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Auf einem Mittelalterfest gehen die Uhren anders. Da lotst einen dann auch schon mal ein Künstler per Handy zum Hotel, wo
man sich dann wenige Minuten später im lauten und überfüllten Biergarten gegenüber sitzt. Michael Popp von ESTAMPIE hat
jedoch eine Menge zu erzählen...
HoR: Michael, ESTAMPIE feiern dieses Jahr ihr zwanzigjähriges Jubiläum. Gibt es dazu irgendwelche besondere
Aktionen auf dem Konzertsektor und entsprechende Veröffentlichungen oder ist bei euch 'business as usual' angesagt?
Michael: Da waren wir uns nicht ganz einig. Zunächst einmal ob das Jubiläum heuer ist, oder nicht erst nächstes
Jahr. Da gibt es nämlich verschiedene Gründungsdaten. Offiziell gegründet haben wir uns zwar am 15.11.1985, das erste
Konzert haben wir aber erst 1986 gemacht. Also gäbe es auch die Möglichkeit das Ganze erst nächstes Jahr zu machen.
Wir haben zunächst gedacht, dass wir eine DVD machen, aber wir haben dann aufgrund des Aufwands und der Ablenkung von den
anderen Projekten, den uns das kosten würde davon Abstand genommen. Wir haben dann gesagt, dass wir jetzt keine große
Geschichte machen. Wir werden bestimmt irgendein Konzert machen, in München wahrscheinlich, zum Beispiel mit verschiedenen
Gästen. Aber wenn man dann die Möglichkeit hat ein großes Konzert zu geben, dann ist das auch wieder gut, ein neues
Projekt anzugehen.
Wir haben ja immer wieder so neue Projekte, wie das 'Marco Polo' zum Beispiel, und da haben wir ja den zweiten Teil der
Trilogie mit dem arabischen und jüdischem Gesang. Wenn wir also das Angebot hätten das zu machen, sprich, wenn es auch
finanziert wird, dann würden wir lieber die Gelegenheit nutzen das zu machen und das mit dem Jubiläum verbinden.
Es ist halt immer so eine Sache ob es das wert ist, da jetzt groß zu feiern. Es muss sich einfach auch anbieten. Groß vom
Zaun brechen wollen wir es nicht und ich glaub', dass es dieses Jahr nichts Großes mehr wird. Ich denke wir verschieben
das aufs nächste Jahr.
HoR: Du hast gerade schon das 'Marco Polo'-Projekt angesprochen. Wenn ich das richtig verstanden habe geht es dabei
nicht nur um Musik, sondern es hat auch eine ausgeprägte visuelle Komponente durch aufwändige Licht- und Bildprojektionen.
War dadurch die DVD das logische Veröffentlichungsformat für das Projekt?
Michael: Ja, klar. Für unsere Verhältnisse war der visuelle Aufwand schon ziemlich stark, so dass wir gesagt haben,
wenn man das schon dokumentiert, dann sollte man das auch sehen. Der erste Gedanke war also nicht eine DVD zu machen um
damit Geld zu verdienen, was wir damit wahrscheinlich eh nicht tun werden und wenn überhaupt, nur ganz wenig. Der
wichtigste Gedanke war eigentlich der, dass man so ein mehr oder weniger einmaliges Projekt einfach festhalten wollte.
Aber klar, DVD macht nur dann Sinn, wenn auch ein visueller Aspekt dabei ist. Ich hab allerdings den Eindruck, dass unsere
Klientel nicht so unbedingt der DVD-Fan ist. Ich glaube DVD ist doch mehr in der Pop- und Teenie-Ecke vertreten.
HoR: Es sei denn, es ist etwas Besonderes...
Michael: Es sei denn, es ist etwas Besonderes, was wirklich Sinn macht. Es hat aber auch damit zu tun, dass viele
der ESTAMPIE-Klientel oftmals auch gar keinen DVD-Spieler haben. Das gibt es immer noch sehr viele. Es wurde ja
vorausgesagt, dass DVD das große Medium sein wird und das stimmt zu Teil auch, aber da hat sich die Zuhörerschaft
gespalten. Es gibt ein bestimmtes Klientel, die sind durch und durch sozusagen dvdisiert und die anderen gar nicht. Wir
sind da gerade so an der Grenze. Ein Teil unseres Publikums hat es, ein Teil eben nicht.
Aber um die Frage mal konkret zu beantworten: Da wo ein visueller Teil dabei ist, und der ist bei 'Marco Polo' wirklich
wichtig, mit diesen ganzen Bildern von Bruno Baumann und nicht zuletzt die ganzen Musiker in ihren Kostümen, die da
mitspielen, das war es schon wert, dass man es auf DVD umsetzt. Das wird auch bei den anderen Teilen der Trilogie der
Ethnoprojekten genauso sein.
HoR: Eine parallele Veröffentlichung auf CD wird es aber nicht geben...
Michael: Nein. Das braucht es auch nicht. Vielleicht gibt es das bei dem nächsten Ethnoprojekt. Da könnte ich mir
vorstellen, dass wir auch eine CD veröffentlichen. Das muss sich aber dann unterscheiden. So, dass wir zum Beispiel eine
Live-DVD veröffentlichen, aber das ganze Projekt für eine CD auch noch einmal richtig im Studio produzieren. Das ist aber
auch wieder ein bisschen eine Kostenfrage. Man muss sich aber auch überlegen, ob es Sinn macht zwei Mal das Gleiche zu
veröffentlichen.
HoR: Ja, man macht sich damit ja auch irgendwo selber Konkurrenz, denn die Wenigsten werden sich beide Formate
kaufen.
Michael: Ja, außer den Hardcore-Fans und die will man ja auch nicht bis zum Letzten ausschröpfen. Das ist ja auch
so eine Sache. Da gibt es manche Bands, die wissen, dass sie ein Publikum haben, das alles kauft, was es jetzt gibt und
das entsprechend ausnützen und dabei auch eine Menge Unsinn herausbringen. Da muss man schon ein bisschen aufpassen.
Das muss man jetzt einfach mal sehen. Auf jeden Fall ist der vor zwei drei Jahren angekündigte große Run auf die DVD für
uns nicht so diskutabel. Das heißt nicht, dass wir keine machen, aber in Maßen.
HoR: Ich denke auch nicht, dass eine DVD etzt so der riesige kommerzielle Erfolg ist.
Michael: Ja, doch für manche Bands schon. Ich weiß von einer Band wie L'AME IMORTELLE, die also mehr so ein
jüngeres Publikum ansprechen, wenn da eine DVD rauskommt, ist ein ganz großer Run darauf. Auch
IN EXTREMO oder so. Da ist das schon ein größerer
Auflauf, aber bei uns ist das nicht so wahnsinnig.
HoR: Bei dem 'Marco Polo'-Projekt habt ihr mit zahlreichen internationalen Künstlern aus dem asiatischen Raum
zusammengearbeitet. Wie kam es zu den Kontakten mit diesen Leuten? Ich stell mir das nicht ganz so einfach vor.
Michael: Das ist auch nicht einfach, aber da gibt es eben Internet und die Bekanntschaft untereinander. Es ist im
Grunde eine Recherche. Man fängt irgendwo an, packt den Zipfel von irgend jemand den man kennt, durch Zufall, oder wenn
man über jemanden liest, und versucht dann in Kontakt zu treten. Dann geht's halt vom einen zum anderen. Da gibt's kein
Geheimnis. Das ist, wie wenn man was recherchiert, wenn man irgend jemanden finden will, dann fragt man halt herum, schaut
im Internet, forscht was gibt es so oder fragt auch verschiedenste Institutionen. Also das Haus der Kulturen in Berlin,
die sind bekannt dafür, dass sie viel mit Ethno zu tun haben. Wir haben es sogar bei Botschaften probiert anzurufen. Wir
sind dann fündig geworden und so nach und nach hat man die Leute halt kennen gelernt.
Wichtig ist ja auch, dass man da so einen gewissen Pool hat, weil ja nicht immer alle greifbar sind. Teilweise sind die
gar nicht in Deutschland, weil sie zum Beispiel kein Visum haben. Manche kommen dann auch nur für so drei Monate und sind
dann wieder weg. Bei der letzten Aufführung von 'Marco Polo' in Nürnberg zur Eröffnung des 'Fränkischen Sommer' war einer
unserer Musiker in Tadschikistan und kam da im Moment nicht raus, weil da sind irgendwelchen Unruhen oder einer
schwierigen Situation. Dann mussten wir es mit einem anderen machen. Es ist schon eine schwierige Geschichte. Das kostet
Nerven und Kraft und Zeit so eine internationale Truppe da irgendwie an den Start zu bringen. Das ist nicht einfach.
HoR: Gab es irgendwelche besonderen Probleme durch Sprachbarrieren.
Michael: Auch, ja! Also nicht nur die Sprachbarriere sondern auch durch die Mentalität. Also die Mongolen zum
Beispiel, da gibt es natürlich auch Unterschiede, aber da gibt es schon manche die sagen: 'Heute Abend hab ich keine Lust
zum spielen.' Einfach so. Das ist für die so normal. Die denken, ja mein Gott, dann spielt halt jemand anders. Die fassen
Musik halt anders auf. Das ist eine kulturelle Barriere. Für die ist halt Musik 'Wenn ich nicht spiele, dann spielt halt
ein anderer und wenn keiner spielt, dann spielt halt keiner. Spielen wir halt vielleicht morgen'. So in der Richtung. So
wie es bei uns läuft, dass da generalstabsmäßig irgendein Termin anvisiert wird, mit Presse und was weiß ich, Eröffnung
eines Festivals und alles mögliche und da musst du natürlich um jeden Preis... Das verstehen die nicht.
HoR: Da könnte ich mir vorstellen, dass das Ganze eine unheimliche persönliche Erfahrung für dich war, die dich
weitergebracht hat.
Michael: In der Tat. Es ist eine große persönliche Erfahrung. Nicht nur von der Seite. Das natürlich auch, also die
menschlich-persönliche Seite, aber auch die Musikalische. Man lernt sehr viel darüber, wie unterschiedlich man Musik
auffassen kann, wo Stärken und Schwächen liegen. Bei den Mongolen mit dem Obertongesang, das sind ja auch Dinge, die uns
völlig fremd sind. Da hab ich gar keine Idee, wie so was funktioniert, obwohl ich schon sehr vielseitig interessiert bin.
Da gibt es immer wieder ganz neue Geschichten und Erfahrungen - aber auch im menschlichen Bereich! Das ist wirklich
interessant.
HoR: Und woher kam der Ansatz, die Idee, diese Faszination, die du mitbringen musst um das Thema 'Marco Polo'
aufzugreifen?
Michael: Hm, das ist schwierig. Da muss ich jetzt überlegen, weil irgendwann hat sich so ein Projekt in deinem Kopf
verfestigt, und es schaut so aus als ob das Thema schon immer dagewesen wäre. Das war es natürlich nicht. Aber wie war das
jetzt?
Ich glaube, der Ursprung war das ESTAMPIE Mittelaltermusik immer schon als ethnisch beeinflusst aus dem Orient gesehen
hat. Das ist ja schon seit Jahrzehnten eine Diskussion inwieweit unsere Mittelaltermusik eigentlich arabischen Ursprungs
ist.
HoR: So ein bisschen hört man das doch aber immer heraus...
Michael: Ja, ja... nicht bei allen. Also bei IN EXTREMO hör ich das zum Beispiel nicht raus. Aber diese Diskussion
gibt es schon lange und wir haben uns schon immer mit arabischer Musik beschäftigt und über diesen Weg und die Instrumente
und ich selber spiele ja viele Instrumente, die aus dem arabischen Raum kommen... Das ist eigentlich so der Urgrund und
dann war das zweite natürlich, dass wir immer nach großen Themen des Mittelalters suchen und da ist 'Marco Polo' natürlich
ein großes Thema.
Dann ist schon relativ bald nach dem Mauerfall die Idee entstanden das anzugehen, weil wir da sagten, jetzt hätten wir mal
die Möglichkeit an die Leute ranzukommen. Das war ja vorher praktisch gar nicht möglich. Mal zu sehen, gibt es dort diese
Musik überhaupt noch, diese Traditionelle.
Wir haben dann festgestellt: Die gibt es jetzt wieder, ganz langsam. Das war teilweise fast völlig vergessen, an manchen
Orten auch völlig verboten. Na ja, kann man so sagen. War offiziell verboten aber man hat das sehr ungern gesehen. Das
merkt man heute noch. Was nicht sowjetisch war, also die Mongolei zum Beispiel, da gab es immer Konservatorien, wo das
gepflegt worden ist, aber ganz Turkmenistan, Usbekistatn, Tadschikistan, alle diese Länder, da gibt es erst jetzt ganz
langsam wieder Musiker, die sich damit beschäftigen, mit der traditonellen Musik und ihrer eigenen Mittelaltermusik.
HoR: Das schöne an der Thematik ist ja, dass zumindest aus der mittelalterlichen Musikszene sich bislang niemand
dieses Themas angenommen hat.
Michael: Ja, da legen wir schon immer wieder Wert darauf, dass wir als alte Hasen, so mit die Erfahrensten auch mit
dem größten Horizont sind. Oder auch einer derjenigen, die da immer ein bisschen den Überblick haben. Sehr viele der
Nachfolger, die jetzt vielleicht kommerziell wesentlich erfolgreicher sind, sind auch wesentlich beschränkter. Da kann man
halt auch nicht mehr so viel machen, wenn man auf einer bestimmten Schiene Erfolg hat. Das kann man dann nicht beliebig
ausweiten. Bei uns geht halt das schon. Das war ja unser Anliegen. Ich mein, das geht Hand in Hand. Das ist auch der
Grund, warum wir jetzt nicht diesen kommerziellen Erfolg haben wie andere, weil wir halt immer wieder Wege gegangen sind,
die eher von der künstlerischen Seite interessant waren. Das werden wir auch weiterhin so halten. So lange ESTAMPIE
spielen werden wir immer wieder Ideen angehen und verwirklichen, auf die andere halt nicht so leicht kommen. Also nicht,
weil sie jetzt blöd wären, sondern weil es unter Umständen einfach schlecht geht.
HoR: Eure Veröffentlichungen stehen ja immer unter einem eindeutigen Thema, das sich auch in der Musik
niederschlägt. Brauchst du diese strukturierte Arbeitsweise? Macht es das für dich leichter, kreativ zu sein?
Michael: Zunächst einmal macht es das interessanter. Das knüpft ja jetzt an die Frage vorher an. Wir versuchen
immer irgend etwas gehaltvolles zu machen. Also nicht nur Musik zu machen, die man dann auf eine CD bringt und verkauft,
sondern wir betrachten CDs machen eher wie Bücher schreiben. Da ist ja auch immer ein Inhalt drin. Du schreibst an einem
Buch und das beschäftigt sich mit einem Thema. Das ist auch letztendlich ein Ausdruck unserer persönlichen Entwicklung zu
dem Zeitpunkt, wo wir da gerade waren. Das hat sich natürlich im Laufe der Jahre auch immer wieder verschoben und
verändert. Es ist auch immer ein Ausdruck von der Konstellation in der Gruppe. Man hört, wer war da so dabei und wer war
zu dem Zeitpunkt festes Mitglied, wer war weniger festes Mitglied und so weiter und so weiter. Also das ist für uns immer
schon so ein dokumentieren des künstlerischen Schaffens.
Insofern hat das auch immer mit einem Thema zu tun. Einfach so Musik zu machen, weil gerade Zeit ist, das ist nicht so der
Ansatz. Man sucht sich schon ein Thema, man beschäftigt sich mit Themen und es sind auch immer so ein paar Themen auf
Halde. Siehe 'Marco Polo'. Die Idee an sich war mehr als zehn Jahre alt und die Realisierung hat bestimmt schon fünf Jahre
angestanden. Mit den weiteren Themen ist es genauso. Die gibt es auch schon lange.
HoR: Im Moment habt ihr praktisch vier aktuelle Projekte am Laufen. Die Gregorius-Geschichte, das
Marco Polo-Projekt, "Signum" als letzte
reguläre CD-Veröffentlichung und "Rosas", das sakrale Projekt. Gibt es da ein Lieblingskind?
Michael: Das Lieblingskind ist Marco Polo für mich. Das spiele ich am Liebsten. Es ist halt das Spannendste.
HoR: Sicher auch das Aufwändigste.
Michael: Natürlich auch das Aufwändigste, das Spannendste. Aber eigentlich kann ich das nicht so sagen. Es hängt
eigentlich immer von den Umständen ab. Also wenn wir jetzt hier so sitzen und es wird wieder schön, und wir spielen
nachher auf der Bühne und es ist eine schöne Stimmung, dann ist das schon ein befriedigendes Erlebnis und dann ist jedes
Konzert einfach schön. Aber nicht jedes Konzert läuft gleich und gerade wenn man so wie wir ein bisschen im sensiblen
Bereich arbeitet, dann ist man halt sehr abhängig von Umständen, die gar nicht in unserer Macht liegen. Vom Wetter zum
Beispiel, und von den Veranstaltern, und vom Veranstaltungsort, wie ist dort die Akustik, wie ist das ganze organisiert
und fahren ständig Autos dran vorbei, solche Geschichten eben. Also das ist immer wieder eine neue Erfahrung und ein neues
Erlebnis.
HoR: Ihr spielt trotzdem relativ wenig Konzerte. Ist das auch eine Folge des konzeptionellen Arbeitens, dass man
sich überlegt, ich habe hier etwas Besonderes, das möchte ich jetzt nicht zu einem Allerweltsprodukt machen, indem ich es
an jeder Hausecke aufführe?
Michael: Ja, natürlich ist es das auch. Das hat aber auch damit zu tun, dass wenn du einen gewissen Anspruch an ein
Konzert hast, sowohl vom Organisatorischen, als auch so ein paar andere Dinge, dann ist es auch nicht so leicht
aufführbar. Mit sowas wie Marco Polo kannst du ja in dem Sinne nicht richtig auf Tour gehen. Das kannst du nicht machen.
Da muss ein Veranstalter da sein, der da entsprechend das Geld auch hat. Also, das ist alles nicht so einfach.
Ich würde das aber mal so sehen. Die A-Konzerte, also die, die wirklich gut promotet sind, die auch in einem ansprechenden
Rahmen sind, da spielen die anderen auch nicht so wahnsinnig viele.
HoR: Das ist so natürlich richtig.
Michael: Das meiste ist doch dann so Gebrauchszeug, was einem halt so unter die Finger kommt. IN EXTREMO ist halt
eine große Band, die einen extrem großen Zulauf hat, auch wenn es keine Mittelalterband mehr im eigentlichen Sinne ist.
Die haben ihr Publikum im Metal-Bereich und da läuft das alles ganz anders. Die sind im Grunde eine Riesenband jetzt
geworden.
HoR: Ihr habt in dem Jahr ja auch auf dem WGT gespielt, was ja dann eher untypisch für euch war. War das dann jetzt
eins der besonderen Konzerte für euch, oder habt ihr das gemacht, dass ich auch einfach mal dort wart?
Michael: Nee. Das ist schon eine besondere Sache. WGT ist immer etwas Besonderes. Aber wenn man da mal in das
heidnische Dorf geht, das ist da ja auch nicht viel anders als hier. Wenn wir da in der Agra-Halle spielen würden, dann
wäre das schon wieder etwas ganz anderes. Also das würde ich auch nicht unbedingt bevorzugen, oder das würde ich erst gar
nicht anstreben mit ESTAMPIE da zu spielen. Aber klar, das WGT ist immer ein besonderes Ding. Da hab ich mittlerweile
einen besonderen Bezug, weil ich glaub, ich bin der Musiker der überhaupt am Öftesten auf dem WGT gespielt hat.
HoR: (Au verdammt, da hat sich der Fragesteller aber ein Ei gelegt.) Mit
QNTAL, dann...
Michael: Ja, und noch früher mit den
Lakaien natürlich. Ich glaub, ich hab da schon
mindestens zehn Mal gespielt und ich glaub, es gibt keinen der öfter da war. Selbst mit ESTAMPIE waren es glaub ich sechs
oder sieben Mal. Die haben da ja so eine Liste, wer wie oft gespielt hat, und da sind wir auch ganz vorne mit dabei. Mit
QNTAL auch fünf mal oder so... also das ist so mein persönlicher Rekord, von dem außer mir zwar keiner weiß, aber mir
macht das Spaß.
HoR: (Unverfänglicher Themenwechsel) Und wie seid ihr zu der Veranstaltung hier nach Stetten gekommen?
Michael: Einfach durch den Veranstalter, der bei uns im Konzert in Worms war. Der ist einfach auf uns
zugekommen.
HoR: So eine ganz profane Clubtournee, einfach mal um euren Bekanntheitsgrad zu steigern, mit einer anderen Band
zusammen, eventuell sogar mit QNTAL als Doubleperformance... so etwas könnte dich nicht irgendwann einmal reizen?
Michael: Nee, so besonders nicht. Also ESTAMPIE ist kein richtiges Clubthema. Wir haben zwar schon in Clubs
gespielt, aber das braucht immer noch so ein bisschen spezielle Atmosphäre. Das ist auch kompliziert, weil es musikalisch
kompliziert ist.
Was zum Beispiel interessant wäre, wäre jetzt keine Clubtour zu machen, sondern zum Beispiel eine Kirchentour zu machen,
aber da wird es wieder sehr aufwändig und das heißt es ist nicht mehr finanzierbar. Da muss man dann Verstärker bringen,
die ganze Organisation, du hast keinen Veranstalter in dem Sinne.
Das meinte ich vorher aber auch mit den vielen Konzerten. Wenn man seine Musik auf die Clubs zuschneidet, dann ist es auch
leicht aufzutreten. Wenn man aber eine Musik macht, die nicht in die Clubs passt, dann ist es schwieriger. In einem Club
ist ja fast alles schon eingerichtet. Da kann man mit wenig Aufwand auch einfach mal so spielen. So für plus minus Null,
da muss ja fast niemand kommen, dann ist das schon okay. Aber für uns wird es da schon schwierig.
HoR: Ihr bewahrt euch dadurch aber auch einen Hauch von Exklusivität.
Michael: Ja, ja klar. Es geht aber gar nicht so um die Exklusivität. Es geht einfach auch ums Überleben, das man
das auch auf Dauer machen kann. Das ist schon ein wichtiger Aspekt. Auch von der persönlichen Kraft her. Ich glaub nicht,
dass man das auf Dauer durchsteht, wenn man jedes Jahr einhundertfünfzig Clubkonzerte macht. Nach fünf Jahren bist du so
am Ende, da fasst du kein Instrument mehr an.
HoR: Und es würde wohl auch zu Lasten der Kreaktivität gehen.
Michael: Absolut. Und bezüglich der persönlichen Kraft muss man schon schauen, dass man sich ein bisschen die Power
bewahrt.
HoR: Wie bist du eigentlich zur mittelalterlichen Musik gekommen?
Michael: Eigentlich durch mein Studium. Ich bin ja zu der Mittelaltermusik gekommen, als das noch gar kein Thema in
der Öffentlichkeit war. Als ich angefangen habe, da wusste keiner was das bedeuten soll: Mittelaltermusik. Was ein
bisschen bekannt war damals, das war so Renaissance, Chormusik, Choral kannte man von der Kirche. Zu dem Zeitpunkt hat man
mittelalterliche Musik nur über ein Studium, also den akademischen Weg kennen gelernt. Auch die Quellen, und so. Es gab
damals keine Drucke. Da musste man wirklich in die Bibliotheken, sich das selber raus suchen. Das war damals schon
ziemlich schwierig und kompliziert, aber so hab ich das kennen gelernt. Dann kam erst mal die ganze barocke
Aufführungspraxis, ich hab Oboe studiert und Sigrid Gesang. Dann haben wir uns so langsam rangetastet und immer weiter
nach vorne. Dann haben wir auch Leute kennen gelernt, die sich auch damit beschäftigten und so sechs sieben Jahre später
wurde es dann eigentlich öffentlich, wo es dann langsam etwas bekannter wurde und weiter verbreitet wurde. Jetzt ist es ja
ein richtiger Boom, sozusagen.
HoR: Von dem ihr in gewisser Weise auch profitiert.
Michael: Ach nee. Nicht eigentlich wirklich.
HoR: Nicht?
Michael: Nee. Der Boom ist für uns eher etwas kontraproduktiv. Der Boom geht ja auch etwas in eine andere
Richtung...
HoR: Vom Anspruch her vielleicht...
Michael: Ja, und auch auf die kommerziellen Seite hin. Das grasen halt doch schon andere Bands ab. Der Anspruch
wird niedriger, es gibt halt Leute die da Felder besetzen. Es gibt halt viele Bands. Als wir angefangen haben, wenn du da
in ein Plattengeschäft gegangen bist, da gab es halt ein Fach 'alte Musik' und da sind vielleicht zehn, damals noch
Schallplatten drin gestanden. Da war dann eine ESTAMPIE dabei. Wenn man sich dann sagte, ich will jetzt mal alte Musik
hören, dann hat man sich da einfach eine ausgesucht, nach dem Cover oder so.
Heute hast du da ja hunderte von Bands und in den verschiedensten Sparten. Das wurde immer kommerzieller und wird immer
weiter kommerzieller und immer vereinfachter. Es verliert ein bisschen an Gehalt. Für uns ist das eher kontraproduktiv.
Sich dann zu behaupten, mit Anspruch oder das Ganze etwas komplizierter aufzufassen, ein bisschen zu differenzieren oder
auch mal Ausflüge zu wagen in neue Hörgewohnheiten, da ist das Publikum heute weniger dazu bereit, als es das schon mal
war.
Am Anfang ist da natürlich schon so eine Welle von der man ein bisschen davon profitiert, aber im Endeffekt war das für
uns nicht so gut. Auch weil Mittelalter jetzt etwas anderes bedeutet. Wenn du heute sagst 'Mittelalter', dann denkt halt
jeder an so einen Markt, einen Dudelsack, irgendwelche Gestalten in Lederklamotten und so, dann ist es auch wieder schwer
zu vermitteln, dass man eigentlich etwas ganz anderes macht.
HoR: Entschuldige bitte den etwas krassen Themenwechsel: Du hast mit Doro Peters zusammen Distant Mirror Records
gegründet,...
Michael: Das ist kein krasser Themenwechsel. Das gehört schon dazu.
HoR: Irgendwie wurde das Label so als Alternative zu den etablierten Labels angekündigt, aber seit eurer
"Signum"-Veröffentlichung hat man nichts mehr davon gehört.
Michael: Ja, das ist auch Pleite gegangen, das heißt Vielklang ist Pleite gegangen.
HoR: Ah ja, also war da eine wirtschaftliche Verknüpfung da.
Michael: Ja natürlich, das war ein Unterlabel von Vielklang. Damit hat unsere Zusammenarbeit auch geendet, weil
wir, man kann schon sagen betrogen worden sind. Nicht zuletzt auch das Label. Das war eine Insolvenz am Rande der
Legalität. Beispielsweise, für jemanden der sich auskennt. Eine Plattenfirma muss ja Gema-Gebühren abführen. Das haben die
einfach nicht gemacht, auch für die QNTAL nicht. Das heißt, dem Künstler geht dann praktisch die Gema verloren und das ist
dann natürlich schon am Rande der Kriminalität und illegales Verhalten. Ich will das jetzt aber nicht weiter
dramatisieren, aber wir hatten da schon Probleme mit einigen Leuten. Das betrifft übrigens die Doro nicht persönlich, die
war auch eher ein Opfer.
HoR: Schade, denn der alternative Ansatz von Distant Mirror war ja sehr interessant.
Michael: Sehr schade, aber da hat man wieder einmal gesehen, wie schwer es ist, ein anderes Geschäftsmodell
durchzusetzen. Da haben wir auch gar nichts davon erfahren. Normalerweise kriegst du ja irgendwann eine Ankündigung, aber
das lief alles unter der Hand. Ich nehme auch mal an, dass da etliche Gelder noch abgeflossen sind. Das Insolvenzverfahren
ist ja noch nicht abgeschlossen, aber wir sind um vieles betrogen worden.
HoR: Ich hatte das Gefühl, da sind zwei Leute aus der Szene mit viel Herzblut und Idealismus bei der Sache. Ich
hätte mir hinsichtlich der Veröffentlichungspolitik nicht vorstellen können, dass ihr den Markt mit 0815-Ware weiter
überschwemmt, sondern mehr auf Qualität setzt.
Michael: Ja, das wäre eine gute Sache gewesen. Es ist halt sehr, sehr schade. Es war auch so, dass die Doro dann
ihres Labels beraubt war, ihrer Geschäftsgrundlage, sie war ja auch in Vielklang drin, und hing damit auch in der Luft.
Wir konnten einfach nicht mehr weiter machen. Das ist auch für uns ein Problem, denn seitdem haben wir mit ESTAMPIE keine
Plattenfirma mehr.
HoR: Als ich das Interview vorbereitet habe sind mir so ein paar, ich nenn es mal Thesen zu ESTAMPIE durch den Kopf
geschossen. Die würde ich dir zum Abschluss einfach einmal gerne präsentieren, und vielleicht kannst du sie ja spontan
kommentieren.
Michael: Ja, klar.
HoR: ESTAMPIE verfolgen mit ihrer Musik einen akademisch-wissenschaftlichen Ansatz.
Michael: Nein.
HoR:Nicht?
Michael: Also akademisch-wissenschaftlich, das kommt jetzt darauf an. Das gehört als Grundlage einfach dazu, dass
man recherchiert und ein Wissen um das Ding hat, aber die Musik selber... würde ich nicht sagen.
Akademisch-wissenschaftlicher Ansatz würde für mich heißen, dass man die Musik aus einem gewissen Interesse macht. Das man
wissen will, wie Musik jetzt vor soundsoviel Jahren geklungen hat, und das ist jetzt überhaupt nicht unser Ansatz. Das ist
schon Musik, die uns berührt, auch aktuell berührt, aber auf der Grundlage eines Wissens um diese Zeit und all diese
Dinge.
HoR: Nächster Versuch: Ihr macht Musik um ihrer selbst Willen. Die Anerkennung in Form von kommerziellem Erfolg
spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.
Michael: Ja, wenn man das so sagen will... ein kommerzieller Erfolg berührt natürlich unsere Existenzgrundlage.
Eine gewisse Form von kommerziellem Erfolg braucht man schon um überhaupt die Musik machen zu können. Also, wenn ich
überhaupt keinen kommerziellen Erfolg habe, dann kann ich da auch nicht weiter machen, außer ich hab da einen reichen Papa
oder so was.
Ich würde aber immer unterscheiden zwischen kommerziell und Anerkennung des Publikums. Die Hauptsache ist, dass es
überhaupt gekauft wird, egal ob es das Publikum jetzt schätzt oder nicht. Also mir ist es schon wichtig, dass man beim
Publikum mehr in die Tiefe geht. Lieber weniger und dass man die richtig packt, als über die Masse zu gehen. Je mehr man
verkauft, um so mehr ist es auch Hype. Das sind dann auch diese Massen von CDs, die alle nach einem halben Jahr
weggeworfen werden.
Mir ist es lieber, wenn einer eine CD auch nach fünf Jahren noch hört, wie jemand der sofort in den Plattenladen rennt,
uns in die Charts verhilft und nach einem halben Jahr sagt: So ein Käse, den schmeiße ich jetzt weg.
HoR: Einen hab ich noch: Musik geht für euch über den Unterhaltungsaspekt hinaus.
Michael: Ja. Uneingeschränkt ja, natürlich. Unterhaltung ist bei Musik ein Aspekt unter mehreren, und wenn ich
Musik darauf beschränke, dann ist das zwar heute leider gang und gäbe. Musik wird hauptächlich als Spaßfaktor und
Zeitvertreib gesehen. Das ist es für mich überhaupt nicht. Das ist schon mehr. Musik vermittelt schon mehr: Tiefgehende
Gefühle, existenzielle Gefühle, und auch Einsichten in bestimmte Gemütszustände, bei unserer Musik auch Einsichten in
Gefühlszustände anderer Kulturen und Zeiten. Also das umfasst wesentlich mehr als nur Unterhaltungsbetrieb und es geht mir
ganz schön auf den Geist, wenn es immer darauf beschränkt wird.
Ich hab vor einem Jahr oder so mit einer Kollegin von dir gesprochen, die dann gesagt hat: Na ja, Mittelalter, das ist
doch nur Spaß. Ich hab ihr gesagt: Das ist leider überhaupt nicht nur Spaß. Spaß ist, was ihr daraus macht, aber das ist
es eben nicht nur.
Das heißt jetzt nicht, dass ich gegen Spaß bin. Im Gegenteil. Privat bin ich ein sehr spaßorientierter Mensch und ich hab
viel Spaß, aber das nur auf diesen Spaßfaktor zu beschränken, das ist für mich kein Spaß. Spaß um seiner selbst Willen ist
kein Spaß. Das hat etwas Psychopathisches. Ständig nach Lärm und irgendwas hinterherzulaufen, das hat etwas unlustiges
letztendlich. Mir kommt das auch so unlustig vor, diese Spaßgesellschaft, so erzwungen.
HoR: Da sind wir ja dann auch gleich bei den Ballermann-Fahrern.
Michael: Genau, und das hat für mich auch nichts mit Spaß zu tun. Das ist halt der Punkt und da bin ich einfach
anderer Meinung.
HoR: Zum Abschluss, obwohl ich mir die Antwort fast schon denken kann... München hat ja eine recht große Szene
mittelalterlicher Bands...
Michael: Inzwischen ja.
HoR: Du sagst: Inzwischen ja. Spontan fallen mir ein:
FAUN,
SCHANDMAUL,
HAGGARD... Gibt es da irgendeinen Austausch?
Bestehen Kontakte?
Michael: Ja, zu FAUN, ja. Zu SCHANDMAUL eher nur am Rande.
HoR: Die sind ja auch eher die Spaß-Fraktion.
Michael: Ja, und die sind auch vom Land, so ein bisschen vom Vorort (lacht). Ja, das ist halt auch schon eine
andere Generation und Mittelalter ist das gleich gar nicht.
HoR: Ja, eher eine ordentliche Party-Band.
Michael: Positiv ausgedrückt ja. Von den Texten ist das eher Schlager. Ohne das jetzt zu verurteilen, also ein
Anspruch ist da bestimmt nicht dahinter. Das ist eine andere Welt. Das heißt jetzt nicht, dass wenn man sich mal zufällig
über den Weg läuft, sich dann nicht auch kennen lernt.
Aber zu FAUN, da haben wir schon Kontakt. Die Lisa, die lernt ja bei der Sigrid Gesang, und der Oliver hat bei uns mal so
eine Art Praktikum gemacht, weil er für irgendeine Ausbildung einen Praktikumsschein brauchte. Den kenne ich also auch
schon eine ganze Zeit. Das ist ein netter Junge und was die machen finde ich auch okay.
HoR: Gut, dann sind wir jetzt wirklich am Ende. Vielen Dank für das Interview und alles Gute.
Besonderer Dank an Andreas Mack, der dieses Interview ermöglicht hat und Michael Popp für das spannende Gespräch und
das Bier.
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