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Hall of Shame:

Tschüss Bikerrock!

Eine Verabschiedung nicht existierender Werte

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Unser Disclaimer

Ich hasse Uniformen. Als Zeichen kollektiver - wohlgemerkt: kollektiv, nur ja nicht individuell - Ein- bzw. Unterordnung bis hin zum Kadavergehorsam sind sie mir mitsamt ihre Zurschaustellung von (kollektiver) Macht zutiefst zuwider. Das gilt für militärische und für freizeitterroristische Uniformen.
Der Mensch neigt zu Massenveranstaltungen und je einheitlicher der Dresscode (=Uniformierung) desto größer der Fanatismus mit denen Massenveranstaltungen betrieben werden. Wie weit Fanatismus führen kann ist uns allen bewusst. 50.000 Menschen skandieren "zieht den Bayern die Lederhosen aus" oder "wir sind das Volk" und glauben es am Ende noch selbst.
Jede Form von Massenfanatismus braucht Anführer. Die kann man auch als Rädelsführer, geistiges Oberhaupt, U.S.-Präsident oder Sektenchef bezeichnen. Diese wenigen zur Leadership befähigten Menschen erlangen durch individuelle Fähigkeiten Macht und benutzen sie. Zum Beispiel als Vorstandschef eines Großkonzerns, als Bundeskanzler oder als Präsident eines Motorradclubs.
Wir alle wissen, dass Macht-Menschen zum Macht-Missbrauch neigen, sei es durch banalen Steuerhinterzug oder den Hang, subordinierte Personen für eigene Zwecke einzusetzen. Manchmal ist dazu Druck notwendig, manchmal führt bereits eine leise Aufforderung eines Lakaien zum Ziel. Die Grenze zwischen positivem Macht-Gebrauch zur Erreichung sinnvoller Ziele und illegalem - ergo kriminellem - Handeln ist schmal.

Um zur korrekten Recht-Schreibung zurückzukehren: Machtmissbrauch durch Machtmenschen ist gefährlich.

Wir waren dieser Tage bei der 4. European Bike Week am Faaker See in Österreich. 100.000 Menschen (Angabe des Veranstalters) tummelten sich an diesem idyllischem Plätzchen und erfreuten sich an einem bunten Programm und ihren Motorrädern, vorwiegend wunderbar designte Prachtexemplare der Marke Harley-Davidson (Reiskocher waren auch dabei).
Biker haben einen über die Jahrzehnte transportierten schlechten Ruf. Dagegen hilft auch nicht, dass aus Kostengründen heutzutage oftmals Ärzte, Anwälte und andere Bestverdiener die schönsten und teuersten Geräte bewegen. Biker waren und bleiben im Auge des unbedarften Bürgers für immer langhaarige Halbkriminelle mit Neigung zu Gewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch und Vergewaltigung. Steuerhinterzieher sind kluge Menschen. Betrunkene Randalierer sind dumm. Fanatisierte Glaubenskrieger sind gefährlich.
Aber Biker sind doch nicht dumm, im Gegenteil, Biker sind die letzten echten Rebellen und Menschen die Freiheit und Unabhängigkeit suchen und ihre Motorräder lieben?!? Oder sind andere Menschenaufläufe wie 1. Mai Kundgebungen, Opern-Open-Air-Konzerte, Nokia's Night of the Proms, DFB-Pokalendspiele oder U-Bahn Stationen im Berufsverkehr durchsetzt von geistigen Tieffliegern? Als U-Bahn Benutzer kann ich sagen: Die durchschnittliche Intelligenz der Ladung einer gut gefüllten U-Bahn dürfte in etwa dem demographischen Bevölkerungsmittel entsprechen. Ausreißer nach oben und unten sind möglich, immerhin sieht man neben Lesern der BILD-Zeitung auch Leute mit Büchern von Hermann Hesse nach Downtown fahren.
Ich war auch schon bei vielen Kundgebungen zum 1. Mai und habe dort durchaus Kandidaten getroffen, mit denen ich niemals ein Bier trinken möchte. Obwohl ich doch eine klassische rote Arbeitersocke bin.

Zurück zu den Bikern. Harley-Fahrer sind in der H.O.G. (Harley Owners Group) organisiert. Aus ganz Europa kommen die H.O.G.-Chapters zu Treffen wie dem am Faaker See angereist. Natürlich ist für solche Mammutevents Organisation und Leitung notwendig. Es muss jemand sagen was gemacht wird, immerhin sprechen wir nicht vom Ausflug der 14 Kleinwanzlebener Kegelfreunde.
Im so genannten American Bike Village am Faaker See gab es also verschiedenste Aktivitäten zu bestaunen. GoGo Girls, Fressbuden, klassische Bikerbands wie DIE ALPENREBELLEN (DIE Topstars der Schlager- und Volksmusik), ein Burn Out Place, Bike Parade, Touren durch das Umland und und und. Man muss nicht eigens erwähnen, dass so viele Menschen nicht nur eine ganze Menge Pferdestärken bewegen, sondern auch einen großen Haufen Geld. Es stecken also handfeste wirtschaftliche Interessen hinter einer solchen Veranstaltung. Das ist vollkommen legitim und bietet nicht den geringsten Anlass zu Kritik.

Wir wissen seit Jahrzehnten, dass zum Lifestyle eines echten Bikers - neben diversen äußerlichen Insignien - Musik gehört. Rockmusik, Bikermusik, laut, hart, rebellisch, so wie sie sind unsere zweirädrigen Freunde. Ganze Legionen Rockbands wurden im Laufe der Zeit zu so genannten Bikerbands, Born To Be Wild und tausend andere Hymnen ertönen bei jedem Bikertreffen. Was macht also mehr Sinn, als den Besuchern der American Bike Week ein maßgeschneidertes Kuttenträger-Programm zu bieten. Bands wie BIRTH CONTROL, DOC HOLLIDAY, GIRLSCHOOL, SAXON (in der Oliver/Dawson Version), THE ANIMALS oder SLADE können mit ihren Songs ganze Biker-CD-Compilationen füllen, Harley-Davidson wirbt mit dem schönen Spruch "Express yourself in the company of others" und man durfte sich also auf rauschende Abende mit grandioser Musik und 2.500 feiernden Bikern freuen.

1. Abend: Aus Hamburg kamen OHRENFEINDT und BIRTH CONTROL. Gamma Ray in einem vollen Zelt und am besten 30 Minuten lang. Denkste! 10 Leute wollten die Legende sehen. Nun ja, Anreisetag, waren wohl alle noch müde.
2. Abend: Schon besser, wenigstens 350 Besucher kamen für 10 Euro ins Zelt um die ANIMALS und SLADE mit ihren alten Hits zu hören. Seltsam nur, dass kaum "echte" Biker anwesend waren, dafür viele "Normalos" und Freizeitmotorradfahrer.
3. Abend: Aus Italien kamen W.I.N.D. und knallten ihren virtuosen Jam-Bluesrock ins Zelt. Danach DOC HOLLIDAY mit einem irrsinnigen Programm zwischen Lonesome Guitar und Waiting For The Bus. Die Menge jubelt, nur leider besteht sie aus 10 (!) Menschen. Selbst nach der Öffnung des Zelts und freiem Eintritt verlaufen sich grade mal etwa 30 Nasen. Keine Biker in Sicht.
4. Abend: Abgesagt!

Der schriftlich niedergelegte Grundsatz eines wahllos aus dem Internet herausgegriffenen Harley-Davidson Chapters: "So viel Individualität und Freiraum wie möglich einerseits, so wenig eingrenzende Regeln andererseits wie gerade noch zur toleranten Führung eines Chapters notwendig".
Haben wir uns so geirrt? Ist Last Ride, Motorcycle Man, Harley-luja, Race With The Devil oder Cum On Feel The Noize gar keine Musik für Biker? Wollen diese wilden Männer wirklich die ALPENREBELLEN und fünftklassige CCR-Coverbands hören? Was läuft da schief? Warum meiden die organisierten Motorradfahrer das Musikzelt als ob Todesstrafe bei Betreten droht? Warum sitzen Tausende Besucher den ganzen Tag glasig stierend auf Bänken an der Strasse und betrachten die vorbeiparadierenden Motorräder, am Abend wollen sie sich aber nicht den benzinvernebelten Kopf mit Rock & Roll durchpusten lassen? Warum bemühen sich die Jungs und Mädels, größtmöglichst coole Gesichter zu machen, so gefährlich wie nur irgend machbar zu gucken, literweise Jägermeister noch vor dem Entstehen eines Vollrausches wieder auszukotzen aber bloß keine Party zu feiern?
Waren die alle im Table Dance Zelt? Um für nicht zu knapp Geld den (sich verkaufenden) Mädchen ihre öligen Finger dorthin zu schieben, wo sie sonst nie hinkommen würden? Also lieber Hardcore statt Hardrock? Was für ein grausamer Irrtum.

So schließt sich der Kreis.
- Handfeste wirtschaftliche Interessen: Siehe oben, 100.000 Menschen konsumieren für viel Geld.
- Mafiöse Strukturen: Streitigkeiten zwischen H.O.G., Company und Festivalverantwortlichen, dazu lokale Fürsten mit Macht, bei denen selbst der härteste Rocker die Straßenseite wechselt.
- Obrigkeitshörigkeit und Kadavergehorsam: Was der Boss nicht billigt ist schlecht.
- Ignoranz: Wen ein Festivalbesucher behauptet von den Konzerten nichts mitbekommen zu haben, kann er nicht lesen!
Und ganz offenbar: ANGST vor körperlichen Repressalien.
All das hat zu diesem Desaster geführt - gewisse eindrucksvolle Herrschaften standen bereit und machten durchaus den Eindruck, auch mal körperlich eingreifen zu können.

Neben dem monetären Verlust beim Konzertveranstalter haben leider auch die "Individualität und Freiraum" liebenden Biker verloren. Meine Respekt nämlich. Diese riesige Masse gestandener Kerle lässt sich offenbar von einigen wenigen "Leadern" vorschreiben was zu tun ist und was nicht. Ride free? Von wegen! Toleranz? Fehlanzeige!
Das Wort "uniformieren" heißt nichts anderes als "einheitlich machen". Zehntausende von Harley-Davidson Fahrern haben sich einheitlich machen lassen. Und klein. Wie traurig.
Ich hasse Uniformen. Trage aber weiterhin meine Insignien Freiheit, Individualität und Unabhängigkeit als Rockfan mit Stolz und brauche dazu keine Kutte, kein Bike und kein Blechschild auf dem "Chief" steht.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 16.09.2004

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