunst der Empörung über die Unverschämtheit des Provokateurs gelegt hat. (Neulich hat ein Hanswurst aus der Industrie die Kürzung des Jahresurlaubs gefordert - in spätestens fünf Jahren ist es dann soweit.)
Wie die Politik allerdings mit dem Buch umgeht, das letztlich nur Genosse Thilos wilde Ideen der letzten Jahre zusammenfasst, ist noch unklar. Sarrazin, der nach wie vor Mitglied der SPD ist, sagt, dass Deutschland immer dümmer wird. Und schuld daran ist die Unterschicht, bestehend aus Harzern, Sozialhilfeempfängern und natürlich den Muslimen. Die alle leben nur auf unsere Kosten, poppen wild durch die Gegend und vermehren sich wie die Karnickel. Herr Sarrazin schaut wohl sehr oft nachmittags bei RTL Unterschichten-TV.
Jeder weiß, dass es nicht nötig ist, dass die alleinerziehende und vom Sozialamt lebende Mutter von drei Kindern unbedingt noch ein viertes Kind braucht. Jeder weiß auch, dass es ein Unding ist, wenn in Deutschland geborene Kinder von Ausländern in der 7. Klasse immer noch kein halben Satz Deutsch können. Genau wie es nicht hinnehmbar ist, wenn sich Parallelgesellschaften bilden, die abseits des normalen sozialen Lebens, oft abseits des Rechts, manchmal sogar abseits der Verfassung einen Staat im Staat bilden.
Uns allen ist auch klar, dass wir in diesem Land ein Bildungsproblem haben, die PISA-Studien sprechen ein klares Wort. Sarrazin erkennt und addiert in seinem Buch die Missstände und Probleme und - trampelt besoffen von seinem Durchblick wie ein Berserker durch alle Vorgärten sozialen Anstandes. Mittlerweile ist er sogar unter die Genforscher gegangen und erklärt: "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden". Im gleichen Interview für die "Berliner Morgenpost" und "Welt Online" sagt er auch, "dass es zwischen Lehrerzahl und Bildungserfolg offenkundig keinen Zusammenhang gibt." Aha, denkt man sich dabei, wir brauchen also gar keine zusätzlichen Lehrer, wir brauchen nur ein schärferes Abschiebegesetz, das die 10 schwächsten Schüler jeder Klasse umgehend in ihr Ursprungsland (oder in den Steinbruch, falls es deutsche Minderleister sind) expediert, schon haben wir nur noch Klassen mit 28 Schülern. Wenn das mit den Genen stimmt, sagt soeben ein gewisses bayerisches Gen, würde dem mehrfachen Millionär Sarrazin eine anständige Tracht Prügel nicht schaden. Obwohl, der Mann ist ja schon geschlagen, denn er sagt auch: "Am meisten haben mich Statistiken von BASF erschlagen, die die Testleistungen ihrer Lehrlingsbewerber in Rechnen und Rechtschreibung über einen Zeitraum von 35 Jahren verglichen haben. Die Leistungen gehen dramatisch runter."
Spätestens hier schreit man auf. Wenn Sarrazin die abfallenden Leistungen - welche nicht zu bezweifeln sind - einzig auf die fortpflanzungswilligen Doofen und Ausländer der Gesellschaft schiebt, hat er nichts, gar nichts begriffen. Genau wie man einem Affen im Zoo bestimmte Verhaltensmuster beibringen kann, kann man auch Kindern aus schwierigsten Verhältnissen Lesen, Schreiben, Verstehen und Lebensfreude beibringen. Natürlich muss man dazu zuerst an die Eltern herankommen bzw. sie umgehen und im Einzelfall möglicherweise drastisch eingreifen, aber mit Rassentheorien und religiösen Verschwörungsfabeln erreicht man dabei nichts. Selbstverständlich ist das familiäre und religiöse Umfeld von muslimischen Kindern oftmals nicht vereinbar mit dem in Mitteleuropa gemeinhin gültigen Verständnis von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität, wie es von den Freimaurern ausgerufen wurde. Aber statistisch gesehen, und Statistiken liebt Sarrazin ganz besonders, holt man die meisten Verlierer der Gesellschaft mit zwei relativ einfachen Mitteln aus dem Ghetto ihrer geistigen und sozialen Isolation: Bildung und Perspektive. Beides kann und will Sarrazin nicht bieten, denn er geht ja von der Unumkehrbarkeit des von den (muslimischen) Migranten herbeigeführten Untergangs aus.
Man darf mit Sarrazin einer Meinung sein, wenn man verlangt, dass durch Religionszugehörigkeit künstlich erzeugte Nichtbildung verhindert werden muss. Koranschule statt Ausbildung darf nicht sein. Katholische Klosterschule inklusive Missbrauch statt Sozialkunde allerdings auch nicht.
Jugendliche Ladendiebe, Kleinkriminelle, Gewaltverbrecher, Ehrenmorde und Totschläger in S-Bahnen müssen verhindert werden, nicht ausgewiesen. Dafür hat der Populist Sarrazin keine Lösung, außer den seit Jahren bei jedem Landesparteitag aller "Volksparteien" geforderten Plattitüden, das ist geistig sehr arm. Ebenso arm ist die Forderung nach einem Ausschluss des Berufsstänkerers aus der SPD. Erstens hat diese Partei seit Schröder kein Jota mehr für Integration, Bildung und sozialen Ausgleich getan als Merkel und ihr Kasperletheater, und zweitens sollte die Sozialdemokratie qua Namensgebung in der Lage sein, reaktionäre Störenfriede mit Taten ad absurdum zu führen. Aber das kann der Kleingeist Kurt Beck mitsamt seinem stromlinienförmigen Führungsstab nicht. Und an der Basis murmeln derweil die Taubenzüchter Beifall für Sarrazin. Der seinerseits munter durch sämtliche Talkshows des Fernsehens tingelt und sich als das zeigt was er ist: ein stammelnder Phrasendrescher, der mit Halbwissen, Halbwahrheiten und halbgaren Forderungen ein miserabel zusammenzitiertes Buch promotet. Die erste Auflage von 150.000 Stück war am Erstverkaufstag direkt verkauft, der Verlag druckt soeben die vierte.
Um ein paar Dinge klarzustellen: Es geht nicht um lächerliche Gutmenschelei, schon gar nicht um die Sanktionierung von nicht tolerierbaren Zuständen in der Gesellschaft. Und ja, ich möchte im türkischen Gemüseladen genauso freundlich empfangen werden wie im bayrischen Bierlokal - und andersrum, aber ich werde beide bekämpfen, wenn ich erfahre, dass der Tomatenverkäufer seine Tochter unters Kopftuch zwingt, oder mir die Bedienung im Wirtshaus erklärt, dass meine langhaarigen Musikerfreunde unerwünscht sind. Genau wie ich Kapitalisten wie Thilo Sarrazin bekämpfe, wenn sie "Sozialstudien" publizieren und unerträgliche Demagogie betreiben, ohne einen Lösungsansatz zu bieten. Dabei wäre es so einfach. Rotten wir die Dummheit der Chefs in Politik und Wirtschaft aus, dann gibt es auch bald wieder kluge Bürger.
PS: Soeben melden die Nachrichten, dass die Bundesbank Sarrazin "abberuft". Das heißt, er wird nicht entlassen, darf also bis zu seinem Vertragsende 2014 seine kärglichen Bezüge weiterhin kassieren. Immerhin kann er dann die Kohlen für die Heizung bezahlen und muss nicht im dicken Pullover vor dem Fernseher in seiner Zweizimmerwohnung im Plattenbau sitzen.
Das Wortspiel "Bundesbank schafft Sarrazin ab" dürfte in den nächsten Tagen inflationär zu lesen sein. Wir sparen es uns an dieser Stelle.
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